Interviews Marius, 12.02.2009
Im Gespräch mit Phillip Boa
Öfter mal was Neues. So könnte die Devise bei Phillip Boa lauten. Diese Woche erscheint mit Diamonds Fall sein neues Album. Auf einem neuen Label, mit Jaki Liebezeit als neuem Studio-Drummer und auch mit einem neuen Sound. All das ist natürlich Grund genug, sich etwa anderthalb Jahre nach dem letzten Gespräch erneut mit ihm zu unterhalten und dabei über das Album und die damit verbundenen Änderungen zu sprechen, aber auch über Studiokatzen, innerliche Zerrissenheiten einer Nonne, Flucht im Fiat und so einige andere Themen. Viel Spaß beim Lesen dieses interessanten und aufschlussreichen Interviews!
Zuletzt haben wir uns im Juli 2007 unterhalten… Was ist seitdem so alles passiert?
(lacht) Das Entscheidende ist: Ich bin ja nur einer von Milliarden. Das heißt eigentlich: Die Welt hat sich verändert. Die Welt hat sich extrem verändert. Und in der deutschen Musikszene ist auch nicht soviel passiert, das mich zwingen könnte, aufzuhören. Nicht soviel besseres. Auf jeden Fall: Die Welt hat sich extrem verändert. Überleg mal: Der Gaza-Krieg, die Finanzkrise, solche Dinge. Obama, Bush weg… Das sind Signale, die die Welt verändern und auch mich und meine Arbeit und auch meine Einflüsse und Songs. Das ist das Entscheidende.
Wie würdest du sagen, beeinflusst das deine Arbeit?
Auf jeden Fall im Unterbewusstsein. Ich versuch, die aktuellen politischen Signale und auch die Ideale, die damit zusammenhängen oder die damit zerstört werden, aufzunehmen. Bewusst und unbewusst. Lieber unbewusst. Das heißt, wenn ich meine Zeitungen lese oder wenn ich ins Kino gehe, wenn ich meine Bücher lese und die Nachrichten schaue und mit Menschen spreche, Menschen beobachte (auch nicht nur in Deutschland), dann fließt das in meine Arbeit ein. Die meisten Texte kommen letztlich aus dem Unterbewusstsein. Ich kann bei vielen Texten, auch gerade bei dem Album, auf Anhieb die Texte nicht erklären. Jetzt so langsam wird’s mir klar. Das ist erstmal die oberflächliche Ebene, die ist sehr romantisch, aber die da drunter ist mehr zynisch, beobachtend und gesellschaftskritisch und kommt meistens aus dem Unterbewusstsein. Das heißt, die Signale die ich auffange, die fließen direkt in die Songs ein, in die Atmosphäre. Das ist im Prinzip ein Gegenpol. Das Album ist warm, sehnsüchtig, romantisch, es ist unter der Oberfläche auch wie gesagt zynisch. Es ist nie bitter. Es ist anklagend, es ruft zum Misstrauen auf, und so weiter. So fließt es in meine Arbeit ein. Ich kann mich ja davon gar nicht losmachen. Ich versuch, nicht stehen zu bleiben und versuche, alles aufzusaugen.
Neben den Änderungen gab es ja auch rein – sagen wir mal – ökonomische Änderungen. Du hast jetzt zum Beispiel erneut das Label gewechselt. Wie kam es dazu?
Ich will Mark Smith von The Fall noch einholen, der hatte glaub ich 22 verschiedene Labels. (lacht) Label-Hopping Mann, das ist cool! Nein, keine Ahnung. Ich denk da nicht drüber nach, das kommt einfach so. Das kommt immer, ohne dass ich irgendwas machen muss.
Mehr musikalisch betrachtet ist jetzt – zumindest im Studio – Jaki Liebezeit an den Drums. Wie konntest du ihn dafür gewinnen?
Das war ein alter Jugendtraum von mir. Ich erinnerte mich immer wieder an dieses Doppel-Album, so ein Umklappalbum namens „Landed“, das ich schon vor Punk hatte. Wer auch immer mir das gegeben hatte. Das war halt alles andere als zu der Zeit lief, kurz vor Punk. Aber man hat halt irgendwas gehört. Can war da sehr herausragend, weil es anders war. Seitdem hatte der NME immer so oft geschrieben, Jaki Liebezeit sei der beste, der einflussreichste, eigenwilligste Drummer in der Rock-Pop-Blablabla-Musik. Und ja, ich wollt halt immer mit ihm arbeiten. Jetzt hab ich es gemacht. Das war die ganze Geschichte. Ich wollt die Sache immer machen. Und ich wusste, dass er das Album beeinflussen will und auch ändern würde im Vergleich zu den letzten Alben.
Und wie würdest du diesen Einfluss benennen?
Er spielt halt anders als die typischen Rock- oder Indie-Alternative-Elektro-Blablabla-Drummer. Er spielt einfach anders. Er sieht das aus einer anderen Perspektive. Er hat immer seinen eigenen Stil gehabt. Ich dachte am Anfang, es würde mehr Avantgarde. Aber im Gegenteil. Er kannte auch meine Musik und er hat sich in die Musik reinversetzt, in die neue, und hat halt extrem für die Songs gespielt. Bei der Single zum Beispiel: Er spielt gar nicht außergewöhnlich. Das hätte vielleicht jeder spielen können. Aber er hat es gespielt. Und jeder andere Drummer hätte es eben nicht so gespielt, sondern er hätte es viel dichter gespielt oder so. Dann hätte der Song vielleicht drunter gelitten. So atmet der Song plötzlich und kann dadurch viel mehr entwickeln an den wichtigen Sachen, wie zum Beispiel diese Melancholie und die Romantik an dem Song. Diese Soundtrack- und Filmmusik-Atmosphäre.
Wenn du es jetzt mit dem Vorgänger-Album vergleichen müsstest: Wie würdest du die Unterschiede bezeichnen?
Es ist erstmal sehr stark durch die Drums beeinflusst und geändert. Nicht bei jedem Lied, aber schon bei vielen Songs. Und durch die Zusammenarbeit mit Tobias Siebert, weil Tobi und ich uns jetzt gegenseitig Vertrauen entgegengebracht haben und ich Tobi im Vorfeld sehr sehr lange erklärt habe, was ich will. Und auch mein Songwriting hat sich verändert oder weiterentwickelt, aber dazu brauchte ich auch jemanden wie Tobi und Jaki. Sonst wäre das nicht möglich gewesen. Also Leute, die meine Ideen, die ich im Kopf hab, dann letztlich unterstützen. Und das hat Jaki gemacht. Er ist zum Beispiel immer hin gegangen und hat gesagt: „Westliche Musik ist tot, das kannste alles vergessen. Und ich hasse Bass. Aber diese Songs sind logisch, sogar der Bass ist gut und ich spiel da jetzt was drauf, was dem Song gut tut.“ Das war unglaublich groß, wenn man das so überlegt, wer er eigentlich ist. Sich da so ganz bewusst dem Song – nicht mir, um Gottes Willen – unterzuwerfen, das ist schon groß, find ich.
Ich hatte den Eindruck, dass die Gitarren viel weniger verzerrt wären als sonst. War das so intendiert oder kam das einfach so? Oder hab ich da einen ganz falschen Eindruck jetzt?
Es ist ein bisschen weniger gitarrenlastig als die Vorgänger. Das hat sich einfach so entwickelt. Ich wollte halt ein bisschen mehr Richtung Filmmusik, aber natürlich auch nicht so typische, abgelutschte Filmmusik. Stell Dir so alte Michael Caine-Filme aus den Siebzigern vor, die diese Musik haben. Oder Isaac Hayes’ „Shaft“. Diese Atmosphäre. So romantisch, auch verzerrt, aber so ganz anders verzerrt. So eine Atmosphäre. Da haben verzerrte Indie-Gitarren einfach keinen Sinn gemacht. Außerdem hab ich die in den letzten Jahren genug gespielt. Ich wollte einfach mal ein bisschen was anderes machen. Wobei das einigen Leuten vielleicht gar nicht aufgefallen ist, dass ich was anderes gemacht hab. Das hört jeder anders.
Ich würde jetzt gerne über ein paar ausgewählte Songs reden. Als Vorab-Single wurde „Lord Have Mercy With The 1-Eyed“ ausgewählt. Warum fiel darauf die Wahl?
Ja, gute Frage… Ich hatte ein paar Fans und dem Radio-Promoter sechs oder sieben Möglichkeiten gegeben, also im Studio vorgespielt, und hab die das aussuchen lassen. Da fiel die Wahl auf diesen Song. Ich hätte „Valerian“ genommen, aber ich wollte das nicht entscheiden, weil ich zu nah an den Songs bin – da fehlt mir die Distanz. Die haben das entschieden und das sind Fans, sogar der Radio-Promoter ist ein Fan. Ja, das ist eigentlich alles. Funktionierte eigentlich ganz gut bis jetzt.
Und wen willst du mit diesen Einäugigen bezeichnen?
Das Bild, das mir am Anfang erschien, entstand durch den Anblick einer Katze, die wir im Studio in Malta aufgenommen haben, weil diese Katze nur ein Auge hatte. Der Song hieß erst „Minnie, The 1-Eyed Cat“. Diese Katze hat nur ein Auge, weil sie von anderen Katzen als Baby immer angegriffen wurde. Und man kann diese Katze – sie ist jetzt unsere Studiokatze – nicht rauslassen ohne Begleitung, obwohl sie immer raus will, weil sie sofort von anderen Katzen angegriffen würde, weil sie nur einäugig sehen kann. Das ist für eine Katze glaub ich noch entscheidender als bei Menschen. Und irgendwann ging mir das Licht auf, dass das eigentlich eine verdammt gute Beschreibung für die Menschheit ist, für die Masse, für das, was wir uns da selber als Monster erschaffen haben, für die immer komplexer werdende Welt, wo die Menschen eigentlich immer weniger zu entscheiden haben. Das ist ein gutes Bild dafür. Das ist schon wieder die philosophische oder politische Ebene, die man da reininterpretieren kann. Muss man aber nicht, man kann es aber auch als Song oder als Love-Song sehen, wenn man will. Man muss sich nicht auf die Ebene begeben, dass man das ein bisschen politisch oder gesellschaftskritisch sieht.
Außerdem ist mir „Jane Wyman“ aufgefallen. Was fasziniert dich an der Person und warum wurde ihr ein Song gewidmet?
Ich kenn die Schauspielerin gar nicht. Das ist so typisch Boa-Song. Die Idee kam mir, weil ich ein altes Buch gefunden hab, weil ich manchmal Second-Hand-Bücher aus einer Bibliothek lese. Das war eins aus den Fünfzigern. Die Person, die irgendwann mal das Buch verkauft hat, bevor es in meine Hände geraten ist, hat das Buch voll mit Notizen geschrieben, da waren Kaugummi-Bilder drin und sogar ein Foto von ihrer Nonnenschule. Das war eine Nonne und die muss so 16 bis 18 gewesen sein, in Malta oder England – das konnte man nicht so genau sehen. Das war ihr ganzes Leben. Die ganze romantische Zerrissenheit. Sie war kurz davor, diese Nonnenschule abzubrechen, weil sie mit jemand anderem, einem Mann, geschlafen hatte und total in diesen Konflikt kam. Diese ganzen Gedichte und Kaugummi-Bilder von Jane Wyman, das war wohl ihre Heldin oder ihre Flucht. Diese ganze Geschichte. Und dass ich, wenn ich gewollt hätte, diese Person hätte finden können. Das ist Jane Wyman.
Ein weiterer Song war „Fiat Topolino“. Einfach, weil es einem Auto ein Stück gewidmet wird. Worum geht’s da?
Ich weiß gar nicht, was genau heute „Fiat Topolino“ ist. Für mich symbolisiert das immer meine Tante, die in meiner Jugend da war, unglaublich in Ordnung, und mir immer dieses Bild gezeigt hat von ihrem offenen Fiat Topolino Cabriolet. Das Bild ist nie aus meinem Kopf gegangen und irgendwann suchte ich eine Geschichte dafür. Irgendwann hab ich sie dann gefunden. Das ist surrealistisch, komplett erfunden. Dieser italienische Künstler, der irgendwann mit dem Gesetz in Konflikt kommt und dann mit einem Fiat Topolino vor der italienischen Presse und Polizei von San Remo aus nach Key Islands, Florida flüchtet, mit einem Fiat Topolino – was eigentlich gar nicht geht. Ist halt ein bisschen surrealistisch. Und das hat auch ein bisschen diese Gangster-Atmosphäre, mit der Wah-Wah-Gitarre und so weiter. Dann hörst du irgendwann eine Polizei-Sirene in dem Song. Das wars eigentlich.
Wenn man das Album jetzt noch einmal als Gesamtes sieht: Gibt es Ziele, die du mit dem Album verfolgst? Ich erinner mich, dass du letztes Mal schon gesagt hattest, dass du kommerziell keinerlei Erwartungshaltung hast. Sind da sonst irgendwelche Ziele mit verbunden?
Wenn ich so vom Publikum und auch von den Kritikern her total ignoriert werden würde, wäre es für mich ein Anlass, keine Alben zu machen. Das müsste schon ziemlich heftig kommen. Das erzähl ich auch schon ein paar Jahre, weil ich nicht mehr sage „ich hör auf“. Sondern ich höre auf, wenn… Wenn das eintritt. Und wenn das eintreten sollte, wäre es für mich der Grund. Okay, dann würde ich vielleicht noch ein bisschen live spielen. Dann würde ich keine neuen Alben machen. Soweit dazu. Das ist aber nicht mein Plan. Das wäre schon ein bisschen frustrierend.
Du hast das Publikum jetzt ja schon angesprochen. Am 25.02. geht ja die Tour zum Album los. Was kann der Besucher erwarten – auch dann, wenn er dich schon häufiger live spielen sehen hat?
Er kann die neuen Songs erwarten plus ein Best Of-Set. Alle Songs, die er gerne hören möchte, die bekannteren, die wird er auch hören. Die werden in Konkurrenz gesetzt mit den neuen Songs. Es soll einfach nur ein geiles Konzert sein. Die Leute sollen dahin kommen, sollen hinterher sagen: „Der ist ja immer noch gut.“ Oder am besten: „Der ist so gut wie noch nie.“ Das ist unser Ziel. Und sie sollen sich an dem Konzert abarbeiten, sie sollen verdammt viel Spaß haben und alle Songs mögen und hinterher aus dem Konzert gehen und sagen: „Wow, ja, jetzt bin ich glücklich. Jetzt fühl ich mich gut. Das war gut, es hat sich gelohnt.“ Wenn ich das erreiche, dann bin ich auch glücklich.
Die Tour beginnt in der Leipziger Moritzbastei. So wie ich das gesehen hab, wurde das Konzert erst später zur Tour ergänzt. Ist das eine Reaktion auf die Geschichte mit dem Ticketverkäufer bei den Weihnachtskonzerten?
Öh… Ticketverkäufer? Weihnachtskonzerte?
…oder ging die Entwicklung da ganz an dir vorbei? Ich meine den Schweizer Ticketverkäufer, der ein Riesenkontingent an Karten gekauft hatte…
…ach so ja, und die Fans haben ihn abgestraft ohne Ende. Haben ihn dann im Regen stehen lassen, wie man hier in Dortmund manchmal so sagt. Aber so genau hab ich das nicht mitbekommen. Wir brauchten einfach ein Warm-Up. Wir haben in Saarbrücken ewig nicht gespielt und sind alle etwas unsicher. Wir brauchen einfach einen Warm-Up-Gig. Das ist ganz wichtig. Und da es praktisch mehr oder weniger ein Heimspiel ist, ist es wichtig, solche Konzerte zu machen. Sonst haben wir immer so Städte wie Cottbus genommen, da funktioniert das auch gut.
Zum Schluss noch was ganz anderes: Ich hab gelesen, dass es die letzte Platte mit Pia sein soll. Wie kommt das?
Ja, Pia gibt ja keine Interviews… Ich weiß es nicht. Ich würde ihr das nicht so hundertprozentig glauben. Wenn sie nach der Platte nichts mehr machen will, dann hat sie eben Pech gehabt. Ich werd sie überreden, noch dabei zu bleiben. Mehr kann ich jetzt auch nicht. Ich würde das nicht 100% nehmen, wenn ich ehrlich bin.
Als letztes noch die Frage nach einem kurzen Ausblick. Die Pläne für Album und Tour stehen jetzt. Gibt es danach schon was, das man nennen könnte?
Ich will ein paar Special Shows mit Jaki als Gastdrummer machen. Das hat er mir schon zugesagt eigentlich. Mal gucken, wie sich das realisieren lässt und ob überhaupt. Mehr hab ich jetzt nicht vor. Dann vielleicht, wenn es irgendwie möglich ist, noch ein paar Songs zu schreiben, eben einfach weiterzuarbeiten. Ansonsten: Verreisen find ich geil, die ganzen Bücher lesen, die sich hier anhäufen, geile Musik hören, geile Filme sehen, Sopranos auf DVD gucken, solche Sachen. Ganz normal halt.
Das war es von mir mit Fragen. Vielen Dank! Bis zu den Konzerten, sag ich mal!
Bis bald, mach’s gut!
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Interview: Marius Meyer
Bilder: PR