Interviews Marius, 25.01.2004
Interview mit Fiddler’s Green
Anlässlich der Veröffentlichung des Albums Nu Folk von Fiddler’s Green hatte ich am 22.01.2004 das große Vergnügen, die Jungs vor ihrem Auftritt im Tower Bremen zu interviewen. Zwischen Wodka, Pils und Catering zeigte die Band sich gut gelaunt und beantwortete – gelegentlich ohne das Essen vorher runtergeschluckt zu haben – die Interviewfragen, bevor es ein schönes Konzert zu sehen gab, das trotz der Tatsache, dass das 1000. Konzert immer näher kam, keineswegs wie eine Pflichtübung wirkte.
Als allererstes was zu Eurem Albumtitel… Ist das “Nu” im Albumtitel einfach nur, um Eure Musik zu bezeichnen oder eine Anspielung auf sämtliche Musikrichtungen, die so beginnen?
Wir saßen im Bandbus im Frühjahr und haben verzweifelt gerungen mit einem neuen Albumtitel. Irgend jemand hat dabei Musikzeitschriften durchgeblättert und sie wimmelten von NuMetal und Nu-allem möglichen und dann rief einer “Nu Folk”. Damit war der Titel geboren.
Natürlich nennen sich alle möglichen Spielarten der Musik jetzt “nu”, wir auch, aber bedeuten soll das eigentlich gar nichts.
Die musikalischen Anspielungen in Eurer Musik, sind die eher als Form von Bewunderung oder eher aus Spaß heraus? Ich denke da z.B. an den Cotton Eyed-Joe…
Nur weil Rednex das Lied mal mehr oder weniger gut bearbeitet hatten finden alle Leute das scheiße, wenn man dieses Lied covert. Dabei ist es ein sehr gutes Traditional und eigentlich auch kein kompletter Song. Ich weiß gar nicht, was alle Leute da mit diesem Song haben. Wir werden ständig drauf angesprochen. Der Song ist gut und wenn Rednex ihn gecovert haben und ihn dadurch alle Leute kennen, dann ist er trotzdem immer noch gut.
Ansonsten ist es halt so, dass viele Irish Folk-Stücke, also wenn wir Traditionals bearbeiten, nun mal ganz einfach harmonisch strukturiert sind und wir Teile brauchen, also neue Jigs oder Instrumentalteile, dann basteln wir halt irgendwas rein, was uns gerade so einfällt.
Wollt Ihr irgend etwas bestimmtes vermitteln mit Eurer Musik oder sind so Dinge wie Make No War eher Zufall?
Es ist kein Lied über den Krieg, sondern ein Lied über den Beziehungskrieg. Ansonsten dient unsere Musik ausschließlich der Unterhaltung.
Also gibt es den Gedanken Konzept-Album bei Euch gar nicht erst?
Wieso, dient ein Konzeptalbum nicht der Unterhaltung?
Nee, haben wir aber noch nicht drüber nachgedacht.
Wie würdet Ihr Euch musikalisch denn selber einordnen? Was haltet Ihr allgemein vom Schubladendenken?
Wir sind eine Irish Folk-Band im weitesten Sinne und bedienen uns aller möglicher Elemente, dabei bleibt es aber trotzdem eine Irish Folk-Band.
Ihr seid extrem viel auf Tour. Seht Ihr Euch eher als Live-Band und mögt das Touren?
Naja, wir leben halt von der Musik und mit CDs verkaufen ist ja nicht mehr soviel. Wir leben dementsprechend zu einem großen Teil vom Live spielen.
Das ist dann auch gleich das nächste Thema… Wie schätzt Ihr die Situation des Marktes derzeit ein?
Die CD als künstlerischer Gesamteindruck wird immer mehr verschwinden. Die Leute werden gezielt Lieder sich zusammenstellen. Das Album an sich hat nicht mehr den ideellen Wert. Wir sind natürlich auch von den rückgängigen Verkaufszahlen betroffen.
Mal wieder zum Thema Touren… Was waren da bisher Eure schlimmsten und interessantesten Erlebnisse?
Gute Frage… Marienberg? Naja, das ist nicht jugendfrei.
Ich bin alt genug…
Das hat damit nichts zu tun, das ist auch eine Frage des Geschmacks…
Also ganz übel war mal unser vorgesehener Auftritt bei einem Zeltfestival im Osten irgendwo. Es hat geregnet, wir kamen mit dem Bus kaum hin, zwei Musiker sind nachgekommen. Allerdings nicht rechtzeitig, denn wir hatten schon angefangen zu spielen. Das Backstage-Zelt war dann wegen des Regens zusammengebrochen, also das war alles ziemlich scheiße. Sonst ist auch mal die Bühne eingebrochen, das war im Nachhinein aber eher amüsant.
Wir haben aber auch mal unseren Backliner an einer Raststätte vergessen, das war sehr peinlich. Heute wäre das nicht mehr denkbar, wir haben jetzt nämlich den Andre, unseren Moraloffizier seit einigen Jahren, aber das ist eine andere Geschichte.
Und was macht Ihr unterwegs so im Tourbus, wenn Ihr unterwegs seid?
Wir haben sogar zwei Tourbusse. In einem ist die ganze Backline drin und im anderen sind die ganzen Musikanten. Die einen lesen, die anderen kaufen sich viele Illustrierte, die werden dann immer herumgereicht oder man muss sich erholen vom Tag vorher…
Was ganz anderes: Wie sieht es bei Euch mit dem Songwritingprozess aus?
70% einer CD von uns sind immer Eigenkompositionen, die bereite ich immer schon mal vor. Im Proberaum spielen wir das dann durch und ändern evtl. noch einmal das Arrangement, wenn nötig. Der Rest sind Traditionals, die arrangieren wir dann zusammen im Proberaum.
Wo kommen dann die Inspirationen dazu her?
Ganz unterschiedlich. Auf dem Klo, beim Duschen, usw. Manchmal ist die Musik als erstes da, manchmal aber auch so ein Text-Fragment. Shut up and dance zum Beispiel hatte als erstes den Titel, das ist aber selten.
In Eurer Diskographie fällt auf, dass die erste CD inzwischen ziemlich lange zurückliegt. Wie würdest Du die Karriere bisher so charakterisieren?
Also das erstaunliche ist, dass unser Erfolg eigentlich immer gleich blieb, wir haben immer gleich viel verkauft, wenn man mal davon absieht, dass es durch die CD-Brennerei jetzt weniger geworden ist. Von den Zuschauerzahlen ist es eigentlich immer relativ gleich. Zuviel zum Leben, zu wenig zum Sterben oder vielmehr andersrum.
Alles klar… Wie bewertest Du das, dass im Moment immer mehr Mittelalter- und auch in einer gewissen Weise Folk-Bands auftauchen? Eher billig oder eher berechtigt?
Das ist jetzt eine Frage, die ich gar nicht beantworten kann. Wenn es vielen Leuten gefällt… Es gibt ja viele Mittelaltermärkte und Feste und sonstwie, die sollen da ruhig hinschauen. Ist ja besser als Deutschland sucht den Superstar oder sowas – deutlich besser sogar. Ich bin jetzt aber nicht so der Mittelalter-Fan. Wir haben zwar auf unserer neuen CD sogar jetzt einen Dudelsack drauf, der musste da aber auch hin, weil es gut klingt. Ansonsten haben wir aber nicht vor, da irgendein Konzept von zu machen oder so, das machen gerade zu viele.
Wenn Ihr einen Fiddler’s Green-Award übergeben dürftet, wer würde den bekommen?
Es gibt in Russland eine Band, die heißt “Street Fiddler’s” und die spielen unsere CDs nach und sind ganz tapfer da die Vorreiter. Wir waren nämlich vor kurzem mal in Russland in Sibirien und haben die da kennengelernt und die haben das definitiv verdient. Da macht das bestimmt keiner und die machen da sozusagen mutig die Vorreiter. Als wir da hinkamen, kannten die Leute dann halt auch schon unsere Lieder.
Sehr praktisch. Wie kam das mit Russland allgemein zustande?
Das waren Connections über die Mafia, wir kennen da viele Leute von der Mafia.
Feine Sache. Das war es eigentlich auch schon. Gibt es irgend etwas, das Ihr noch unbedingt loswerden möchtet?
Kommt alle zu unserem 1000. Konzert am 24. Juli. Und: Shut up and dance!
Interview: Marius Meyer