Mit Essence and Infinity veröffentlichten Nick und Chris Nedzynski alias Lady Morphia in diesem Jahr ihr erstes neues Album nach sechs Jahren. Auf diesem Album beschäftigt sich die Formation durchweg mit dem Werk Oswald Spenglers, was allerdings weder als Kritik noch als Hommage stattfindet. Ziel war vielmehr, Elemente der Gedanken und Metaphorik Spenglers aufzunehmen und zu verarbeiten. Sowohl auf der CD als auch im Mailwechsel zeigte sich Nick Nedzynski als ein sehr interessanter Mensch, so dass ein Interview sehr nahe lag. Trotz seiner britischen Herkunft hat Nick dabei alle Fragen von sich aus auf Deutsch beantwortet. Dabei ist ein trotz leichter Überlänge wirklich interessantes Interview entstanden!

Marius: Am Anfang erstmal eine grundlegende Frage… Wer ist eigentlich Lady Morphia? Was steckt hinter diesem Namen?

Nick: Im Wesentlichen besteht Lady Morphia aus mir, Nick Nedzynski, samt meinem Bruder, Chris. Ich komponiere und arrangiere den Löwenanteil der Lieder, verfasse die Texte und singe. Überdies spiele ich verschiedene Instrumente wie beispielsweise elektrische und akustische Gitarren, Bass, Keyboards und Klavier. Chris stellt unter anderem sein Talent als Schlagzeuger und Perkussionist zur Verfügung, geschweige denn seine überwältigende Befähigung zum Tonmeister. Wenngleich wir beiden Brüder die festen Mitglieder der Gruppe bilden, gewinnen wir gelegentlich gekonnte Gastmusiker für unsere Produktionen. In diesem Zusammenhang wären Emily Woodall, die unser neues Album wie seinen Vorgänger mit ihrer Stimme beehrt hat, und Jon Mizzi, der uns insbesondere bei unseren seltenen Auftritten geholfen hat, zu nennen.
Der Name der Formation entstammt einer Gedichtzeile von dem britischen Dichter Robert Graves, der nach dem ersten Weltkrieg zu schreiben begann. In dem Poem, auf das unsere Titulierung sich bezieht, wird geschildert, wie verwundeten, im Lazarett liegenden Soldaten zur Linderung der Schmerzen Morphium verabreicht wurde. Der Poet erträgt jedoch lieber die schmerzliche Realität, als dem „Skorpionkuss und den dunklen, kreiselnden Träumen“ von der „Dame Morphia“ zu erliegen. Die Erlösung vom Leiden, die sie scheinbar verspricht, ist eine Lüge, und im Endeffekt ist es anzuraten, der grausamen, rauen Existenz ins Auge zu blicken und vor den Qualen standzuhalten, auch in aussichtsloser Lage. Sein Wille, und deshalb sein Geist, triumphiert über ihre List. Diese Idee fand ich höchstinteressant, ganz zu schweigen von lobenswert. Darüber hinaus beschwört die Wortkombination „Lady Morphia“ unterschiedlichste Bilder und lässt Raum für diverse Interpretationen. Sie deutet eine weibliche Seite an, die vielleicht nicht immer sofort merkbar ist, da der Kern der Band männlich ist. Des Weiteren versinnbildlichen die surrealen, gefühlsmäßigen Assoziationen des Namens unser Verlangen, hinter das Weltliche und Banale zu schauen. Dieses Bestreben liegt mir sehr am Herzen; es ist für mich sogar von lebensnotwendiger Wichtigkeit. Meiner Ansicht nach lassen sich all diese Bedeutungen genauso treffend auf Lady Morphia anwenden wie der Sinne, in dem Graves die Formulierung ursprünglich beabsichtigte, verstanden zu werden. Sicherlich besitzt der Name noch weitere Bedeutungsnuancen, die von dem Blickwinkel des Beobachters abhängen.

Welche Ziele verfolgt Ihr mit Lady Morphia allgemein? Was für eine Philosophie steckt hinter Eurem Schaffen?

In erster Linie verstehe ich Lady Morphia als das Forum, in dem ich meine persönlichen Obsessionen, Ideen und Gefühle sowie meine Weltanschauung künstlerisch zum Ausdruck bringen kann. Das Projekt wurde als Inbild meines Selbst ins Leben gerufen und so bleibt es bis heute. Daher ist es notwendig, mein Schaffen in seinem mir eigentümlichen Kontext zu betrachten. Nichtsdestoweniger würde man sich gewaltig irren, wenn man glaubte, dass es im Falle Lady Morphia bloß um Katharsis oder intellektuelle Selbstbefriedigung ginge. Ich bin immer mehr zu der Überzeugung gelangt, dass wir gewissen kulturellen oder gar spirituellen Antrieben dienen. Diese rücken offenkundig infolge meiner persönlichen Vorlieben in den Vordergrund, aber die Ansprüche, die sie an mich stellen, sind aller Voraussicht nach ebenso entscheidend wie diejenigen, die ich von ihnen verlange. Was genau für eine Philosophie hinter unserem Werke steckt, lässt sich nur schwer erklären, weil unsere Musik wenigstens zum Teil einem Diskurs mit dem Inneren entspricht, das Worte nicht erfassen können. Wie dem auch sei: Im Großen und Ganzen neige ich der Auffassung zu, dass wir den Versuch machen, den Hörer mit den metaphysischen Kräften, die das Leben regieren, erneut zu verbinden – obgleich lediglich für eine kurze Zeit. Manchmal äußert sich jenes Streben nach dem Erhabenen in dem Konflikt zwischen einem unvollkommenen Erdball und der Sehnsucht, das Zeitliche zu transzendieren. Dies soll nicht bedeuten, dass wir der Gegenwart entfliehen wollen. Stattdessen kombinieren wir die lohnenswerten Aspekte der Moderne mit dem positiven und edlen Erbe der Vergangenheit, damit alte, visionäre Vorstellungen in die Zukunft unter dem Banner der Synthese getragen werden können. Im Gegensatz zu einer Ablehnung der Wirklichkeit stellt unsere Tonkunst das idiosynkratische Bemühen dar, eine Realität zu verleiblichen, die zugleich tiefer wurzelt und höher wipfelt als jede andere: Die seelische Wirklichkeit ewiger Werte.

Wen würdet Ihr als Einflüsse für Eure Musik nennen? Ich persönlich war (wie auch in der Rezension geschrieben) gelegentlich an die jazzigen Momente bei Sol Invictus erinnert und auch an Death in June (vor allem bei „Turn To Silver“ – die Trompete erinnert mich an „Luther’s Army“), die ja vor allem bei Eurem Vorgängeralbum oft angeführt wurden. Sind diese Assoziationen Zufall oder sind diese Gruppen wirklich Einflüsse? Wen würdet Ihr daneben als Einflüsse benennen?

Death in June hatten einen beträchtlichen Einfluss auf unser Debütalbum, das lässt sich wohl kaum bestreiten, und auf der neuen Veröffentlichung ist dieser Klang vermutlich stellenweise noch zu vernehmen. Dem Lied „Ancestral Memories“ wohnt beispielshalber eine ähnliche Atmosphäre inne, und fernerhin bedient sich dieses Stück einer Instrumentation, die einigen bekannten DIJ-Songs mehr oder weniger gleicht. Trotzdem bin ich der Meinung, dass die Gemeinsamkeiten zwischen uns bei dem aktuellen Opus eher in den Hintergrund getreten sind, was nur zu erwarten war, denn mittlerweile haben wir uns weiterentwickelt und gesteigert. Kurz gesagt sind wir mit diesem jüngsten Erzeugnis mehr wir selbst geworden – und wir werden weiter auf unserem eigenen Pfad stampfen. Damit will ich die Rolle, die Death in June in unserer musikalischen Entfaltung gespielt haben, nicht verneinen –, so etwas würde zu Recht verdrießlich rüberkommen –, aber mich deucht, wir atmen allmählich einen Hauch von Inspiration von ihren Platten ein, statt unmittelbarer von ihnen beeinflusst zu sein. Ironischerweise bildet die Trompete bei „Turn to Silver“ ein Bespiel dafür. Ich kam auf den Einfall, dieses Instrument einzusetzen, nach ich mir Ennio Morricone nebst mexikanischer Musik angehört hatte, wie die Kastagnetten und die Cabasa Afuche in demselben Maße verraten. Anfänglich hatte ich dreist vor, ein bisschen Mariachi-Stimmung in diese schnelle, ansonsten fast höfisch anmutende Nummer einzugliedern, aber wie gewöhnlich nahm sie im Laufe der Aufnahmesession eine eigenwillige Gestalt an. Im Nachhinein kann ich den Vergleich, den Du zwischen unserer Verwendung des Hornes und „Luther’s Army“ ziehst, zwar nachvollziehen, doch Tatsache bleibt: Dem Einsatz der Trompete liegt eine Anregung zugrunde, die wenig mit jedem spezifischen Stück zu tun hat.
Persönlich nehme ich so gut wie keine Spur von Sol Invictus in unserer Musik wahr, aber da ich diese Band schätze, habe ich kein Problem damit, im selben Atemzug mit denen erwähnt zu werden. Obwohl ihre Scheibe „Thrones“ – diejenige, die als die jazzigste ihres Korpus angesehen wird – in meinem CD-Regal steht, habe ich sie ein einziges Mal rotieren lassen. Demgemäß beruft sich meine Kunst auf keine der darauf enthaltenden Lieder. Generell empfinde ich keine allzu große Zuneigung dem Jazz gegenüber, womit ich gestehen muss, dass die Art und Weise, wie diese Musikrichtung die Rhythmusgruppe einstellt, mich gut anspricht. Insofern lässt Deine Anspielung auf Jazz mein Bass-Spiel zusätzlich zu der Trommelkunst Chris’ in einem vorteilhaften Licht erscheinen, und dafür bedanke ich mich bei Dir!
Das Einsetzen der Akustikgitarre ist es, so nehme ich an, das uns vor allem in die Nähe von Combos wie Death in June oder Sol Invictus zieht. Wiewohl Death in June hier eine bedeutende Wirkung gehabt haben, sollte man diese nicht zu sehr überschätzen. Meine Leidenschaft für die Zupfgeige reicht in meine frühe Kindheit zurück. Ich bin nämlich nicht nur mit dem Rock aufgewachsen, sondern auch mit dem englischen Folk der sechziger Jahre. Später beeindruckten mich z. B. Nick Ryall und The Mission, bei denen die akustische Gitarre oft auffällt. Außerdem gehe ich so weit zu behaupten, dass Death in June et al. bei unserer Benutzung der Konzertgitarre bzw. zwölfsaitigen Klampfe inzwischen nicht mal Pate stehen. Seit der Herausgabe von „Recitals to Renewal“ habe ich mich mit den Liedern der Wandervögel und der Jugendbewegung sowie mit jenen aus der Zeit des Bauernaufstandes, des dreißigjährigen Krieges, der Befreiungskriege und der Revolution von 1848/49 vertraut gemacht. Ich wage zu meinen, dass solche Weisen unterdessen die „folkloristische“ Seite unseres Oeuvres eventuell stärker prägen als die üblichen „Neofolk“-Stars.
Neben DIJ, den oben erwähnten historischen Tondichtungen und Richard Wagner gelten Christian Death (mit Valor an Bord) als die Gruppe, die unserem Sound am meisten sein Gepräge gegeben haben, zumindest meiner Einschätzung nach. Die Verschmelzung von forschenden Texten, klassischen Orchestrierungen, experimentellen Klängen, gewundenen Rhythmen und harten Gitarren, die dann in eine finstere Aura eingewickelt werden, berührt mich bis heute. Natürlich gibt es doch eine Menge weitere Musiker, die für mein Liedgut von Belang sind, oder deren Schöpfungen häufig in meinem CD-Spieler respektive auf meinem Plattenteller laufen, egal, ob sie einen spürbaren Einfluss auf Lady Morphia ausüben. Darunter fallen Jimi Hendrix, Sex Gang Children, Johann Sebastian Bach, Von Thronstahl, The Police, Killing Joke, DAF, Into a Circle, Ludwig van Beethoven, The Sex Pistols, Weissglut, Laibach, Bauhaus, Forthcoming Fire, Sins of the Flesh, Turbund Sturmwerk, Sopor Aeternus, Allerseelen und – selbstverständlich – Werkraum.

Zwischen Eurem aktuellen Album und dem Album zuvor liegen über sechs Jahre… Wie kam es, dass es so lange gedauert hat?

Du hast Recht. Mehr als sechs Jahre ist es her, dass wir „Recitals To Renewal“ auf den Markt warfen, und das Diesseits marschiert unerbittlich weiter! Unter anderem konzentrierte ich mich während dieses Abschnittes auf die Forschungen zum Zweck einer Dissertation sowie auf die Niederschrift derselben. Unnötig zu sagen, dass diese Tätigkeiten meine Zeit immer mehr in Anspruch nahmen, und demzufolge musste ich die Musik bis nach meiner Promotion zwangsläufig zurückstellen, um der akademischen Arbeit den Vorrang zu geben. Für seinen Teil schloss Chris binnen dieses Zeitraumes seine Tonmeisterausbildung ab. Obendrein waren wir mit dem Material, das wir für dieses Album ursprünglich einspielten, teilweise nicht zufrieden, was zu der wiederholten Aufnahme dreier Lieder führte. Da verloren Eis und Licht Tonträger, die seinerzeit einige dieser Stücke als einen limitierten 10-Zoller herausbringen wollten, die Geduld mit uns, was angesichts unserer schneckenartigen Langsamkeit begreiflich war. Nach meinem Erachten hat dieses Verstreichen gleichwohl eine ausschließlich positive Wirkung auf das Ganze gehabt, da die Verbesserungen, die wir damals vornahmen, es erheblich bereichert haben. Glücklicherweise scheint es, dass unsere Zusammenarbeit mit Werkraum mitsamt den Beisteuern, die wir zu etlichen Kompilationen geleistet haben, unseren Namen im allgemeinen Bewusstsein aufrechterhalten haben. Dafür bin ich dankbar. Auch wenn ich den größten Teil meiner Tage am liebsten dem Musizieren widmen würde, sind wir momentan nicht imstande, Lady Morphia als Vollzeitbeschäftigung auszuüben. Wenn das nur machbar wäre!

Das Album orientiert sich durchweg an Oswald Spengler. Wie kamt Ihr auf Oswald Spengler. Was fasziniert Euch an ihm und warum fiel die Entscheidung dann darauf, ihn in den Mittelpunkt des Albums zu stellen?

Ich begegnete Spengler zum ersten Mal vor neun Jahren, als ich von seinen Gedanken im Rahmen meines Interesses an Ernst Jünger, das derzeit im Entstehen begriffen war, las. Kurz danach nahm ich englische Übersetzungen von Büchern wie „Der Mensch und die Technik“, „Jahre der Entscheidung“ und „Der Untergang des Abendlandes“ zu mir. Späterhin begleitete jener letztere zweibändige Wälzer meine ersten Deutschversuche. Um Dir den dritten Teil Deiner Frage umgehend zu beantworten, gab es anfangs keine bewusste Absicht, Spengler und sein Schrifttum in den Mittelpunkt des Albums zu stellen. Die Sprosse einer neuen künstlerischen Kreation wachsen niemals nach kühler Berechnung, sondern nach dem naturhaften Gesetz des Gemütes. Nach dem Komponieren dreier Lieder wurde mir aber gewahr, dass die Symbolik der Texte und der Themenkreis, mit dem sie sich befassten, Spengler viel zu verdanken hatten. dass dies so war, lag aller Wahrscheinlichkeit nach darin, dass ich mich zu jenem Zeitpunkt ziemlich intensiv mit dem Denker beschäftigte. Daraus erfolgte der Entschluss, auf der nächsten Lichtscheibe von Lady Morphia allein Stücke einzubeziehen, die auf irgendeine Weise von dem Spenglerschen Geist durchdrungen waren, oder die sich irgendwie mit seinem Leben und Werk auseinandersetzten. Die Ambiente der Musik und die Auslese der Samples wurden dementsprechend geformt bzw. getroffen, während die Verse sich beinahe von selbst ergaben. Zufälligerweise scheint es, als ob wir daraufhin regelrecht zeitgemäß geworden sind. Dem ZVAB zufolge stand im Februar dieses Jahres Spenglers Hauptwerk an der Tabellenspitze der meistverkauften antiquarischen Bücher in Deutschland.
Aus rein literarischer Sicht halte ich sowohl das Sprachgefühl wie die Metaphorik Spenglers für wunderbar poetisch. Dennoch dringt sein Einfluss noch tiefer und weit reichender in die Struktur von „Essence And Infinity“ ein. Spengler stellt eine zyklische Morphologie der Weltgeschichte auf, d. h. eine Theorie des Aufblühens und des Verfalls der Kulturen nach organischen Prinzipien. Laut ihm gleichen die verschiedenen Entwicklungsstufen in der Geschichte einer Kultur den unterschiedlichen Jahreszeiten. Diese Analogie ist für unser vor kurzem herausgekommenes Opus von eminenter Bedeutung, was ebenfalls auf die Unterscheidung des Autors zwischen „Kultur“ und „Zivilisation“ zutrifft. In der (nicht nur) Spenglerschen Terminologie entspricht Kultur dem Frühling und Sommer einer Gemeinschaft, in der pulsierendes Schöpfungsvermögen in ihren Adern fließt und ihre erwachende, traumschwere Seele reifende Bewusstheit erringt. Die Zivilisation ist hingegen mechanisiert und leer; ein Zustand, in dem die Existenz bar innerer Gestalt ist. In der Zivilisationsphase bleiben die äußeren Zeichen der Kultur übrig, aber die schaffende Vitalität stagniert. Diese Aspekte der Weltanschauung Spenglers finde ich faszinierend. Als Idealist kann ich es immerhin nicht über mich bringen, mich Spenglers Behauptung, dass die faustische (i. e.: europäische) Kultur unaufhaltsam zugrunde geht und ihr infolgedessen keine neue Dämmerung zuteil werden wird, anzuschließen. Jene Art kultureller Resignation sagt mir wenig zu, weil sie die Apathie und Trägheit entschuldigt. Nebenbei kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Bezeichnung treffender sei als die eines „kulturellen Pessimismus“, der Spengler oft vorgeworfen wird. Wohlgemerkt: Spengler selbst weicht von den folgerichtigen Konsequenzen seiner Philosophie fast zurück. Anscheinend zeigt seine Lehre jene Nietzscheanische Kluft zwischen der Wahrnehmung der Umwälzungen in der Geschichte als das Aufzwingen des einzelnen Willens dem Kreislauf der Kulturen und derselben Änderungen als ewige Wiederkehr. Es kommt dem Leser so vor, als ob Spengler seine Prognose modifiziert, indem er vorschlägt, dass die Überreste von „dynamischer Tradition“ und „altem Adel“ für die Zukunft aufgespart und gehütet werden können. Obschon der Unheilsprophet keinen Ausweg aus dem unabänderlichen Abstieg in die Zivilisation an seine Philosophie anhängt, deutet er darauf hin, dass ein Aufstand des Geistes und der Instinkt gegen die Herrschaft des Geldes und der Seelenlosigkeit auch in jener Epoche der Nichtigkeit möglich sind. Diese Ambivalenz ist bezwingend und macht Oswald Spengler umso interessanter; eine Feststellung, die ihre Gültigkeit in Bezug auf seine Kritik am Nationalsozialismus aus dem Standpunkt eines „vergeistigten Aristokraten“ gleichfalls hat. Zudem entbehrt seine individualistische Persönlichkeit samt dem einsiedlerischen, olympischen Dasein, das er in dem München der zwanziger und frühen dreißiger Jahre führte, nicht einem gewissen Reiz.

Was mir bei Eurem Album aufgefallen ist: Es arbeitet viel mit Begriffspaaren. Neben dem Albumtitel als Begriffspaar fällt auch gleich im ersten Titel die Kombination von „Kultur“ und „Zivilisation“ auf. Ist das Zufall oder habt Ihr eine Vorliebe für die Kontrastierung von thementragenden Begriffen?

Die Gegenüberstellung von Kultur und Zivilisation habe ich im vorhergehenden Absatz erläutert. Diese heben sich von einander ab und sind insoweit als Widersprüche zu betrachten. Andererseits ist zu beachten, dass „Zivilisation“ im Spenglerschen Sinne das unentrinnbare Schicksal jeder „Kultur“ ist. Die beiden Begriffe bezeichnen mithin zwei Phasen einer einzigen geschichtlichen Entwicklung. Sie sind also Stadien desselben Vorganges; zwei Seiten derselben Medaille, wenn man so will. „Wesen“ und „Unendlichkeit“ sind gleichermaßen zwei Teile eines Ganzen, obzwar nicht unbedingt entgegengesetzt, denn nach meinem Empfinden sei die Essenz einer Sache unsterblich. Darum sind „Essence“ und „Infinity“ einander nicht feindlich gesinnt: Vielmehr ergänzen sie sich. Es mag wohl sein, dass ich eine Schwäche für die Kontrastierung von thementragenden Begriffen habe. Ehrlich gesagt habe ich bisher nicht wirklich darüber nachgedacht. Eines ist sicher: Die hegelianische Dreiheit These-Antithese-Synthese ist für mich von ausschlaggebender Signifikanz.

Bei Euch fällt eine Vorliebe für die deutsche Sprache auf: Nicht nur, dass Oswald Spengler eine deutsche Persönlichkeit war, auch die Texte sind oft auf Deutsch gehalten und Du verfasst Mails sehr gerne in deutscher Sprache. Wo kommt dieses Faible für die deutsche Sprache her?

Dieses Faible für die deutsche Sprache lässt sich zweifellos auf meine Liebe zur deutschen Kultur nebst meiner Faszination für die deutsche Geschichte zurückführen. Diese haben seit langem eine Anziehungskraft auf mich ausgeübt, aber es war mir klar, dass, wenn ich deutsche Schriftsteller usw. gebührend studieren wollte, müsste ich Deutsch lernen. Deswegen fing ich vor zirka sieben Jahren an, mir Deutsch beizubringen. Wenngleich ich mir Deutsch eingangs aus akademisch-kulturellen Gründen anzueignen bezweckte, lernte ich zur gleichen Zeit wegen der Musik u. a. m. viele Leute in Deutschland kennen, die teils bis jetzt zu meinen besten Freunden zählen. Seitdem ist meine Neigung dem Land und seinen Bewohnern gegenüber stetig gewachsen und vertieft sich Tag für Tag.
Offen gestanden fällt es mir nicht so leicht, aufzuklären, wo denn meine Begeisterung für die deutsche Kultur herkommt. Die britische Historikerin Mary Fullbrook charakterisiert die deutsche Kultur als „einmalig kreativ“, und darin stimme ich ihr zu. In ähnlichen Tönen loben die berühmten Schreiber Michael Baigent und Richard Leigh die Errungenschaften des deutschen Genius in den Bereichen Musik und Philosophie; ein Genius, mit dem „keine andere europäische Kultur sich messen können“. Mutmaßlich fühle ich mich zu dieser Schöpferkraft und speziell zu den profunden, vitalistischen Vorstellungen, die das deutsche Denken kennzeichnen, hingezogen. Ob im Religiösen, in der Literatur, in der Malerei, der Bau- oder Tonkunst scheint die deutsche Kultur in ihrer Gesamtheit dem Elementaren, dem Magischen und dem Göttlichen die ihnen angemessene Beachtung zu schenken. Sie führt einen unvergleichlichen Diskurs mit den Metaphysischen. Geistig betrachtet stehen beispielhalber die deutsche Romantik, der Idealismus, die Lebensphilosophie und die Innerlichkeit mit meiner seelischen Veranlagung und meinen Prioritäten in harmonischem Einklang. Anders verhält es sich mit den meisten Strömungen innerhalb der angelsächsischen Kultur. Mir erscheint der Großteil der anglophonen Kultur und Historie vornehmlich von einem seelenlosen, lebensverneinenden Rationalismus und der Vorherrschaft des Mammons geprägt zu sein. Dies stimmt namentlich in Hinblick auf die Ära, die seit der Gründung des Empires entstanden ist. Ich kann für die Doktrinen von Theoretikern wie Jeremy Bentham, John Stuart Mill oder Adam Smith, die in unserer Periode um ein Beträchtliches den Ton angeben, keinen Enthusiasmus aufbringen. Obwohl es derweilen ein paar edle Ausnahmen gegeben hat, hat die englischsprachige Welt nach meinem Dafürhalten die metaphysische Immanenz des Seins weitgehend ignoriert oder abgelehnt. Anstelle der Seelenhaftigkeit bevorzugt sie eine flache Vergötterung der Stofflichkeit (d. h.: Materialismus) und die kalte, rechnerische Überrationalisierung des Lebens. Die verstandesmäßige Erkenntnis ist ein Element unserer Gesamthaltung, der mit den anderen in Eintracht stehen soll, aber keineswegs das A und O.
Als Kontrast fungiert zum Beispiel der Autor Friedrich Hielscher. Er stellt die These auf, dass die deutsche Seele Gott in allen Dingen findet. Dieses Suchen nach dem Ewigen, das Streben nach dem Erhabenen, ist – so Hielscher – das, was das „Deutsche“ ausmacht. Aus dieser Perspektive gesehen ist die „Deutschheit“ keine Nationalität, sondern eine bestimmte Lebens- und Wirklichkeitsauffassung. Da es sich somit um eine spezifische Betrachtungsweise handelt, sei ein Finanzier, der die Dinge bloß nach den Kriterien von Gewinn und Verlust einsehen kann, kein wahrer „Deutscher“, wiewohl er in Deutschland geboren worden wäre und seine deutsche Abstammung sich bis in die Ferne zurückfolgen ließe. Ähnlicherweise können die tiefen, metaphysischen Werte der „Deutschheit“ in einem „Engländer“ wie Shakespeare zutage treten, obgleich eine derartige Erscheinung laut Hielscher selten sei. Fürwahr, im Vergleich zu der Anerkennung des Spirituellen und dem Bekenntnis zum Göttlichen sind Hielscher geographische oder sonstige hylische Bindungen unbedeutend. Bestenfalls sind sie zweitrangig. „Nur derjenige, der den rechten Glauben hat“, erzählte der Doktor seinem Freund Albrecht Schaeffer 1931, „hat das Recht, sich ‚Deutscher’ zu nennen. ‚Deutsch’ ist nichts als eine Bezeichnung für die Menschen dieses Glaubens, und es kommt mir nicht auf die Bezeichnung, sondern nur den Glauben selbst an“. Wahrlich, der flüchtigste Blick in die Vergangenheit scheint Hielschers Argumentation zu bestätigen. Schon lange, bevor ich ein einziges Wort von ihm las, war ich mit seiner Schlussfolgerung zumeist einverstanden. Aus den quasi pantheistischen Predigten Meister Eckeharts und den Opern Wagners; aus den Holzschnitten Albrecht Dürers wie dem Goetheschen Glauben ans Leben als organische Einheit spricht ein Geist, der das Übersinnliche hoch achtet und die Göttlichkeit in aller Kreatur, in der Totalität der Erde sucht. Um diese Überlegungen in einem Satz zusammenzufassen, nehme ich mir die Freiheit, einen Zeitgenosse Hielschers, Edgar J. Jung, der am 30. Juni 1934 ermordet wurde, zu zitieren: „Die Besonderheit des Deutschtums liegt in der außerordentlichen Stärke der übersinnlichen Quellen“.

In meinem Mailwechsel mit Euch zeigtest Du Dich erfreut von der Vielfalt der Musikszene, da Alternativmusik.de viele Stile beinhaltet, anstatt zu „ghettoisieren“. Welche Bedeutung misst Du der Vielfalt innerhalb der Musikszene allgemein zu? Siehst Du die Neofolk-Szene in diesem Zusammenhang als zu isoliert an?

Persönlich messe ich der Vielfalt in der Musikszene ansehnliche Bedeutung bei. Der Mensch ist schlussendlich ein facettenreiches Geschöpf, das für eine nahezu unermessliche Breite von Emotionen, Wahrnehmungen und Denkweisen empfänglich ist, und das gleichartig fähig ist, diese in ihrer Fülle zu empfinden, verarbeiten und auszudrücken. Demnach ist es völlig richtig, dass Musik die menschliche Seele wie das unvorstellbare Ausmaß des dazugehörigen Daseins in all seiner Farbenpracht zurück- und ausstrahlen soll. Wenn man bedenkt, dass es sich in Sachen Musik um die atavistischste aller Kunstformen dreht, kann es nicht anders sein.
Mit Sicherheit sehe ich die so genannte „Neofolk“-Szene als zu isoliert an – und das in vieler Hinsicht! Mich dünkt erstens, dass diese Sparte zu sehr zur Cliquenbildung neigt und
sich absichtlich von der größeren Musikwelt abzusondern versucht. Das meine ich nicht mal in Anbetracht einer Differenzierung wegen des ideellen Inhaltes oder Ähnliches, sondern im negativen Sinne als eine Art Selbstverstümmelung, wodurch man lediglich die „schon Bekehrten“ erreichen will. Diese Einstellung scheint von irgendeinem unangebrachten Pseudoelitismus herzurühren, indem man annimmt, dass der Neofolk und seine Anhänger anderen Gattungen und deren Fans irgendwie überlegen seien. Hoffentlich haben wir als Lady Morphia die Möglichkeit, mit unserem Schaffen inspirierend tätig zu sein und Leuten Impulse zu geben. Falls dies aber sich als durchführbar erweisen sollte, müsste es größtenteils unabhängig von irgendeiner Szene geschehen. Zweitens glaube ich, eine gewisse musikalische Engstirnigkeit innerhalb der Neofolk-Szene festgestellt zu haben. Allzu oft geben sich Hörer wie Gruppen mit der Wiederholung eines starren Schemas zufrieden. Ich kann das nur als stur seitens des Publikums und einfallslos auf Seiten der Künstler begreifen. Was bleibt einem dann übrig, als gelangweilt zu gähnen? Drittens gefällt mir das Schubladendenken schlicht nicht. Letzten Endes ist Musik einfach Musik. Man kann jeder Stilrichtung etwas abgewinnen – selbst wenn man daraus erlernt, wie man seine eigene Musik nicht machen will – und es existiert in jedem Genre „gute“ und „schlechte“ Protagonisten, ungeachtet des philosophischen Unterbaues oder des Mangels daran. Was dem einen sin Uhl, ist dem andern sin Nachtigall. Allerdings betrübt es mich, dass soviel der heutigen Musik nichts zu vertreten hat. Da wir hier von dem einzigen künstlerischen Ausdrucksmittel reden, das, dank ihrem Status als Urgewalt, die Fähigkeit hat, die Psyche des Menschen blitzschnell und gänzlich zu durchdringen, kommt die Oberflächlichkeit und Nichtigkeit der allermeisten Musik einem Verbrechen gleich. Jedoch spekuliere ich, dass das mehr mit dem Zeitalter, in dem wir uns augenblicklich befinden, als mit Oberbegriffen zu tun hat.

Um den Bogen zum Album zu schließen: Auch ihr präsentiert auf „Essence and Infinity“ eine Vielzahl von Stilen. Neben den Folk-Stücken und den Military-Einsprengseln begegnen mit Titeln wie Carmen Ad Occidentem auch eindeutige Gothic Rock-Titel. Woher kommt Eure Vielfalt in der Musik?

Ich habe seit jeher eine bunte Mischung von Stilen genossen, einerlei, ob man diese Folk, Klassik, Rock, Punk, Pop, Gothic, Elektro, Industrial oder was auch immer benennen möchte. Soweit ich zurückdenken kann, hat Musik mein Leben begleitet. Das hat garantiert dazu beigetragen, meine Aufgeschlossenheit verschiedenartigen musikalischen Tendenzen gegenüber zu begründen. Hinzu gesellt sich meine Präferenz für grenzüberschreitende Tonkunst schlechthin. Die Musiker, vor den ich die größte Achtung habe, sind stets diejenigen gewesen, die der Stimme des Herzens folgen, und die dabei keine künstlich errichteten Barrieren anerkennen. Für mich ist das Inwendige letztendlich das Wesentliche, und wenn eine innere Geschlossenheit über die Musik herrscht, ist es mir irrelevant, ob man z. B. elektrische oder akustische Gitarre, Schlagzeug oder Pauken, Synthesizer oder Geige in Aktion treten lässt. Wichtig ist, dass die Seele des Komponisten sich darin offenbart. Dieser Prozess kommt in den Werken so von einander abweichender Musikanten wie Prince, J. S. Bach, Valor und David Bowie zum Vorschein, indes ich üblicherweise eine Bevorzugung düsterer Töne einräumen muss.
Unter Berücksichtigung der obigen Erörterung wird es dem geneigten Leser nicht wundern, dass wir uns bei dem Komponieren des neuen Albums von den Erwartungen derer, die der Kunst Grenzen setzen wollen, weder zügeln noch diktieren ließen. Alles ist erlaubt. Es wäre künstlerisch lähmend, sich dieser Freiheit zu widersetzen, wobei zu beachten ist, dass das vielgestaltige Wesen Lady Morphias nicht auf irgendeinem vorsätzlichen Drang nach Heterogenität beruht, sondern auf der reinen Natürlichkeit. Meine Kompositionen sind niemals gewollt, und, falls man vielfältige Annäherungen zu vernehmen glaubt, spiegelt dies meinen Wunsch wider, ein allumfassendes Gefühls- und Stimmungsspektrum zu vermitteln. Es würde mich langweilen, wenn ich meine Klanglandschaften allein in einer einzigen emotionellen Farbe malen dürfte. In der Kunst wie im übrigen Leben will ich Zugriff auf die ganze Palette haben. Abgesehen davon wohnt Lady Morphia sowieso ein ganz bestimmter Geist inne, der als das Herz des Projektes aufzufassen ist. Die Gruppe verfügt über einen gewissen „Elan vital“, der eine einzigartige, innerliche Haltung beinhaltet und eine besondere Hingabe erfordert. Die Quiddität dieser Formation habe ich nie in etwas so Äußerliches wie der Instrumentation respektive genretypischen Abgrenzungen wahrgenommen. Stattdessen verkörpert die seelische Absicht, die mittels der speziellen Atmosphäre, Ästhetik und Gedanken, die unser Gesamtwerk zusammenbinden, wiedergegeben ist, den Kerngehalt von Lady Morphia.

Kommen wir mal zum Thema Internet: Es war eine rasant schnelle Entwicklung, bis in etwa jede Band ein Profil bei MySpace hatte. Wie siehst Du die Möglichkeiten gerade für kleinere Bands, sich einen Namen zu machen, gerade in Zeiten von MySpace? Zeichnet sich da eine Art Paradigmenwechsel ab?

Ich habe keine Ahnung. Dass kleinere Bands bis zu einem gewissen Grade sowohl von MySpace wie vom Weltnetz im Allgemeinen profitieren können, steht außer Frage. Durch diese Erfindungen hat man die Gelegenheit, seine Musik auszugsweise einer Hörerschaft in allen Herren Ländern vorzulegen. Ehrlicherweise bezweifle ich doch, ob MySpace solcherart Combos tatsächlich zum Durchbruch verhilft – ein paar Sonderfälle mal ausgenommen. Heutzutage kann augenscheinlich jeder Dussel ein MySpace-Profil einrichten, eine Unzahl an „Freunden“ sammeln, und sich wie ein großer Rockstar gebärden. Offensichtlich besagt dieses Benehmen nicht, dass eine Gruppe wahrhaftig so erfolgreich ist, wie sie sich verstellen. Diesbezüglich zeichnet sich MySpace als eine perfekte Heimat für Großtuer und Spökenkieker ab. Weiterhin bürgt der Erfolg in der virtuellen Welt von MySpace für ein entsprechendes Gelingen in der realen Außenwelt nicht. Ich bemerke keine echte Übereinstimmung zwischen dem angeblichen Staub, den man im Schlaraffenland MySpace aufwirbeln kann, und Verkaufszahlen oder dergleichen. Geschäftlich gesehen kommt es aber auf eben diese an. Ein befreundeter Musikschaffender teilte mir einst mit, dass, wenn jeder MySpace-Freund eine seiner CDs sich kaufte, könnte er von seiner Musik leben. Um die größtmögliche Anzahl an Menschen zu erreichen, braucht man nach wie vor eine gute Vertriebsstruktur, Werbekampagnen, finanzielle Unterstützung und so fort. Daran hat sich leider wenig geändert. Einerseits sind MySpace und das Internet zugegebenermaßen nützliche Werkzeuge. Handkehrum wäre es meines Ermessens verfrüht, von einem Paradigmenwechsel zu sprechen. Grundsätzlich repräsentiert das Weltnetz nichts als eine Weiterführung des „Do-it-Yourself“-Ethos, das den musikalischen Untergrund seit der Geburt des Punks gekennzeichnet hat. Ferner birgt das „World Wide Web“ Schwierigkeiten in sich, die auch verhältnismäßig unbekannten Projekten widerfahren. Für so eine Truppe ist es ja schon schwer genug, Platten loszuwerden, ohne dass potenzielle Käufer ihre Tonkunst dann illegal herunterladen! Das gesetzwidrige Herunterladen der Werke kleinerer Künstler – meistens als MP3-Dateien, die schlimmer als eine alte Kassette klingen und einen schmäleren Frequenzbereich als jene Tonbänder haben – macht mir Sorgen.

Wie mir auf Eurer Homepage auffiel, war die Erwähnung der neuen Von Thronstahl-Veröffentlichung. Auch auf Eurer MySpace-Seite fielen mir Von Thronstahl hoch in der Freundesliste auf. Besteht da eine besondere Verbindung? Oder ist es bloß eine Wertschätzung?

Es besteht in der Tat eine freundschaftliche Beziehung zwischen uns auf einer künstlerischen wie einer persönlichen Ebene. Zumal weiß ich die schöpferische Arbeit Von Thronstahls zu würdigen, das versteht sich von selbst.

Damiano von Rose Rovine e Amanti bezeichnete Von Thronstahl einst als „Germany’s most hated band“ und diese Gruppe genießt tatsächlich nicht allerorten den besten Ruf. Wie siehst Du zu diesem Ruf?

Möglicherweise trifft Damiano den Nagel auf den Kopf. Ich weiß es nicht. Frank und frei verblüfft mich die Kontroverse um diese Spielleute etwas. Schließlich vertreten sie keine misanthropische Ideologie oder derlei. Selbstredend kann ich Josef K. nichts in den Mund legen, aber meines Erachtens hat der Kapellmeister Von Thronstahls weitaus mehr mit Figuren wie Stefan George und dem geistigen Nachfolger jenes Dichterfürsten, dem Hitler-Attentäter Claus von Stauffenberg, gemein, als mit den Funktionären, zu deren Umkreis seine Gegner ihn allzu gerne zuordnen. Entgegen den Vorwürfen seiner Verleumdern, knüpft J. K. ausgerechnet an diesen Vorbildern sowie dem des Heiligen Reiches an, denn das „geheime Deutschland“, das diese Männer anstrebten, war ein Reich des Geistes und der Erleuchtung, in dem die Seele eines Volkes in seinen größten Einzelgängern sich ereignen soll. Es wird einige geben, die das Schaffen Von Thronstahls als provokant oder zweideutig beurteilen werden, daran habe ich keinen Zweifel. Dies aber gehört der Kunst, die immer an das Höhere und sogar an das Gefährliche appellieren muss. Wenn sie dies nicht tut, hat sie die Bezeichnung „Kunst“ nicht verdient. Was bleibt unter diesen Umständen ist anspruchslos, stumpfsinnig und nichts sagend. Nichtsdestominder frage ich mich, ob die Typen, die Josef K. angreifen, überhaupt auf seine Vision eingegangen sind. Bisweilen denke ich, dass es gut tun würde, wenn Josefs Feinde irgendwann einmal an demselben Tisch wie er säßen, damit sie ein Gespräch mit ihm führen könnten. Ob dies eine Wende zum Besseren bewirken würde, scheint mir jedoch unwahrscheinlich. Womöglich ähnelt selbst Josefs positives Verhältnis zur deutschen Kultur einem Verbrechen? „Germany’s most hated band“? Das spricht schon Bände. Für mich ist Hass vorwiegend verschwendete Energie.

Ziel der vorangegangenen Frage war, ein wenig auf das die Szene verfolgende leidige Thema zu kommen: Politik. In einem solchen musikalischen Dunstkreis wird man schnell auch selber gebrandmarkt. Wie seht Ihr allgemein diese politischen Implikationen? Euer Schaffen macht auf mich nicht gerade einen politischen Eindruck – zwar mit Ansprüchen auf die Gesellschaft, aber keineswegs politisch.

Es ist schade, dass man so schnell und grundlos gebrandmarkt wird. Wir sind – Gott sei Dank – keine Politiker oder Systembauer. Anstatt richten wir uns hauptsächlich auf das Innere des Menschen. Was allenfalls Not täte, wäre eine geistige Revolution in der tiefinnersten Kammer des menschlichen Herzens, die die Rückbesinnung auf den eigenen urtiefen Brunnen, die Wiederverbindung der menschlichen Seelenwirklichkeit mit dem göttlichen Funke, der in der Brust jedes Einzelnen weilt, mit sich bringen würde. Aus diesem Quell speist sich die Ganzheit des Lebens, und folglich würde alles andere sich naturgemäß daraus ergeben. Etwaigerweise würde der Mensch sich selbst wieder erkennen und die Schönheit abermals zu seiner Braut küren. Er würde die Kultur wiederum ausgraben – nicht als totes Holz, sondern er würde sie anhand von ihrem Vermächtnis neu beleben und mit lebendigem Feuer erfüllen, so dass sie den Weg in die Zukunft weisen könnte. Er würde gewahren, wie wir eine Verantwortung der Vergangenheit sowie der Zukunft gegenüber haben, und dass diese Verantwortung Gegenwart heißt. Ihm würde der endlose Kreislauf der Äonen sich nochmals enthüllen, und er würde voll Verwunderung feststellen, dass wir Glieder einer Kette sind. Er würde eingestehen, dass wir als Menschen, die in eine bestimmte Zeit geboren werden, immer nur fortsetzen, was andere begonnen haben, und dass dort, wo wir abbrechen, andere unsere Arbeit aufnehmen. Der einzelne Mensch mag vergehen, aber die langen Geschlechterfolgen, die die lebenden, die toten und die noch ungeborenen Generationen in sich schließen, überdauern. Darob würde der Mensch wieder im Zauber der Geschichte leben und die Selbstsucht ins Exil verbannen. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass es hierbei nicht ins Gewicht fiele, ob man etwa als Literat oder als Kleinbrauer tätig wäre. Eigentlich könnte man sogar Argumente dafür anführen, dass ein Kleinbrauer auf dem Land dieser Einsicht viel näher als ein Gelehrter stehe. Am Ende ringt er sich schon um die Höhe seiner Kunst, führt ein seit Jahrhunderten überliefertes Brauchtum ins Morgen, versorgt die Gemeinschaft mit einem unentbehrlichen, alchimistischen Elixier und trägt unterdies zur Erhaltung der Verbundenheit jenes Gemeinwesens. Nun; vorgeblich erkennt er das alles nicht, und es wäre ihm vermutlich gleichgültig. Es ist mehr wert, dass es so ist, als dass man es weiß.

Meint Ihr, auf „Essence and Infinity“ könnten da Dinge missverstanden werden? Oswald Spengler gilt gemeinhin als national-konservativ. Zudem haben Songnamen wie „Sturmjahre“ und „Widerstand“ auf manche Leute eine Art Signalwirkung…

Ist es nicht so, dass ein Außenstehender anlässlich der Auseinandersetzung mit einem Kunstwerk jedes Mal etwas von sich selbst mitbringen muss? Sonst würde die Kunst keine individuelle Reaktion erwecken, denn sie hätte nicht die Macht, die Einzelperson anzurühren. Fühlt und deutet einer bei der Betrachtung eines Gemäldes nicht anders, als der Mitmensch, der neben ihm steht? Die Malerei, die die beiden Kunstliebhaber sich anschauen, hat sich nicht verwandelt, aber sie ergreift die Zuschauer auf unähnliche Weise, die zwei Kollegen können divergente Deutungen in das Bild hineininterpretieren et cetera. Wenn die Kunst andersartige Auslegungen nicht zulässt und alles einseitig verdeutlicht, wird sie öd. Ergo: Eine wirksame Kunst ist jener Eintönigkeit zweifelsohne vorzuziehen; selbst auf die Gefahr hin, dass Missverständnisse aufkommen könnten.
Was „Widerstand“ anbelangt, will ich schlichtweg preisgeben, dass jede Strophe einen anderen deutschen Denker zum Gegenstand hat, und dass der Widerstand, von dem diese Tondichtung kündet, höchstwahrscheinlich in einem kulturellen-metaphysischen Sinne zu verstehen sei. Hinsichtlich „Sturmjahre“: Dieser Titel rührt von der Überschrift eines Kapitels in Anton Mirko Koktaneks biographischer Untersuchung „Oswald Spengler in seiner Zeit“ her. Er sollte die Wirren der Hauptwirkungszeit Spenglers, der Weimarer Republik, wie den stürmischen Lebenslauf des Philosophen insgesamt reflektieren. Aufgrund dieses Sachverhaltes kann ich nur zu dem Schluss kommen, dass die Leute, auf die diese Songnamen die von Dir thematisierten „Signalwirkung“ haben sollten, diejenigen sein müssten, die beispielsweise die Schriften Novalis’ durchforsten, um in ihm ein Wegbereiter Hitlers zu entdecken, oder ersatzweise die vermummten Jugendliche, die dumme Parolen wie „Deutschland verrecke!“ an Wände schmieren, ohne zu vermerken, dass das schlüssige Ergebnis dieses Schlagwortes einen größeren Massenmord als sein „umgekehrter“ Namensvetter verursachen müsste, geschweige denn der nationale, kulturelle und gesellschaftliche Freitod. Man kann solche Toren halt bemitleiden.
Politisch betrachtet war Spengler gewiss national-konservativ angehaucht. Man sollte doch nicht vergessen, dass seine Verurteilung vom Nationalsozialismus genau auf seiner konservativ-revolutionären Gesinnung aufgebaut wurde. Spengler postulierte, dass ein instinktiver Sozialismus schon in der Barockzeit in Deutschland existiert hatte, dessen Inbegriff der fritzische Geist war. Sonach befürwortete er einen „Preußischen Sozialismus“, der das Schicksal aller dem des Einzelwesens überordnet und im Dienst an diesem Gemeinwesen die höchste Freiheit sieht. Wie für Hielscher das „Deutsche“ bezeichnet für Spengler das „Preußentum“ ein „Lebensgefühl, ein Instinkt, ein Nichtanderskönnen“, und hierdurch sei der Nationalsozialismus hitlerscher Ausprägung gleichzeitig eine Vulgarisierung von und ein Verrat an diesem Ideal. (Für viele vor 1933, darunter kein Geringerer als Walter Rathenau, war der „Nationalsozialismus“ nicht mit einem „nationalen Sozialismus“ gleichzusetzen, aber das nur am Rande.) Zu alledem sei die „Rassereligion“ der Partei „materialistisch“ und „infantil“. Spenglers Gehässigkeiten gegen das neue Regime in seinem Buch „Jahre der Entscheidung“ sind wohlbekannt. Privat war sein Urteil noch härter und bissiger. Er eifert gegen „März 1933“, die „keine Revolution“, sondern „Trug“ sei. Er kritzelt Zeilen in seinem Tagebuch wie „Antisemitismus ist trottelhaft. Wer das zum Prinzip der ‚nationalen Befreiung’ erhebt [...] scheidet damit aus der Reihe politisch ernst zu nehmender Mensch[en] aus“. Er macht Anmerkungen über „diese Krüppel, Schafsgesichter“ und „Minderbegabten“. Sie „reden von ihrer Rasse und zeigen auf den Bamberger Reiter, als ob er ihresgleichen wäre, ohne zu fragen, was er von ihrer Rasse denken würde. Was edle Rasse ist: Araberscheich, Bali, Java“, zischt der Schöngeist. „Wie jämmerlich sind sie dagegen!“. Fazit: Spenglers Stellungnahme zum Hitlerismus kann man mit Hielschers Spruch „der Ausbruch des Gesindels“ beschreiben.

Zurück zu dem, worum es geht, die Musik: Wie steht es um eine Live-Umsetzung von „Essence and Infinity“?

Weil wir keine „Band“ im wahren Sinne des Wortes sind, würde ein Unterfangen dieser Art viel Zeit, Geld und Mühe fordern. Um eine Live-Umsetzung von „Essence and Infinity“ zu ermöglichen, müssten wir voraussichtlich andere Musiker aufspüren, diese die Lieder belehren, Backing-Tapes zusammenbasteln und so weiter. Erst dann könnten wir proben. Weiters muss ich zugeben, dass ich Auftritte in der Regel äußerst stressig finde, und ich müsste mir selbst überlegen, ob ich so ein Konzert überhaupt spielen wollte. Für mich kommt so etwas immer einer riesengroßen Selbstüberwindung nahe. Wenn die Umstände richtig und die Vorzeichen günstig wären, und vorweg wenn wir genügend Vorwarnung hätten, sähe ich dennoch keinen unüberwindbaren Hinderungsgrund für eine Darbietung des Albums auf der Bühne.

Was ist in naher und ferner Zukunft von Euch zu erwarten? Oder ist wieder mit sechs Jahren Wartezeit zu rechnen?

Hoffentlich nicht! Im Grunde ist die kommende Lady Morphia-Scheibe seit einer Weile geschrieben, obschon exklusiv in meinem Kopf. Wenn die Parzen uns gewogen sind, könnten wir mit einer allfälligen Wartezeit von drei Jahren rechnen! Andernfalls halte ich zig neue Kompositionen bereit, und ich hege den vorsichtigen und aktuell ungewissen Plan, einen außergewöhnlichen, streng limitierten 7-Zoller zu verlegen. Ob dieses Vorhaben Früchte tragen wird, lässt sich noch nicht ermitteln. Einstweilen müssen wir uns auf unsere Teilnahme an der bevorstehenden Werkraum-CD mitsamt dem einen oder dem anderen Samplerbeitrag orientieren.

Die obligatorische Schlussfrage… Gibt es noch etwas von mir nicht Gefragtes, was Ihr gerne ergänzen würdet?

Ich möchte Dir meinen aufrichtigen Dank für die fesselnde Unterredung abstatten. Für Dein Interesse an unserer Musik sowie die Möglichkeit, dass dies abgedruckt wird, bin ich Dir verbunden. Mach’s gut!

Homepage: www.gla.ac.uk/~dc4w/lmorphia/front.html
MySpace: www.myspace.com/ladymorphia

Interview: Marius Meyer
Bilder: PR