Nachdem bereits 2007 ein sehr bewegtes Jahr für Oomph! war, wird nun mit dem neuen Album Monster auch im Jahre 2008 ein neuer Angriff unternommen, um die Hörerschaft ein weiteres Mal mitzureißen und für sich einzunehmen. Nach inzwischen 19 Jahren in Ur-Besetzung ist Monster das zehnte Studio-Album. Wir sprachen daher mit Frontmann Dero über das Album, dessen Bedeutung und über die damit zusammenhängenden Themen wie Schönheitsideale, Kinderpornographie, männlichen Gebärneid und viele weitere Themen. Viel Spaß beim Lesen!

Bei uns auf der Seite ging das letzte Oomph!-Interview im Februar 2007 online, daher würde ich als Einleitung gerne mal wissen, was seitdem bei Oomph! so passiert ist…

Wir waren natürlich die ganze Zeit im Studio und haben am zehnten Album Studio-Album „Monster“ gearbeitet, was dann am 22.08. rauskommt und haben uns zwischen den letzten beiden Alben zwei Jahre Zeit gelassen, was jetzt nicht heißt, dass wir gefaulenzt haben. Wir haben nach der letzten Tour zum vorherigen Album „GlaubeLiebeTod“ jeder mal so drei Monate Abstand genommen voneinander – das braucht man nach so einer Tour mal. In dieser Zeit hat sich jeder in sein eigenes Home-Studio zurückgezogen, dann haben wir auch schon gleich wieder neue Ideen gesammelt. Wir haben uns nach diesen drei bis vier Monaten dann auch wieder getroffen, die Ideen zusammengetragen und davon dann die besten ausproduziert. Die sind dann alle auf dem neuen Album gelandet. Also die Produktion von Komposition bis zum letzten Reglerzug der Produktion hat über ein Jahr gedauert, kann man sagen.

Du hast es ja gerade selber schon gesagt: Zehntes Studio-Album. Welche Bedeutung hat das für euch? Oder ist die 10 im Endeffekt dann doch nur eine Zahl?

Es ist eigentlich nur eine Zahl. Klar, man kann sie nicht ignorieren, aber für uns ist das nichts Besonderes. Es ist zwar schön und wir sind stolz, dass wir so lange zusammen geblieben sind, ganz klar, in der Urformation jetzt seit fast 19 Jahren. Ein zehntes Studio-Album rauszubringen ist auch eine ganz tolle Sache, aber es ist jetzt nicht mehr wert als eines der Vorgänger-Alben oder hat einen höheren Stellenwert. Ganz im Gegenteil: Wir wollen eigentlich immer das beste Album unserer Karriere machen und wollen uns immer weiter entwickeln. Dementsprechend hoffen wir auch, dass diese Weiterentwicklung, die wir auch menschlich durchleben wollen, zu hören ist. Wir haben auch den Anspruch an uns, menschlich zu lernen und nicht auf der Stelle zu treten. Wir hatten da nie Angst vor diesen Veränderungen. Wir wussten natürlich, dass das kommerziell nicht der sicherste Weg ist, weil es sicherlich einfacher und auch kommerziell vielleicht sicherer, wenn man sich selbst kopiert. Wenn man sagt: Das Album vorher war aus dem und dem Grund erfolgreich, lass uns das genau so machen und hier und da vielleicht einen Text und ein Riff zu verändern, das wird schon keiner merken, das ist einfacher. Vor allem stehen die Leute in vielen Szenen ja drauf, wenn sich Bands nicht verändern, was ich ehrlich gesagt kurios finde, weil die so genannten Szenen – sei es nun Heavy-Szene, Gothic-Szene oder Elektro-Szene – sich ja vor allem dadurch vom Mainstream, vom Establishment, von der breiten Masse abgrenzen möchte, weil sie anders sein möchte, weil sie sich anders gebärdet, anders anzieht, aber in ihrem Musikkonsum eigentlich sich durch relativ konservativ gibt. Also auch Angst vor Veränderungen zu haben scheint und dann doch lieber Bands hört, die sich über einen langen Zeitraum gar nicht verändern. Ich find das ehrlich gesagt künstlerisch relativ langweilig und auch menschlich ein Armutszeugnis, wenn du mich fragst. Denn: Wer verändert sich schon nicht? Wenn sich einer überhaupt nicht verändert, über zehn oder 15 Jahre, dann ist das ein Depp, meiner Meinung nach. Das will natürlich keiner sein. Wir haben uns ständig weiterentwickelt und hatten auch nie Angst davor, diese Entwicklung auf die Musik abstrahlen zu lassen. Wenn wir mal eine aggressivere Phase hatten, haben wir das genau so musikalisch reflektiert, wie wenn wir zwei Jahre später eine eher ruhigere, melancholischere Phase hatten. Da hatten wir nie Angst vor, wussten natürlich, dass es der kommerziell schwierigere Weg ist, dass auch viele Fans abspringen, die sagen, dass sie diese Entwicklung nicht nachvollziehen können, nicht mitgemacht haben und die Band so nicht mehr verstehen können. Aber der Großteil unserer Fans hat diese Entwicklung mitgemacht und war auch immer froh, dass wir immer wieder von Album zu Album zu überraschen wussten – im Gegensatz zu vielen anderen Bands, die sich halt immer nur wieder selber kopieren von Album zu Album.

Du hast es ja gerade gesagt: Die Gefahr des Selbstkopierens… Wo würdest du denn auf dem neuen Album Unterschiede und Neuerungen gegenüber dem Vorgänger sehen?

Zum Beispiel haben wir noch nie musikalisch einen Tango umgesetzt. Das ist jetzt das erste Mal. „In deinen Hüften“ heißt der Song. Wir haben uns da mal rangewagt. Wir fanden diese musikalische Kombination zu dem Thema AIDS und Neuansteckungsraten in der westlichen Welt eigentlich ganz passend, wenn man dazu den Balztanz Nummer eins nimmt, den Paarungstanz Nummer eins. Der Tango ist denk’ ich der sexuellste Tanz, den es gibt. Das zu verbinden fanden wir schon recht reizvoll im wahrsten Sinne des Wortes.
Auch haben wir noch nie einen reinen Blues musikalisch in den Oomph!-Kontext gebracht. Das haben wir zum Beispiel bei „Geborn zu sterben“ gemacht und das dann mit einem Obduktionsbericht unterlegt. Das gabs in der Form auch noch nicht bei Oomph! – überhaupt weiß ich nicht, ob es das jemals schon gab.
Dann sind wir natürlich auch hin und wieder mal zu unseren Wurzeln zurückgekehrt. Zum Beispiel bei „Revolution“ lassen wir schon Reminiszenzen an unser erstes Album, unser Debüt-Album anklingen, aber präsentieren das Ganze natürlich in einem aktuellen Gewand. Wir sind eine Band, die ihre Wurzeln nicht verleugnet, aber durchaus auch voller Stolz unsere neuen Triebe und neue Blätter an unserem Baum zeigen.

Bevor wir auf das Album näher eingehen, würde ich gerne mal allgemein fragen: Das Album heißt ja „Monster“ – was steckt hinter dem Titel?

Wie bei allen unseren vorherigen Titel auch, legen wir immer viel Wert darauf bei der Titelwahl, dass ein Titel prägnant, markig und plakativ ist, auf der anderen Seite aber auch vielseitig auslegbar ist und viele Dimensionen der Interpretation offen hält. „Monster“ reflektiert natürlich auf der einen Seite meine eigenen Monster, die ich mit mir rumtrage, meine eigenen seelischen Abgründe, meine eigenen Leichen im Keller, auf der anderen Seite gehe ich aber auch durchaus kritisch mit den ganzen gesellschaftlichen Monstern um. Seien es nun die Finanz- und Geldmärkte, die sich die Monster ja selber heraufstilisiert haben, oder den so genannten Boulevard-Medien um, die aus solchen Fällen wie Natascha Kampusch oder dem Fritzl-Fall von Amstetten auch Monster gemacht haben durch die Art und Weise ihrer Berichterstattung, der skandalträchtigen Ausschlachtung solcher Fälle, was aber auch durchaus zeigt, dass genug monströses Potenzial auch beim so genannten Otto-Normal-Verbraucher ist, der sonst nicht auffällt, aber dann doch mit solchen schrecklichen Dingen auffällt, die wir uns so meistens gar nicht vorstellen können. Also ich denke schon, dass dieser Titel sehr vielseitig auslegbar ist. Und natürlich wollten wir ein Monster-Album machen, um mal ganz zum Schluss auch noch zu sagen, dass dieser Titel nicht unbedingt nur negativ besetzt sein muss.

Als Vorab-Single habt ihr jetzt „Beim ersten Mal tut’s immer weh“ gewählt. Warum fiel die Wahl auf das Stück?

Ich denke, weil es ein Song ist, der nach vorne geht, der musikalisch auf die 12 haut und durchaus auch ein gewisses provokatives Potenzial durch die Kombination mit dem Video aufweist. Wir haben ja jetzt nach 14 Tagen, drei Wochen schon fast 150000 Klicks auf dem Song und ich denke, es ist nach wie vor legitim, als Band durch Provokation auf sich aufmerksam zu machen, es muss nur einen Grund geben, warum man provoziert. Provokation zum reinen Selbstzweck ist langweilig, das haben wir auch immer abgelehnt. Bei uns gibt es immer einen Grund, warum wir das tun. Und bei diesem Song ist es halt der Grund, dass wir es mal an der Zeit fanden, auch so eine Art Rachegelüste bei Missbrauch-Opfern zu befriedigen. In der Kunst sollte alles erlaubt sein und Kunst darf ruhig auch mal Rachegelüste fantasievoll befriedigen. Es ist ja nichts anderes als ein musikalischer kleiner Kurzfilm, also das heißt, irgendeine Fantasie wird umgesetzt. Ich finde das durchaus legitim, weil häufig – nur all zu häufig – werden irgendwelche Tätergelüste befriedigt, auch in Filmen und auch in der Berichterstattung über solche Fälle, aber wir wollten mal zeigen, wie sich das Blatt wendet und das Opfer auch mal zurückschlagen kann. Wir fanden, es war an der Zeit, das auch mal so krass zu zeigen.

Also meint ihr, dass das öffentliche Bewusstsein bei dem Thema – auch gerade im Hinblick aufs Internet – geschärft werden müsste?

Auf jeden Fall, definitiv. Da sind Tür und Tor geöffnet für Missbrauch jeglicher Form. Sei es nun das Versenden von kinderpornographischen Materialien oder Inhalten, oder halt auch das Treffen von älteren Herrschaften mit Kindern. Ich finde schon, dass man auf der einen Seite aufrütteln sollte und den Eltern auch mal zeigen sollte: „Guckt mal genau hin, so was könnte passieren.“ Aber in unserem Fall geht es ja in dem Sinne in Anführungsstrichen noch einmal „gut aus“, weil das Mädchen ja soviel Courage besitzt und seinen Peiniger auf recht drastische Art und Weise zur Raison ruft. Aber im Großen und Ganzen gehen solche Fälle häufig recht tragisch für das Opfer aus. Wenn wir da mit einem kontroversen Video zur Diskussion anregen, haben wir schon alles erreicht. Ich finde, das sollte Kunst sein. Es sollte verstören und zur Diskussion, zum Diskurs anregen. Wenn jemand sich ein Video anguckt und sagt: „Ja, so ist es halt. Ja, da hat er recht“ und keine Polarisation stattfindet, kein Potenzial zur Diskussion stattfindet, dann find ich das langweilig.

Du hast es ja selbst gerade schon gesagt: Das Video ist sehr drastisch ausgefallen. War das von euch aus schon so, dass es davon zwei Varianten oder gab es da eine Zensur von höherer Stelle?

Nein, also wir wollten schon so drastisch wie möglich agieren, es war aber von vornherein klar, dass man diese 18-Jahre-Version nicht einfach ungefiltert im Netz verbreiten darf. Wir kennen ja auch die Gesetzeslagen in Deutschland und kennen die FSK-Freigaben. Ich war lange genug selber Kinogänger oder bin es immer noch, bin DVD-Sammler und guck mir auch hin und wieder gerne mal Splatter-Filme oder halt auch selber mal den einen oder anderen blutrünstigen Film an und ich weiß schon, warum es da diese Freigaben gibt und das ist auch gut so. Dementsprechend war uns schon klar, dass wir für eine 16er-Version das Ganze pixeln müssen. Aber in unserem Labyrinth auf unserer Homepage, in diesem Spiel, kann man die 18er-Version dann auch ungepixelt.

Die gepixelte Version ist ja immer noch ziemlich deutlich. Meint ihr, dass es damit hohe Chancen im Musikfernsehen gibt oder liegt da sowieso durch YouTube und co. gar nicht mehr so der Fokus drauf?

Uns war auch klar, dass wir mit so einem Video nicht bei MTV und Viva anzuklopfen brauchen. Das war von vorneherein auch bewusst so gemacht und auch gewollt. Wir wussten auch, dass YouTube, Myvideo und Konsorten immer mehr an Macht gewinnen und dass man mit so einem etwas härter gewordenen Video auf Internetebene gut vorarbeiten kann und ausloten kann, inwiefern das Internet jetzt an Relevanz immer mehr gewinnt. Es hat gezeigt, dass das Internet einen ganz großen Stellenwert hat, weil bei den Kindern und auch bei den Älteren mittlerweile der Wille angelangt ist, sich Musikvideos reinzuziehen. Ich kann auf Portalen wie Myvideo oder YouTube mir meine Videos reinziehen, die ich mir selber zusammenstelle, genau wie ich sie möchte, in welcher Reihenfolge und wann ich sie möchte. Das ist halt der große Vorteil im Gegensatz zu den gängigen Musik-TV-Formaten. Aber nach wie vor gibt es die natürlich auch und mit dem Nachfolge-Video zu „Labyrinth“ versuchen wir dann auch wieder, ein Video rauszuhauen, das wir auch dort positionieren können. Ist ja logisch, wir sind da nicht so einseitig, dass wir jetzt sagen, wir wollen jetzt nur noch im Internet stattfinden. Das wäre auch dumm, wenn man das macht. Warum sollte man nicht alle Werkzeuge der Verbreitung seiner Musik in Anspruch nehmen? Ich bin ja da grundsätzlich auch der Meinung, wenn wir Musik machen, wollen wir auch möglichst viele Leute damit erreichen. Wenn wir das nicht wollen würden, könnten wir ja auch nur für uns in unserem Tonstudio Musik machen und bräuchten keine Tonträger mehr zu veröffentlichen. Ich bin da nicht so elitär, dass ich sage, meine Musik ist nur einer bestimmten Klientel vorbehalten. Um Gottes Willen, gar nicht. Es ist egal, wer das hört. Natürlich hat das auch politische Grenzen: Also wir machen zum Glück keine Musik, die von für meine Begriffe politisch fragwürdigen Leuten gehört wird – da ist dann meine Grenze. Aber im Großen und Ganzen ist mir sonst egal, ob das Otto-Normal-Verbraucher oder irgendein Szene-Anhänger ist, ob das ein Gothic, ein Metaller, Electro-Freak, Punk oder sonst wer ist. Das ist mir egal, wer meine Musik hört – hauptsache, sie berührt irgendwen!

Du hattest das Thema ja schon angesprochen mit dem Online-Labyrinth… Da würde ich gerne mal wissen: Wie kam es zu dieser Idee mit dem Online-Spiel und warum habt ihr das gemacht?

Es drängte sich irgendwann einfach auf, als der Song „Labyrinth“ fertig war und auch als Single-Kandidat feststand, dass wir gesagt haben, man könne aus der Idee Labyrinth auch ein tolles Spiel machen und auf unserer Seite dann präsentieren. Da haben wir uns dann zusammen mit unserer Plattenfirma hingesetzt und das ausgearbeitet und dann haben sich da ein paar fähige Leute hingesetzt und das gebastelt. Es findet großen Anklang und ich find das auch in dem Sinne toll, wenn man so vorarbeitet. Umso mehr ist die persönliche Bindung und Verbindung von dem Fan dann zum Produkt da. Ich find das eine tolle Sache, dass man eine Veröffentlichung so vorbereiten kann. Es unterstreicht auch noch einmal den Song sehr gut, textlich und thematisch. Das ist einfach eine runde Sache, ich find das sehr gelungen. Es bildet einen guten Brückenschlag zum Album „Monster“ mit seiner ganzen Aufmachung.

Ich würde dann auch gerne wieder etwas direkter zum Album kommen… Ein Titel, der mich sehr fasziniert hat, war „Wer schön sein will muss leiden“. Wie kam es da zu dieser Verbindung von Rotkäppchen und Schönheitsidealen?

Uns brannte es schon lange mal auf der Seele, uns da ironisch, sarkastisch, zynisch mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Wo man zurzeit hin zappt bei den so genannten Boulevard-Medien, ist es ja nach wie vor das Thema Nummer eins: Wer hat sich die Titten vergrößern lassen? In Hollywood ist das mittlerweile die Schönheitsoperation Nummer eins. Bei den Männern die Schwanzverlängerung. Ich find das irgendwie so paradox, weil die primären Geschlechtsorgane in der westlichen Welt immer weiter wachsen, aber die Fortpflanzungsraten analog dazu immer mehr sinken. Ich glaube, wenn die Natur uns sieht bei unseren kläglichen Versuchen, gegenseitig auf uns aufmerksam zu machen und doch nicht fortzupflanzen, die lacht sich einfach nur kaputt über die Menschen. Dementsprechend war es mal an der Zeit, da einen ironischen Song draus zu machen. Ein Enkelkind, das sich fragt, warum die Großmutter halt so große Lippen hat und so pralle Brüste, ich fand, das war eine ganz reizvolle Metapher, das dann noch mit dem Rotkäppchen-Märchen zu verbinden.

Diese Zeile „Wer schön sein will, muss viele Wunden haben“: Sind damit auch Schönheitsoperationen gemeint?

Naja, das ist natürlich wie immer doppeldeutig besetzt, dieser Satz. Natürlich, wenn man sich jemand hat liften lassen oder die Brüste vergrößern lassen hat, dann hat er natürlich erstmal viele Wunden am Körper. Aber man muss auch erstmal glaub ich viele seelische Wunden haben, um so weit zu kommen, dass man sich solchen Schönheitsoperationen aussetzt oder solche Schönheitsoperationen überhaupt anstrebt und dann auch durchführt. Das bedarf schon mal vieler Mankos bezogen auf die Persönlichkeitsstruktur. Ich denke, ein selbstbewusster Mensch steht zu seinen Makeln, was auch immer das ist. Ich finde diese Vorstellung sowieso absurd und auch pervertiert, dass irgendwann alle nur noch alle einheitsmäßig durch die moderne Schönheitschirurgie. Wo bleibt da der Individualismus? Wo bleibt da der Nonkonformismus? Wo bleibt da das eigene Leben, das sich im Gesicht widerspiegelt, wenn irgendwann nur noch die Leute aussehen wie ein gespannter Lampenschirm? Ich find, das ist eine grausige Vorstellung und hat auch was von Monstern. Wenn man sich so die Gesichter zum Beispiel in Amerika anguckt, wo das ja schon lange kein Tabu mehr ist, wenn man sich diese ganzen gelifteten Leute anguckt… Da gibt’s übrigens auch eine schöne Internetseite: uglypeople.com, da sind ganz viele geliftete oder von der Schönheitschirurgie deformierte Menschen. Das ist wirklich eine ganz monströse Seite, um noch mal auf den Titel des Albums zurückzukommen…

Zwei Titel weiter – also bei „Lass mich raus“ – geht ihr ja vom Jungsein noch einen Schritt weiter bis hin zur Geburt. Das ist eine wie ich finde eine interessante Perspektive, aus der Sicht vom Kind im Mutterleib. Worum geht’s in dem Song, was will er aussagen?

Natürlich liegt der Verdacht erstmal nahe, dass es sich um eine fleischliche Geburt handelt. Ist natürlich auch legitim, diese Interpretation, aber sie bewegt sich nur an der Oberfläche. Ich denke, dass das Bewusstsein die Mutter aller Gedanken ist, also auch ein neuer Gedanke, der so noch nicht im Kopf war, auch neu geboren werden kann. Natürlich reflektiert dieser Song auch eine Art Kopfgeburt, die immer wieder stattfindet, wenn ich Texte schreibe, wenn wir Musik machen, wenn wir ein Album rausbringen. Dann ist das schon auch eine Art „Gebärneid“, den wir als Männer kompensieren müssen gegenüber den Frauen. Unser Baby ist jetzt halt ein Monster geworden, aber wir lieben es trotzdem.

Okay… Du hattest vorhin ja auch schon den Titel „Revolution“ angesprochen… Du singst dort beispielsweise „Sing deine Lieder, scheiß’ auf den Ton“. Welche Bedeutung hat das Gegen-den-Strom-Schwimmen im beinah zwanzigsten Jahr eures Bestehens noch?

Das ist nach wie vor aktuell und – wie ich vorhin schon gesagt habe – wir schwimmen allein schon dadurch gegen den Strom, dass wir uns nach wie vor selber produzieren, nach wie vor selber alles mischen, dass wir immer noch selber Herr aller Bereiche sind, was unsere Musik anbelangt. Wir haben Einfluss auf jeden einzelnen kleinen Bereich unseres Albums – vom Coverdesign bis hin zum letzten Reglerzug des Mixings und das allein schon ist revolutionär. Ich kenne keine Band jetzt ad hoc, die diese Freiheiten noch genau so genießt wie wir auch. Natürlich sind wir in dem Sinne auch Gegen-den-Strom-Schwimmer durch unsere Produktionsweise, durch die Art und Weise, wie wir uns von Album zu Album immer wieder verändern und neu erfinden. Wie ich vorhin schon anklingen lassen habe, ist sicherlich der einfachere Weg, sich zu kopieren, sich zu wiederholen, aber da schwimmen wir auch gerne gegen den Strom und wollen uns selber und damit auch den Hörer gerne überraschen. Natürlich hat das Album auch eine politische Komponente – und da sind wir auch im Großen und Ganzen Leute, die gegen den Strom schwimmen, denn im Großen und Ganzen ist die Rock- und Pop- oder Elektro- und Hardcore-Szene relativ entpolitisiert worden in den letzten zehn Jahren und wir sind gerade wieder dabei, unsern Bereich für uns als Band wieder ein bisschen politischer zu besetzen. Ich denke, das ist ganz wichtig, wo ja die Schere zwischen reich und arm immer mehr auseinanderstrebt und die Kinderarmut in Deutschland auch immer mehr um sich greift, in einem der reichsten Industrieländer. Gleichzeitig haben wir die höchste Kinderarmut in der Europäischen Union, obwohl wir ja pro Kopf pro Kind zum Beispiel für Bildung am meisten Geld ausgeben. Ich frag mich, wo das Geld bleibt – wahrscheinlich werden damit irgendwelche Rentenlöcher gestopft. Das ist natürlich schon recht krass zu sehen, da sind wir nach wie vor eine Band, die ihren Mund aufmacht und Flagge zeigt. Ich denke, das muss man auch. Allein schon für diejenigen, die die Kraft dazu gar nicht haben.

Wenn man jetzt das Album als Gesamtes betrachtet: Habt ihr irgendwelche Ziele, sei es beim Hörer oder verkaufstechnisch? Ich mein, Platz eins in den Albumcharts steht ja zum Beispiel noch aus, wenn ich das so richtig gesehen habe…

Das größte Ziel ist immer, mit der Musik zu überraschen und vor allem zu berühren. Wenn unsere Musik in irgendeiner Form berührt, anspricht, die Musik Gefühle auslöst… Wir haben schon oft von Leuten gehört, dass unsere Musik das ausdrückt, was ihre Musik gar nicht ausdrücken kann. Das ist natürlich in super Kompliment. Wenn das nach wie vor so ist, dann bin ich zufrieden. Chart-Notierungen sind da natürlich das Sahnehäubchen, aber mit Sicherheit nicht das A und O. Wir haben so eine treue, breite Fan-Basis, die uns schon so lange die Treue hält, da macht der ein oder andere Charts-Platz keine Sorgen. Das ist auch oft von so vielen Glücksfaktoren abhängig, da mach ich mir keinen Kopf ehrlich gesagt.

Ende des Jahres werdet ihr ja wieder auf Tour gehen. Da würde ich jetzt gerne wissen: Was kann der Besucher der Tour erwarten und vor allem – es gibt ja viele, die euch schon live gesehen haben – warum wird die Tour auch für die interessant sein, die euch schon einmal live gesehen haben in der Vergangenheit?

Natürlich werden wir wieder viele neue Songs präsentieren vom Album „Monster“, aber es gibt auch eine ganze Bandbreite der besten Stücke der bisherigen Alben zu erwarten. Das ist natürlich schwierig, bei zehn Alben und – grob überschlagen – 150 Songs dann anderthalb Stunden zusammenzustellen, die jedem gerecht werden. Das kann man gar nicht schaffen. Wir wollen auch gar nicht jedem gerecht werden. Wir wollen hauptsächlich selber auf der Bühne Spaß haben und setzen uns zusammen, bauen aus unseren vielen Songs etwas, das uns selber Spaß macht. Denn nur, wenn wir auf der Bühne Spaß haben, kann sich diese Energie auch auf das Publikum übertragen. Wir wollen nach wie vor so authentisch wie möglich auf der Bühne sein und soviel Energie wie möglich durch uns selber abgeben. Wir wollen keinen abgehobenen Monolog auf der Bühne zelebrieren, sondern mit den Fans, mit jedem einzelnen, der gekommen ist, um uns zu sehen, etwas abfeiern. Etwas kreieren, was die Leute beim Nach-Hause-Weg immer noch so sehr berührt, das sie davon lange zehren. Das versuchen wir, mit so wenig wie möglich künstlichen Show- und Schockeffekten, die am Ende eh nur ablenken würden. Keine überbordende Las Vegas-Show, das würde nur von der Authentizität der einzelnen Musiker und der Originalität der Musik ablenken. Wir wollen gar nicht, dass die Leute nach dem Konzert nach Hause gehen und sagen „das war aber eine tolle Show“, sondern wir wollen, dass sie nach Hause gehen und sagen „das war tolle Musik, das waren tolle Typen auf der Bühne, die glaubwürdig rüberkamen“. Wir werden natürlich ein abgestimmtes Bühnenbild haben und außergewöhnliches, auf unsere Show abgestimmtes Licht, aber wir werden mit Sicherheit da nicht ins Guinness-Buch der Pyro-Rekorde kommen, dafür sind andere Bands zuständig (lacht).

Das war es von mir soweit an Fragen… Ich würde abschließend nur gerne wissen, ob Du über die nahe und ferne Zukunft von Oomph! schon ein paar Dinge sagen kannst.

Wir werden noch einige Festivals spielen im Sommer und dann die anschließende Deutschland-, Österreich und Schweiz-Tour absolvieren, die wir ja auch schon angesprochen hatten. Anfang nächsten Jahres ist das übrige Europa geplant. Dann kommt nach dem Album das zweite Video, zu „Labyrinth“, das eher surrealistisch und farbenfroh daherkommt, eher wie ein abgefahrener LSD-Trip. Wir haben da musikfilmtechnisch das Thema „Alice im Wunderland“ ein bisschen monströs umgesetzt. Unser Management hat dann noch anklingen lassen, dass Südamerika auch noch am Start sein soll, wahrscheinlich erst Mitte des Jahres, weil das wohl eher nicht möglich ist. Wir werden natürlich so viel wie möglich auf Tour wieder mitfilmen und hoffen, dass irgendwann auch eine zweite DVD rauskommen kann. Diesmal vielleicht mit mehr Fokus auf Backstage-Material. Die erste DVD war randvoll, aber war doch eher wenige Backstage-Material. Bei einer eventuellen zweiten DVD können wir dann eher den Blick auf die Szenen hinter den Kulissen werfen, ist ja sicher auch mal ganz interessant.

Das war es dann von mir, ich bedanke mich!

Ich bedanke mich ebenfalls!

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Homepage: www.oomph.de
MySpace: www.myspace.com/oomph

Interview: Marius Meyer
Bilder: Ralf Strathmann (1, 8), Sven Sindt (2, 6, 7), PR (3, 4, 5)