Mit „Der Schein trügt” präsentierten Schöftland uns vor einer Weile ein wirklich interessantes Album im Bereich des deutschsprachigen Indie-Rocks, das auch durch die Gastauftritte von Nils Koppruch und Gisbert zu Knyphausen das Interesse weckte. Aber auch ohne Gäste wussten Schöftland zu überzeugen. Wir nahmen uns dies zum Anlass, der Schweizer Formation einige Fragen zu ihrer Musik, den Songs, dem aktuellen Album und anderen Themen zu stellen, die von Floh und Kaspar beantwortet wurden. Viel Spaß mit dem vorliegenden Interview!

Viele unserer Leser werden Euch vermutlich noch nicht kennen. Könnt Ihr Euch ein bisschen vorstellen? Wer sind Schöftland?

Floh: Schöftland ist etwas mehr als die Summe seiner Einzelteile, die da wären Floh, Bruder Kaspar, Patrik, Stefan und Sascha. Interessante Texte zu jedem Bandmitglied hat Kaspar unter www.schoeftland.com/musikanten geschrieben.

Für eine grobe musikalische Einordnung: Wie würdet Ihr selbst Eure Musik beschreiben?

Kaspar: Psychobilli, nein, schreib Indiefolk. Ach Stilbeschreibungen sind penibel. Eigentlich Indierock, aber ohne den ganzen Discoquark und Lifestyle, sondern mit eher verspielten Grooves und nur einer E-Gitarre, dafür mit fetten Basshooklines.

Floh: Rock, Pop, wir passen uns auch zwischendurch an. Ein Schöftlandkonzert klingt nicht überall gleich. Und erst recht nicht so wie auf CD. Viele Leute sagen uns, dass sie die Musik auf MySpace gemocht haben, aber dann nach dem Konzert richtig beeindruckt waren. So muss es sein. Niemand kann sich doch unter einer Musikbeschreibung etwas vorstellen.

Wenn man sich Texte über Euch durchliest, wird immer wieder Eure Herkunft aus der Schweiz, genauer: der Aargauer Provinz, betont. Wie fühlt Ihr Euch damit verbunden und wie seht ihr das in Eurer Musik reflektiert?

Floh: Da liegt ein Missverständnis vor. Wir kommen nicht aus dem Aargau, haben uns nur den Bandnamen von einem Dorf zugelegt. Kaspar und ich kommen aus dem Berner Oberland.
Ist ja auch Provinz. Die ganze Schweiz ist Provinz, wenn man so will. Und wenn etwas davon in unserer Musik reflektiert wird, dann vielleicht die Ruhe.

Kaspar: Oder das Bekenntnis zum Holz – Das hat etwas Traditionelles. Es gibt viele Holzinstrumente bei uns: Das Harmonium stammt von unserer Großmutter – mein Kontrabass wurde in der ehemaligen DDR fabriziert und wurde von meinem Vorbesitzer mit Schweizer Volksmusik bespielt, das Baritonsaxofon ist ja sowieso ein Holzblasinstrument und die Trommeln sind auch gereiftes Holz – ein Ludwigschlagzeug aus den Siebzigerjahren.
Aber was Schöftland damit für Musik macht, das ist eine andere Geschichte. Wir singen und spielen für den und vom gesamten deutschsprachigen Raum.

Was ebenfalls immer wieder auftaucht, sind Formulierungen wie: „Wer Element of Crime mag, wird Schöftland verehren.“ Wie empfindet Ihr das, immer wieder mit Element of Crime verglichen zu werden? Und wie seht Ihr selbst diesen Vergleich?

Floh: Ich mag den Vergleich, was den Erfolg betrifft. Wir würden gerne all die Leute, die Element of Crime hören, auch an unseren Konzerten haben. Ansonsten ist, mal abgesehen davon, dass wir hochdeutsche Texte haben, der Vergleich nicht so ganz nachvollziehbar.

Kaspar: Wir sind eine Generation jünger. Und spielen daher unsere Instrumente auch anders – und haben andere Musik gehört in unserer Jugend. Und ich glaube, wir hätten etwas mehr Mühe diese ganze Delmenhorst-Tristesse glaubwürdig rüberzubringen, was Element of Crime großartig macht.

Euer Album hört auf den Titel „Der Schein trügt“. Was steckt hinter dem Titel? Welcher Schein ist es und in welcher Weise trügt er?

Floh: Da steckt sehr viel dahinter. Für alle was anderes und er führt die Songtexte weiter, die auch alle ziemlich offen sind und viele Fragen hervorrufen und wenig Antworten geben. Ich finde allgemein Fragen spannender als Antworten.

Kaspar: Ich glaube, wenn du lange genug im Musikbusiness tätig bist, dann realisierst du irgendwann, was das bedeutet. Man kann viel faken. Dieser ganze Star- und Showkult ist ja in unserem individualistischen postmodernen Dasein bis in den letzten privaten Winkel vorgedrungen.

Floh: So gesehen ist es ein Lied über MySpace.

Wie seht Ihr selbst diesen Titel auf dem Album musikalisch und inhaltlich realisiert?

Floh: Schwierig. Am offensichtlichsten ist ja das Artwork. Ich hab ein Foto aus dem Louvre in Paris als Malvorlage genommen, auf dem die Touristen vor der Mona Lisa mit dem Veronese-Gemälde aus dem Spätmittelalter im Hintergrund zusammenkommen. Der Schein trügt. Manchmal denke ich, dass wir immer noch oder immer mal wieder wie im Mittelalter leben. Nur das Gefühl haben wir seien weiter.

Ich habe im Folgenden mal ein paar Songs rausgesucht… Der erste ist „Blaulicht“. Worum geht es in „Blaulicht“, welche Idee steckt dahinter?

Kaspar: Floh wohnt in der Nähe eines Spitals…

Floh: Und bin froh, dass ich das Thema bisher nur aus der Ferne verfolgen musste.

„Liebesbrief“ ist ein weiterer Song, der im Gedächtnis hängen bleibt. Worum geht es hier? Von welcher Seite nähert ihr euch dem Thema?

Kaspar: Der Brief ist ein aussterbendes Medium – besonders der handgeschriebene, persönlich adressierte Brief. Dieser Song ist ein Bekenntnis zu Papier, Stift und Longterm-Liebe, also ein bisschen retro.

Bei „Liebesbrief“ fällt natürlich der Gast auf: Wie kam hier der Kontakt zu Nils Koppruch zustande? Wie konntet ihr ihn davon begeistern, bei Eurem Song mitzuwirken?

Floh: Ich hab den Kontakt als Musikermaler gesucht und wollte gerne mal was mit Nils machen. Ob dies ein malerischer oder musikalischer Austausch würde, war mir weniger wichtig. Nils hat das Lied gefallen und war bereit, die zweite Strophe zu singen, was uns natürlich sehr gefreut hat.

Würdet Ihr Fink allgemein als Einfluss von Schöftland bezeichnen?

Floh: Stefan (Saxofonist) hat uns auf die Band aufmerksam gemacht. Ich kannte die Band nicht, finde die Musik aber schon verwandt mit unserer. Insofern kann man sie aber nicht als Einfluss bezeichnen.

Kaspar: Nils Koppruch ist unberechenbar und verschachtelt in seiner Lyrik auch eine Künstlerpersönlichkeit. Wenn Einfluss, dann so. Voilà.

Weiter mit den Songs: „Das Biest“… Um welches Biest geht es hier, das besungen wird?

Kaspar: Vielleicht um das innere, vielleicht auch um das äußere Biest. Wir leben in einer alles verschlingenden Gesellschaft – Stichwort Ressourcenverknappung.

Floh: Viele Texte sind von den vielen Möglichkeiten, der Qual der Entscheidung und dem Zweifel geprägt. So auch das Biest, das immer alles haben will und als Gegenstück die Schöne, die sich nie entscheiden kann.

Beendet wird das Album durch „Kleinstadt“. Und auch hier tritt ein Gast auf: Gisbert zu Knyphausen. Wie kam hier der Kontakt zustande?

Kaspar: Floh und MySpace??

Floh: Ja.

Welchen Anteil hatte Gisbert selbst am Entstehen von „Kleinstadt“?

Floh: Am Entstehen eigentlich keinen.

Kaspar: Er hat der Kleinstadt seine Stimme und somit seine Phrasierung geliehen.

Das Album ist nun eine Weile draußen. Wie habt ihr die Reaktionen darauf empfunden?

Kaspar: Generell gut – das Feuilleton hat sich, zumindest in der Schweiz, mit der CD beschäftigt. Das Publikum kann noch größer werden.

Floh: Wir haben ein paar schöne Komplimente bekommen. Aber wir haben wieder einmal gemerkt, wie viel es braucht, um wahrgenommen zu werden. Es gibt so vieles heutzutage, das um Aufmerksamkeit buhlt, und es geht alles so schnell. Entweder ist man noch nicht dazugekommen oder dann ist es schon nicht mehr aktuell.

Zudem habt Ihr auch hierzulande bereits eine kleine Tour gespielt. Wie war die Tour, wie hat das Publikum auf Euch reagiert?

Kaspar: Deutschland ist größer und vielseitiger – sprich: hat ein größeres Potential an Zuschauern, die unsere Musik mögen. Zudem sind die Leute direkter im Umgang. Das merkt man gut an Konzerten und das mögen wir auch alle.

Wie sind die Unterschiede gewesen zu Konzerten in Eurer Heimat?

Kaspar: Siehe letzte Frage.

Floh: In der Schweiz sind wir etwas verwöhnter, was Infrastruktur usw. der Klubs angeht. Dafür kaufen die Leute in Deutschland noch tendenziell mehr CDs nach den Konzerten. Und dann sind da natürlich noch die Distanzen… Einmal durch Deutschland hochfahren und wir wären in der Schweiz schon dreimal durchs Land getourt.

Sind für 2010 noch weitere Deutschland-Konzerte geplant? Eventuell auch auf Festivals?

Kaspar: Im Herbst gibts wahrscheinlich wieder eine Tournee. Festivalveranstalter brauchen wohl noch etwas Zeit um Schöftland zu entdecken.

Floh: Ich hoffe auf möglichst viele Konzerte. Wer kein Konzert verpassen will, meldet sich am besten bei unserem Newsletter an.

Wir haben nun über das Album und die Tour gesprochen. Wie sind die weiteren Pläne bei Schöftland? Gibt es da schon etwas für die nahe und ferne Zukunft, was man nennen könnte?

Floh: Ein Videoclip wird demnächst fertig. Gerne wollen wir noch weitere Live-Videos machen.

Kaspar: Songwriting im 2011. Vielleicht ein neues Album?

Ich danke, dass Ihr Euch die Zeit für unsere Fragen genommen habt. Die letzten Worte gehören Euch!

Floh: Kommt an die Konzerte! Bleibt nicht vor euren Bildschirmen hängen.

Danke für all die Antworten!

Weitere Artikel
Rezension: Schöftland – Der Schein trügt

Homepage: www.schoeftland.com
MySpace: www.myspace.com/schoeftland

Interview: Marius Meyer
Bilder: Gordeon Music