Nachdem der Vorlauf, wie bereits im Vorbericht angedeutet, mit einigen Verlegungen und Änderungen daherkam, kann man nun vorgreifend schon einmal sagen: Die Verlegung auf das Columbiagelände war eine wirklich sehr gute Variante, hatte man doch mit 3500 Zuschauern einen wirklich ordentlichen Einstand, der von der reinen Menschenzahl erst einmal untergebracht werden wollte. Bei bestem Sommerwetter konnte man so gut draußen alte und neue Bekannte treffen, während drinnen zu jeder Tageszeit beste Showbedingungen herrschten.

Zur besten Mittagszeit vor einer bereits ansehnlichen Kulisse machten Patenbrigade:Wolff dann um 15:00 Uhr den – wie sie es nennen – umgekehrten Headliner. Ein schönerer Euphemismus für „Opener“ wird schwer zu finden sein. Und tatsächlich boten sie gleich so einiges: In einer Besetzung von insgesamt neun Leuten mit wechselndem Bühnenpersonal wurde die Bühne in eine Baustelle umgewandelt, bei der man meinen konnte, die Musik stünde im Hintergrund. Tat sie natürlich nicht, denn die Patenbrigade bot tanzbaren Elektro mit härterem Einschlag, bot aber eben auch für all diejenigen genug Show, bei denen die Klänge nicht ganz den gewünschten Einschlag fanden. In Sachen Bühnenshow wurden hier auf jeden Fall eindeutig Maßstäbe gesetzt. Die Zugabenrufe konnten aus Zeitgründen leider nicht erfüllt werden, zu hören waren sie aber deutlich.

Setlist: Unsere Patenbrigade, Stalinallee, Feind hört mit, Gefahrstoffe, Popmusik für Rohrleger, Schusswechsel, Ostberliner Bauarbeiter, Abrissbude, Demokratischer Sektor

Ein Blick auf die Uhr, verglichen mit der Bühne: Ja! Es ist erst 15:50 Uhr. Und: Ja! Es spielen tatsächlich schon KMFDM, die um diese Ohrzeit ebenso für einen beeindruckenden Zulauf in der C-Halle sorgten. Seit jeher schwer einzuordnen, merkte man schnell: Auch in einem Umfeld wie diesem können KMFDM mitsamt Gitarren ihre Version von Industrial Rock sehr gut umsetzen. Druckvolle Klänge, harte Gitarren, kombiniert mit einem ordentlichen Schub Tanzbarkeit ergaben ein Rezept, bei dem auch Elektro-Freunde ihren Spaß hatten. Positiv zu erwähnen ist auch, wie professionell KMFDM es verstehen, technische Pannen zu meistern. Da kann auch schon mal fast einen gesamten Song lang das Mikro von Sascha Konietzko ausfallen: Er schlug sich wacker, bis die Technik das Problem im Griff hatte. Ein Auftritt, der gerockt hat, wenn man das so sagen darf, bei einem Elektro-Festival.

Setlist: DIY, Bait & Switch, Tohuvabohu, Son of a Gun, Hau Ruck, Looking for Strange, Potz Blitz, Attak And Reload, Megalomaniac, A Drug Against War

Zeit für Legenden, so wohl das Motto für den nächsten Auftritt. Leaether Strip sollten die Bühne entern. Oder eben: „Sollte“ in der Einzahl, denn den Großteil der Zeit stand Claus Larsen allein auf der Bühne und spielte Klassiker wie Japanese Bodies oder auch Hate Me. Eine Legende des EBM war hier ganz in seinem Element zu finden, bot dabei allerdings eine Show, die vor allem etwas für Fans und Liebhaber war. Zwar war zu sehen, dass hier jemand Spaß hat, sich Mühe gibt und auch zurecht den Legendenstatus besitzt, als unbedarfter Hörer allerdings fehlte die mitreißende Wirkung, was wohl vor allem auf das Problem „One-Man Show“ zurückzuführen ist. Claus Larsen soll dies indes nicht stören: Die Rückmeldungen vom Publikum gaben ihm schließlich recht!

Setlist: Intro / My shadow is your home, Turmoil, Desert Storm, Hate me, Introvert, Japanese Bodies, Body Machine Body, Strap me down, Black Gold, Don’t tame your soul

Zeit für Legenden, die zweite – und zwar gleich danach. Diesmal auf dem Programm: DAF. Eine Band, die erschreckenderweise im allgemeinen Gedächtnis schon etwas verblasst zu sein scheint – nicht nur die ernüchternde Feststellung, dass einige jüngere Besucher mit dem Namen nichts anfangen konnten, auch die immer leerer werdenden Reihen erzeugten Unverständnis. Nicht nur, dass hier eine Legende stand, sondern vor allem: Sie waren richtig gut! Gabi Delgado und Robert Görl sorgten eine ganze Stunde lang für beste Unterhaltung und Schwung im Tanzbein. Klassiker wie Verschwende Deine Jugend und der erstaunlich früh gespielte Mussolini standen in einer Reihe mit Songs wie Liebeszimmer aus jüngeren Zeiten. Spätestens zum Abschluss bei Alle gegen alle kochte der Saal noch einmal – zwar vor recht lichten Reihen, dafür mit mehr Platz zum Tanzen für die Anwesenden. Da konnte man auch verzeihen, wenn einem mal jemand ins Getränk springt. Ein sehr starker und gelungener Auftritt!

Setlist: Gewalt (Intro), Verschwende deine Jugend, Ich und die Wirklichkeit, Der Mussolini, Ich Will, Muskel, Mein Herz Macht Bum, Algorhitmus, Rote Lippen, Liebeszimmer, Sato Sato, Alle gegen Alle, Nachtarbeit, Der Sheriff, Die Lüge, Als wärs das letzte Mal

Während in der großen C-Halle nun Feindflug eine gewohnt routinierte und dennoch spielfreudige Show ablieferten und mit ihrem harschen Elektro die große Anhängerschaft begeisterten, war es zeit, mal das Gelände genauer in Augenschein zu nehmen. Immer noch bestes Wetter, viele Gelegenheiten, sich bei einer kühlen Erfrischung hinzusetzen – sei es auf verschiedenen Treppen, den zwei Biergärten oder eben im Public Viewing auf dem „dritten Floor“, wo um 20 Uhr die USA gegen Ghana spielten, allerdings ein Haken: Die Essensauswahl. Der Bratwurst-Grill war nur durch die C-Halle erreichbar und im Mittelbereich zwischen den beiden Hallen war es recht schwer, etwas zu essen zu finden. Die Auswahl hier wäre sicherlich zu verbessern, aber für so etwas gibt es ja hoffentlich noch viele weitere Durchgänge des Festivals.

Nach diesem kurzen Zwischenfazit ging es in den kleinen C-Club. Wobei man hier das schnelle Handeln der Veranstalter loben muss: War die Halle zu Anfang nur durch eine kleine Seitentür erreichbar, war nun der Haupteingang mit Zäunen auch für den Betrieb im laufenden Festival zugelassen und nicht nur für die, die erst ankommen. Befürchtungen einer Überfüllung waren vergebens, bei mind.in.a.box war die Halle genau richtig gefüllt. Mit Spannung erwartet spielten die Österreicher in Viererbesetzung mit echter Live-Band und konnten mit ihrer ganz eigenen Version von Elektro-Pop. Zwischen Commodore C64 und modernem Synthie-Pop spielte die Band ein druck- und eindrucksvolles Set, das bewies, warum die seltenen Auftritte der Band zu Recht immer wieder so herbeigesehnt werden. Elektronisch, tanzbar, mit viel Gefühl und einem hohen Gerne-wieder-Faktor!

Setlist: Remember, Amnesia, Stalkers, Fear, Certainty, Light & Dark, Questions, Whatever, Mattered Second Reality

Während im kleinen Club noch die Österreicher Grund zum Feiern ließen, war die große Halle bereits am Bersten, denn: Andy LaPlegua spielte auf. Mit seinen inzwischen längst zum eigenen Hauptact avancierten CombiChrist ließ er dabei auch nichts anbrennen und bot ein knalliges Best Of-Set. Wenn sich einer das Festival-Motto „Bässer – Härter – Lauter“ zum Programm gemacht hat, dann war es wohl Andy LaPlegua. Das Publikum war begeistert und feierte frenetisch mit zu Songs wie This Shit Will Fuck You Up, Blut Royale oder auch Feed Your Anger. Kein großes Wunder also, dass CombiChrist zur Zugabe gebeten wurden, die ihnen auch gewährt wurde. Mit Shut Up And Swallow und WTF Is Wrong With You Baby wurden also noch zwei Songs gespielt, bevor der nächste Programmpunkt anstand.

Setlist: Intro/All Pain, Rain Of Blood, Electrohead, Without Emotions, Feed Your Anger, Get Your Body Beat, Blut Royale, Fuck That Shit, Are You Connected, This Shit Will Fuck You Up
Zugabe: Shut Up And Swallow, WTF Is Wrong With You Baby

Die nächste Band beginnt nun mit der Frage: Wie beschreibt man das, was da passierte? Es war wohl eine Kombination aus Fehltritt, Bemühen, Routine und Schadensbegrenzung, nur keine so richtig gute Werbung in eigener Sache. Covenant boten keinen schlechten Auftritt. Ihren einzigartigen Elektro macht ihnen nach wie vor keiner nach und ihre eigene Nische haben sie sich längst erspielt. Nur war Joakim sehr wackelig auf den Beinen und fand nicht immer so den benötigten Halt auf der Bühne – Daniel Myer indes war routiniert und Eskil um Schadensbegrenzung bemüht, indem er die Menge anheizte. Sicherlich kein Glanzlicht, dennoch aber immer noch keine schlechte Covenant-Show. Die Setlist an sich war hitlastig, enthielt aber mit Dynamo Clock und If I would give my soul auch zwei neue Songs, deren Wirkung in Sachen Eigenwerbung sich aufgrund der Gesamtperformance allerdings eher in Grenzen halten dürften. Schade eigentlich. Nächstes Mal bitte erst nach der Show voll tanken!

Setlist: Stalker Intro, Stalker, 20hz, Dynamo Clock, Invisible & Silent, If I would give my soul, The Men, Ritual Noise, Improvisation, Theremin, Call the Ships to Port
Zugabe: Der Leiermann, Babel

Zu sehr fortgeschrittener Stunde und mit etwas Verspätung waren dann noch die mexikanischen Headliner von Hocico auf dem Programm. 01:00 Uhr längst überschritten, erblickten die Zuschauer ein Bühnenbild mit Voodoopuppen, flimmernden Fernsehern und anderen Requisiten, bevor sich das mexikanische Duo als Selbstläufer feierte und feiern ließ. Diabolisch schritt Erk über die Bühne, während Racso die Elektronik bediente. Tanzbarer Elektro der finsteren Sorte, der längst seinen festen Platz in der Club-Szene eingenommen hat und somit hier verdient den Headliner bot. Eine feiernde Menge in der rappelvollen C-Halle bewies das eindrucksvoll. Auch hier also kein Wunder, dass eine Zugabe auf er Tagesordnung war. Somit durften Hocico den Festivaltag dann mit Forgotten Tears und Poltergeist anständig beenden. Und auch, wenn man mit der Band nicht immer warm wird: Was hier geboten wurde, war ordentlich!

Setlist: A fatal desire, Born To Be Hated, Spirals Of Time, Untold Blasphemies, Dog Eat Dog, Love Posing As A Prostitute, Bloodshed, About A Dead, Escape The Spell, Odio Bajo El Alma
Zugabe: Forgotten Tears, Poltergeist

Ein gelungener, aber auch anstrengender Festivaltag ging somit zu Ende. Der Einstand des E-tropolis ist auf jeden Fall als absolut gelungen einzustufen. An einigen Stellen ist sicherlich noch Verbesserungsbedarf, neben der bereits angesprochenen kulinarischen Situation wäre auch ein einheitlicheres Pfandsystem in den beiden Hallen des Geländes gut. Aber ein Festival an seinem Pfandsystem festzumachen, wäre höchst seltsam. Daher an dieser Stelle ein eindeutiges „gerne wieder“, verbunden mit dem Hinweis, dass mit dem 03. September 2011 sogar bereits ein Termin hierfür gefunden wurde.

Homepage: www.etropolis-festival.de
MySpace: www.myspace.com/etropolisfestival

Text: Marius Meyer
Bilder: Frank Buttenbender (www.frank-buttenbender.de – Patenbrigade:Wolff, DAF, Covenant, Hocico), Michael Gamon (www.sparklingphotos.de – Besucherbild, mind.in.a.box) – vielen Dank für das freundliche Bereitstellen der Bilder!