Interviews Lisa, 30.11.2009
Interview mit Marc Urselli von The M.E.M.O.R.Y. Lab
Es ist schon wieder etwas länger her, dass ich Modern Expressing Machines of Revolutionary Youth rezensierte. Die Veröffentlichung hat einen ganz besonderen Hintergrund: The M.E.M.O.R.Y. Lab selbst gibt es seit etwa zehn Jahren nicht mehr und doch hatte Mastermind Marc Urselli, mittlerweile übrigens dreifacher Grammy-Gewinner, sich dazu entschieden, einige der in den 90er Jahren aufgenommenen Tracks in diesem Jahr als Album zu veröffentlichen. Damit liegt uns das Debüt einer Band vor, die seit einer Dekade effektiv nicht mehr existiert. Dabei ist das Album so abwechslungsreich und sperrig, dass es gezwungenermaßen Fragen aufwirft. Um so erfreuter war ich, Marc Urselli mit Fragen bezüglich des Albums, seiner früheren Arbeit mit The M.E.M.O.R.Y. Lab und seiner aktuellen Arbeit in New York löchern zu dürfen.
Bitte stell dich doch erst einmal vor. Wer bist du, was machst du zur Zeit und was genau war deine Rolle im Projekt The M.E.M.O.R.Y. Lab?
Hallo, mein Name ist Marc Urselli und ich habe The M.E.M.O.R.Y. Lab gegründet, damals in Italien, irgendwann 1992-1994. Im Moment arbeite ich als freier Tontechniker in New York City. Ich bearbeite und mixe Aufnahmen von Künstlern wie John Zorn, Laurie Anderson, Lou Reed, Sting, Jeff Beck, Keith Richards, Les Paul, Luther Vandross und so weiter. Außerdem produziere ich, mache Remixes, mache das Sounddesign für TV- und Kinoproduktionen, komponiere, schreibe über Musik und betreibe das Electro-Industrial-Ambient online Musikmagazin Chain D.L.K..
Warum hast du dich dazu entschieden, die Aufnahmen von The M.E.M.O.R.Y. Lab zu veröffentlichen, wenn die Band sich schon vor gut zehn Jahren aufgelöst hat?
Ich fand die Originalaufnahmen irgendwann letztes Jahr und hörte sie mir an, und ich dachte, dass sie gar nicht so schlecht sind – selbst nach 10 Jahren. Eigentlich dachte ich, sie würden viel veralteter und schlechter klingen, aber sie haben sich wirklich bewährt. Abgesehen von ein paar Dingen, die ich geändert hätte, wenn ich Zugriff auf die originalen Multi-Track-Aufnahmen gehabt hätte (was ich nicht hatte), waren sie ein ziemlich gutes Beispiel für Electro-Industrial-Metal, sogar für heutige Standards. Die kanadische Plattenfirma D-Trash-Records schien das ähnlich zu sehen und wir entschieden, die Aufnahmen zu veröffentlichen.
Könnte man es nicht „sinnlos“ nennen, Material einer Band zu veröffentlichen, die seit zehn Jahren nicht mehr im Geschäft ist? Selbst wenn ihr neue Fans mit diesem Album erreichen solltet, im Endeffekt werden die niemals mehr neues Material von euch bekommen.
Dem stimme ich absolut nicht zu! Erstens, der Punkt einer Veröffentlichung ist nicht immer notwendigerweise, eine Fanbase zu bekommen, für die man dann mehr Musik unter demselben Namen veröffentlicht. Der Punkt dieser Veröffentlichung (oder jeder anderen) ist es, gehört zu werden! Deswegen habe ich mich dazu entschieden, dieses Album zu veröffentlichen. Ich wollte es damals schon veröffentlichen, aber ich hatte nie die Gelegenheit, das zu tun. Es gibt heutzutage auch so viele posthume Veröffentlichungen und die Leute scheinen sie für das anzuerkennen, was sie sind: Musik! Es ist doch egal, ob der Künstler, der die Musik gemacht hat, noch aktiv ist, noch lebt oder sogar tot ist. Da ist Musik, die gemacht wurde, und das ist doch ein großartiger Grund, sie zu veröffentlichen, oder?
Außerdem: Selbst, wenn diese Band zur Zeit nicht existiert, machen ihre Mitglieder doch immer noch unter verschiedenen Namen Musik. Wenn also ein paar Fans von The M.E.M.O.R.Y. Lab sich dazu entscheiden, dass sie mehr von uns hören wollen und dazu bereit sind, sich auf verschiedene andere Sachen einzulassen, werden sie auch noch mehr von uns finden… Wer weiß außerdem, was die Zukunft noch bringt? Was bringt dich überhaupt auf die Idee, dass es kein neues Material von uns gibt? Es gibt immer noch mindestens ein bisher unveröffentlichtes Stück, das nicht mit auf der CD ist, aber das irgendwann online erscheinen wird.
Wie hat sich diese Veröffentlichung eigentlich entwickelt? Hattest du im Hinterkopf, dass es da ein paar Songs gibt, die du produziert, aber nie veröffentlicht hast, oder hast du sie zufällig wiedergefunden und dich dann entschieden, dass jetzt der richtige Zeitpunkt wäre, sie auf einem Album herauszubringen?
Ein bisschen von beidem. Wie gesagt, ich bin einfach über die orginalen gemasterten Tracks gestolpert und hörte sie mir nach dieser langen Zeit noch einmal an. Außerdem, obwohl diese Songs vor 10-15 Jahren geschrieben wurden, ist 2009 doch das Jubiläum der endgültigen Trennung von The M.E.M.O.R.Y. Lab (1999). Deswegen entschieden wir uns auch dazu, das Album am 9.9.09 zu veröffentlichen – in dieser Zahl sind drei Neunen, wie in 1999.
Was hast du gedacht oder gefühlt, als du dir die alten Aufnahmen angehört hast?
Ich habe mich an viele schöne Dinge erinnert. Damals waren wir jung, sauer auf die Welt und versuchten, der Realität irgendwie zu entfliehen. Wir suchten nach Möglichkeiten, unserer Kreativität freien Lauf zu lassen. Wir spielten Konzerte, tourten, schrieben Musik. Es gab viele Hindernisse, aber wir konnten unseren Weg um sie herum oder über sie hinweg machen. Es waren wirklich tolle Jahre, an die ich mich liebevoll und ohne Bedauern erinnere.
Wenn man sie nach alten, unveröffentlichten Aufnahmen fragt, sagen Musiker oft, sie hätten das Gefühl, dass diese Songs nicht gut genug seien, oder dass sie unfertig scheinen und deshalb nicht veröffentlicht werden. Hattest du dasselbe Gefühl bei deinen Aufnahmen? Bist du mit dem Ergebnis zufrieden?
Als Musiker, Tontechniker und Produzent habe ich mich entwickelt, also hätte ich heute offensichtlich Einiges besser machen können, aber in Anbetracht unserer Standards 1999 betrachte ich die Songs als fertig. Ich arbeitete damals schon als Tontechniker und hatte ein ausreichendes Studio, die Qualität der Aufnahmen ist also nicht so schlimm, wie man denken könnte. Außerdem wurden die Songs remastered. Aus meiner Erfahrung mit der Arbeit in Tonstudios weiß ich, dass Künstler dazu tendieren, ihre Aufnahmen abzulehnen, wenn sie erst einen Monat alt sind. In meinem Fall weiß ich aber, dass wir damals zu 100% mit dem Material zufrieden waren, und obwohl wir heute vielleicht ein paar Dinge geändert hätten, wenn wir das gekonnt hätten, repräsentieren diese Songs ein tolles Testament dessen, wer wir waren und wozu wir vor 10 Jahren fähig waren. Und darauf bin ich stolz.
Du hast mit Nicola Curri zusammengearbeitet, als du die Songs von Modern Expressing Machines of Revolutionary Youth aufgenommen hast. Zu der Zeit war er der Sänger einer Metalband. Wie habt ihr euch kennen gelernt und warum hast du entschieden, dass gerade er der Richtige ist, um deinen Songs eine Stimme zu verleihen? Habt ihr heute noch Kontakt?
Ja, wir sind noch in Kontakt. „The Old Nick“ ist ein sehr populärer, gefragter bildender Künstler und Fresco-Restaurator in Italien und er pflegt seine Passion und sein Interesse für Musik. Wir lernten uns damals durch seine Band Funeral Oration kennen. Ich war ihr Live-Keyboarder und machte auch ein Intro für eins ihrer Demotapes. So lernte ich übrigens auch Fabban kennen, den Bassisten von Funeral Oration und Aborym, er spielte für eine Weile live bei The M.E.M.O.R.Y. Lab. Nick war der Richtige für diesen Job. Er hatte die Vision und die Stimme, eine einzigartige Stimme. Er brachte die Band auf ein ganz neues Level, mehr noch, als ich mir damals hätte vorstellen können.
Gab (oder gibt) es eine Message, die ihr mit The M.E.M.O.R.Y. Lab ausdrücken wolltet?
Ja. Die Welt pisste uns an und wir hatten nichts dagegen, sie das spüren zu lassen. Manche Songs sind persönlicher und mysteriöser, aber viele der Songs richteten sich gegen Politik, Korruption, religiöse Fanatiker usw.
Ich fand es sehr schwer, den Stil von Modern Expressing Machines of Revolutionary Youth zu beschreiben. Wie würdest du ihn beschreiben?
Ich mag die Beschreibung von D-Trash: „Aggro-Elektro-Industrial-Metal mit Ritual/Noise-Einflüssen“… Ich nannte den Stil Elektro-Industrial-Metal, aber man kann ihn nennen, wie man will.
Kannst du vielleicht ein paar Dinge nennen (Bands, Bücher, was auch immer), die eure Musik beeinflusst haben, als ihr die Songs aufgenommen habt?
Sicher. Ich stand damals auf Elektro und Industrial, aber auch Rock und Metal, und meine Lieblingsbands waren die, die diese Genres mischten (Die Krupps, Young Gounds, Nine Inch Nails, Ministry, Swamp Terrorists, KMFDM, Skinny Puppy, Stabbing Westward usw.). Ich hörte aber immer noch Metal Bands (Sepultura, Pantera, Fear Factory, My Dying Bride, Sleep, Tool…), Rock Bands (Soundgarden, Pearl Jam, Guns’n'Roses, Satriani, Pink Floyd etc.) und EBM Bands (Front Line Assembly, Cat Rapes Dog, Klinik etc.). The M.E.M.O.R.Y. Lab war die Summe dieser Erfahrungen und Einflüsse. The Old Nick hatte andere Einflüsse, musikalische, visuelle, kulturelle und literarische, und was die musikalischen betrifft, würde er wahrscheinlich Christian Death, Das Ich, Legendary Pink Dots und einige Black Metal Bands nennen.
Ich habe das Gefühl, dass das Album stark von Metal beeinflusst ist, vielleicht durch Nicolas Wurzeln. War das eure Intention, einen Metal/EBM-„Hybriden“ zu schaffen, als ihr die Songs aufgenommen habt?
Aber so was von! Ich dachte, das ist offensichtlich! ;-)
Wie gesagt, meine Lieblingsbands waren Industrial-Metal/Elektro-Metal-Bands dieser Zeit und ich hatte das Ziel, zu klingen wie sie. Es ging nur um Hybridisierung!
Ein paar Magazine (zumindest in Deutschland) haben Modern Expressing Machines of Revolutionary Youth besonders wegen diesem Mix zwischen Metal und EBM/Industrial kritisiert. Das Album ist in Deutschland als EBM-Projekt promotet worden, scheint aber nicht so recht in diese Kategorie zu passen, weil es eher klingt wie ein experimentelles Metal Album. Was denkst du über diese Kritik?
Der Großteil der Kritiken, die wir bekommen haben (aus Deutschland und von überall sonst her) war positiv. Ich persönlich denke, dass das Album genauso ein Elektro/Industrial-Album ist wie ein Metal-Album. Übrigens war Metal nicht im Original-Mix. Die früheren Stücke, die ich komponierte, hatten fast keine Gitarren. Ich denke an dieses Album auch nicht als experimentelles Metal Album. Mein Hintergrund war Elektro/Industrial/EBM und ich denke, das Album zeigt genau das, mit ein paar gesampelten Powerchords und geschriener Stimme dazu. Viele gute EBM-Bands sind aus Deutschland und vielleicht sind die Deutschen deshalb etwas puristischer, aber ich denke, es ist wirklich Zeit, weiter zu gehen. Die Krupps waren eine der besten Elektro-Metal-Bands und sie waren Deutsche und sie haben das viel länger gemacht als wir, also weiß ich nicht, warum einige Deutsche sich immer noch an eine Vergangenheit von puristischem EBM klammern. Wir leben in einer Crossover-Ära und zu erwarten, dass Bands noch immer nur in einem Genre bleiben, ist anachronistisch!
Denkt man darüber nach, erscheint der Mix aus Metal und EBM/Industrial auch in den 90ern nicht so alltäglich. Kannst du dich an Reaktionen auf eure Veröffentlichungen in den 90ern erinnern? Weißt du, wie diese Leute reagiert haben, als Modern Expressing Machines of Revolutionary Youth veröffentlicht wurde?
Naja, wir haben das Album nicht in den 90ern veröffentlicht, deshalb passiert das jetzt… Es gab ein paar Songs auf Compilations, die die Leute anscheinend mochten, und wir spielten viel in Süditalien. Offensichtlich verstand uns da unten niemand (oder nur sehr wenige), aber ich glaube – besonders wenn man bedenkt, was wir in der italienischen Szene getan haben – waren wir unserer Zeit etwas voraus und wurden deshalb sowieso nicht immer verstanden. Es gab damals nicht viel von dem, was wir gemacht haben, und in Italien noch weniger.
Für mich ist der Stil von The M.E.M.O.R.Y. Lab sehr individuell und schwer zu beschreiben, wie ich schon gesagt habe. Irgendwie scheint ihr damals Techniken vorweg genommen zu haben (zum Beispiel das Mischen völlig verschiedener Stile, um einen neuen Sound zu kreieren), die heutzutage gerne in den Underground- Industrial- oder EBM-Szenen genutzt werden. Wie fühlst du dich dabei?
Ich fühle mich durch das Statement geschmeichelt. Viele Leute haben das bemerkt und es macht mich stolz. Einige nannten uns Wegbereiter des Genres. Ich wollte immer schon Crossover machen und verschiedene Genres mischen. Das war mein Mantra. Ich freue mich, dass alle Anderen aufgeholt haben. ;-)
Du lebst jetzt in New York und hast mit Stars wie Sting, Joss Stone, Les Paul etc. gearbeitet. Du hast sogar drei Grammys gewonnen. Denkst du, dass deine Arbeit mit The M.E.M.O.R.Y. Lab einen Einfluss auf deine jetzige Arbeit hatte?
Alles beeinflusst dich und du bist die Summe aller deiner Erfahrungen. Ich liebe es immer noch, mir Electronic, Industrial, Ambient, Rock, Metal und viele andere Dinge wie Jazz, Blues, Avantgarde, experimentelle Musik usw. anzuhören. Ich war damals schon Tontechniker, wer ich heute bin ist also einfach nur eine Evolution dessen, der ich damals war, und das ist mehr oder weniger dieselbe Person. Ich bin einfach nur erfahrener, aber ich arbeite noch immer hart und das macht sich bezahlt.
Kannst du beschreiben, wie dieses Projekt deine Arbeit beeinflusst hat?
Wenn ich neue Künstler produziere, tendiere ich dazu, viele elektronische Elemente in meiner Produktion zu benutzen. Das ist wahrscheinlich schon ein Ergebnis meiner vorherigen Erfahrungen in der Welt elektronischer Musik. Außerdem habe ich heute noch ein paar Musikprojekte, die sich stark auf Elektro beziehen. Insgesamt beeinflusst alles, was ich getan habe und tue, alles Andere.
Ich danke dir für das Interview und wünsche dir alles Gute und natürlich viel Glück!
Danke für deine Fragen! Für Updates und Neuigkeiten, seht euch meine Webseiten an.
The M.E.M.O.R.Y. Lab:
Website: http://memorylab.net
MySpace: http://www.myspace.com/thememorylab
Marc Urselli:
Website: http://www.marcurselli.com
MySpace: http://www.myspace.com/marcurselli

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Bilder: The M.E.M.O.R.Y. Lab/Marc Urselli