Es gibt nicht viele Bands, die es schaffen, vier Alben innerhalb von vier Jahren herauszubringen, die dazu noch allesamt sehr positiv aufgenommen werden. Eine der wenigen Bands, die das schafft, sind die Luxemburger von ROME. Da mittlerweile auch das vierte Album „Flowers From Exile“ erschienen ist, war es höchste Zeit, Jerome Reuter auch persönlich Fragen zu stellen und dabei so einiges über ROME an sich, sein bisheriges Schaffen, ihre bisherigen Konzerte sowie ihr erstes Konzert in Amerika und natürlich auch über das neue Album zu erfahren. Viel Spaß beim Lesen!

Stellt euch doch erst einmal vor. Wer ist alles bei ROME involviert?

Also ROME ist ein Zweiergespann bestehend aus Patrick Damiani (Arrangements, Instrumente, Engineering, Produktion) und mir, Jerome Reuter (Stimme, Instrumente, Musik, Text und Konzept). Dazu kommen live noch vereinzelte Techniker und unser neues Live-Mitglied Nikos Mavridis an der Geige.

Wie kam es zu der Gründung? Meines Wissens hast du ja ROME alleine ins Leben gerufen. Ab wann war Patrick mit dabei? Wie habt ihr euch kennen gelernt?

Kennen gelernt haben wir uns auf dem Gymnasium in Luxemburg. Da war ich etwa 13 Jahre alt und habe in Patricks Metal-Band am Schlagzeug ausgeholfen. Im Umkreis von 50 km war ich derzeit wohl der einzige Schlagzeuger mit Double-Bass-Kick, haha. Danach haben wir uns etwa zehn Jahre nicht gesehen, bis ich mit meiner damaligen Band zu ihm ins Studio bin um aufzunehmen… Als das Projekt zu Ende war und ROME anfing, bin ich gleich zu ihm zum Aufnehmen. Wir arbeiten äußerst gut und schnell zusammen, und nach und nach ist er für ROME als solches einfach unverzichtbar geworden.

Was ist die Idee des Projektes?

Zurzeit ist die Idee des Projektes, Europa und der Welt eine neue Art Chanson schmackhaft zu machen. Unsere ganz eigene „Chanson Noir“. Es gibt keine Liedermacher-Kultur mehr wie früher. Das wollen wir ändern. Mal gucken, wie weit wir kommen.

Was steckt hinter dem Namen? Ich habe gehört, er basiere eigentlich auf deinem Vornamen. Oder steckt mehr hinter dem Namen, z.B. eine Anspielung auf das Römische Reich?

Der Name ist gut, weil er sich mit vielen Sachen kombinieren und assoziieren lässt. Zudem ist er kurz und deshalb leicht zu merken. Er ist in der Tat ursprünglich von meinem Vornamen abgewandelt, aber ROME steht für sich, nicht für mich.

Eure ersten Alben wiesen ja einen eher martialischen Stil auf, was von Album zu Album mehr und mehr zurück gegangen ist. Auf eurem aktuellen Album „Flowers From Exile“ stand die Gitarre mehr als jemals zuvor im Vordergrund. Wie kam es zu diesem Wandel?

Wir entwickeln die Musik so weiter, wie es uns gerade in den Kram passt. Wir haben dabei immer eine bestimmte Vision und versuchen, dieser gerecht zu werden, ohne dabei Rücksicht auf Genre-Grenzen, Szene-Tabus oder Business-Regeln zu nehmen. Die ersten Scheiben waren martialischer, weil ich das zu dem Zeitpunkt so wollte. Wir möchten uns aber ständig weiterentwickeln und nicht stillstehen. Beim Thema des letzten Albums war es für uns klar, dass wir die Flamenco-Gitarre auskramen und allerlei andalusisches Flair in die Welt ROMEs einweben mussten. Das brachte das Konzept und die Ausrichtung mit sich.

Kannst du uns noch etwas mehr über euer neues Album erzählen? Die Texte erzählen ja Geschichten von Identitätsverlust, Heimat- und Orientierungslosigkeit. Was waren eure Inspirationsquellen für das Album?

Thema des Albums ist der Spanische Bürgerkrieg und das anschließende Exil der Kämpfer gegen den Faschismus. Es ist ein sehr persönliches Album geworden, da das Thema auch direkt meine Familie betrifft. Mein Onkel ist ein Kind des Exils. Sein Vater war Soldat in der Republikanischen Armee, die gegen Franco gekämpft hat. Er musste fliehen und hat im tunesischen Exil eine junge Italienerin kennen und lieben gelernt, die ihrerseits vor Mussolini nach Tunis geflohen war… 40 Jahre lang lebten sie in verschiedenen Ländern im Exil… Das war die Geschichte, die mich dazu inspiriert hat, ein Album über dieses Thema zu machen.

Und wovon habt ihr euch für eure vorigen Alben inspirieren lassen? Wovon lasst ihr euch und eure Musik im Allgemeinen inspirieren?

Literatur, Philosophie, Geschichte, Kunst. Wir vereinen meist aus jeder Gattung einzelne Themenstränge zu einem Konzept und versuchen, dazu eingängige Melodien zu finden.

Mich und auch andere haben sich beim Hören von „To die among strangers“ an Leonard Cohen in seinen frühen Phasen erinnert gefühlt. Was sagst du zu diesem Vergleich? Wie fühlt man sich, wenn man mit einer solchen Größe verglichen wird?

Das ist natürlich sehr schmeichelhaft. Vor allem, wenn es nicht als Plagiatsvorwurf daherkommt. Man wird als Künstler ja nicht gerne mit anderen verglichen, da man täglich um Eigenständigkeit kämpft, aber für eine solche Größe mache ich gerne mal ne Ausnahme, haha. Ich mag Cohens frühe Sachen sehr. Ich habe das schon als Kind hören „müssen“, mit meinem Vater auf Reisen. Das hat mich tief berührt, obwohl ich damals noch keine zwei Wörter Englisch konnte.

Man merkt, wenn man eure Platten hört, dass ihr sehr perfektionistisch ans Werk geht, was den Schluss nahe legt, dass ihr bereits vorher Erfahrungen gesammelt haben müsstet. Habt ihr vorher schon unter anderem Namen Musik gemacht? Wo liegen deine und Patricks musikalischen Wurzeln?

Patrick hatte immer schon ein Metal-Projekt nebenher, wofür er aber nie viel Zeit fand, und ich habe immer schon in den verschiedensten Bands gespielt. Wir haben uns beide immer für alle möglichen Genres interessiert. Ich habe in Punk- und Metal-Bands als Bassist, Schlagzeuger, Gitarrist, Sänger, etc. fungiert, habe Musik für Theaterstücke (auch zum Teil in Kooperation mit Patrick) und immer schon Songs geschrieben. Als Engineer ist Patrick im Studio tagtäglich mit den verschiedensten Musikern am Arbeiten. All diese Sachen haben auf die ein oder andere Art Zugang zu ROME gefunden.

Wie entsteht denn bei euch ein Album? Gibt es da eine bestimmte Vorgehensweise, mit der ihr an die Arbeit geht. Wer übernimmt welchen Teil beim Entwicklungsprozess?

Zuerst schreibe ich mal alles fertig. Dafür muss ich mir ein Konzept, ein Thema, etc ausdenken. Dann kommt das eigentliche Songwriting und anfängliche Überlegungen für Arrangements, Plattenverlauf, etc. Damit gehe ich dann zu Patrick und erklär ihm das alles (das mache ich aber auch schon teilweise vorher, damit er wenigstens in etwa weiß, welche Instrumente wir uns besorgen müssen) und dann leg ich mich zu ihm aufs Sofa im Mixing Room, nachdem wir Demos und Pilotspuren gemacht haben. Er arbeitet dann ein paar Wochen ohne Unterbrechung (es sei denn, wir touren), während ich mir Filme anschaue und hin und wieder rummeckere, weil es in eine vermeintlich falsche Richtung geht. So in etwa passiert das… Gegen Ende der Produktion bin ich genügend gelangweilt und von der Arbeit gleichsam inspiriert, dass ich anfange das nächste Album zu schreiben…

Ich habe allerdings auch schon von Leuten gehört, dass ihr sehr gute Musik machen würdet, diese aber aufgrund der poppigen Art auf Erfolg getrimmt wäre. Was sagst du zu diesem Vorwurf? Ist ROME euer bislang erfolgreichstes Projekt?

Ich finde ehrlich gesagt nicht, dass unsere Musik derart auf kurzlebigen Erfolg getrimmt ist. Wir stecken sehr viel Arbeit rein und wollen, dass unsere Lyrik und unsere Klangwelten auch als Kunst und nicht als Kommerz verstanden werden. Wir haben dennoch eine Vorliebe für eingängige Melodien, keine Frage. Zum Ausverkauf einer Band gehört aber doch mehr als eine poppige Art. Ich mag Pop. ROME ist aber keiner und will es auch nicht sein. Unsere Vorbilder liegen im Chanson-Bereich. Aber das ist ja auch irgendwie Pop… Mist! Erwischt! Aber solche Vorwürfe sind uns ehrlich gesagt egal. Es gibt in jedem Musik- und Kultur-Bereich selbsternannte Szene-Gurus, die einem allzu gerne den Ausverkauf vorwerfen. Wenn man nie Teil von irgendwas sein wollte, sondern immer nur sein eigener Herr, prallen solche Angriffe ab. Und ja, ROME ist das bisher erfolgreichste Projekt.

Eine andere Frage: Wie schafft man es eigentlich, beinahe im Jahresrhythmus Alben zu veröffentlichen, die immer wieder sowohl von euren Fans als auch von der Presse großen Zuspruch erhalten, ohne dass dabei die Qualität leidet oder man sich selber kopiert? Woher nehmt ihr die ganzen Ideen?

Wie das geht? In dem man nicht darüber nachdenkt, was die Leute denken oder erwarten. Das zweite Album wurde beispielsweise bereits vor Veröffentlichung des Erstlings aufgenommen. Der Druck bei einem zweiten Album soll ja so hoch sein… Einfach nicht nachdenken. Wir hoffen immer, dass den Leuten unser Schaffen gefällt, aber über manches hat man als Künstler keine Kontrolle. Wir können nur unser Werk an sich beeinflussen. Und das tun wir nach bestem Gewissen.
Man kann aber nie wissen, wie die Fangemeinde oder die Presse reagiert. Wenn es schlecht ankommt gilt die gleiche Regel: Einfach weitermachen und auf seinen Instinkt vertrauen. Selber kopieren tut man sich dann nicht, wenn man jedes Mal von vorne anfängt und nicht zurückschaut. Man muss seine eigenen Grenzen erkennen, um diese dann konsequent abzubauen. Die Ideen kommen von alleine. Man muss sich nur hinhocken und arbeiten. Das ist wie mit dem Hunger beim Essen… Aber eigentlich bin ich immer längst schon hungrig, wenn ich mich an den Tisch setze…

Ist denn auch schon ein weiteres ROME-Album in Planung oder schon in der Mache? Falls ja: Was kannst du uns über dieses bereits jetzt erzählen? Werdet ihr diesen Veröffentlichungsabstand weiterhin einhalten?

Natürlich sind wir schon am Werkeln. Wir sind eigentlich immer am werkeln. Aber dass wir werkeln, bedeutet nicht, dass ein Album innerhalb einer bestimmten Zeit rauskommt. Wir liefern dann ab, wenn wir es für fertig und würdig erachten. Das kann auch schon mal länger dauern. Der Veröffentlichungsabstand wird jedenfalls nicht kürzer werden, aber wir denken, dass wir irgendwann bestimmt einmal einfach ein Jahr am Strand ohne Mikro- oder Telefone verbringen. Zumindest werde ich das bestimmt mal demnächst anpeilen. Was das nächste Album angeht, so will ich nur verraten, dass wir unserem Ziel, eine eigene Art Chanson zu entwickeln, damit deutlich näher kommen werden. Und wie bei jedem Album wird jeder ROME-Fan es mit sich selbst ausmachen müssen, ob er dabei bleibt oder nicht. Wir laden jedenfalls jeden herzlichst dazu ein! Für uns ist es jedenfalls derzeit sehr spannend!

Ihr seid ja dieses Jahr im Volkspalast in Leipzig im Rahmen des Wave-Gotik-Treffens aufgetreten. Ich habe leider diesen Auftritt verpasst, aber ich kann mir vorstellen, dass ein Konzert in dem Ambiente ein tolles Erlebnis gewesen sein muss. Wie habt ihr das Konzert erlebt und wie hat euch das Publikum aufgenommen?

Das Publikum war gekauft! Jedenfalls hatte ich den Eindruck, haha, die waren völlig begeistert. Ernsthaft, die Stimmung war großartig und selbst die ganz neuen Songs, die damals noch gar keiner kannte, sind sehr gut in Empfang genommen worden. Es war ein geniales Publikum und ein Freudenfest für uns. Es tat nach den langen Wochen im Studio echt gut. Es war bisher das wohl beste Konzert, neben der Release-Party in Mannheim. Wir freuen uns schon aufs nächste Mal!

Wie war das Konzert im Vergleich zu euren früheren Auftritten? Und wie kann man sich Konzerte von ROME im Allgemeinen vorstellen?

Es war vor allem wegen des großen und lauten Publikums für uns eine ganz besondere Erfahrung. Durch die Dimensionen der Location hat man auf der Bühne das Gefühl, man steht in einem riesigen Amphitheater. Gleichzeitig war die Atmosphäre irgendwie intimer Natur. Intimität ist bei unseren Auftritten denke ich das Wichtigste, egal ob in einem großen Theatersaal, wie wir ihn beispielsweise in Rumänien hatten, ob in kleineren Clubs oder in noch überschaubaren Hallen. Wir brauchen Raum- und Lichtbedingungen, die keine zu große Distanz aufkommen lassen. Man muss in die Musik eintauchen können, sonst funktionierts nicht.

Ich habe gelesen, dass ihr im September euer erstes Konzert in Amerika auf dem Vendetta Festival geben werdet. Schon aufgeregt deswegen? Mit wem werdet ihr dort zusammen spielen?

Das Line-Up wird täglich ergänzt, ich habe mittlerweile den Überblick verloren. Das Festival dauert immerhin ganze drei Tage. Kirlian Camera und Hocico sind auf jeden Fall dabei. Ja, wir sind etwas nervös wegen der Reise – sprich dem Zoll- und der Technik vor Ort… Nicht so sehr wegen dem Auftritt.

Auf eurer Seite steht „No parsarán! Make art not war“. Was hat es mit dieser Aussage auf sich? Ihr seid ja in der Neofolk-Szene sehr populär, die nicht ganz unumstritten ist. Bezieht sich die Aussage darauf? Viele Neofolk-Bands werden ja angefeindet…

Verschiedene Acts werden angefeindet, ja. Zum Teil auch völlig zu Recht. Zum Teil eben aber auch unbegründet. Das liegt sowohl an der Unwissenheit verschiedener Rezensenten und Aktivisten, wie auch zum Teil an den Bands selbst. Musik und Politik ist eben oft eine heikle Mischung. Das soll jeder halten, wie er will. ROME hat eine eindeutig antifaschistische Ausrichtung, auch wenn das Wort in manchen Kreisen ein Tabu-Thema zu sein scheint. Das macht uns nicht zu einer politischen Band, aber wir wollen da Klartext reden, da uns das ein sehr wichtiges Anliegen ist. Zu wichtig, um anderen Leuten darüber die Deutungshoheit zu überlassen.

Zählt ihr euch eigentlich zur Neofolk-Szene zugehörig? Wie ordnet ihr eure Musik selber ein?

Wir mögen keine Schubladen. Wir sehen uns einfach als Songwriter. Bei uns treffen verschiedene Stile aufeinander. Will jemand ’ne Schublade haben, würden wir diese als „Chanson Noir“ bezeichnen. Das ist im Grunde das, was wir machen wollen: Chanson mit düsterem Touch. Neofolk, Apocalyptic Folk, Martial Industrial, Ambient, etc, etc, das sind alles gleichberechtigte Zutaten bei uns. Unsere Musik stammt zum Teil aus dieser Szene, zum Teil eben auch nicht. Wir wollen Grenzen aufbrechen, Unerwartetes vermischen, kühl dosieren und Erwartungshaltungen ignorieren… Und hoffen, dass wir damit durchkommen. Wir haben Fans aus verschiedenen Szenen: Neofolk, Gothic, Metal, etc, etc. So soll es sein. Musik soll verbinden.

Wo seht ihr ROME in den nächsten Jahren, was wollt ihr mit ROME noch erreichen? Ich nehme mal an, ihr habt noch einiges vor mit dem Projekt…

Das haben wir, ja. Mal schauen. Wir werkeln immer an neuen Sachen. Es gibt immer ein neues Kapitel. Projekte und Plattenproduktionen entwickeln meist eine schwer einschätzbare Eigendynamik. Nach jeder Produktion muss man sich erneut damit beschäftigen, wer man ist, wo man hin will, wohin nicht… Es bleibt immer spannend und wir wissen selbst nicht, wie ROME in zwei Jahren klingen wird. Sonst wär’s aber auch arg langweilig.

Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt! Die letzten Worte gehören euch…

Ja, dann mal danke für das Interesse an ROME! Wir hoffen, euch bald mal bei einem unserer Auftritte begrüßen zu können! Bis dahin!

Weitere Artikel
Rezension: Rome – Flowers From Exile
Rezension: Rome – To Die Among Strangers

Homepage: www.romepage.eu
MySpace: www.myspace.com/romecmi

Interview: Tristan Osterfeld
Bilder: Achim Webel