Interviews Marius, 03.02.2009
Im Gespräch mit Ofrin
Mit On Shore Remain erschien von Ofrin im vergangenen Jahr ein Album, das zwar in musikalischer Hinsicht schwer einzuordnen war, aber – wohl auch mit deswegen – dafür umso überschwänglichere Kritiken einfuhr. Und man muss sagen: Sehr berechtigt. Mit ihren jazzig anmutenden Klängen mit elektronischer Komponente ergänzt um einen ordentlichen Hauch Downbeat wussten sie gekonnt zu begeistern. Wir nahmen uns dies zum Anlass, um uns einmal mit Ofrin über ihre Musik, deren Entstehen, die Einflüsse und einige andere mit der Band in Verbindung stehende Themen auszutauschen. Das Ergebnis gibt es nun hier nachzulesen. Viel Spaß bei der Lektüre!
Ihr seid noch eine sehr junge Band, „On Shore Remain“ ist das zweite Album und häufig lauft Ihr unter der Bezeichnung „Geheimtipp“. Die Leser kennen Euch unter Umständen also noch nicht. Könntet Ihr Euch und die Band Ofrin ein wenig vorstellen?
Wir sind Ofri Brin (vocals) und Oded K.dar (keys & guitar), zwei Musiker aus Israel. Vor vier Jahren sind wir nach Berlin gezogen und haben sofort angefangen an unserem Debütalbum zu arbeiten – das Album kam im Dezember 2005 raus. Seitdem spielen wir relativ oft mit unsrer Band (Dirk Homuth (guit.), Sven Mühlbradt (bass), Susanne Ocklitz (k. & bacv), Daniel Schröteler (drums)) und entwickeln unsere Musik und Sounds.
In „On Shore Remain“ (erschienen am 24.10.08), unserem zweiten Album, haben wir mit Eddie Stevens (Moloko, Zero 7,Roisin Murphy) als Produzent gearbeitet. Mit ihm zusammen haben wir musikalisch neue Pfade betreten. Gewissermaßen hat sich aus unserer durch die Erfahrungen des Live-Spielens mit der Band entstandenen Musik und Eddies ganz eigenem „touch“ dieser individuelle Stil heraus entwickelt.
Euer Album vereint verschiedene Stile – wie würdet ihr Eure Musik ein Euren eigenen Worten beschreiben?
Es ist recht schwer, die Musik genau zu kategorisieren, wir sehen sie als ziemlich atmosphärisch minimalistisch und innovativ. Einerseits ist die Struktur an Oldies und klassische Popsongs angelehnt, auf der anderen Seite geht die Produktion in die entgegengesetzte Richtung. Daher haben wir uns auf den Namen „avant-pop“ geeinigt.
Seht Ihr Euch in irgendeiner musikalischen Tradition? Häufig wird beispielsweise in Eurer Musik die Anlehnung an jazzige Klänge betont.
Wir denken die Assoziation mit Jazz kommt daher, dass unsere Musik komplexer und teilweise vielleicht auch ernster als klassische Popmusik ist, aber wir selbst sehen sie weniger
als „jazzy“ an. Natürlich sprechen wir hier von allem, was nach unserem Debütalbum Rust & Velvet kam. Dieses besitzt in der Tat einen Jazzcharakter und wir lieben diese Platte. Aber sie entstand bevor wir überhaupt Konzerte mit einer kompletten Band hatten und alles was danach kam ist das Ergebnis der Erfahrungen unserer Liveauftritte.
Mit „On Shore Remain“ erschien vor kurzem Euer zweites Album. Wie waren die Reaktionen darauf bisher?
Tatsächlich durchweg richtig gut. Wir bekommen wirklich schöne Album Reviews, in denen oft Dinge stehen wie, dass der Stil der Platte, der teilweise ziemlich vielschichtig ist, wirklich einen ganz eigenen Charakter besitzt, die Musik aber dennoch recht eingängig ist. Am schönsten war es jedoch das direkte Feedback der Leute nach den Konzerten der Tour im Dezember zu sehen. Zum Glück hatten wir genügend Alben dabei.
Ein Debüt-Album hat immer den Vorteil, dass man all die Stücke nutzen kann, die im Grunde seit der Geburt entstanden sind. Aus welchem Zeitraum stammen die Stücke, die sich nun hingegen auf dem aktuellen Album finden lassen?
Wir schreiben und arbeiten fast die ganze Zeit an neuen Songs, ohne daran zu denken, ob die dann auf eine neue Platte kommen. Zwei Jahre nach der Veröffentlichung von „Rust&Velvet” hatten wir dann irgendwann an die 20 neue Stücke und daraus haben wir dann die Besten rausgesucht.. In dieser Phase schaut man natürlich schon darauf, dass alles zusammenpasst und ein in sich stimmiges Album entsteht. Auch jetzt haben wir schon wieder mehrere neue Stücke, die wir auch live spielen. Die ständige Arbeit an und mit neuem Material ist sehr wichtig für uns, wohl für jeden Künstler.
Wie würdet ihr allgemein den Entstehensprozess des Albums charakterisieren? Was hat das Album und seine Entstehung beeinflusst?
Nachdem „Rust & Velvet” beendet war, haben wir angefangen live zu spielen und da kamen dann schnell immer wieder neue Stücke hinzu. Nach einer Weile haben wir dann mit „I’m your girl” eine erste Radiosingle rausgebracht, kurze Zeit später die EP „Episode”, wo auch erstmals eine hebräisches Lied drauf ist. Es hat ungefähr eineinhalb Jahre gedauert bis wir auf unserer Suche nach einem passenden Produzenten Eddie Stevens gefunden haben. Eines Tages meinte KD einfach: „Hey, lass uns doch Eddie Stevens fragen?” Er weiß, wie sehr ich dessen Arbeit mit Moloko mochte aber zu dem Zeitpunkt konnte ich mir nicht vorstellen, dass er Ja sagen würde. Aber… Er hats getan.
Im Dezember 2007 haben wir dann in Berlin mit den Aufnahmen begonnen. Ab dem Moment war absolut klar, dass die Chemie perfekt stimmt. Wir haben alle viel gelernt, hatten Spaß und die Zeit war unheimlich inspirierend… Einfach nur großartig.
Was immer als erstes ins Blickfeld gerät: Der Album-Titel. Was sagt Ihr mit ihm aus und in welchem Zusammenhang steht er mit der auf dem Album enthaltenen Musik?
Der Titel des Albums stammt aus einem Zitat des anglo-italienischen Gelehrten John Florio: „Praise the Sea, On Shore Remain”. Für uns symbolisiert das die Ambivalenz aus starker Anziehung und gleichzeitiger Angst oder Respekt gegenüber etwas Großem, in diesem Falle dem Meer oder Wasser. Wasser als Metapher findet sich über das ganze Album hinweg wieder, z.B. in Tropfgeräuschen, leichten Verwirbelungen oder Unterwasserklängen.
Gibt es auf dem Album so etwas wie einen roten Faden, der sich durch die Stücke zieht?
Inhaltlich gibt es eigentlich keinen roten Faden. Jeder Song handelt von etwas anderem und bezieht sich auch auf verschiedene Ereignisse und Erfahrungen. Was sie alle gemeinsam haben ist Ofris künstlerischer Stil und Eddie eigener „touch”.
Ich würde gerne mal über ein paar ausgewählte Titel reden… Ein Song beispielsweise heißt „Sam“. Wer ist dieser Sam? Was ist an Sam so charakteristisch, dass Ihr über diesen einen Song schreibt?
Sam ist ein guter Freund von Ofri aus Israel und diese Freundschaft hat sie zum Schreiben des Songs inspiriert. Der Name Sam passte einfach gut als Reim.
Im Gegensatz zum an sich recht ruhigen Grundcharakter des Albums bietet „In The Water For Too Long“ so einige hektische Momente. Worum geht es in dem Stück, dass diese hektischen Momente als Ausdruck dienen?
Der Song bezieht sich auf Wasser als Sinnbild für tiefe Emotionen. Zu lange im Wasser sein beschreibt das Gefühl, das ich hatte, mich zu lange und intensiv mit einer emotionalen Angelegenheit zu befassen und ich hatte das Bedürfnis “raus” zu kommen und mal wieder ordentlich Luft holen zu können um Klarheit, etwas Distanz und damit eine neue Perspektive zu bekommen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht wieso es hektisch wirkt, aber es passt irgendwie, findest Du nicht?
Das stimmt… Ein anderes Stück heißt „Tango“ – welche Bedeutung hat dieser Tanz für Euch?
Tango war für mich der beste Tanzstil um „den Tanz, den wir mit dem Leben tanzen” zu beschreiben. Er ist so temperament- und kraftvoll, aber auch zärtlich, romantisch, tragisch, sexy und sanft. Er besitzt so viele Facetten in einem – eben wie das Leben.
Generell wird im Zusammenhang mit Eurem Album immer wieder der Name Portishead genannt. Wie steht Ihr zu diesem Vergleich?
Oh, wir fühlen uns geehrt über diesen Vergleich, aber insgesamt finden wir es schwer die Ähnlichkeit zu sehen (oder zu hören).
Würdet Ihr Portishead zu Euren Einflüssen zählen? Wen oder was würdet Ihr allgemein als Einflüsse nennen?
Nicht wirklich, wir hören viele Arten von Musik und sind sicherlich von allerlei Stilen oder und Künstlern beeinflusst. Wir mögen Björk, Fiona Apple, Martina Topley-Bird, um einige zu nennen. Natürlich bestehen immer Einflüsse aber eigentlich versuchen wir so gut es geht unseren ganz eigenen Stil zu kreieren.
Ganz allgemein betrachtet: Wie würdet Ihr den Entstehensprozess eines Ofrin-Stückes beschreiben? Woher kommen Ideen und Einflüsse, wie wird daraus ein fertiges Stück?
Ofri schreibt die Texte und wir komponieren zusammen. Es ist wie eine Art tiefes Eintauchen in eine Idee und dann konzentrieren wir uns an diesem Thema entlang zu arbeiten. Manchmal fängt alles auch umgekehrt an, einer Melodie im Kopf, einige Noten…
Ihr seid nicht nur musikalisch, sondern auch ansonsten ein Paar. Wie gestaltet sich die gemeinsame Arbeit, wenn man zusammen mit seinem Partner Musik macht? Gibt es da Reibereien?
Wie jedes Paar haben auch wir manchmal unsere Verschiedenheiten, aber im Laufe der Zeit haben wir ganz gut gelernt Arbeit und Privates in Bezug auf den jeweiligen Umgang miteinander zu trennen.
Ihr stammt aus Israel, wohnt aber in Berlin. Welche Bedeutung hat die Stadt Berlin für Euch?
Berlin ist unser zweites Zuhause. Wir leben hier jetzt seit vier Jahren und momentan ist es der richtige Ort für uns. Wir lieben diese Stadt denn sie gibt uns ein Gefühl von Freiheit, was kreatives Wirken aber auch das Leben hier allgemein angeht.
Nach dem Album-Release folgte nun auch die Tour. Wie waren die Reaktionen auf Eure Tour? Wie habt Ihr die Tour empfunden?
Die Tour war großartig für uns. Wir hatten viel Spaß und bekamen solch nette Reaktionen vom Publikum. Es hat sich angefühlt als ob wir in jeder Stadt umarmt wurden.
Nach Album und Tour: Wie wird es mit Ofrin weitergehen? Gibt es schon Pläne für die nahe und ferne Zukunft der Band?
Spielen, spielen, spielen. Wir arbeiten gerade wieder an neuen Songs und an der Live-Show. Das ständige Arbeiten an unserer künstlerischen Entwicklung ist extrem wichtig für uns und wir würden gerne so viele Menschen wie möglich mit unserer Musik erreichen.
Der klassische Abschluss: Gibt es noch irgendetwas nicht Gefragtes, das ihr noch ergänzen oder loswerden möchtet?
Ja, zum Beispiel „Wann erscheint Eure nächste Albumsingle?“. Das wird der Song „Sam“ sein und der wird im Frühjahr dann hoffentlich deutschlandweit im Radio zu hören sein.
Danke für das Interview!
Weitere Artikel
Rezension: Ofrin – On Shore Remain
News: Pre-Listening und Tourdaten
Homepage: www.ofrin.com
MySpace: www.myspace.com/ofrin

Text: Marius Meyer
Bilder: PR (1, 3, 4, 5), Lisa Zappe (2)