Interviews Marius, 21.12.2007
Interview mit Julia Kent
Manchmal dauert es länger, bis man auf großartige Musiker stößt. So hat es im Falle von Julia Kent erst einmal einen Auftritt im Vorprogramm von Backworld gebraucht, um auf die Einzigartigkeit ihrer Klänge zu stoßen, die einzig und allein von ihr, ihrem Cello und ihren Gerätschaften produziert werden. Der Auftritt am 08.12.2007 in der Leipziger Schaubühne Lindenfels hatte dabei eine so begeisternde Wirkung, dass schnell die Idee eines Interviews zu ihrem Schaffen erwuchs. Da das aktuelle Album sich vornehmlich um Flughäfen dreht, waren diese natürlich ein Thema. Selbstverständlich gab es aber auch andere Gesprächsthemen.
Marius: Da viele unserer Leser Dich vielleicht noch nicht kennen: Könntest Du Dich ein wenig vorstellen?
Julia Kent: Ich bin in Kanada geboren, habe aber viele Jahre in New York gelebt. Ich habe Cello gespielt und Aufnahmen mit vielen Künstlern und Ensembles gemacht: Unter anderem mit Antony and The Johnsons, Angels of Light, Backworld, Ben Weaver, Larsen und Rasputina. In diesem Jahr habe ich ein Solo-Album mit dem Namen „Delay“ gemacht, das in Europa über Shayo Records und in Nordamerika über Important Records veröffentlicht wurde.
Wie kamst Du generell zur Musik?
Ich habe mit sechs Jahren oder so angefangen, das Cello zu studieren, bin zur Musikschule gegangen und habe dann angefangen, mit nicht-klassischen Ensembles und Rockbands zu spielen.
Du machst hauptsächlich im Dunstkreis von Gruppen wie Backworld, Current 93 und verwandten Acts Musik. Wie kamst Du vom Musikstudium dazu, mit Gruppen aus dieser Szene (die man mehr oder weniger zum Großbereich „Neofolk“ im weitesten Sinne zählt) zu spielen?
Ich fühle mich nicht wirklich als Teil irgendeiner Musikszene… Aber ich bin sehr dankbar, dass ich die Chance habe, mit Backworld und Current 93 zusammenzuarbeiten. David Tibet ist ein erstaunlicher Mann, der in meinen Augen das Konzept einer Szene übersteigt bzw. transzendiert.
Generell gesehen: Wen würdest Du als Einflüsse oder Vorbilder für Deine musikalische Arbeit nennen?
Als ich mein Album gemacht habe, war ich sehr inspiriert von Arthur Russels „World of Echo“, das ich für ein Meisterwerk im Offenlegen des Innersten halte. Außerdem war ich von einigen visuellen Artworks beeinflusst, vor allem von Mark Wallingers „Treshold to the Kingdom“ und den Flughafenfotos von Fischli und Weiss.
Dein aktuelles Album wird oft mit Brian Eno assoziiert. Wie ist es für Dich, mit Brian Eno verglichen zu werden? Und würdest Du selbst auch Brian Eno als einen Einfluss benennen?
Ich denke, die Assoziation ist vielleicht mehr eine konzeptuelle als eine musikalische, oder? Ich bewundere Brian Eno natürlich vollkommen, habe aber – um ehrlich zu sein – nicht sehr tiefgehend seine Musik gehört, bevor ich mein Album gemacht habe.
Gehen wir nun mal etwas genauer auf das Album ein… Zunächst eine Frage zum Titel: Warum heißt das Album „Delay“?
Es ist ein wenig ein Wortspiel, da es zum einen der primäre Effekt ist, den ich auf dem Album nutze und es zum anderen eine ganz schöne Weile gedauert hat, bis ich dazu gekommen bin, das Album zu machen.
Jeder Titel auf dem Album (mit Ausnahme des Intros und der Interludes) ist nach einem Flughafen benannt. Wie kamst Du auf die Idee, ein Album zu machen, das sich komplett um Flughäfen dreht?
Ich habe viel Zeit auf Flughäfen verbracht, während ich im vergangenen Jahr auf Tour war und wurde immer faszinierter von der Art, in der sie typische Räume und gleichermaßen psychisch intensiv sind. Ich glaube, wenn man reist und in diesem zerrissenen Zustand ist, kann man sehr verletzlich und offen für intensive emotionale Erfahrungen sein.
Wie hat man sich den Prozess vorzustellen: Vom Aufenthalt am Flughafen und dem Einfangen der dortigen Atmosphäre bis hin zum Transponieren des Ganzen in einen Song?
Einige der Emotionen, die ich in meinen Stücken zu übermitteln versuche, sind ziemlich vergänglich und manchmal sogar wunderlich. „Schiphol“, als Beispiel, wurde von der überaus schimpfenden Art der Ansagen am Flughafen inspiriert. Manchmal steht die Atmosphäre an einem Flughafen auch für eine komplexere emotionale Lage: „Arlanda“, das nach dem Flughafen in Stockholm benannt ist, kommt von einem verschneiten, nostalgischen und leicht traurigem Platz. Ich mag es auch, wie die Namen vom einigen Flughäfen sehr romantisch klingen, bis man realisiert, was es ist – so wie bei Fontanarossa und Malpensa.
Warst Du auf allen Flughäfen, zu denen Musik machst?
Ja, außer in Idlewild, wo der Flughafen nicht mehr existiert.
Wie ist es für Dich, mit einem Cello zu fliegen? Ich hab gelegentlich Geschichten von Musikern gehört, deren Gitarren während des Fluges kaputtgegangen sind und kann mir vorstellen, dass es mit einem Cello noch etwas gefährlicher ist. Was ist es für Dich für ein Gefühl, wenn das Cello inmitten des Flugzeugs ist (ich vermute mal, es ist kein Handgepäck)?
Oh, es ist schrecklich kompliziert, mit einem Cello zu fliegen. Vor allem heutzutage… Wenn ich es einchecke, geht es oft verloren (im Moment warte ich gerade darauf, dass es aus Moskau einfliegt – es wurde dort am Flughafen hinterlassen). Ob man nun einen Sitz dafür kauft oder es eincheckt: Es ist ziemlich teuer und stressig.
Ich habe mich gewundert, was wohl eine angemessene Bezeichnung für Deine Musik wäre. Ich habe oft so etwas wie „Cello Ambient“ gelesen, dachte mir aber, dass die Musik eigentlich viel zu klassisch klingt, um sie als „Ambient“ zu bezeichnen. Wie würdest Du selbst die Musik bezeichnen?
Ich neige dazu, es „Ambient” zu nennen, aber ich bin mir nicht sicher, ob das so die richtige Beschreibung ist. Ich bin für Vorschläge offen!
Nun einige allgemeinere Fragen zu Dir und Deiner Musik… Wie kann man sich den Prozess vorstellen, in dem ein Stück von Julia Kent entsteht?
Die Stücke tendieren dazu, sich in ihrem Entstehungsprozess zu entwickeln… Ich starte mit einer Phrase oder einer harmonischen Idee und baue dann darauf auf. Das endet oft darin, dass es in eine unerwartete Richtung geht.
Du hast schon mit einer Menge prominenter Musiker zusammengearbeitet. Gibt es Zusammenarbeiten, die Du als Highlights bezeichnen würdest oder Musiker, mit denen Du gerne noch einmal arbeiten würdest?
Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich die Chance habe, mit Antony zu spielen… Er ist ein erstaunlicher Künstler und das freundlichste und schönste menschliche Wesen, das ich kenne. Ich liebe alle Leute, mit denen ich zusammenarbeite… Und ich lerne von ihnen immer eine Menge.
Gibt es Musiker, mit denen Du noch nicht zusammengearbeitet hast, bei denen Du denkst, dass Du gerne mit ihnen zusammenarbeiten würdest?
Es gibt so viele Künstler, mit denen ich gerne einmal arbeiten würde. Und ich würde sehr gerne mal mit einigen visuellen Künstlern zusammenarbeiten…
Ich habe Dich in Leipzig spielen sehen und war ziemlich beeindruckt von der Art und Weise des Auftritts. Wie ist diese Live-Situation für Dich: Alleine auf der Bühne, nur mit dem Cello – ohne irgendwelche anderen Leute um Dich herum?
Ich genieße es sehr, komplett alleine zu spielen… Natürlich kann das manchmal ein wenig nervenaufreibend sein, aber nachdem ich soviel Zeit damit verbracht habe, mit anderen Leuten zu spielen, ist es großartig, selbstständig zu sein.
Im Dezember hast Du eine Menge Shows gespielt. Wie war die Tour für Dich? Gab es irgendwelche besonderen Höhepunkte und Tiefpunkte während der Tour?
Der Höhepunkt ist es immer, die Chance zu haben, den verschiedenen Zuhörern meine Musik zu präsentieren und zusätzlich verschiedene Städte zu besichtigen und verschiedene Leute zu treffen. Der Tiefpunkt ist der gelegentliche Stress des Reisens.
Hast Du viel von den Städten, in denen Du warst, gesehen oder hast Du nur die Konzerthallen gesehen? Und gab es irgendwelche Städte oder Erlebnisse, auf die Du Dich wirklich gern zurückblickst?
Während der vergangenen paar Monate habe ich unglücklicherweise nicht viel Zeit gehabt, die Städte zu sehen, in denen ich gespielt habe. Ich war wirklich durchdrungen von der Chance, in Gaudis erstaunlichem Gebäude, La Pedrera, in Barcelona zu spielen und auf einer wunderschönen Barke auf der Seine in Paris. Und die Schaubühne Lindenfels in Leipzig ist ein sehr atmosphärischer Veranstaltungsort. Zudem war es großartig, in Russland zu spielen, wenngleich ich sagen muss, dass die dortigen Zöllner nicht gerade sehr einladend zu einem sind.
Hast Du generell irgendwelche Ziele oder Erwartungen mit Deiner Musik? Und im Speziellen: Hattest Du mit „Delay“ irgendwelche Erwartungen und meinst Du, sie erreicht zu haben?
Ich habe ehrlich keine Erwartungen da. Ich bin immer glücklich, wenn Leute in positiver Weise auf meine Musik reagieren.
Nun eine gänzlich andere Frage: Ich habe gesehen, dass Du bisher keine Homepage hast. Wie kommt das? Oder denkst Du, dass eine MySpace-Seite mit Tourdaten, Hörproben und einer Selbstbeschreibung in Zeiten des so genannten „Web 2.0“ ausreichend ist?
Ich habe keine Website, weil ich keine Zeit hatte, einen Designer zu finden, dessen Sensibilität zu meiner Arbeit passt. MySpace war bisher toll… Ich mag es, dass man dort mit Leuten aus der ganzen Welt in Kontakt kommt. Natürlich ist da immer die Möglichkeit, dass einem die Seite gelöscht wird. Ich versuche wirklich, baldigst eine eigene Website ins Netz zu kriegen.
Eine weitere Frage, die mehr oder weniger das Internet betrifft: Ich habe versucht, einige andere Interviews mit Dir zu finden, habe da aber kaum welche entdeckt. Wie kommt es, dass es so wenige Interviews mit Dir gibt? Oder habe ich sie einfach nur nicht gefunden?
Es gibt ein paar Interviews online, aber ich habe wirklich nicht viel Presse zu diesem Album bekommen. Ich bin ziemlich schlecht in Sachen Promotion!
Wo wir uns nun dem Ende der Fragen näheren, würde ich gerne wissen, ob es bereits Pläne für die Zukunft von Julia Kent und ihrer Musik gibt. Gibt es Pläne, die man schon nennen könnte? Ist schon ein neues Album in Arbeit? Was kann der Hörer erwarten?
Ich habe viel Material und Ideen für das nächste Album gesammelt… Ich muss nun nur noch die Zeit finden, es aufzunehmen. Ich denke über ein Konzept von der „natürlichen“ Welt gegen die „menschen-gemachte“ Welt nach, wie sie interagieren. Und darüber, wie man es musikalisch transportieren kann.
Das waren dann auch alle meine Fragen. Die letzten Worte gehören Dir (wenn Du magst)! Gibt es noch etwas, das Du ergänzen oder loswerden möchtest?
Ich möchte einfach ein ganz großes Dankeschön für Dein Interesse und die scharfsinnigen Fragen sagen! Ich bin wirklich froh, die Chance zu haben, mich Euren Lesern darzustellen.
Vielen Dank für das Interview!

Links
Julia Kent bei MySpace: http://www.myspace.com/julia_kent
Shayo Records: www.shayo.ch
Interview: Marius Meyer
Bilder: PR (Cover), Olivier Naudin (Bilder im Text), Hilary Mchone (Bild unten)