Eigentlich war das ja mal anders geplant. Ein Treffen mit WIZO vor ihrem Auftritt am ersten Abend des Highfield-Festivals war zwar angedacht, der ursprüngliche Plan aber lautete, ein paar O-Töne für den Festival-Bericht zu sammeln. Da sich Axel von WIZO aber angenehm auskunftsfreudig zeigte, war schnell klar: Nur für drei O-Töne im Bericht wäre das Interview viel zu schade gewesen. Daher an dieser Stelle ein Interview über das Festival, WIZOs Live-Formation, das Älterwerden das nächste Album und einige weitere Themen. Wir wünschen viel Spaß mit den vorliegenden Antworten!

Erst einmal zum Festival: Highfield. Was bedeutet Euch das Highfield?

Also ich muss ehrlich gestehen: Ich hab mich bis vor kurzem gar nicht so mit Festivals auseinandergesetzt, weil mir dieser Zirkus eigentlich immer suspekt ist. Als Zuschauer selber bin ich seit Jahren nicht mehr auf ein großes Festival gegangen. Wir haben uns dann ein bisschen damit auseinandergesetzt und festgestellt, dass das Highfield ja auch schon eine Geschichte und einen verdammt guten Ruf hat und dass die Leute im Osten das Highfield richtig gern haben und sich über unsere kurzfristige Zusage sehr gefreut haben. Deswegen freuen wir uns heute auch tierisch, hier zu spielen. Das Wetter ist wieder WIZO-like. Wir haben bisher noch auf keinem Festival schlechtes Wetter gehabt. Wo wir auftauchen, scheint die Sonne. Ich denke mal, das wird sich bei den Leuten niederschlagen. Das wird bestimmt der Hammer heute. Wir freuen uns ein zweites Loch ins Knie. Oder irgendwohin.

Ihr spielt 20:45 Uhr, sozusagen als Co-Co-Headliner. Wie empfindet Ihr die Position?

Spitzenmäßig! Wir wussten ja überhaupt nicht, wo wir stehen, als wir unsere Wiederkehr bekanntgegeben haben. Ob uns die Leute überhaupt noch sehen wollen. Aber dann hat sich ziemlich schnell abgezeichnet, dass wir über unsere Erwartungen raus geile Reaktionen bekommen haben. Das ging eben auch soweit, dass uns auch die Veranstalter umworben haben und uns wirklich hier mit solchen Slots gelockt haben. Das ist fantastisch. Ich mein, wir kommen aus der Sparte. Wir waren immer im Alternative-Bereich und sehr independent organisiert, wir haben uns um das ganze Mainstream-Gedöns bewusst nicht gekümmert. Jetzt haben wir uns der Sache ein bisschen geöffnet und daher ist das für uns umso geiler, jetzt festzustellen, dass wir tatsächlich auch für die Leute stattfinden, dass es auch Leute gibt, die auf solche Festivals kommen, wo so große Charts-Bands spielen, die trotzdem was mit unserer Mucke anfangen können.

Du hast es eben schon gesagt: Die Charts-Bands. Wie ist das für Euch, in einem solchen Umfeld zu spielen? Das ist hier ja wirklich sehr sehr bunt gemischt.

Ja, früher hätten wir da mehr Vorbehalte gehabt. Aber wie bei so vielem: Im Alter relativieren sich Dinge. Und wir sind jetzt einfach sehr neugierig. Wir wissen ganz genau: Wir verbiegen uns wegen dieses Festivals nicht. Wir spielen ein ziemlich hartes und schnelles Set. Wenn die Leute uns hier sehen wollen, ist das großartig und wir nehmen die Chance auch gerne wahr, ein paar der Studenten-Mädchen, die wegen Wir Sind Helden da sind, von unserer Großartigkeit zu überzeugen. Wahrscheinlich werden wir Ende des Sommers einen Strich drunter ziehen, wie uns das jetzt gefallen hat und schauen, ob wir sowas in Zukunft machen wollen oder nicht. Aber das ist halt eine Tatsache, dass Du auf solchen Festivals die Chance hast, vor so vielen Leuten gleichzeitig zu spielen. Das ist für uns eine geile Chance. Wir sind überzeugt von unserer Band. Wir wissen, dass wir gerade die beste Formation ever haben und wir haben echtes Sendungsbewusstsein. Wir wollen es den Leuten auch um die Nase hauen. Dann kann das natürlich im Moment nicht groß genug sein.

Wie sind Eure Erwartungen für Eure Show heute? Was erwartet Ihr?

Wir erwarten, dass die Leute zu dem Zeitpunkt, wo wir spielen, glücklich sind, es gerade dunkel wird und sie nicht zu verballert von der Hitze sind und sich hoffentlich tierisch freuen, wenn wir mit ihnen feiern und sie auch mit einbeziehen. Das ist ganz wichtig: Wir spielen das Konzert nicht nur für uns auf der Bühne, sondern wir spielen für die Zuschauer! Und wir erwarten, dass wir hoffentlich unsere Akkorde richtig spielen und unsere Töne treffen. Wenn uns das gelingt, dann sollte dem nichts im Weg stehen, dass wir auch die Leute mit unseren subtilen Messages vergiften und unsere Botschaft von Antifaschismus und Freundschaft und Liebe unter die verschwitzten T-Shirts jubeln können.

Wenn man die Frage jetzt umdreht: Was kann der Zuschauer erwarten? Auch wenn man jetzt den unbedarften Zuschauer betrachtet. Es sind ja nicht alle wegen Euch hier…

Wahrscheinlich nicht. Der unbedarfte Zuschauer kann erwarten, dass er vier Leute auf der Bühne sieht, die extrem Vollgas geben und alles geben, um ihn von der ersten bis zur letzten Sekunde mit der ganzen Intensität den Spaß an der eigenen Musik spüren zu lassen. Das dürfen die Leute erwarten!

Ihr habt jetzt Ralf Dietel als Gitarristen mit dabei. Wie kam der Kontakt zustande? Und warum meint Ihr, ist genau er derjenige, der jetzt perfekt zu Euch passt?

Das ist ganz einfach: Ralf ist einer unserer langjährigsten Freunde, mein längster Freund. Wir haben uns ganz am Anfang den Proberaum mit seiner Band geteilt. Also wir reden jetzt hier von 1989/1990. Ralf ist einer meiner dicksten Freunde, ist auch Gitarrist und Sänger in seiner Band. Er ist vor sieben Jahren nach Amerika gezogen und wir haben eigentlich immer Kontakt gehabt. Wir haben ihn regelmäßig besucht und wir haben dann eben vor den Festivals überlegt, dass wir uns auf diesen großen Bühnen echt wohler fühlen würden, wenn wir noch eine Gitarre mehr am Start hätten. Vor allen Dingen auch einen Sänger mehr. Wir wollen den Leuten die Musik so präsentieren, wie sie die von Platten kennen. Da haben wir immer so viele Gesänge aufgenommen, wie wir lustig waren. Und Ralf ist für mich der einzige Gitarrist in meinem Bekanntenkreis, der den Sound so hinkriegt, wie ich mir das vorstelle. Er ist 100% professionell, er ist auf hunderten von Bühnen der ganzen Welt gewesen. Er war der einzige, mit dem wir uns das vorstellen konnten, in so einer kurzen Zeit so etwas auf die Beine zu stellen. Und das was jetzt abgeht, gibt uns recht. Es ist der Hammer! Manchmal ist es so, als wäre er schon immer in der Band gewesen.

Ich hatte jetzt ein bisschen gelesen über Euch: Es war mal für den Sommer ein neues Album angekündigt gewesen. Wie ist denn da so der Stand jetzt?

Der Stand ist, dass uns ja eigentlich lauter gute Sachen passiert sind. Wir haben gedacht, wir kriegen das hin, haben im Winter/Frühjahr angefangen, im Proberaum aufzunehmen. Wir wollten das fertig machen, aber dann ging es auf einmal Schlag auf Schlag. Wir mussten diese Festival-Konzerte vorbereiten, gerade mit dem Ralf, der kam aus Amerika – wir mussten proben. Dann hab ich die Aufnahmen unterbrochen und gedacht: „Ja, wir haben ja noch ein bisschen Zeit zwischen den Festivals, da kann man ja weitermachen.“ Jetzt sieht es aber bei uns so aus, dass so viel abgeht, so viele Leute an uns ziehen und jeder irgendwas will. Haufenweise Interviews und so Sachen, mit denen ich nicht gerechnet hab. Wenn ich für ein paar Tage zuhause bin, dann haben wir so viel zu tun, das nächste Konzert vorzubereiten. Wir sind mittlerweile ein riesiger Trott Leute. Da habe ich keine Ruhe mehr gefunden, ins Studio zu gehen und die Sachen aufzunehmen. Deswegen haben wir das verschoben. Sobald wir mit der Festival-Saison fertig sind, werden wir versuchen, das Album so schnell wie möglich fertig zu machen. Aber das liegt halt auch an unserer Struktur: Wir organisieren alles selbst. Wir haben keine Producer, keine Manager, keine Agenturen oder sowas. Wir kümmern uns wirklich um alles selbst. Das bedeutet eben, dass man immer Prioritäten setzen muss. In diesem Sommer waren die Prioritäten irgendwann die Konzerte. Das kotzt mich eigentlich selbst an, da ich die Backen so dick gemacht hatte und das Album fertig kriegen wollte, aber es ist mir schlichtweg nicht gelungen. Ich hatte nicht damit gerechnet, wie es bei uns zugeht.

Kannst Du denn trotzdem schon was über den Sound des Albums sagen?

Na klar! Das Album ist ja in den Basics schon aufgenommen. Es wird geil. Wir haben es live eingespielt in unserem Studio, weil wir die Energie der Band rüberbringen wollten. Wir sind durch die Umbesetzung jetzt eine richtig tighte musikalische Einheit geworden. Und songmäßig ist das an vielen Stellen wieder viel mehr wie die Band auf dem zweiten oder ersten Album war, manchmal aber auch sehr weiterentwickelt. Wir haben auf jeden Fall sehr viel Wert drauf gelegt, Energie rüberzubringen. Es sind sehr powervolle Songs, aber auf der anderen Seite steht textlich mittlerweile ein ganz anderes Spektrum. Die meisten Themen, die ich früher besungen habe, sind für mich mittlerweile durch, ich hab mittlerweile andere Themen. Ich setz mich sehr kritisch mit dem Älterwerden und den Veränderungen der eigenen Perspektive gegenüber Dingen auseinander, die Du früher sehr radikal sehen konntest, die mit dem Alter nicht mehr so einfach zu beurteilen sind oder wo Du einfach distanzierter sein musst. Oder wo Du merkst, dass sich Deine eigene Perspektive ändert, weil Du nicht mehr so zornig, wütend oder drängend bist. Damit setze ich mich auseinander, weil ich auch denke, dass viele Leute wie ich ebenfalls eine wilde Vergangenheit haben und irgendwann mal damit konfrontiert werden, dass sie plötzlich 40 werden. Wohin dann? Es gibt auch für mich nichts dooferes, als wenn eine Band auf der Bühne so tut, als wären sie immer noch die gleichen wilden 21jährigen. Deswegen bin ich mehr dran interessiert, diese Konflikte, in die man da gerät, darzustellen. Ich habe auch keinen Bock, irgendwelche billigen Lösungen zu liefern. Die gibt es ab einem gewissen Punkt auch gar nicht mehr. Aber ich finde es spannender, diese Entwicklungen, die man da durchmacht, zu dokumentieren, als so zu tun, als wäre man ewig 21.

Was für Themen sind das so, wo sich die Ansichten zu ändern?

Also mein Älterwerden, wenn man sich selber so reflektiert. Wenn man die Gleichaltrigen sieht, wenn man die Jungen sieht, wenn man die Alten sieht. Wenn man eigentlich weiß: Man gehört nicht dazu, aber man will auch nicht mehr das sein, das man früher gedacht hat, was man mal sein würde, wenn man mal 40 ist. Oder es geht darum, dass man irgendwann auch mal an den Punkt kommt, wo man feststellt, dass es manchmal vermeintlich profane Sachen wie Liebe und Freundschaft sind, die für den Menschen viel spannender sind. Ich finde die Art und Weise, wie wir uns damit auseinandersetzen, jetzt nicht so muschimäßig. Es ist nicht so eine Hippie-Love-and-Peace-Nummer. Wir machen das auf unsere übliche böse Art und Weise, ziehen dabei aber ein Resümee und wissen jetzt mittlerweile, dass unsere Schwerpunkte anders geworden sind. Wir singen mittlerweile auch mal ein Liebeslied – das finde ich auch von der Energie her manchmal fast brisanter, als wenn Du das 17. Lied gegen Bullen oder Faschos gesungen hättest. Vor allem in unserem Zusammenhang.

Gibt es davon heute schon was zu hören?

Heute gibt es zwei Lieder zu hören. Die haben wir da mal rausgepickt. Das eine ist ein Liebeslied, das heißt Königin. Das ist aber auch typisch WIZO, das ist alles ein bisschen derbe und ein bisschen auf die Fresse. Also ich mein, es gibt bestimmt auch ein paar Mädels, die so eine Liebeserklärung falsch verstehen könnten, aber das ist halt unsere Art. Mit einer sehr tiefen Herzigkeit aber. Und das andere Lied heißt Scheiße Kotzen. Das ist so ein klassisches Lied, deswegen haben wir das auch rausgesucht, das stellvertretend für viele andere auf der neuen Platte ist, wo wir uns beleuchten, wo wir sagen: „Hey, was ist aus was geworden? Das, was ich bin, gefällt mir nicht. Das, was ich werde, will ich nicht.“ Das sind die zwei neuen Stücke, die wir spielen. Und ansonsten gibt es interessanten Schnickschnack von alten Liedern, die wir gemacht haben, aber eigentlich bemühen wir uns immer, dass wir den Leuten die alten Lieder so spielen, wie sie die auch von den Platten kennen. Ich kann das selber nicht leiden, wenn Leute auf einmal Disko-Versionen von ihren Pogo-Krachern machen.

Das war es auch schon mit meinen paar Fragen. Jetzt würde ich nur noch gerne wissen: Das Album ist in Planung, wir haben die großen Festival-Shows… Wie wird es danach ungefähr weitergehen?

Das gibt sich so ganz harmonisch bei uns. Wir planen jetzt schon Club-Shows und wieder die ersten Festivals im nächsten Jahr, indoor wie outdoor. Und wenn alles gut läuft, schaffen wir es im Winter, das Album fertig zu machen und gleich anschließend auf Club-Tour zu gehen. Wir legen jetzt aber erstmal den Schwerpunkt auf die Gegenden, wo wir keine Festivals gespielt haben. Das sind in unserem Fall Österreich, Bayern oder der ganz hohe Norden. Da würden wir sehr gerne hin. Unser nördlichstes Festival ist das Area4 bei Münster. Das ist ja eigentlich ein Witz. Wir haben auch nichts in Berlin oder im nördlichen Osten.

Nicht mal Hamburg oder so?

Nichts dergleichen. Das steht dann alles auf der Karte. Das wird so schnell wie möglich gespielt. Aber das macht halt erst Sinn, wenn wir das Album am Start haben.

Okay!

Vielen Dank!

Ich hab zu danken!

Kein Thema!

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Festivalbericht zum Highfield Festival

Homepage: www.wizo.de
MySpace: www.myspace.com/wizo

Interview: Marius Meyer
Bilder: WIZO-Management