Interviews Marius, 27.11.2007
Mit Frank Spilker im Hotel Seeblick – Ein Gespräch
Die Sterne machen Pause, Frank Spilker ist nun solo unterwegs. Soweit die Information, die in den vergangenen Wochen immer weiter die Runde machte. Um sich vor dem Albumrelease schon einmal eine Runde warm zu spielen, ging er mit seiner Frank Spilker Gruppe bereits auf eine kleine Clubtour mit sechs Daten, die am 17.11.2007 in Leipzig bei Ilses Erika endete. Zu diesem Anlass fand sich vor dem Konzert die Gelegenheit, im Hotel Seeblick ein Gespräch mit Frank Spilker zu führen, um ausgiebig über die Gruppe und ihre Hintergründe zu sprechen.
Marius: Ich würd gerne mal mit der Tour anfangen, weil es jetzt ja das letzte Konzert ist. Wie war es bisher?
Frank Spilker: Es ist das letzte Konzert von einer sehr kurzen Tour, in der es eigentlich nur darum ging, das Projekt an den Start zu bringen. Also aus unserer Perspektive – wir haben das ja vor einem halben Jahr schon geplant und haben sozusagen auf diese Tour schon hingearbeitet. Damit die Songs und alle schon fertig sind. Wir hatten jetzt fünf Konzerte und die waren sehr unterschiedlich. Drei sehr kleine Clubkonzerte, zwei größere – die Intro Intims in Köln und Berlin. Wir haben uns überall ganz gut bewährt fand ich. War auch interessant. Für mich war es ja auch spannend, weil ich jetzt so lange mit den Sternen Musik gemacht habe, so nach 15 Jahren überhaupt mal mit einer anderen Band zu spielen.
Wie kam dabei diese Reihenfolge, dass ihr erstmal auf Tour geht, bevor überhaupt irgendwas veröffentlicht ist?
Wir haben uns einfach angemaßt, dass es möglich ist. Ich find es schön, weil man noch so ein bisschen Liveluft schnuppert, bevor die Platte draußen ist. Es gibt den Leuten auch die Möglichkeit, mal zu gucken: „Was ist das überhaupt?“
Wenn man jetzt mal allgemein den Vermarktungsweg anschaut, ist es doch recht ungewöhnlich. Bei mir war es beispielsweise so, dass ich das erste Mal per MySpace von euch erfahren habe.
Es ist auch tatsächlich ungewöhnlich. Das ist eine Idee, die wir zusammen mit dem alten Label (V2records) entwickelt hatten. Die fanden diese MySpace-Geschichten recht wichtig. Da haben wir uns überlegt, einfach mal alle Freunde von Die Sterne auch Freunde der Frank Spilker Gruppe werden zu lassen. War auch dann noch ganz lustig zu sehen, wie viele dann Freunde werden wollten, obwohl es ja eigentlich noch gar nichts zu hören gab.
Wir hatten jetzt ja das Stichwort MySpace. Findest du, dass sich dadurch die Musiklandschaft in irgendeiner Weise geändert hat oder der Trend zu einer Veränderung da ist durch die ganzen Web 2.0-Geschichten?
Ich denke das ist eher allgemein, also MySpace nicht so speziell. Auch die ganzen anderen Möglichkeiten die man hat, last.fm und so, machen es einem unglaublich leicht, Musik kennen zu lernen. Das find ich sehr toll, auch Webradio und so. Ich hab nicht immer Bock, zum Beispiel über MySpace wirklich vorm Computer zu hängen und mich von Link zu Link zu klicken, aber es ist natürlich eine von vielen Möglichkeiten und auch eine sehr gute Möglichkeit, über diese sozialen Beziehungen etwas zu erfahren. Also „welche Band mag welche Band“ und so, da kann man vieles kennen lernen. Ich find das alles super praktisch.
Man hat beim Internet ja immer diese Klagen wegen illegaler Downloads uns so, wobei ihr es nun genau andersrum macht, indem ihr die Single einfach von vornherein legal zum Download stellt. Woher kommt das?
Da muss man sich nicht über illegale Downloads aufregen, wenn man einfach aus illegalen Downloads legale Downloads macht. Das ganze Problem ist ein Strukturproblem der Musikindustrie, da einfach keine Lösung gefunden wird. Ich bin der Meinung – und auch unser neues Label ist da mit uns in der Meinung – dass es das Beste ist, das Zeug gleich freizugeben und den Leuten die Möglichkeit zu geben, das als MP3 kennen zu lernen und die CD sozusagen freiwillig zu kaufen, anstatt mit Copyright oder so einem Scheiß dazu zu zwingen.
Seid ihr denn in der Vergangenheit von der Situation der Musikszene betroffen gewesen? Macht es sich bemerkbar bei euch?
Ja, das macht sich bei allen bemerkbar. Bei uns als Band nicht so, weil man ja nicht direkt entlassen wird von irgendwelchen Leuten, aber zum Beispiel ist vor kurzem unser Label aufgekauft worden mitten in der Produktion und es wurden alle Leute entlassen und die Bands gefeuert. Das hat damit zu tun, dass der Markt insgesamt schrumpft. Es wird natürlich schwieriger. Was man aber auf der anderen Seite auch spürt ist, dass bei den verbleibenden Gruppen nun stärker gekämpft wird. Es gibt sehr viele Live-Konzerte im Moment, es ist eine deutlich stärkere Konkurrenz auf dem Live-Markt. Jede Band ist halt drauf angewiesen, zu touren und auch viel zu touren, weil kaum noch Platten verkauft werden.
Ich las jetzt gerade vorgestern hier in der Leipziger Volkszeitung im Vorbericht zum Konzert, dass das letzte Album nicht so gut gelaufen wäre. Schiebt ihr das auf die Marktsituation?
Nein, das stimmt eigentlich gar nicht. Die Sterne-Alben laufen ziemlich gut und auch das letzte Album. Es ist halt keine besondere Nachricht mehr, wenn wir ein neues Album machen und das war so das. Im Verhältnis zur Qualität des Albums war das Erscheinen nicht mehr so überraschend. Es macht halt kaum Wirbel. Das hat eher was mit der Medienlandschaft zu tun, aber nichts mit diesem generellen Einbruch des Marktes. Da muss man immer noch seine eigenen Zahlen vergleichen mit denen der andern und dann sieht es bei uns ganz gut aus. Also ich red jetzt über die Sterne und nicht über FS.G. FS.G ist neu und Die Sterne haben ein gewisses Stammpublikum. Wenn eine gute Platte rauskommt, wird’s ein wenig mehr.
Also war das jetzt nicht so der Grund, dass nun die Frank Spilker Gruppe kommt?
Das ist halt so ein Mediending. Es ist schon ein Problem für die Leute, das überhaupt inhaltlich zu verkaufen. Es ist halt ein Sterne-Album. „Das wievielte ist das eigentlich?“ Das ist an sich eben keine große Neuigkeit mehr. Neuigkeiten muss man ja auch irgendwie schaffen. Das Solo-Projekt ist dann eben schon eher eine.
Die eine Sache hat dann eben dazugeführt, dass wir gesagt haben, wir können nun auch mal eine Pause machen und nicht gleich wieder eine Platte nachlegen. Dann ist es ja wieder nur so, dass es nicht mehr Beachtung findet. Und wenn man eine Pause macht, ist eben Zeit für andere Sachen.
Und wie würdest Du die Musik selber beschreiben? Also zum einen jetzt allgemein und zum anderen, wie du es von der Musik der Sterne abgrenzen würdest.
Ich muss das nicht von irgendwas abgrenzen. Die eine Sache ist, dass das Konzept ist, dass erstmal alles zugelassen und alles möglich ist. Dadurch grenzen sich die Stücke schon selber ab oder grenzen sich eben nicht ab. Das ist uns einfach nicht weiter wichtig. Aber wir haben bestimmte Grundsätze im Sound-Design, also dass wir keine Keyboards verwenden wollen, keine Flächensounds. Der Background-Gesang kann dann die Funktion erfüllen. Das ist alles etwas minimalistischer. Ganz ursprünglich hatten wir die Idee, so minimalistisch wie möglich zu sein, also teilweise eben auch nur Gitarre und Schlagzeug. Aber letztendlich ist jetzt doch fast überall ein Bass dabei.
Es ist ja nun so, dass bisher nur die beiden Stücke bekannt sind, die man im Internet finden kann. Worum geht’s in den Stücken, kannst du da ein bisschen was zu sagen?
Na wenn sie bekannt sind kannst du das doch auch.
Naja, also so wo sie herkommen und so…
Ich denke, man muss sich das anhören. Also es sind zwei wirklich recht willkürlich herausgegriffene Stücke, die aber so die Bandbreite ganz gut widerspiegeln. Das eine ist quasi eine Folknummer, die auch von den Sternen sein könnte und die B-Seite ist eine sehr funkige Soulnummer mit englischem Text, die man so vielleicht nicht erwartet.
Das ist auch so ein Punkt, wo ich gern anknüpfen wollte: Die englische Sprache. Wie kommt es, dass bei der Frank Spilker Gruppe auch auf Englisch gesungen wird?
Grundsätzlich ist es auch bei den Sternen nie ein Dogma gewesen, es hat sich nur zu einem entwickelt. Nochmal zu den beiden Stücken: Es gibt noch ein weiteres auf dem Album, das jeweils aus konkreten Gründen gekommen. Ganz abstrakt gesagt ist es aber auch so, dass ich Leute kenne, die nicht Deutsch sprechen, die mich schon seit Jahren fragen, ob ich nicht einen Song in Englisch machen möchte, damit sie auch mal verstehen, worum es geht bei uns.
Wenn man jetzt das kommende Album mal so als Gesamtes betrachtet: In welchem Zeitraum ist es entstanden? Sind es eher aktuelle Stücke, hat es sich über die Jahre gesammelt oder wie hat man sich das vorzustellen?
Es gibt ein Stück darauf, das sehr sehr alt ist, von 1987. Das ist in einer meiner Schülerbands entstanden beziehungsweise danach, in so einer Phase wo ich mit Freunden viel Musik gehört hab, die Musik entdeckt habe. Da haben wir ein Stück geschrieben, das nie aufgenommen wurde, das hab ich jetzt wiederentdeckt und fand es ganz klasse und deswegen ist es jetzt auf dem Album gelandet. Aber der Rest ist kaum ein Jahr alt. Ich hab im Grunde letztes Jahr im Herbst angefangen zu schreiben und Layout zu machen und jetzt im September haben wir es aufgenommen.
Worauf kann sich der Hörer da insgesamt einstellen? Wenn man mal von den beiden schon bekannten Stücken absieht…
Also es ist eine ziemliche Bandbreite. Es ist halt einerseits der typische Spilker-Sound find ich. Schon was, was man auch bei den Sternen findet. Dann haben wir so bestimmte aktuelle Sachen einfließen lassen mit elektronischen Elementen, daneben stehen Folkstücke. Auch neben ziemlich durchgedrehten Folkstücken, die auch von den Flaming Lips sein könnten oder von Beck, wegen der Produktionsfinesse. So in dem Bereich spielt sich das ab.
Habt ihr euch für das Album ein Ziel gesteckt, sei es nun in finanzieller, persönlicher oder anderer Hinsicht?
Das tolle ist erstmal, dass ich das eben gar nicht tun muss. Das ist erstmal so mein kleines Nebenprojekt, mal gucken was draus wird – so kann ich da ran gehen. Es gibt ja keine Fallhöhe. Man kann jetzt nicht enttäuscht werden: Es gibt kein Vorgängeralbum und keine Erwartungen, die erfüllt werden müssen. Das ist erst einmal eine sehr befreiende Situation für mich. Selbst wenn es so Demo-Tapes wären und alle würden sagen: „Ja, das ist ja ganz niedlich, aber irgendwie haut es mich auch nicht vom Hocker“ wäre das immer noch für mich okay.
Dennoch einmal zu den Sternen. Wie schon gesagt, macht die Gruppe ja kreative Pause. Machen die andern in der Zwischenzeit auch was an Projekten?
Christoph macht eine Band hier in Leipzig, die heißen L.A. Love, unser Bassist Thomas ist mit den Goldenen Zitronen beschäftigt und hilft in diversen Bands aus. Richard ist auch ja eigentlich noch ein Solo-Künstler und macht auch sehr viel Theater.
Gibt es denn trotzdem schon irgendwas, was man bei den Sternen derzeit sagen kann? Irgendwas, das in Arbeit wäre?
Nein, nicht wirklich. Also wir haben an Konzepten vor etwa einem halben Jahr und haben so überlegt, wo es ungefähr hingehen könnte und auch uns gesagt, wann es eben weiter gehen könnte. Das wäre jetzt direkt nach dieser Platte, aber das ist jetzt wirklich sehr früher, darüber zu reden. Ich kann nur sagen: Ich glaube, dass auch die Existenz dieser Gruppe jetzt – also FS.G – und die Platte auch einen Einfluss auf Die Sterne hat, also dass ich auf der anderen Seite auch ein wenig befreit bin davon, meine Solo-Ambitionen auch bei den Sternen einzubringen. Das wird dann noch einmal eine Spur demokratischer werden. Ich könnte mir vorstellen, weniger textbezogen und so weiter zu sein. Dass man mal ein Album macht, das anders klingt.
Jetzt ist ja vor ein paar Monaten die Single „Ein verregneter Sommer“ auf einmal wieder aufgetaucht. Wie kam das?
Da war so ein grauer Karton, der seit Jahren von Übungsraum zu Übungsraum geschleppt wurde, ohne dass mal jemand reingeguckt hat. Ich hab irgendwann beim Aufräumen gesehen, dass die Single da drin ist. Dass Singles da drin waren wusste ich, aber nicht dass die das war. Ich dachte, die wären komplett weg.
Für die Sammler: Was hatte die für eine Auflage gehabt?
Ich glaube 500. Also es sind auch nicht mehr viele da.
Dann ist ja gut, dass ich da noch zugeschlagen habe…
Ach, hast sie noch bekommen?
Ja, ich hab sie noch bei Hanseplatte bestellen können.
Auch mit kompletten Cover?
Ja.
Da hast ja noch einmal eine Rarität bekommen.
Genau, das war das Ziel. Um jetzt noch einmal den Bogen zur jetzigen Gruppe zu bekommen: Mit den Sternen hast du ja vor zwei Jahren die Initiative „I Can’t Relax In Deutschland“ mitgegründet und dich damit politisch positioniert. Fließt das auch in der Frank Spilker Gruppe mit ein?
Man muss da immer zwischen Engagement eines Menschen und einer Band trennen. Die Band ist ja auch öfter mal – weil man für was steht wie eine Lebenshaltung – gebeten, ihr Gesicht oder ihr Engagement zu etwas herzugeben, um ein Projekt zu unterstützen. Das ist natürlich eine Kollektiventscheidung. Ich würde es als Person und Mensch aber natürlich nie machen,
wenn ich es nicht auch gut fände und nicht dazustehen könnte. Aber man kann das nicht immer eins zu eins übertragen. Das Engagement von „I Can’t Relax In Deutschland“ ist prinzipiell immer noch das dieser Leute. Die Sterne haben eigentlich nur gesagt, dass wir das unterstützen und ein Stück dazu für den Sampler beigetragen. Grundsätzlich ist es so, dass wir zu jeder Schandtat bereit sind, wenn wir die Sache gut finden.
Was würdest du denn sagen, wurde durch die Initiative erreicht in den letzten zwei Jahren?
Das ist schwer zu messen. Erstmal ist es natürlich wichtig, dass Leute sich engagieren und ein bisschen detaillierter zum Ausdruck bringen, wo das Problem beim Rassismus liegt, wo das anfängt. Ich fand ehrlich gesagt in diesem Buch/CD-Package nicht so den geteilten Standpunkt. Es wird ja immer unterschiedlich gesehen. Wichtig ist, dass man an den Start kommt mit seinem Projekt und das Sachen diskutiert werden. Für mich ist bei dieser gesamten Rassismus-/Diskriminierungsgeschichte immer wichtig oder bewundernswert, wenn Leute überhaupt in einer latent rassistischen Umgebung den Mut aufbringen, sich dagegen zu wehren, zu sagen: „Ich mach da nicht mit und das hat folgende Gründe.“ Dazu gehört immer schon eine Menge Mut. Es ist immer leicht aus einer Szene heraus, wo man sich sicher fühlt, wenn man dann sagt: „Ich bin Antifa“ und sich einen schwarzen Pulli überzieht. Aber in einer Umgebung, wo das nicht so ist, der einzige zu sein und trotzdem zu sagen: „Hier, lass meinen Kumpel in Ruhe“, das ist schon sehr viel schwieriger und da zieh ich wesentlich mehr den Hut vor.
Das war es an dieser Stelle auch von mir mit Fragen. Vielen Dank für das Interview!
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Konzertbericht vom 17.11.2007 in Leipzig bei Ilses Erika

Homepage: www.frankspilker.de
MySpace: www.myspace.com/frankspilkergruppe
Interview: Marius Meyer
Bilder: PR (Ausnahme Bild unten: Marius Meyer)