Interviews Marius, 09.02.2010
Im Gespräch mit Mige von HIM
Seit dem letzten Album Venus Doom sind bei HIM über zwei Jahre vergangen, bevor mit Screamworks: Love in Theory and Practice nun das neue Album erscheint. Wir hatten die erfreuliche Gelegenheit, im Vorfeld der Veröffentlichung und der im März folgenden zwei Deutschland-Konzerte ein ausführliches Gespräch mit Mige von HIM zu führen, um über das neue Album, Unterschiede zum Vorgänger, die Aufnahme-Sessions, die kommenden Konzerte, Schach und andere Dinge zu reden. Viel Spaß bei der Lektüre!
Seit dem letzten Album sind nun über zwei Jahre vergangen. Was bei HIM seit „Venus Doom“ passiert?
Wir haben erstmal sehr intensiv getourt, für ein Jahr oder anderthalb. Danach haben wir uns eine Auszeit genommen. Für etwa vier Monate haben wir uns erst einmal ausgeruht. Danach gingen die Proben los, als gäbe es kein Morgen. Wir haben wirklich hart an den neuen Stücken gearbeitet, die wir jetzt veröffentlichen werden. Das war wirklich toll. Wir mussten das tun, wir wollten wirklich hart an der Musik arbeiten.
Wie würdest du den Prozess beschreiben, in dem das Album entstanden und erschaffen wurde? Was war anders als bei den anderen Alben?
Die Arbeitszeiten. Die waren anders. Man könnte sagen, sie haben nicht den staatlichen Vorgaben entsprochen. Wir haben bis spät in die Nacht viele Stunden gearbeitet. Das war sehr interessant. Das Album war für uns eine methodische und musikalische Revolution, uns so weit zu pushen. Das ist toll, das war das beste, was wir seit Jahren gemacht haben.
Für die Aufnahme und die Abmischung des Album seid ihr in die USA gegangen. Wie war es für euch, in den USA aufzunehmen? Und was war anders, als eine Aufnahme in Finnland?
Der Ort, in Beverly Hills, wo wir uns aufgehalten haben, war in gewisser Weise schrecklich. Ich war erschrocken davon, mir für neun Wochen mit zwei Männern ein Haus teilen zu müssen. Das hat Narben hinterlassen.
Es war toll, weil unser Produzent Matt Squire in Los Angeles sitzt, also in der Gegend. Da es unser erstes Album mit ihm ist, war es gut, dass wir in seiner vertrauten Umgebung sein konnten.
Für mich war ansonsten die Erfahrung mit zwei Männern anstrengend, aber das Ergebnis ist gut, daher beschwer ich mich nicht. Es war das Opfer wert.
Wie war es für euch generell in den USA? Ich denke mal, für euch ist es dort einfacher, einfach auf die Straße zwischen die Menschen zu gehen, als das in eurer Heimat der Fall ist.
Nein, das ist eigentlich überall recht einfach. Wir werden da nicht soviel angesprochen. Das Problem haben wir nicht. Vielleicht haben andere Bands das mehr, die eher ein Teen-Publikum ansprechen. Die Teenager wissen vielleicht nicht, was gut für sie ist und für diejenigen, die sie anhimmeln. Aber ich denke, heutzutage sprechen wir ein erwachseneres Publikum an. Unser Publikum ist normalerweise sehr zivilisiert und freundlich. Daher haben wir dieses Problem nicht. Nicht in Amerika und auch nicht in unserer Heimat.
Kommen wir zum Album zurück… Was man zuerst sieht, ist für gewöhnlich der Name. Warum heißt das Album „Screamworks: Love in Theory and Practice“?
„Screamworks“ spielen eine große Rolle im Gesamten des Albums. Wir wollten die Musik sehr dynamisch gestalten. Sie sollte einen starken Drive haben. Der beste Weg, es dynamisch zu gestalten, ist zu schreien. Damit ist nicht gemeint, stimmlich zu schreien. Vielmehr sollen diejenigen, die es spielen, in ihrem Kopf schreien. Der Schrei ist eine sehr starke Ausdrucksform. Wenn du im Leben etwas erlebst, worauf du nur mit Schreien reagieren kannst: Das ist der Aspekt, des menschlichen Lebens, den wir dieses Mal erforschen wollen.
Wenn man sich den Titel anschaut, sieht man gleich: Liebe ist mal wieder im Titel und auch in den Songnamen vertreten. Denkst du, dass Liebe und Herzschmerz unerschöpfliche Inspirationen sind?
Es bringt dich zum Schreien, mehr als alles in der Welt. Zumindest aus meiner persönlichen Erfahrung – bestimmt gibt es auch Menschen, die bessere Erfahrungen gemacht haben. Aber ich denke, die Worte „Scream“ und „Love“ zu kombinieren, ergibt Sinn. Liebe ist natürlich ein universelles Thema. In unseren Texten ist sie immer gegenwärtig. Sie macht einen Großteil der Emotionen aus. Die Sprache der Liebe ist eine universelle Sprache, die jeder auf seine Weise sprechen kann. Jeder hat eine Meinung dazu und jeder möchte sich, wenn er verliebt ist, auf jemanden verlassen können. Daher ist es immer wieder ein Thema, denke ich.
Wenn du das neue Album mit „Venus Doom“ vergleichst: Wo siehst du Unterschiede auf dem neuen Album? Was ist neu und was ist anders?
„Venus Doom“ war sehr, ich würde nicht sagen depressiv, aber es war sehr… Ich würde sagen schmutzig. Wir sind wirklich auf den Grund von etwas gefallen und so hört es sich auch an. Es war langsam und hatte einen sehr dunklen Unterton drinnen, einen Mangel an Hoffnung. So klang es auf seine Weise ziemlich harsch. Das neue Album ist zwar auch wie „Venus Doom“, aber mit mehr B-Vitaminen und Sonnenschein. Es ist hoffnungsvoller und dynamischer als „Venus Doom“.
Ich würde jetzt gerne über einige ausgewählte Songs des Albums reden… Als erstes über „Heartkiller“, weil es die erste Single ist. Warum habt ihr euch entschieden, den Song als erste Single zu veröffentlichen?
Ich persönlich habe versucht, mich bei der Single-Auswahl rauszuhalten, da ich finde, dass man da voreingenommen ist, wenn man die Stücke selber spielt. Die Stücke sind faszinierender, wenn man selbst involviert ist. Da finde ich es besser, jemand anderen entscheiden zu lassen, was eine gute Single darstellt. Ich weiß gar nicht, wer es diesmal entschieden hat. Vielleicht war es Ville, vielleicht auch die Plattenfirma. Aber ich versuche, meine Meinung für mich zu behalten, weil ich nicht den Song auswählen möchte, der dann das Album repräsentiert.
„Heartkiller“ hätte auch meine Entscheidung sein können, aber ich versuche, darüber nicht nachzudenken. Es ist ein toller Song, der das Album gut beschreibt und ich denke, er kann auch Leute erreichen, sogar, wenn sie uns noch nicht einmal kennen, weil es ein schöner geradliniger Song ist, der nach vorne geht. Aber da gibt es auch andere von auf dem Album. Mal schauen, ob wir es managen können, eine weitere Single zu veröffentlichen. Das wird interessant.
Ein anderer Song ist der Opener „In Venere Veritas“. Worum geht es in dem Song?
Nun, das Stück hat einen lateinischen Titel, daher weiß ich nicht wirklich genau, was er heißt. (lacht) Es geht um kleine Engel und es geht auch um Leichensäcke. Das ist eine perverse Kombination. Ich denke, es geht um diese kleinen Engel, die am Ende ebenfalls sterben müssen. Sie bringen die Menschen dazu, sich zu verlieben. Die Engel müssen dann aber sterben, daher muss die Liebe sterben und Du musst die Liebe gehen lassen. Wie das manchmal so ist in bestimmten Lebenssituationen. Die Liebe stirbt, du musst sie gehen lassen und sie in einem Leichensack vergraben. Dann bist du eine Weile wirklich traurig und dann muss es weitergehen.
So sehe ich das. Allerdings: Ich schreibe die Texte nicht, daher kann ich sie nicht repräsentieren. Aber so sehe ich das. Das ist ja auch das Schöne an Texten: Jeder kann sie so sehen, wie er sie sehen möchte. Ich kann aber natürlich nur meine Interpretation wiedergeben, da ich sie nicht geschrieben habe.
Ich würde zudem gerne über „Katherine Wheel“ reden. Um wen geht es in „Katherine Wheel“?
Damit ist ein Folterinstrument aus mittelalterlichen Zeiten gemeint, das Richtrad. Eine sehr simple Einrichtung, Daher kommt der Titel. Ich denke, das Hauptthema des Songs handelt davon. Wenn du dich drehst und drehst und drehst, siehst du vielleicht irgendwann Gott. Ich denke, die Hauptidee ist, dass du dich immer weiter drehst und wenn du davon verwirrt genug bist, bekommst du von der Verwirrung, dem Drehen und dem Schmerz eventuell irgendwann die Erleuchtung und erfährst Geheimnisse. Das ist eine Theorie – aber sie fasziniert mich.
Wenn wir das Album wieder als Gesamtes betrachten: Wie sehen eure Erwartungen mit dem Album aus? Gibt es Ziele, die ihr erreichen möchtet?
Es ist natürlich toll, wenn die Menschen das Album mögen. Wir haben viel Mühe in das Album gesteckt und es wäre natürlich toll, wenn wir davon etwas zurückerhalten. Das wichtigste für mich allerdings habe ich schon erreicht. Ich wollte, dass es wirklich ein Super-Album wird. Wir haben die Songs so oft gedreht und gewendet, sie analysiert, verschiedene Versionen gemacht, dies und das probiert, was man mit dem Songskelett machen kann. Das haben wir getan und das macht mich sehr zufrieden. Daher habe ich gewissermaßen schon erreicht, was ich wollte. Natürlich wäre es toll, wenn das Album gut angenommen würde. Es war uns wichtig, wirklich zu schwitzen für das Album.
Eine andere Sache ist: Als ich die Album-Info gelesen hab, las ich, dass von 80er-Einflüssen wie Depeche Mode und A-ha die Rede ist. Wie siehst du diese Einflüsse auf dem Album realisiert?
Vor allem in der Welt der Synthesizer. Die Synthesizer sind sehr gut genutzt auf dem Album. Sie sind sehr organisch. Was sie in den 80ern gemacht haben, waren sehr artifizielle Klänge. Sie klangen nicht wirklich wie Synthesizer oder wie Pianos, sondern wie Orchester, wie Elektrizität. Natürlich waren sie da, aber nicht so offensichtlich. Aber die Synthesizer sind der offensichtlichste 80er-Einfluss auf dem Album und wir haben diesmal mehr elektrische Klänge drin. Das ist sehr zufrieden stellend. Ich bin mit Computerspielen aufgewachsen und liebe die dazugehörigen Soundtracks. Das ist sozusagen auch ein Einfluss.
Ihr werdet dann auch auf Tour gehen. Ich habe gesehen, dass in Deutschland nur zwei Konzerte anstehen. Wird es später im Jahr noch weitere Deutschland-Konzerte geben? Oder warum sind es nur zwei Auftritte?
Der Plan ist, dass wir natürlich auch Festivals spielen und im Herbst dann in Europa wieder auf Tour gehen. Wir hätten gerne mehr gespielt, aber wir haben die Möglichkeit, in Australien zu spielen. Dort ist ein langes Festival, nachdem wir unser Album veröffentlicht haben. Das ist eine gute Gelegenheit für uns, nach Australien zu reisen und dort zu spielen. Das hat es unmöglich gemacht, die Europa- und Amerika-Touren damit zu vereinen. Daher sind es nur zwei Konzerte in Deutschland. Logistische Probleme also. Aber ich bin gespannt, wie groß das Interesse an uns überhaupt noch ist, uns zu sehen. So ist der Plan. Wir werden im Herbst intensiver in Europa auf Tour gehen.
Zudem werdet ihr eine MySpace Secret Show spielen, wie ich gesehen habe…
Ja. Das Lustige daran ist, dass ich überhaupt kein MySpace-Profil habe. Ich weiß gar nicht genau, worum es bei MySpace geht. Aber Gas, unser Schlagzeuger, hat eine sehr ausgedehnte MySpace-Community, das ist fantastisch. Ich bin mir sicher, dass das eine wunderbare Sache ist, um mit Menschen und der Welt in Kontakt zu treten, aber ich bin da nicht mit vertraut.
Die nächste Frage klingt jetzt vielleicht seltsam, aber: Wenn ihr auf Tour seid, spielt ihr da auch Schach? Oder spielt ihr nur Schach, wenn ihr in Mannheim seid?
(lacht) Wir sind alle Mitglieder von einem Team namens „Chaos Mannheim“. Das ist eine tolle Sache für uns, sie haben tolle Spieler. Das ist eine gute Gelegenheit, Schach mit Leuten zu spielen, die ein Rating von 2000 oder so haben. Und es sind lustige Leute, es macht wirklich Spaß. Sie haben ungefähr jeden Sonntag Schach-Events. Wir gehen da gerne hin, um zu spielen und zu trinken. Wenn du Schach spielst und trinkst, ist das eine heitere Angelegenheit, da es sich gegenseitig bedingt: Je mehr du trinkst, desto schlechter spielst du Schach. Ich bin kein so guter Trinker, nach rund elf Bier habe ich keine Chance mehr, gegen einen guten Schachspieler zu gewinnen. Aber es macht Spaß. Es ist schön bei den Leuten in Mannheim.
Sind da in naher Zukunft Dinge geplant, die den Schach-Club betreffen?
Ich weiß es nicht. Lass uns abwarten, was die Zukunft bringt. Ich kenne den Tourplan für den Herbst noch nicht. Aber wenn wir in Mannheim sind… Einmal sind wir auch nur für ein Turnier dorthin gefahren und Burton hat unentschieden gegen einen ehemaligen Weltmeister gespielt. Das war ziemlich beeindruckend. Manchmal spielt man bei den Veranstaltungen gegen berühmte Schachspieler.
Das waren dann fast alle meine Fragen. Am Ende würde ich einfach gerne wissen: Wir haben nun über die CD und die Tour gesprochen… Gibt es schon Pläne für das, was nach Tour und Album kommt?
Nein, nicht wirklich. Wir haben nicht so weit gedacht. Wir wollten das Album machen, als gäbe es kein Morgen, daher haben wir danach nichts geplant. Wir wollten mit der Mentalität rangehen, es zu machen, als sei es das letzte Album. Natürlich haben wir dennoch nicht geplant, aufzuhören. Sehen wir also, was danach passiert.
Das war’s. Danke für all die Antworten!
Danke! Hat Spaß gemacht!
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Homepage: www.heartagram.com
MySpace: www.myspace.com/heartagram

Interview: Marius Meyer
Bilder: Jarmo Katila (1, 2, 6), Warner Media Group (3, 4, 5)