Das war ein langer Weg: Von diversen gewonnenen Band-Contests aus zur Tour mit Juli, es folgten weitere Touren als Support-Act unter anderem mit Bands wie Ich+Ich, bis dann nach den Vorab-Singles Fahrrad und Monster am 22. August 2008 das Album Leben passiert das Licht der Welt und der Plattenläden erblickte. Über dieses Album, den Weg dorthin, die Arbeit auf einem Major-Label, ihre Freundschaft zu Paulsrekorder und viele andere Themen gab Sänger Lukas Pizon ausführlich Antworten im nun hier vorliegenden Interview.

Ihr seid ja noch eine sehr junge Band, viele kennen euch vielleicht noch nicht. Deshalb stellt doch erstmal euch und eure Musik ein wenig vor…

Wir sind Radiopilot aus Berlin. Zwei Gitarren, Klavier und Synthies, Bass, Schlagzeug und viel Gesang. Uns gibt es seit 2005. Radiopilot macht deutschsprachige Popmusik.

Was schnell ins Auge springt ist immer gleich der Name. Warum Radiopilot?

Das ist immer die unbeliebteste Frage, die man einer Band stellen kann (lacht). Einen Bandnamen zu finden, ist keine einfache Sache. Es gibt so viele Bands und bereits genutzte Namen auf der Welt, dass die Suche nach dem richtigen immer schwieriger wird. Eine Band wie Coldplay fragt man heute sicherlich nicht mehr, warum sie eigentlich Coldplay heißt. Und wenn man das früher getan hätte, hätten sie vermutlich gesagt, dass man sich ihre Platte anhören oder eines ihrer Konzerte besuchen soll und dadurch mit Sicherheit eine Antwort darauf erhält. Radiopilot ist ein frei erfundener Begriff, den wir nun mit Sinn und Bedeutung zu füllen versuchen. Wenn unsere Mission erfolgreich ist, dann wird diese Frage irgendwann einfach wegfallen.

Ihr habt jetzt, statt auf einem kleinen Label anzufangen, direkt bei SonyBMG unterschrieben. Wie kam es da so schnell zu dem Vertrag?

Wir haben seit 2005 neben kleineren Club-Konzerten viele regionale und bundesweite Band-Wettbewerbe gespielt und gewonnen. Es ist vielleicht nicht einer der coolsten Wege, um auf sich aufmerksam zu machen, aber wir wollten uns von Anfang an einem fremden Publikum stellen, um uns selber und unsere Musik auszuprobieren. Mir persönlich hätte es nichts gebracht, alle halbe Jahre vor Freunden und Verwandten im JuZe um die Ecke zu spielen. Ende 2006 gewannen wir den John Lennon Talent Award, als uns bei einer der finalen Shows Joachim Braun – seines Zeichens A&R bei SonyBMG – gesehen und angesprochen hat. Nach weiteren Gesprächen mit A&Rs andere Firmen entschieden wir, unseren weiteren Weg gemeinsam mit SonyBMG zu bestreiten.

Was ich von euch gelesen habe ist, dass ihr meint, gerade durch den Major-Vertrag viel mehr Freiheiten zu haben, was ja ziemlich dem widerspricht, was sich viele unter einem Major vorstellen. Wie würdet ihr diese Freiheit beschreiben?

Die Definition von Freiheit im Musikbusiness hängt meiner Meinung nach immer davon ab, welche Musik man macht und welches Ziel man mit ihr verfolgt. Wir sind eine Band, die im weitesten Sinne mainstreamige Popmusik schreibt. Aus diesem Grund sahen wir unsere Freiheit mit der Entscheidung, zu einem Major zu gehen, nicht gefährdet. Im Gegenteil, ich glaube, dass wir mit dieser Entscheidung unsere Freiheit maximiert und unsere Chancen erhöht haben. Wir machen schließlich die Musik, die wir machen wollen und werden zu nichts gezwungen. Um dem verstaubten Major-Vorurteil Paroli zu bieten, kann ich nur aus eigener Erfahrung sagen, dass uns bis jetzt keiner versucht hat, reinzureden oder uns zu verbiegen.

Ich würde dann gerne näher zum Album kommen. Erstmal zum Entstehungsprozess. Wie würdet ihr denn den Entstehungsprozess beschreiben, der dann im Endeffekt zu „Leben passiert“ geführt hat?

Alle Songs des Albums, bis auf einige Ausnahmen, wurden in den Jahren 2005 bis 2006 geschrieben und von uns selbst relativ aufwändig vorproduziert. Im Mai 2007 lernten wir unseren Wunschproduzenten – O.L.A.F. Opal – kennen und beschlossen nach einer erfolgreichen Probe-Session, mit ihm zusammen die ganze Platte aufzunehmen. Olaf bestand jedoch darauf, dies in Bochum zu tun, so dass sich unser Lebensmittelpunkt für knappe drei Monate (August – Oktober 2007) nach Bochum-Langendreer verlagerte, was uns aber ziemlich gut tat. Uns allen hat es geholfen, aus unserer gewohnten Umgebung herauszukommen, um sich an einem neuen Ort auf die Arbeit an so einem Album zu konzentrieren.

Was beim Album natürlich auch gleich auffällt, ist der Titel. Warum eigentlich „Leben passiert“?

John Lennon hat mal gesagt: „Leben ist das, was passiert, während du dabei bist, andere Pläne zu schmieden.“ Das trifft ziemlich exakt auf uns und die Band zu. Wir waren alle drauf und dran, ganz andere, eher unmusikalische, Lebenswege einzuschlagen. Doch völlig unerwartet ist uns dann die Band passiert.

Wenn man den Ausführungen auf eurer MySpace-Seite folgt, dann hat die Musik für euch eine wichtige Ventil-Funktion. Dabei ist das Album vielleicht nicht gerade so das aggressivste, was der Markt zu bieten hat. Wie würdet ihr diese Ventil-Funktion beschreiben und wie steht sie in Bezug zu der Musik auf dem Album?

Das mit der Ventil-Funktion kommt aus einem Zitat, das ich mal irgendwo von mir gegeben habe, zusammen mit dem „sonst würden wir immer noch auf der Straße sein und Leute vermöbeln“. Eh ich mich versah, wurde es als gut befunden, weil es polarisiert und deswegen in die Band-Info eingepflegt. Wie man sieht, sind wir ja auch wieder drauf zu sprechen gekommen…

…hat sich gehalten, ja…

…ich bin der Meinung, dass jegliche Form von Kreativität – vor allem bei mir, was Songs Schreiben angeht – aus der Melancholie und Wut entsteht. Ich kann nur Songs schreiben, wenn ich traurig, niedergeschlagen oder wütend bin. Daher umschreibt dieses Zitat ganz gut, bestimmt auf eine etwas polarisierende Art und Weise, warum Songs Schreiben für mich ein Ventil ist. Im Bezug auf unsere Musik heißt das noch lange nicht, dass diese besonders aggressiv, laut und böse sein muss. Mann muss ja keine Haudrauf-Musik machen, um innere Notstände auszudrücken.

Im selben Text stand auch noch: „Die Leute sollen ruhig ratlos zurückbleiben.“ Inwiefern wollt ihr die Leute mit dem Album ratlos machen?

Stand das wirklich im Zusammenhang mit dem Album oder eher mit der gesamten Band?

Es war schon mit der gesamten Band, aber das ist ja in der Musik dann auch gewissermaßen realisiert…

Ja und nein. Es geht eher um die gesamte Sache „Radiopilot“. Wir polarisieren furchtbar gerne und mögen es, wenn Sachen auf den ersten Blick nicht ganz zusammenpassen. Wir drehen irgendwelche abgefahrenen Videos, die auch nicht immer zur eher „Ernsten“ des Albums passen. Da werden wir bei YouTube gern mal gefragt, ob wir eigentlich eine Videoproduktionsfirma sind. Allein wenn wir behaupten, Radiopilot sei Pop, verstehen es die Leute meistens nicht, denn sie verbinden den Begriff Pop mit Plastik-Produkten wie Britney Spears oder US 5. Wir aber meinen mit Pop die Beatles, Oasis, Blur.

Als zeitnahe Single hattet ihr euch für „Monster“ entschieden. Warum fiel die Wahl auf den Titel?

Nun ja, im weitesten Sinne ist es ein Pop-Song, der auch thematisch gut zu „Leben passiert“ passt. Man sollte den inneren Schweinehund überwinden, um etwas in seinem Leben zustande zu kriegen. Musikalisch ist es nicht unbedingt Gitarren-Pop, aber auch kein Elektro-Pop. Es ist irgendwie ein eigener stilistischer Spagat, der irgendwo dazwischen liegt und ganz gut die Marschrichtung auf „Leben Passiert“ repräsentiert.

Ihr habt dazu ja auch ein Video gedreht, in dem man teilweise ziemlich seltsame Gestalten und Szenen sieht. Welche Idee steckt dahinter, was soll es aussagen?

Die Idee, die dahinter steckt, ist die, dass Leute sich gerne verkleiden, um ihr wahres Ich zu verstecken. Erst wenn sie verkleidet sind, fühlen sie sich sicher und können ihr wahres Ich ausleben.

Vor ein paar Monaten gab es ja schon das Video zu „Fahrrad“…

Es war eigentlich keine richtige Single. Der Song wurde für die Leute veröffentlicht, die uns schon seit längerem begleiten, um ihnen die Wartezeit auf die richtige Single und das Album zu verkürzen.

Da war mir die Zeile „Musik wird Polycarbonat“ immer sehr ins Auge, bzw. ins Ohr, gesprungen. Was soll die Aussagen, in welcher Verbindung steht die zum Gesamtsong?

Polycarbonat ist der korrekte chemische Terminus für den Stoff, aus dem CDs hergestellt werden. Was das auf den Song gemünzt eigentlich bedeutet…? Um ehrlich zu sein, ist mir die Verbindung zum Gesamtsong nicht mehr ganz klar.

Welche Rolle hat für euch allgemein das Fahrrad? Ich frag jetzt, da ihr ja nicht nur den Song habt, sondern sogar schon Interviews auf dem Fahrrad gegeben habt…

Jeder von uns fährt gern Fahrrad. Man kommt damit ja ganz gut durch die Stadt. Aber das Fahrrad ist jetzt kein glorifiziertes Vehikel von uns. Wir fahren auch gerne Auto, so wie jetzt gerade.

Ein weiterer Titel, der mir auf dem Album auffiel, war „Tokyo:Berlin“. Beruht er auf einer wahren Geschichte? Worum geht’s darin?

In dem Song geht es um eine Fernbeziehung, in der das Mädchen eigentlich aus München kam. Da München in einem Pop-Song irgendwie blöd geklungen hätte, haben wir aus München Tokyo gemacht und fanden das plötzlich viel interessanter.

Ähnliches hatte ich mich auch bei „Sterne heut Nacht“ gefragt… Inwieweit ist der Song autobiographisch?

Ja, er ist sicherlich auch autobiographisch, aber nicht so sehr wie „Tokyo:Berlin“.

Wenn man das jetzt allgemein betrachtet: Inwieweit ist eure Musik autobiographisch und wovon ist die Musik sonst noch inspiriert?

Es ist unser alltägliches Leben, das uns beide – Rafael und mich – dazu zwingt, Songs zu schreiben, daher auch die Aussage mit dem Ventil. Ich denke, das Album ist sehr ich-bezogen und wir beschreiben da eine Welt, so wie wir sie sehen und Geschichten, die wir erlebt haben.

Wenn ihr das Album mal gesamt betrachtet: Habt ihr für das Debüt-Album irgendwelche Erwartungen? Was wollt ihr erreichen? Und auch: Wen?

Keine Ahnung. Ich weiß nur, wenn man das erste Mal auf einer Bühne gestanden hat, ist das wie eine Droge – dann will man dieses Gefühl immer wieder erleben. Wenn uns das Album dazu verhilft, noch mehr Konzerte zu spielen und vor noch mehr Leuten zu stehen, dann haben wir unser Ziel erreicht. Dann werden wir mit Sicherheit ein weiteres Album aufnehmen und versuchen, einen Schritt weiter zu gehen.

Ich würde dann gerne vom Album selbst noch ein wenig weg kommen… Vor ein paar Monaten hab ich ein Interview mit Paulsrekorder geführt. Da schimmerte so durch, dass ihr recht gut befreundet seid. Was verbindet euch mit der Gruppe?

Paulsrekorder haben wir während des John Lennon Talent Awards kennen und lieben gelernt. Die Chemie hat von Anfang an gestimmt und somit blieben wir auch über den Wettbewerb hinaus in Kontakt. Wir helfen uns gegenseitig, wo es nur geht.

Ist da vielleicht mal was Gemeinsames zu erwarten? Musikalisch oder tourmäßig?

Musikalisch ja, könnte durchaus sein. Es könnte sein, dass wir etwas von den Jungs remixen werden für eine Single-Auskopplung. Das gleiche werden sie bei uns auch tun. Gemeinsame Konzerte sind in Planung, aber nicht spruchreif.

Thema Touren: Ihr habt letztes Jahr zusammen mit Juli getourt, das ist ja nun schon eine ganze Weile her. Meint ihr, dass das für die jetzige Veröffentlichung noch einen nachhaltigen Effekt hat?

Das ist eine gute Frage. Wir hoffen es natürlich, aber ob das so sein wird, kann man in unserer schnelllebigen Zeit nicht beantworten. Fakt ist, dass uns diese Tour als Band eine gute Schule war, die Publikumsresonanzen durchweg positiv waren, wir Disziplin gelernt und in den Julis gute Freunde gefunden haben. Was will man mehr?

Jetzt wart ihr ja gerade die Tour mit Ich+Ich. Wie war es? Wie habt ihr die Reaktionen auf eure Musik empfunden? Vorband ist ja nicht immer nur ein dankbarer Job…

Ja, da hast Du Recht. Aber Übung macht den Meister. Durch unsere reichhaltigen Erfahrungen bei diversen Band-Contests und natürlich auch die Juli-Tour sind wir mittlerweile darin geübt, vor fremdem Publikum zu spielen. Für mich persönlich liegt darin auch die Herausforderung. Man muss es schaffen, die wartenden Leute zu begeistern oder wenigstens zu unterhalten. Manchmal ist das ein wirklich undankbarer Job. Bei Ich+Ich lief es aber sehr gut für uns. Es kam wahnsinnig viel positives Feedback während der Konzerte und auch danach, via Mail und sogar Oldschool-Post. Am 06.09. fand die letzte gemeinsame Show in Plauen statt. Resümierend bleibt nur zu sagen, dass es eine tolle Zeit war, die uns fehlen wird.

Zur letzten Frage: Das Album ist ja nun draußen. Gibt es schon Pläne dafür, wie es nun danach weiter geht?

Klar, das größte anstehende Projekt ist wohl unsere eigene Tour im Dezember. Wir freuen uns darauf, endlich wieder länger als eine Dreiviertelstunde auf einer Bühne stehen zu dürfen und vor allem auf das eigene Publikum. Im Herbst geht es ausserdem mit den Vorbereitungen auf die kommende Singleveröffentlichung los, auf die wir uns natürlich auch schon freuen. Kurzum, wir werden uns in nächster Zeit auf gar keinen Fall langweilen oder schlechte Laune bekommen.

Danke für das Interview!

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Interview: Marius Meyer
Bilder: F. Broede