Das Schloss Broich wurde bereits im 9. Jahrhundert als Befestigungsanlage errichtet. Im Laufe der Jahrhunderte wurde es immer wieder um-, auf- und abgebaut und seit den Siebzigern ist das Schloss wiedereröffnet und eines der Highlights der Stadt Mülheim. An diesem Ort fand in diesem Jahr auch zum 10. Mal das Folk-Festival Burgfolk statt, welches in dem Ambiente des Schlosses nicht nur eine ganz besondere Atmosphäre entfalten konnte. Es zeigte auch beim LineUp eindrucksvoll, wie weit man den Begriff Folk ausdehnen kann, denn man bekam von Mittelalterbands über Speedfolk hin zu Metalbands sehr viel Abwechslung geboten. So war es auch wenig verwunderlich, dass das Publikum sehr durchmischt war. Es waren Metaller, Punks, (vermutlich ortsansässige) Familien, Rocker sowie Mittelalter-Fans fast jeden Alters vertreten.

Tag 1

Direkt nach Einlass um 17 Uhr bekam man schon einen positiven Eindruck vom Festival, was vor allem an der familiären Grundstimmung lag, die man sonst auf großen Festivals vermisst. Dieser Eindruck sollte sich im Laufe des Festivals auch weiter bestätigen.

Eine halbe Stunde nach Eintritt begann dann auch die erste Band: Feuerseele spielten klassischen Mittelalterrock mit E-Gitarren, Dudelsack und Geige und schafften einen guten Start. Sehr angenehm fiel auf, dass die Band nicht krampfhaft versuchte, Stimmung zu erzeugen, stattdessen spielten sie ihre Lieder und sagten „Macht einfach mit, wenn ihr Bock habt.“ Der Aufforderung folgten auch nicht wenige Zuschauer.

Weiter ging es mit den Niederländern von Heidefolk, bei derem heidnischen Metal es sich vor der Bühne merklich füllte. Sie schafften es, das Publikum mitzureißen, so wurden während des Auftritts mehrmals Methörner und Plastikäxte erhoben und die Texte mitgeschrien. Auch wurde während es Auftritts der Toten des Pukkelpop-Festivals gedacht, für die man Saksenland spielte. Zum Schluss gab es noch Wodan Herst zu hören, mit dem man die Band aber noch nicht gehen lassen wollte. Als Zugabe gab es dann noch Bejt bi Nacht, zu welchen nochmal richtig laut mitgegröhlt wurde.

Um fünf nach halb acht begab sich dann nochmal eine holländische Band auf die Bühne: Rapalje enterten die Bühne und stimmten ein „Happy Birthday“ zum 10-jährigen Jubiläum des Burgfolk an. Was folgte, ist eigentlich nur schwer in Worte zu fassen. Auch wenn einem die Livequalitäten der Band bekannt sind, zieht sie einen immer noch in den Bann und ohne irgendeine Aufforderung tanzte das Publikum, klatschte mit und machte eine Polonäse. Klassiker wie Wat zullen we trinken, das Manowar-Cover Crown and the Ring, Home is where my friends are und Raggle Taggle Gispy wurden selbstverständlich gespielt und auch hier wollte man die Band nicht gehen lassen, auch wenn danach ein wahres Highlight auf einen wartete.

Mit ein wenig Verspätung betrat dieses dann auch die Bühne, nachdem bereits das Publikum nach ihnen schrie. Vorher gab es vom noch Veranstalter Michael Bohnes eine kurze Ansage, bei der man merkte, dass ihm das Festival wirklich am Herzen liegt. Denn zum ersten Mal gab es in diesem Jahr einen Zeltplatz, den man in den nächsten Jahren wieder einrichten will. Es scheint nicht einfach gewesen zu sein, den Zeltplatz bei der Stadt durchzusetzen. Dann aber endlich folgten Eluveitie, die es offensichtlich genau so toll fanden, da zu sein, wie das Publikum. So konnten sie direkt überzeugen. Später wurde das Publikum auch zu einem Circle Pit herausgefordert. Gespielt wurden neben vielen neuen Stücken auch Slania, bei welchem das Publikum mitsingen sollte, sowie Tegernako, welches das Konzert dann auch ausklingen ließ. Wobei man hier deutlich das Gefühl hatte, dass die Band gar keine Lust hatte, aufzuhören. Da sich Schloss Broich aber in einem Wohngebiet befindet, war dann um etwa viertel vor elf Schluss und ein gelungener erster Tag neigte sich dem Ende zu.

Tag 2

Um ein Uhr mittags startete der zweite Tag mit Cumulo Nimbus, die seit 2000 existieren und 2005 sogar den Kulturpreis der Stadt Landsberg erhielten. Musikalisch gab es eine Mischung aus mittelalterlicher Musik, Metal und Renaissance-Stücken, wobei viele einen ausgeprägt morbiden Unterton hatten. Auch wenn noch nicht viel los war, schaffte es die Band, die meisten Leute vor der Bühne zu versammeln, weswegen auch an diesem Tag die erste Band einen gelungenen Start hinlegte.

Danach folgten Dunkelschön, bei denen zu Beginn die Technik nicht so recht wollte. Als es dann aber losging, war man regelrecht in der Atmosphäre gefangen, die die Band verbreitete, was vor allem an der Sängerin lag, die eine beeindruckende Bühnenpräsenz zeigte. Ohnehin schien die Band bester Laune zu sein und diese Stimmung schlug auch schnell aufs Publikum um, womit Dunkelschön einen wirklich spannenden Auftritt hinlegten, den man in dieser Form nicht oft erlebt.

Zumindest nicht bei der Band, die danach spielte, auch wenn man sich darüber durchaus streiten kann: Der Auftritt von Ignis Fatuu stand bevor und die Band hat es in den vergangenen Jahren geschafft, sich eine solide Fanbasis aufzubauen. Zumindest wartete diese schon vor der Bühne und rief die Band herbei, worauf der Sänger während des Auftritts auch sagte: „Die Fans sind nicht gekauft.“ Glauben wir ihm das mal. Der Auftritt selber rief dann auch gemischte Reaktionen hervor: Während die Fans die Band abfeierten, gab es Reaktionen wie „ganz entspannt“, „ganz nett“ bis hin zu „grauenhaft“ – inklusive Augenverdrehen. Für jemanden, der mit der Band bislang wenig anfangen konnte und bisherige Auftritte unter Katastrophentourismus betrachtet hatte, war es schwer, ein objektives Urteil zu fällen: Man muss ihnen zugestehen, dass viele die Band sehr gut fanden und es auch schafften, das Publikum zu animieren, was den traurigen Auftritt auf dem M’era Luna 2010 vergessen macht, auch wenn Wortwitze wie „DuTube“ nicht wirklich lustig waren. Immerhin gab es sogar Rufe nach einer Zugabe, die die Band mit Wächter der Nacht gab. Allerdings muss man wirklich zu der Art Mensch gehören, die mit der Art Musik was anfangen kann. Sonst wird man mit der Band nun mal nicht warm.

Der Sprung hätte dann auch nicht größer sein können, sowohl vom Stil her, als auch von der Bühnenpräsenz, denn es folgten Omnia, die nur leider etwas später anfingen und so nicht ihr komplettes Set spielen konnten. Dafür gab es aber alles, was man sich von der Band wünschen konnte: Alive, Dance until we die oder auch En Avant rissen einen sofort mit. Bei Toys in the attic verteidigte man den alternativen Lebensstil und vom bald erscheinenden Album wurde I don’t speak human gespielt, welches die menschliche Zivilisation aus der Tierperspektive schildert und ebenfalls für Gänsehaut sorgte. Ein Auftritt, den man so nicht so schnell vergessen wird.

Dasselbe galt aber auch für The Real McKenzies, die das Konzert mit Barret’s Privateers einleiteten, dabei auch mal ihre Schottenröcke blank zogen und dann auch schön brachial zur Sache gingen. Sie boten den „fun-loving beer drinking bastards“ im Publikum einiges zum Mitfeiern, lediglich I’ll Never Find Another You wurde rein akustisch und romantisch dargebracht. Ansonsten schien man das Vorhaben das Schloss niederzubrennen durchaus konsequent zu verfolgen, was sich gegen Ende in Trinkliedern wie Drink the way I do oder Drink some more widerspiegelte, bei denen es nochmal richtig zur Sache ging.

Die darauf folgenden Fiddler’s Green wirkten da im direkten Vergleich fast schon artig, Eingeleitet wurde ihr Konzert von einem Bodhranspieler im Schafskostüm und Carmina Burana-Klängen. Das bedeutete aber nicht, dass sie im Schatten der Real McKenzies spielten, im Gegenteil hatten auch sie sehr schnell das Publikum auf ihrer Seite, vor allem als der Schlagzeuger zu RaggleTagge Gipsy dann nach vorne kam und auf Snaredrums mit dem Rest der Band mitfeierte. Vom neuen Album wurde auch Tam Lin und Wall of Folk gespielt, dabei musste diese dann auch gemacht werden. Dabei muss man im Gegensatz zur Wall of Death nicht ineinander rein, sondern voneinander weg laufen und eine Gasse bilden. In diese begab sich dann auch Albi, der Sänger, und brachte die Stimmung nochmal weiter Richtung Höhepunkt. Gegen Ende gabs natürlich noch Folk’s not dead und Rocky road to Dublin. Danach ging das Konzert zu Ende.

Danach hatte man Zeit zu verschnaufen, viel Zeit, denn bis Haggard begannen, sollte es eine Weile dauern. Aber da Haggard Perfektionisten sind: Über 15 Musiker auf der Bühne abzumischen, dauert eben und da man mit einer nicht funktionieren wollenden Geige zu tun hatte, dauerte es halt. Um viertel vor zehn, eine Stunde, nachdem es eigentlich losgehen sollte, fing man dann, trotz kleiner Problemchen, einfach an, da man das Publikum nicht weiter warten lassen wollte.

Immerhin entschuldigte der Auftritt dann die Wartezeit, auch wenn er dann letztendlich schon um elf zu Ende sein musste. Dafür hat man während des Auftritts wirklich was geboten bekommen: Wie der Sänger schon bemerkte, wollte man zwar an der besonderen Location alles perfekt machen, aber selbst ein paar Störgeräusche während des Konzerts konnten den Gesamteindruck des Konzertes nicht schmälern. Vor allem das Slayer-Cover South of Heaven genauso wie die Ankündigung eines neuen Albums, für welches man im Januar ins Studio gehen wolle, sorgten für Begeisterung. Während des Konzertes gab es dann auch noch eine Premiere: Man spiele noch ein Stück aus Mozarts Figaros Hochzeit für den Veranstalter, welches ebenfalls sehr gut ankam und enthusiastischen Applaus nach sich zog, der nur von dem Applaus nach Awaking the centuries, dem letzten Stück, übertroffen wurde.

Im Grunde gab es an diesem Wochenende fast nur Positives zu berichten: Die Veranstalter haben ein abwechslungsreiches LineUp geschaffen, das komplett überzeugen konnte. Denn egal, ob man nun große Bands sah oder noch jüngere: Alle hatten ihren eigenen Reiz und konnten überzeugen, auch wenn man zwischendurch das Gefühl hatte, einzelne Bands nicht richtig würdigen zu können, da sich ein Highlight an das nächste reihte.

Sieht man vom langen Soundcheck von Haggard und ein paar Verspätungen ab, ist auch alles auf dem Festival reibungslos verlaufen. Selbst das Wetter hätte idealer kaum sein können: Die ganze Zeit blieb es trocken und es war weder zu warm noch zu kalt. Bedenkt man, dass sowohl die Eintrittspreise als auch die Preise für Essen und Trinken auch noch sehr human waren, gibt es eigentlich nichts, worüber man sich an dem Wochenende hätte ärgern können. Und eins ist jetzt schon sicher: Nächstes Jahr wird es einen am 16. und 17. August wieder nach Mülheim verschlagen. Der Veranstalter verkündete auch schon, dass unter anderem Fersengold, Ingrimm und Feuerschwanz bereits bestätigt wurden. Und dass sich dazu noch einige Perlen dazu gesellen werden, sollte eigentlich jetzt schon klar sein…

Text und Bilder: Tristan Osterfeld