Im Oktober dieses Jahres veröffentlichte die aus Halle stammende Gruppe Neun Welten mit Vergessene Pfade ihr Albumdebüt. Wo das Album nun einige Zeit erhältlich ist, war dies eine gute Gelegenheit, einmal einige Fragen an Neun Welten zu stellen. Im Interview stellte Meinolf von Neun Welten die Gruppe vor und erzählte vieles zum Album, dessen Einflüsse, dessen Entstehen und was es von Neun Welten in nächster Zeit zu erwarten gibt. Viel Spaß bei der Lektüre der hoffentlich interessanten Antworten!

Frage: Bevor es um Euer Album gehen soll, erst einmal ein paar Standardfragen zum Einstieg… Stellt Euch doch erstmal ein wenig vor!

Wir sind fünf Musiker und kamen vor Neun Welten aus unterschiedlichen Ecken. David (Cello/Gitarre), Marten (Schlagzeug) und ich (Gitarre) spielten zuvor in der Black Metal Band „Insomnia Astrorum“, während Anja (Flöte/Klarinette) in verschiedenen Mittelalterbands spielte und wie Aline (Violine) über Orchestererfahrung verfügt.

Frage: Erklärt doch einmal den Bandnamen Neun Welten!

Der Name Neun Welten bezieht sich auf die Kosmologie der nordischen Mythologie, in der es neun verschiedene Welten gibt, in denen die unterschiedlichsten Wesen leben und Zustände herrschen. Wir interessieren uns sehr für die nordische Mythologie und die Geschichte der Germanen und versuchen die Geschichten und Sagen mit in unsere Musik aufzunehmen, da wir viel Naturmystik darin finden können.

Frage: Wie kam es zu Eurer Band? Wie habt Ihr zusammen gefunden und wie würdet Ihr die bisherige Bandgeschichte charakterisieren?

Wir haben uns 2001 nach einem Wochenende im Thüringer Wald gegründet, mit dem Ziel, unser Naturgefühl musikalisch umzusetzen. Wir waren damals noch zu dritt, wobei nur noch Marten und ich weiterhin bei Neun Welten blieben. Nach und nach kamen (und gingen) weitere Musiker und seit 2003 spielen wir in einer festen Formation. Es gehört natürlich immer Glück dazu, die richtigen Musiker zu finden, mit denen man seine Ideen und auch Interessen teilen kann, also auch menschlich miteinander klarkommt. Dann gehört natürlich auch Glück dazu, dass wir einen Plattenvertrag bekamen, oder ist das alles Schicksal…???

Frage: Wie würdet Ihr Eure Musik selber beschreiben, um einem Interessierten, der Euren Namen und Eure Musik noch nie gehört hat, zu erklären, wie Ihr Euch anhört?

Wir spielen naturmystischen Folk, der sich an den melancholischen, gefühlvollen Melodien der nordischen Folklore orientiert. Unsere Musik regt zum Träumen an, versetzt den Hörer in Phantasiewelten und weckt in ihm Naturerlebnisse und -gefühle. Unterstützt werden die Melodien von einem Schlagzeug, das die jeweiligen Stimmungen von schleppenden, ruhigen bis zu dynamisch treibenden Parts untermalt.

Frage: Gibt es Vorbilder, Inspirationen und Einflüsse, die Ihr für Euer musikalisches Schaffen nennen könnt?

Deren gibt es viele und sie gehen unter uns unterschiedlich auseinander. Die wichtigsten Werke für mich beziehungsweise für die Idee für Neun Welten sind Ulvers „Kveldssanger“ und Tenhis „Kauan“.

Frage: Kommen wir nun einmal zu dem Album „Vergessene Pfade“ … Wie kam es zu diesem Albumtitel?

Wir wollten mit diesem Album auch eine Aussage treffen beziehungsweise eine Botschaft vermitteln. Der Name „Vergessene Pfade“ lässt aber, wie auch unsere Musik, dem Hörer die Freiheit, sich selbst Gedanken zu machen und eine Deutung zu finden und passt deshalb sehr gut zu diesem Album. Es ist auch interessant zu erfahren, dass manche Deutungen dabei mit unserer übereinstimmen, aber auch vollkommen auseinander gehen.

Frage: Wenn man sich die Informationen zu Eurem Album so durchliest, begegnet einem immer wieder die Thematik der Naturstimmungen in einer Form, dass diese dem Hörer sozusagen evoziert werden sollen. Inwieweit seht Ihr da eine Gefahr, dass die Musik funktionalisiert werden könnte und somit die Musik selbst in den Hintergrund geraten könnte?

Die Musik ist das Mittel, Stimmungen und Gefühle auszudrücken, in unserem Fall eben auf die Natur bezogen. Die Informationen beruhen auf unseren Gründen, diese Musik zu kreieren, sie sind aber kein Dogma. Jeder kann selbst entscheiden, wie er/sie unsere Musik empfindet.

Frage: Welche Themen werden neben den Naturstimmungen noch auf Eurem Debüt behandelt?

„Svartalfheim“ und „Jötunheim“ sind nach einer der neun Welten benannt und beinhalten unsere Erfahrungen und unsere Sichtweise über diese Welten und die nordische Mythologie. Der Text von „Svartalfheim“ ist der Edda entlehnt und handelt in erster Linie von der Entstehung des Universums beziehungsweise der Welten. Er geht dann aber verstärkt auf die Dunkelalben oder auch Zwerge ein und beleuchtet ihre Entstehung und ihre Rolle in der nordischen Mythologie.
Vor ein paar Jahren waren wir in Norwegen unterwegs und sind auch in dem alpinen Gebirge Jötunheim ein paar Tage wandern gewesen. Wir waren beeindruckt von den riesigen, schroffen Felsen, den windgepeitschten Tälern, den eisigen Gletschern und der Menschenleere. Wir konnten uns gut vorstellen, dass die Menschen sich gerade im Winter den Wohnsitz der Frostriesen in diesem Gebirge vorstellten oder gar die Berge die Riesen darstellen. Wir waren allerdings Ende August dort und somit herrschte auch hier noch eine etwas sommerliche Atmosphäre, die wir in das Lied mit einbrachten. Man findet deshalb das Lied im Kapitel „Sonnwend“ wieder.

Frage: Gibt es eine Philosophie, die hinter „Vergessene Pfade“ steht?

Es handelt sich um Pfade, die seit unbestimmter Zeit nicht mehr beschritten wurden, die längst in Vergessenheit geraten sind. Es geht dabei nicht nur um bloße Pfade, wie man sie in der Natur findet, sie stehen vor allem für den Bezug des Menschen zur Natur. In unserer schnelllebigen und schnellentwickelnden Welt, in der Naturgefühle nur flüchtig zum körperlichen und geistigen Ausgleich gesucht werden, fehlt oft ein wahrer und ursprünglicher Bezug. Das sind die vergessenen Pfade, auf denen die Menschen einst wandelten und im Einklang mit der Natur lebten.

Frage: Was schnell auffällt, wenn man sich „Vergessene Pfade“ anhört, ist der sehr spärliche Einsatz des Gesangs. Wie kommt es, dass Ihr zu weiten Strecken darauf verzichtet und somit sehr instrumental agiert?

Reine Instrumentalmusik ist freier und neutraler und lässt dem Zuhörer mehr Raum zum Träumen. Das ist uns sehr wichtig zu vermitteln, da am besten jeder in unserer Musik versinken und sich wiederfinden soll und wir eben diesen Freiraum lassen wollen. Bei „Svartalfheim“ und „Heidenacht“, den einzigen Liedern mit Gesang, bewirkt dieser, beziehungsweise das Geflüster, die jeweilige beabsichtigte Stimmung und so nehmen wir dem Hörer absichtlich die Freiheit, um ihn direkt zu leiten.

Frage: Ein Vorwurf, der immer wieder begegnet, ist der des fehlenden Tiefgangs in Eurer Musik – bedingt durch den wenigen Gesang. Wie bewertet Ihr diese Aussage und wie bezieht Ihr dazu Stellung?

Für diejenigen, die sich in unserer Musik wiederfinden beziehungsweise die darin versinken können, denen fehlt wahrscheinlich nicht die Tiefe in unserer Musik. Es ist aber doch ganz normal, dass nicht jeder etwas mit unserer Musik anfangen kann beziehungsweise jeder diese so versteht. Das geht uns ja auch so, wir können nun mal nicht in jeder Musik Tiefe entdecken, ob sie nun mit oder ohne Gesang ist. Ich denke auch nicht, dass Gesang notwendig ist, um Tiefe in einer Musik hervorzurufen. Gesang ist nur eins von vielen Mitteln, um Musik zu machen beziehungsweise um eine bestimmte Stimmung und damit auch Tiefe zu kreieren.

Frage: Ein Name, der in Zusammenhang mit Euch auch genannt wird, ist Empyrium. Wie steht Ihr zu dem Vorwurf, ihr würdet einen Abklatsch Empyriums darstellen? Und wie ist Eure Meinung zu Empyrium allgemein?

Diesen Vorwurf haben wir noch nie gehört und können ihn auch nicht nachvollziehen, da unsere Musik doch eher folkiger erscheint als Empyriums Lieder. Wir sind große Fans von Markus Arbeiten zu Empyrium, gerade die „Where at Night the Wood Grouse plays“ und die „Weiland“ sind beeindruckende Werke und haben uns mit Sicherheit auch inspiriert, aber wir versuchen eben auf unsere Art naturmystischen Folk zu machen. Dass dabei manche Lieder an Empyrium erinnern ist doch ganz natürlich, wenn man ungefähr denselben Musikstil und ähnliche Instrumentierung verwendet. Es gibt in jedem Genre Bands, die sich ähneln, aber wir können versichern, dass Markus völlig freiwillig im Bandraum angekettet ist und sich immer wieder freut, wenn wir seine für uns geschriebenen Lieder unter unserer Fahne veröffentlichen. (grinsend)

Frage: Euer Album schließt mit einer Live-Aufnahme, was relativ ungewöhnlich ist. Wie kam es zu der Entscheidung, diese Live-Aufnahme mit auf das Album zu nehmen?

Für das Album wollten wir noch ein „authentisches“ Lied aufnehmen, das heißt ein Lied, was unverstärkt in der Natur aufgenommen wird und durch ein Lagerfeuer eben die Atmosphäre widerspiegelt, wie wir sie oft finden, wenn wir in der Natur unterwegs sind. So haben wir uns im Wald getroffen, ein Lagerfeuer gemacht und das ganze dann mit einem portabeln Dat-Rekorder mitgeschnitten. Außerdem hat ein Freund von uns gefilmt. Das Video werden wir bald auf unsere Homepage stellen.

Frage: Da das Album nun bereits einige Wochen draußen ist… Wie war bisher die Resonanz darauf? Seid Ihr mit dem, was das Album bisher erreicht hat, zufrieden? Gab es ein selbst gestecktes Ziel, das Ihr erreicht habt oder nicht?

Das Album kommt im Durchschnitt sehr gut an. Viele unterschiedliche Magazine, Foren und Vertriebe weltweit haben bisher Interesse gezeigt und schöne Rezensionen geschrieben. Das ist natürlich eine wunderschöne Resonanz, die uns bestärkt, so weiterzumachen und wir können darauf auch ein wenig stolz sein. Unser selbst gestecktes Ziel, mehr live spielen zu können, ist immer noch aktuell, welches wir hoffentlich durch die erhöhte öffentliche Wahrnehmung unseres neuen Albums umsetzen zu können. Nahezu reine Instrumentalmusik als unbekannte Band zu spielen, macht es vielen Veranstaltern und Agenturen schwer, uns zu buchen. Wir hoffen, dass sich das ändern wird. Aber unser Konzert beim 10jährigen Prophecygeburtstag (unter anderem mit Dornenreich, KLIMT1918, Secrets of the Moon) und die durchweg positive Resonanz darauf haben uns bestärkt, unsere Musik so wie sie ist, auf der Bühne zu präsentieren, um auch anderen zu zeigen, wie viel Kraft und Anmut in ihr, auch live, liegen kann.

Frage: Gehen wir nun wieder weg von „Vergessene Pfade“ und kommen zu einem anderen Thema: Ihr wart auf der 4 CD-Zusammenstellung vertreten, die im Rahmen von „Looking for Europe“ erschien. Wie kam es zu Eurer Teilnahme an dieser Zusammenstellung?

Da diese Veröffentlichung unter der Federführung von unserem Label Prophecy entstand, hat man sich wohl im Entstehungsprozess auch für ein Neun Welten Lied entschieden, da wir musikalisch gut in das Konzept gepasst haben beziehungsweise passen.

Frage: Wie bewertet Ihr allgemein die Intention hinter „Looking for Europe“ (vor allem auf das Buch bezogen)?

Um ehrlich zu sein, haben wir das Buch noch gar nicht in den Händen gehabt. Trotz alledem ist der Ansatz, Dunkel ins Licht der nebligen Dark-Folk/Neofolk Geschichte zu bringen, sehr interessant.

Frage: Ihr werdet allgemein in den musikalischen Großraum Neofolk eingeordnet. Gefällt Euch diese Einordnung? Wie seht Ihr allgemein diese Genre-Thematik? In meinen Augen birgt das gelegentlich die Gefahr, dass die Musik vorschnell in eine Schublade gesteckt wird, wodurch die Musik unter Umständen reduziert wird, so dass einige Aspekte verloren gehen könnten…

Wir denken eigentlich nicht, dass wir, wenn man in Schubladen denken will, in die des Neofolk gehören. Dieses Thema zu diskutieren ist jedoch müßig, da wir nicht in Kategorien denken oder unsere Musik schreiben, sondern die Musik aufgrund von Gefühlen und Bildern, die wir umsetzen wollen, entsteht. Manchmal sehen wir natürlich, dass Leute, die Neofolk erwarten und uns hören enttäuscht sind, wenn wir nicht wie manche der doch manchmal recht martialisch anmutenden Bands klingen, die sich auch (gewollt oder ungewollt) in dieser Schublade befinden. Jeder soll selbst entscheiden, ob er uns zu seinen Socken oder den Kapuzenpullis tun möchte. Generell halten wir uns für eine recht folkige Band, haben kaum Gesang, setzen zum Teil sehr komplexe, vielstimmige Melodiebögen ein und soweit ich Neofolkbands kenne (das sind aber auch nicht viele), passen wir schon allein deswegen nicht in diese Musikschublade. Gefahr, reduziert zu werden, würde bedeuten, dass Neofolkbands musikalisch keinen Tiefgang haben, und das kann ich wirklich nicht beurteilen.

Frage: Abschließend noch einmal zurück zu allgemeineren Dingen… Wie stellt Ihr Euch den weiteren Weg von Neun Welten vor? Gibt es irgendwelche Pläne für die nahe und ferne Zukunft, die Ihr bereits nennen könnt?

Wir komponieren weiterhin neue Lieder für kommende Alben und lassen alles Weitere auf uns zukommen. Die Nornen werden entscheiden.

Frage: Ist eine Live-Umsetzung von „Vergessene Pfade“ geplant? Gibt es da irgendetwas, was in der Hinsicht schon spruchreif wäre?

Wir spielen unter anderem einige Lieder bereits bei Auftritten, jedoch sind nicht alle Titel auf dem Album live-tauglich. Diese Lieder dafür extra umarrangieren würde das jeweilige Lied zu stark verändern und dann eben nicht mehr das Lied sein, das es ist. Jedenfalls funktioniert es bei manchen Liedern nicht, weshalb wir sie dann nicht live spielen. Wir haben noch genug andere Lieder, die wir konzeptionell für den jeweiligen Auftritt aussuchen. Wir haben im Januar und Februar als Support von Dornenreich zwei Auftritte (Österreich und Schweiz) und da wir dann wahrscheinlich nicht länger als eine halbe bis dreiviertel Stunde spielen werden, nehmen wir nur Titel von „Vergessene Pfade“ ins Programm. Zum Thema Auftritte, können wir nur noch mal sagen, dass wir gerne auf der Bühne stehen, um die Zuhörer mitzunehmen auf eine Reise durch das musikalische Universum der Neun Welten. Wir sind immer offen für Auftrittsangbote beziehungsweise sind weiterhin auf der Suche nach einer Bookingagentur oder jemanden, der/die die Organisation dieser Dinge übernehmen würde.

Frage: Vielen Dank für die Antworten! Nun der klassische Abschluss… Gibt es irgendetwas bisher nicht Gefragtes, das Ihr gerne ergänzen möchtet?

Der Dank geht zurück für Dein Interesse an uns und unserer Musik!

…auf ewig wald…

Homepage der Band: www.neunwelten.com
Neun Welten bei MySpace: www.myspace.com/neunwelten

Interview: Marius Meyer
Bilder: PR