Ursprünglich waren es mal nur 500 Exemplare, die es von dieser Veröffentlichung gab. Und das ist dabei auch bereits seine 15 Jahre her. Dabei wäre es schade gewesen, dieses Werk in seiner kleinen Auflage auf ewig in der Versenkung verschwinden zu lassen, ist es doch viel zu ausgereift, was Shinjuku Thief auf The Scribbler bieten: Ein neoklassisches Werk mit verstörenden Einsprengseln und ambienten Sphären, das vor allem durch sein Piano wirkt und dabei in weiten Teilen ohne Gesang auskommt. Konzeptual hat man sich dabei eine komplexe Angelegenheit vorgenommen: Der Prozeß von Franz Kafka steht im Mittelpunkt dieser wiederaufgelegten CD von Shinjuku Thief.

Zu Beginn von The Scribbler wird zunächst Spannung aufgebaut. Sythesizer-Flächen, geschlagene Trommeln und dazu immer wieder Streicher, die maßgeblich für die Dramaturgie sorgen. Außerdem hier und da ein verstörender Zwischenton. Die dramatische Kulisse schlägt allerdings bald in ein weniger beängstigendes Bild um, in der die Streicher für die innere Harmonie sorgen. Im folgenden Titel Stepping From Routine begegnet dann auch erstmals eine sehr süßliche Piano-Melodie, die im Laufe des Werks noch häufiger begegnen wird. Süßliche Elemente begegnen immer wieder, wechseln aber immer wieder mit den dramatischen Momenten voller Spannung und teilweise auch Verstörung. Mit dem erstmals begegnenden Piano zeigt sich auch, wer auf dieser Veröffentlichung noch vor den Streichern maßgeblich die Dramaturgie mitbestimmt.

Dramaturgie ist für diese Veröffentlichung sowieso das Stichwort. Wie auch ein Buch einer Dramaturgie folgt, tut es auch diese CD – eine logische Konsequenz aus dem Konzept des Albums. Kafkas Prozeß versucht man, in seiner Dramaturgie nachzuzeichnen. Unterstrichen wird der Versuch der Nachzeichnung dabei durch Samples aus einer Verfilmung von Der Prozeß, die sich gut in das neoklassische Gesamtbild einfügen. Insgesamt ist es eine sehr klassisch anmutende CD mit teilweise sehr langsam aufbauenden Spannungsbögen, die hin und wieder einen ambienten Touch hinzufügen, ohne dabei wirklich Ambient zu sein.

The Scribbler steht somit in einem musikalischen Spannungsfeld, dass zwar auf der einen Seite gut zu Cold Spring Records passt, auf der anderen Seite aber auch dort hinaussticht, da hier wirklich viele Aspekte vereint werden. Sicher ist es eindeutig eine Veröffentlichung für den (Neo-)Klassik-Freund. Wer gerne Gruppen wie In The Nursery hört, ist ebenfalls bei diesem Werk an einer guten Adresse, erinnert doch vor allem das Abschluss-Stück Vogelfrei sehr stark an die Briten. Wer sich gerne in ruhigeren elektronischen Klanggefilden aufhält, ist bei The Scribbler auch nicht verkehrt. Auf jeden Fall ist dieses Album eine sehr willkommene Wiederveröffentlichung, die angenehm auffällt und hoffentlich ihre verdiente Aufmerksamkeit bekommt.

Label-Homepage: www.coldspring.co.uk

Text: Marius Meyer