Nachdem sie zuletzt durch ihre Kooperation mit Keith Caputo Aufsehen erregt haben, ist nun seit dem neunten März mit The Heart of Everything auch das vierte Studioalbum von Within Temptation erschienen. Zu diesem Anlass erklärte sich Sängerin Sharon den Adel bereit, ein Interview für Alternativmusik.de zu geben, in dem sie zum einen Hintergründe zum Album und der Zusammenarbeit mit Keith Caputo erläutert hat und zum anderen etwas über ihren Erfolg und die Situation im Gothic Metal allgemein erzählt. Viel Spaß beim Lesen des Interviews!

Frage: Mit The Heart of Everything habt Ihr soeben Euer viertes Studioalbum veröffentlicht. Welche Unterschiede gibt es zu den bisherigen Alben?

Ich denke, wir haben uns mit den Jahren geändert, da wir das von Album zu Album immer wieder tun. Dies geschieht aber immer in den Grenzen unseres eigenen Stils. In unsere Musik fließen viele verschiedene Einflüsse ein. Es sind sehr viele Stile und in jedem Album ist es ein anderer Stil, der mehr in den Vordergrund tritt und deutlicher wird.

Frage: Kannst Du das neue Album ein wenig charakterisieren?

Charakteristisch ist vor allem, dass es rhythmischer geworden ist. Die Stücke haben mehr Rhythmus und sind mehr an der Gitarre orientiert als zuvor. Es ist nach wie vor sehr bombastisch und orchestral, aber die Gitarren haben eine vordergründigere Stellung in den Stücken bekommen, was wir sehr mögen. Bei The Silent Force haben wir das Orchester erst im letzten Moment, kurz vor dem finalen Mix, gehört. Daher kollidierten oft die Gitarren mit dem Orchester. Daher klangen die Gitarren auf dem Album etwas softer als auf The Heart of Everything. Es war also ein richtiger Lernprozess. Diesmal ist das Orchester ausgeglichener und die Gitarren haben einen besseren Platz in den Stücken bekommen.

Frage: Was bedeutet der Titel des Albums?

Es ist eine Art Selbstkritik: Warum lebe ich? Was mache ich im Leben? Warum tu ich die Dinge, die ich tu? Tu ich sie aus dem richtigen Grund? Folge ich nach wie vor meinen Träumen? Jeder hat eine gewisse Idee seiner eigenen Zukunft. Die Zeit vergeht so schnell und manchmal lassen wir uns von der Schnelllebigkeit der Dinge überrumpeln. So kommt es, dass man wenn man 40 ist vergessen hat, was im Leben wichtig ist und man realisiert, dass man den eigenen Träumen nicht gefolgt ist, während das Leben vorbeizog. Das ist ein Teil der Bedeutung von The Heart of Everything. Der andere Aspekt ist Selbstreflexion in Bezug auf die Gesellschaft. Wenn einem die Wahrheit in Nachrichten und Politik präsentiert wird, muss man kritisch und offen sein, weil die Wahrheit unter Umständen etwas anders ist als das, was einem präsentiert wird. Man muss kritisch bleiben, da die Dinge oft anders sind, als sie einem gezeigt werden. Man muss sich bemühen, offen genug zu bleiben oder genug Zeitungen zu lesen und genug zu suchen, um sich sein eigenes Bild von dem zu machen, was tatsächlich passiert.

Frage: Gibt es so etwas wie einen roten Faden, der sich durch die Stücke des Albums zieht?

Ich denke, dass das, was ich bereits erläutert habe, sich durch alle der Stücke zieht, auch wenn sie natürlich andere Themen behandeln. Wir haben auf dem Album ein Stück namens The Truth Beneath The Rose, das ein wenig auf der Idee von The Da Vinci Code basiert. Was wir mit dem Stück suchen ist zum Beispiel, worum es in Religionen geht. Selbst wenn Wahrheiten dahinter stehen, ist immer noch die Frage, was man selbst daraus macht. Das ist gewissermaßen auch die Conclusio von The Da Vinci Code. Es inspirierte uns, dieses Stück zu schreiben. Es handelt von Religion, aber gewissermaßen auch davon, wie wir uns dahinter im Leben verstecken und wie wir das nutzen, um damit schlechte Dinge zu entschuldigen.

Frage: Auf dem Album findet sich mit What Have You Done die bereits als Single veröffentlichte Kooperation mit Keith Caputo. Warum habt Ihr Euch für ein Duett entschieden und weshalb fiel die Wahl dann letztendlich auf Keith Caputo?

Als wir das Stück vor anderthalb Jahren geschrieben haben, sang Robert einige Teile des Gesangs und ich sang einige. Als wir mit den Aufnahmen begannen, sang ich plötzlich alleine, weil es nicht so recht passte, weshalb Robert das Stück nicht singen wollte. Also mussten wir wen anders finden, der das Stück singen möchte.
Vor vielen Jahren sahen wir Life of Agony in Holland. Das ist wirklich sehr lange her, sie präsentierten damals ihr erstes Album River Runs Red. Sie waren auf der Bühne und es regnete wie sonst was. Wir standen vor der Bühne, unsere Klamotten saugten sich voll Wasser, es war kalt und so weiter. Aber wir konnten nicht gehen, weil wir so gebannt von Keith’ Stimme waren. Das war so intensiv, dass uns der Regen egal war. Das war für uns immer eine schöne Erinnerung, die wir nie vergessen werden.
Viele Jahre später schrieben wir also das Stück. Während wir daran schrieben hörten wir oft, dass Keith sich viel in Holland aufhält. Da er einer unserer Lieblingssänger ist, schrieben wir ihm, dass wir ein Stück haben, das ihm gefallen könnte und dass er uns anrufen könne, wenn er es mag und sich vorstellen kann, es mit uns aufzunehmen. Er rief uns sofort an, weil er das Stück wirklich mochte, zwei Wochen später saßen wir dann zusammen im Studio und sangen das Lied. Es war super, weil man ja auch vorher natürlich nie weiß, ob es so gut zusammenpasst.

Frage: Wie war die Zusammenarbeit mit Keith?

Er ist ein wirklich sehr sehr netter Kerl. Er ist sehr bodenständig und man kann mit ihm sehr unkompliziert zusammenarbeiten. Er ist sehr spirituell und mag Yoga sehr gerne. Er kann sogar seine Beine in den Nacken legen, das kann ich nicht. Er ist da sehr gut.

Frage: Der Titel findet sich auf dem Album in zwei Versionen. Wieso habt Ihr Euch entschieden, das Stück in zwei verschiedenen Varianten auf dem Album zu veröffentlichen?

Man kann sich Musik in vielen verschiedenen Wegen annähern. Die eine Variante war mehr gitarrenorientiert, die andere Variante war mehr orchestral mit symphonischen Klängen darin. Wir mochten beides. Außerdem wurde uns von der Plattenfirma gesagt, dass das Stück die Single sein wird. Daher entschieden wir, beide Versionen auf die Single zu pressen. Dann kann der Hörer entscheiden, welche Version ihm besser gefällt und welche er sich anhören möchte. Aus diesem Grunde haben wir beide Versionen dann auch auf dem Album veröffentlicht. Wir mögen sie einfach beide.

Frage: Ein anderes Stück, das mir aufgefallen ist, war Our Solemn Hour. Grund waren die darin enthaltenen Samples. Was sind es für Samples und warum habt Ihr diese benutzt?

Es sind Samples von Churchill und es das Stück handelt vom Krieg. Wir haben die Samples von der Churchill Foundation bekommen, was auch eine nette Geschichte ist. Wir mussten um Genehmigung fragen, weshalb wir eine E-Mail nach Amerika an die Churchill Foundation schickten. Daraufhin wurden wir gefragt, was für Musik wir machen, weshalb wir einfach etwas Musik von uns schickten. Als Antwort erhielten wir, dass der Bearbeiter die Musik nicht hören kann, weil er taub ist. Aber er erlaubte uns trotzdem, die Samples zu verwenden.

Frage: Ihr seid eine sehr erfolgreiche Band, weshalb die Erwartungen bei jedem neuen Album erneut sehr hoch sind. Wie nehmt Ihr diese Erwartungshaltung wahr und wie geht Ihr damit um?

Das ist immer etwas lustig. Wir können schließlich nicht mehr machen, als den künstlerischen Teil der Musik zu übernehmen. Alles, was danach kommt, liegt nicht in unseren Händen. Wenn die Fans unsere Musik mögen, ist das für uns eine positive Wertung. Das ist in meinen Augen das beste Kriterium, das wir nutzen können.

Frage: Eine Begleiterscheinung des großen Erfolges ist es, in Shows wie Top of the Pops aufzutreten. Wie ist es für Euch, in derlei Shows und Umgebungen aufzutreten?

Ich sehe bei solchen Dingen eher die positiven Aspekte. Der Erfolg macht viele tolle Dinge erst möglich. Zum Beispiel können wir ein gutes Video machen oder wir können auf dem nächsten Album wieder ein Orchester benutzen. Es gibt einem die Möglichkeit, mehr für seine Musik zu machen. Für uns wird jedes Mal wieder ein Traum Wirklichkeit, wenn wir ein weiteres Album mit einem großen Orchester und einem großen Chor aufnehmen können. Wie man sieht, bringt der Erfolg auch viele tolle Dinge mit sich neben dem von Dir erwähnten Beispiel.

Frage: Wenn man sich die Entwicklungen der letzten Jahre ansieht, scheint es so, als gäbe es heutzutage eine größere Akzeptanz und eine größere Hörerschaft für dunklere Arten von Musik. Wie seht Ihr diese Entwicklung?

Diese Entwicklung sehe ich auch. Es gibt inzwischen viele verschiedene Bands, die mit dieser Art von Musik Erfolg haben. Jeder denkt, dass Metal und Rockmusik nicht so stark akzeptiert sind. Vielmehr ist es aber so, dass die Menschen damit gar nicht erst in Kontakt geraten. Heutzutage sind es viel mehr Menschen, die solche Musik wirklich mögen. Teilweise sind sie sogar 60 Jahre alt. Es sind die Menschen, die bei sich beispielsweise Pink Floyd, Deep Purple und Black Sabbath hören. Sie hören uns dann irgendwo und bemerken, dass ihnen das auch gefällt, daher kommen sie zu unseren Konzerten. Ich finde, das ist eine schöne Entwicklung, dass Vater und Sohn zusammen zu einem Konzert gehen können, ohne dass jemand wegen des Altersunterschieds blöd guckt. Vor allem die Medien sollten bemerken, dass es immer mehr Interesse an dieser Art von Musik gibt. Es sind mehr Menschen als je zuvor, die sich für harte Musik interessieren. Das ist eine schöne Entwicklung, wie ich finde.

Frage: Ihr werdet oft mit anderen Bands vergleichen, wobei oft der Vorwurf des Kopierens geäußert wird. Ihr werdet wohl oft den Vorwurf gehört haben, Ihr würdet Nightwish kopieren und auf deren Erfolgswelle mitschwimmen, obgleich sowohl Nightwish als auch Ihr sich 1996 gegründet haben. Was denkst Du über diese Vorwürfe?

Nun ja, wir werden mit vielen Bands verglichen und sie warden mit uns vergleichen. Diese Vorwürfe müssen sich also auch andere anhören. Ich halte es für etwas ignorant, das zu sagen, da sich alle zurzeit in diesem Bereich vertretenen Gruppen sehr voneinander unterscheiden. Jeder, der diese Szene kennt und sich genug informiert wird sehen, dass die Bands unterschiedlich sind. Natürlich gibt es Vergleiche, das trifft alle Bands. Das heißt nicht, dass man sich gegenseitig kopiert. Mich stört das nicht. Wir machen einfach die Musik, die wir mögen und das ist alles.

Frage: Ein anderer – meiner Meinung nach etwas seltsamerer – Vergleich, der vor allem seit What Have You Done zu hören ist, ist der, dass Ihr wie Evanescence klänget. Wie bewertet Ihr das?

Das ist im Grunde auch wieder das, was ich eben schon gesagt habe. Das ist vergleichbar mit den Vergleichen, als Grunge gerade aktuell war. Man verglich dauernd Pearl Jam, Nirvana und Alice in Chains. Alle trugen sie Holzfällerhemden, also kopierten sie sich alle gegenseitig. Die Fans stritten sich darum, wer zuerst da war und wer authentischer war. Das war sehr seltsam. Wenn man diese drei Bands rückblickend betrachtet, bemerkt man, dass sie sehr unterschiedlich waren. Es sind wohl mehr die Medien, die mit solchen Dingen nach interessanten Geschichten suchen. Vergleichbar sein heißt nicht gleich, dass man voneinander kopiert.

Frage: Eure Musik wird allgemein unter Gothic Metal geführt, Eure Fans sind aber die unterschiedlichsten Arten von Menschen und lassen sich nicht so einfach in eine Schublade pressen. Wie erklärt Ihr Euch das?

Wie ich es schon erwähnt habe: Leute, die sonst Pink Floyd, Deep Purple oder auch Black Sabbath hören, kommen mit ihren Kindern zu unseren Shows. Das ist wohl einer der Gründe, warum viele Menschen harte Musik mögen. Mir geht es ja genau so: Auch ich höre Deep Purple und andere Arten harter Musik. Das dürfte einer der Gründe sein.

Frage: Soweit war es das erst einmal mit Fragen von meiner Seite. Noch irgendwelche Ergänzungen von Eurer Seite?

Nicht wirklich, da wir jetzt schleunigst zum Flughafen müssen. Vielen Dank für das Interview!

Ich habe zu danken!

Homepage: www.within-temptation.com

Interview: Marius Meyer
Bilder: PR