Konzertberichte Lisa, 28.06.2009
Blackfield 2009 | 20./21.06.2009, Gelsenkirchen
Bei durchwachsenem Wetter strömten am 20. und 21. Juni tausende Freunde düsterer Klänge in das Amphitheater Gelsenkirchen. Das Blackfield Festival ging in die zweite Runde und hatte schwere Geschütze aufgefahren: Neben Diary of Dreams, Suicide Commando und Rotersand lockten als Headliner VNV Nation und ASP insgesamt rund 6000 Besucher in das Theater im Nordsternpark. Auf nur einer Bühne begeisterten insgesamt 20 Bands die Massen, denen weder Regenschauer noch Sonnenbrände etwas anhaben konnten. Die außergewöhnliche Location direkt am Rhein-Herne-Kanal war dabei nur eines der Puzzleteile, die das Blackfield Festival 2009 zu einem unvergesslichen Event machten. Den Hauptteil daran trugen sicher die Bands, deren Auftritte durchweg gut gelungen waren.
Tag 1
Das Wochenende begann allerdings mit einer gewissen Verwirrung: Von Dortmund aus über die A42 kommend fehlte jegliche Beschilderung, die auf das Blackfield Festival hinwies. Auch von den auf dem Lageplan ausgewiesenen insgesamt 7 Parkplätzen fehlte jede Spur. Der Ordner, der uns am überfüllten Parkplatz 1 vorbeiwinkte, teilte auf Nachfrage hin mit, ihm sei nichts von weiteren Parkplätzen bekannt, wir sollten auf das (gebührenpflichtige) Parkhaus ausweichen. Immerhin waren die Kosten nicht so hoch wie erwartet und das Parkhaus in annehmbarer Nähe zum Festivalgelände. Warum allerdings die Bändchenausgabe an einem Häuschen erfolgte, an dessen Wand gut sichtbar angeschlagen stand: „Keine Bändchenausgabe!“, will sich auch Tage später nicht erschließen. Dies waren allerdings die einzigen organisatorischen Pannen, die auffielen. Die Händlerauswahl war gut und zumindest, was Kleidung betraf, in einer annehmbaren Preisklasse angesiedelt. Die Preise für Essen und Getränke allerdings hatten im Vergleich zum Vorjahr deutlich angezogen, bewegten sich aber (leider) auf dem typischen Festivalniveau. Umso höher ist dem Veranstalter anzurechnen, dass das Mitbringen eigener Lunchpakete und Tetrapacks erlaubt war.
Insgesamt aber ist ein großes Lob an den Veranstalter anzubringen. Die Location ist einzigartig; die Bühne mit dem Kanal im Hintergrund gibt ein tolles Gesamtbild ab. Auch die zur Bühne hin abfallenden Ränge des Amphitheaters sind wie gemacht für eine Musikveranstaltung: Wer keine Lust auf das Geschiebe direkt vor der Bühne hat, setzt sich einfach auf die Ränge. Egal von wo, ein perfekter Blick auf das Geschehen auf der Bühne ist gesichert. Besonders positiv stach hervor, dass die Techniker es tatsächlich schafften, eine Box, die am Ende des Suicide-Commando-Auftritts kaputt ging, innerhalb der zwanzigminütigen Umbaupause zu reparieren und beim Auftritt von Apoptygma Berzerk kein Rauschen oder Knacken mehr zu hören war. Hier wurde ein deutliches Signal an andere Festivals gesetzt, dass auch solche technischen Pannen schnell behoben werden können.

Durch Parkplatzsuche, Verwirrung um das Bändchen für den Begleiter und die lange Schlange am Einlass wurde der Festivaleinstand von KLOQ am Samstag leider verpasst. Auch von Staubkind bekamen wir noch nicht viel mit, hörten aber zumindest die letzten gespielten Stücke wie Schlaflied deutlich. Zumindest, was zu hören war, lässt den Verdacht aufkommen, dass Staubkind eine sehr gute Liveband sind, die die Menge durchaus zu begeistern wussten.
Auch den Auftritt von End Of Green verpasste ich leider, da ich zu diesem Zeitpunkt ein Interview mit VNV Nation’s Sänger Ronan Harris führte.
Rotersand beschenkten das Publikum mit einem Set aus Songs quer durch alle Veröffentlichungen und sorgten für einen der lustigeren Momente des Wochenendes, als Sänger Rasc nach einem Bad in der Menge für alle hörbar fluchte, weil er nicht mehr zurück auf die Bühne kam. Gedankt wurde dem Trio für seinen sympathischen, publikumsnahen Auftritt mit lautem Jubel. Der solide Liveauftritt, bei dem jeder Ton und jeder Einsatz saßen und die sympathische Art der Band sorgten für steigende Begeisterung des Publikums, das sich bei (noch) trockenem Wetter vor der Bühne austobte.
Danach sollte es wieder rockiger werden: Zeraphine gaben sich die Ehre, rockten das Amphitheater – und pünktlich zu Be My Rain fielen ironischerweise ein paar Regentropfen. Diese wuchsen sich zu einem der zahlreichen Schauer aus, die das Amphitheater am Samstag und Sonntag heimsuchten.
Der Stimmung konnte das allerdings keinen Abbruch tun, ging es doch nun stetig auf die Headliner des Abends zu. Project Pitchfork, von ihren Fans gefeiert, heizten der Menge noch einmal mit einer gesunden Mischung aus alten und neuen Songs ein. Spätestens zu Timekiller stand vor der Bühne kein Bein mehr still. Eine solide Darstellung, wirklich überzeugen konnten Peter Spilles und seine Mannen jedoch noch nicht und spielten so vor verhältnismäßig leeren Reihen. Auf den Großteil des Publikums, das sich auf den Rängen verteilt hatte, konnte der Funke dann auch nicht überspringen.
Setlist: Intro, If I Could, God Wrote, Requiem, Revolution Now, Carrion, Alpha Omega, En Garde, Existence, Timekiller, Conjure, Rescue
Dieses Problem sollte sich allerdings nach Project Pitchfork legen. Unter lautem Applaus kündigte Ronan Harris den Co-Headliner des Abends an: Diary of Dreams. Es sei ihm eine Ehre, dies tun zu dürfen, da Diary of Dreams eine seiner Lieblingsbands seien, verkündete Ronan der Menge und eröffnete damit die einstündige Show der Formation. Das Konzert zog mehr und mehr tanzwillige Besucher vor die Bühne, bis der gesamte Platz gefüllt war. Geboten wurde eine mitreißende Show, die nicht nur altgediente Fans der Band begeisterte.
Zum Highlight des Abends sollte sich am Bild des Amphitheaters nichts mehr ändern. VNV Nation lockten noch einmal mehr Besucher auf die Ränge und vor die Bühne. Nachdem die Band die Bühne zu den Klängen des neuen Intros Pro Victoria betreten hatte, folgte ein Song vom 1998er Album Praise the Fallen, den die Menge schon zu Beginn erkannte und frenetisch bejubelte. Die Mischung behielten Ronan Harris und seine Mannen bei: viele ältere Klassiker wie rahmten brandneue Songs vom am Freitag erschienenen Album ein. Das Publikum ließ sich mitreißen: Je länger die Band spielte und je dunkler es wurde, desto mehr glich das gefüllte Amphitheater einem brodelnden Kessel. Kaum ein Bein stand still. Doch auch für Atempausen wurde gesorgt, und als zu Beloved an einigen Stellen des Theaters Feuerzeuge und Wunderkerzen angezündet wurden, bewiesen VNV Nation, dass sie auch einen großen Gänsehautfaktor besitzen. Abgerundet wurde dieses wirklich gelungene Konzert von Ronans ständiger Interaktion mit dem Publikum, durch die erst der Funke richtig überspringen konnte. VNV Nation als Headliner für den Samstagabend zu buchen – ein Lob an den Veranstalter für diese Entscheidung. Die Zuschauermenge und die grandiose Leistung der Band, die die Stimmung richtig anheizte, sprachen für diese Entscheidung.
Setlist: Intro: Pro Victoria, Honour 2003 (FDR Version), Epicentre, Sentinal, Nemesis, Further, Homeward, Chrome, The Great Divide, Illusion, Precipice, Legion, Tomorrow Never Comes, Beloved; Zugabe: Perpetual

Tag 2
Die letzten, bejubelten, Akkorde des Auftritts der Dope Stars Inc. verklangen gerade, als wir das Gelände betraten.
Es folgte der Auftritt von Peter Spilles’ Projekt Santa Hates You. Schnelle, harte Beats und zusätzliche weibliche Vocals trafen den Geschmack der tanzwilligen Fraktion. Peter Spilles kam etwas entspannter rüber als bei seinem Auftritt mit Project Pitchfork, das Publikum ließ sich besser mitziehen als noch beim Auftritt am Vortag. Insgesamt boten Santa Hates You ein ausgezeichnetes Programm aus mitreißenden und tanzbaren Beats. Aufgrund der frühen Stunde allerdings blieben die Publikumsreihen recht licht.
Setlist: Karoshi, Ego Inc., Sugar & Spice, Rocket Heart, Feuerball, Pantheon, U’R Fucking It Up
Ein regelrechtes Kontrastprogramm lieferte die Mittelalterband Faun danach ab. Völlig ohne E-Gitarren und mit mittelalterlichen Instrumenten bewaffnet bestritten sie ein Konzert, das das Publikum überraschend positiv aufnahm. Besonders die schnelleren Stücke mit ihren treibenden, bedrohlichen Trommeln lockten die Zuschauer aus der Reserve. Obwohl die Band sehr aus dem weiteren Line-Up herausstach, gehörte ihr Auftritt zu den Highlights des Wochenendes. Die Musiker hatten sichtlich Spaß an ihrer Arbeit auf der Bühne und das Publikum bewies, dass es auch offen für Neues neben der vornehmlich elektronischen Musik war.
Setlist: Rosmarin, Wind & Geige, Egil Saga, Iyansa, Zeitgeist, Rhiannon
Die folgende Letzte Instanz nahm das Publikum dann wieder mit in rockigere Gefilde. Mit einem Banner des Schuldig-Covers im Hintergrund zeigten die Jungs um Sänger Holly von vornherein, in welche Richtung es gehen sollte: rockig nach vorn. So wurden einige Songs vom aktuellen Album geboten, die Musiker und Publikum gleichermaßen antrieben und mitrissen. Auch hier füllte sich der Platz vor der Bühne stetig weiter und selbst Teile des Publikums, die – durch Kleidung erkennbar – eher zur Cyber- oder EBM-Fraktion gehörten, feierten kräftig mit. Man kann es nicht anders sagen: Letzte Instanz rockten das Publikum während ihrer Spielzeit ordentlich. Der Spaß, den die Band offensichtlich beim Musizieren hatte, übertrug sich mühelos auf das anwesende Publikum und zum Klassiker Stimmlein sang ein beträchtlicher Teil der Anwesenden mit.
Setlist: Mea Culpa & Engel, Flucht ins Glück, Tanz, Ohne Dich, Mein Todestag, Finsternis, Stimmlein, Wir sind allein
IAMX boten eher ein optisches Highlight. Der Ton war leider völlig übersteuert, wodurch von Chris Corners Stimme kaum etwas zu hören war. Dagegen waren die Bässe so laut abgemischt, dass man fast schon Magenschmerzen bekam. Dem Lärm trotzten auf der Bühne allerdings Musiker, die optisch einiges hergaben und im ersten Moment für irritierte Blicke sorgten – die sich wiederholten, als Chris Corner sich während des Auftritts mehrmals auf eine goldene Ponyfigur setzte, die zur Bühnendeko gehörte. Musikalisch war wegen der schlechten Abmischung, die sich so übrigens auf dem gesamten Festival nicht mehr wiederholte, wenig zu hören, allerdings schien das Publikum direkt vor der Bühne seinen Spaß zu haben.
Setlist: Bring Me Back A Dog, Nature Of Inviting, The Alternative, Sailor, An I For An I, My Secret Friend, Spit It Out, Nightlife, Kiss + Swallow

Beim Auftritt von Suicide Commando war von schlechter Abmischung nichts mehr zu hören. Von den Fans gebührend empfangen, legten Johan Van Roy und seine Kollegen auf der Bühne richtig los. Dem mehr als zwanzig Jahre alten Industrial-Projekt merkte man das Alter definitiv nicht an – frisch und motiviert ging Johan Van Roy ans Werk, die Performance wie immer perfekt mit den im Hintergrund laufenden Videosamples getimt. Kein Klassiker des Projekts fehlte im gut 45 Minuten dauernden Set und so wurden viele Fans von den Rängen gerissen. Die Stimmung im Amphitheater stieg, selbst Tanzfaule ließen sich mitreißen. Zwar war es nicht annähernd so voll wie am Vortag zu Diary of Dreams oder VNV Nation, allerdings ließ sich das anwesende Publikum ähnlich mitreißen. Johan Van Roy wusste, das Publikum von der ersten bis zur letzten Minute zu begeistern.
Setlist: Bind, Torture, Kill, Menschenfresser, Conspiracy With The Devil, Dein Herz, meine Gier, Hate Me, Love Breeds Suicide, Die Motherfucker Die, Cause Of Death:Suicide, Hellraiser
Dann war es so weit: ASP betraten als Abschluss des Blackfield Festival 2009 die Bühne. das Publikum, dessen Zusammensetzung nach Apoptygma Berzerk einen radikalen Umschwung erlebte, feierte Asp und seine Bandmitglieder gleich zu Beginn. Was folgen sollte, war einer der besten Auftritte des gesamten Festivals. Eine großartige Darbietung rockiger Songs, die die Quintessenz der bisherigen ASP-Arbeiten darstellte, traf auf die sehr sympathische Art von Asp, der das Publikum immer wieder ansprach. Relativ schnell im Set wurde das Geheimnis um die „Premiere“ des neuen ASP-Songs gelöst, der am Wochenende aktuell wie nie war: Wer sonst? ist ein Song, der mit der Thematik des „Rückgrat zeigens“ umgeht. Neues Material von ASP, das im Stil von Ich bin ein wahrer Satan ordentlich nach vorn geht und vom Publikum begeistert aufgenommen wurde. Der Mix aus Schmetterling- und Krabat-Songs hielt insgesamt für jeden Freund düsterer Klänge etwas bereit. Leider sah man während des Konzerts immer mehr Menschen gehen, allerdings dürften diese auf den an die Festivalbegebenheiten wenig angepassten ÖPNV angewiesen gewesen sein. Ein Highlight, das das Blackfield Festival unvergesslich macht, verpassten sie jedenfalls: Ein Feuerwerk. Am Ende von Biotopia ließ ASP es sich nicht nehmen, sich noch einmal (sehr gerührt) bei den Fans für dieses außergewöhnliche Konzert zu bedanken. Auf die wahnsinnige Feuershow zu Ich will brennen folgte dann in den letzten Minuten ein Feuerwerk, das sich beeindruckend vom Nachthimmel abhob und den Rhein-Herne-Kanal erleuchtete. Andächtiges Schweigen im Publikum wurde von lauten Jubelrufen abgelöst – ein würdiger Abschluss mit Gänsehautfaktor für ein insgesamt sehr gelungenes Festival.
Setlist: Intro & Ich bin ein Wahrer Satan, Duett, Kokon, Wer sonst? (neue Single), Werben, Sanctus/Benedictus, How Far Would You Go?, Und wir tanzten, Denn ich bin der Meister, Schwarzes Blut; Zugabe 1: Sing Child, Krabat; Zugabe 2: Ich will brennen, Biotopia

Festival-Homepage: www.blackfield-festival.de
Blackfield bei MySpace: www.myspace.com/blackfieldfestival
Text: Lisa Kleinberger
Bilder: Martin Dresbach