Konzertberichte Marius, 26.08.2010
Highfield Festival | 20. – 22.08.2010, Großpösna
Gleich das erste Jahr am neuen Veranstaltungsort sollte kurzzeitig auf der Kippe stehen. Starke Regenfälle an den Vortagen verwandelten das Gelände in Großpösna bei Leipzig in eine Schlammschlacht. Der massive Einsatz von Holzspänen und Gehwegplatten konnte die Durchführbarkeit dann aber glücklicherweise doch gewährleisten und so konnte das Festival am Freitagnachmittag mit seinem sehr bunt gemischten Programm und 22000 Besuchern dann wie geplant durchstarten. Und das sogar bei bestem Sommerwetter. Zumindest bis zum Sonntagabend…
Tag 1
Nachdem entgegen der am Mittwoch vor dem Festival kurzfristig geäußerten Ansage, erst am Freitag den Zeltplatz öffnen zu können, doch schon am Donnerstag die erste Anreisewelle empfangen werden konnte, waren am Freitag alle neugierig auf das neue Gelände, sodass bereits der eröffnende Frank Turner vor einer recht großen Zuschauergemeinde spielen konnte. Mit seinen vom Folk inspirierten Songs und seiner Gitarre bewaffnet sorgte er dabei zur Eröffnung gleich mal 30 Minuten für gute Laune und ließ dabei auch schnell musikalisch die Festival-Stimmung aufkommen. Guter Job!
Setlist: Eulogy, Poetry Of The Deed, Try This At Home, Reasons Not To Be An Idiot, Long Live The Queen, I Knew Prufrock Before He Got Famous, Sons Of Liberty, The Road
Mit Millencolin sollte dann anschließend bereits eine Reihe eröffnet werden, die sich durch das Festival ziehen sollte: Die Reihe „Alte Bekannte“ war eröffnet. Das schwedische Punk-Urgestein zeigte sich zwar äußerlich gealtert, innerlich und musikalisch war aber der Esprit vorhanden, der sie bekannt gemacht hat. Ein Song wie 22 mit Zeilen wie „I’m twenty two, so far away from all my dreams”, die im Jahr 1997 bei der Band noch ihre Richtigkeit hatten, entfaltet dabei zwar schon eine eigenartige Theatralik mit zwinkerndem Auge, lassen einen dafür aber beruhigt in dem Wissen, dass auch diejenigen, die einem einst derartige Soundtracks zum Leben ablieferten, denselben Prozess durchmachen. Mit einem Hitfeuerwerk durch die Alben-Palette wurde mitgezogen und durchgerockt.
Setlist: Penguins, Fox, 22, Broken World, Man Or Mouse, Material Boy, E-20 Norr, Farwell, Botanic, Mr.Clean, Ray, Bullion, No Cigar, Detox, Loozin, Black Eye
Vom Punk der älteren Generation hin zum Punk der jüngeren Generation, die der Menge vor der Bühne nach auch deutlich stärker vertreten war. The Gaslight Anthem, spätestens nach ihrem letzten Album American Slang der neue „heiße Scheiß“ (man sehe die saloppe Formulierung an dieser Stelle nach) der jüngeren Indie-Generation, boten dann auch prompt ein angepunktes Konzert melodiösen Alternative Rocks, der in der späten Nachmittagssonne nicht lange brauchte, um zu zünden. Mit Backseat endete ein gelungenes Konzert, in das noch eben flugs Einsprengsel von The Clash und ihrem Lost In The Supermarket eingeflochten wurde.
Setlist: Great expectations, 1930, The diamond church street choir, Old white Lincoln, Even cowgirls get the blues, Old haunts, We came to dance, 59 sound, American slang, Say I won’t, Spirit of Jazz, Miles Davis and the cool, Bring it on, The queen of Lower Chelsea, Stay lucky, Backseat

Es sollte hiernach ein erster Gang auf die Zeltbühne folgen. Die kurzfristig für den abgesagten New Young Ponys Club eingesprungenen Fotos aus Hamburg zeigten dabei eindeutig, wo sie herkommen. Auch wenn die Hamburger Schule immer und immer mehr zur Worthülse verkommt: Irgendwas ist ja doch immer noch dran. Und dass es auch junge Bands gibt, die dazu in der Lage sind, dieses Feuer am Brennen zu erhalten, das bewiesen Fotos auf der gut gefüllten Zeltbühne sehr gekonnt. Mit einer angenehmen Portion Aggression darin spielten sie melodiöse 45 Minuten deutschsprachigen Indie-Rocks. Kam an. Und zwar ziemlich gut!
Setlist: Ich bin für Dich da, Es reißt uns auseinander, Komm zurück, Porzellan, Nacht, Mauer, Nach dem Goldrausch, Viele, On the Run, Giganten, Du löst Dich auf
Und wieder raus. Jung und alt geben sich die Klinke in die Hand. Sollte man meinen. Denn draußen stand mit WIZO mal wieder eines der Urgesteine auf der Bühne. Mit klarer Mission: „Dass er vier Leute auf der Bühne sieht, die extrem Vollgas geben und von der ersten bis zur letzten Sekunde mit der ganzen Intensität den Spaß an der eigenen Musik spüren zu lassen.“ So wollten es WIZO mit ihrem Publikum anstellen, so taten sie es auch. Und wenn sie vorher noch halb scherzhaft der Meinung waren, sie wollen „ein paar der Studenten-Mädchen, die wegen Wir Sind Helden da sind, von unserer Großartigkeit zu überzeugen“, so kann man nur konstatieren, dass das gelang. Mit Ralf Dietel an der Gitarre bewaffnet, spielten sie eine Stunde lang Klassiker ihres Repertoires, boten aber auch neues Material wie Königin, was zudem eine neue Facette zeigte: WIZO können auch Liebeslieder, wenngleich auch „auf unsere übliche böse Art und Weise“. Dabei waren sie gar nicht so böse, sondern eigentlich sehr freundlich zum Publikum. Sie boten ein erstes Highlight des Festivals!
Setlist: Nana, Kopfschuss, Hey Thomas, Diese Welt, Das goldene Stück, Kadett B, Raum der Zeit, Gute Freunde, Königin, Nix & Niemand, Quadrat im Kreis, Käfer, K.G., Die letzte Sau
Wenn hier nun schon häufiger vom Wechsel der jungen und alten Bands die Rede war, so fragt man sich inzwischen, wo eine Band wie Wir Sind Helden da eigentlich einzuordnen sind – sind sie doch auch schon seit 2000 aktiv. Drei Jahre nach Soundso sind sie mit Bring mich nach Hause wieder da und haben ihre alte Form dabei nicht eingebüßt. Ein Auftritt, der zwar wenig Überraschungen bot (außer eventuell der Tatsache, dass die neuen Stücke ins Set einbezogen wurden), dabei aber auch zeigte, dass das nicht das war, worauf das Publikum gewartet hätte. Als seien sie gar nicht weggewesen, entwickelten sie sich rasch zum Selbstläufer. Perfektes Handwerk, starke Bühnenpräsenz. Das muss man ihnen lassen.
Setlist: Denkmal, Von hier an blind, Die Konkurrenz, Gekommen um zu bleiben, Bring mich nach Hause, Du erkennst mich nicht wieder, Alles, Müssen nur wollen, 23.55: Alles auf Anfang, Nur ein Wort, Echolot, Wenn es passiert, Ist das so?, Guten Tag, Kaputt, Die Ballade von Brigitte und Wolfgang
Immer wieder eine Überraschung hingegen, gegen die Übermacht von Billy Talent allerdings machtlos auf der Zeltbühne gelandet: Das Kollektiv von Archive. Als Headliner auf der Zeltbühne angelegt, konnte man bis wenige Minuten vor Beginn noch locker Plätze in der ersten Reihe finden. Diejenigen, die dort waren aber, hatten allen Grund zu feiern – und taten das auch. Mit insgesamt zehn Musikern bewaffnet gab es ständige Wechsel auf der Bühne, dazu ein ungemein homogen wirkendes Set zwischen TripHop, Rap, Einsprengseln aus Breakbeat und dazu auch einer gesungen Portion Rock – alles Zutaten für einen guten Archive-Auftritt. Sphärische Klänge, gerne auch betörend, wenn Maria Q mal wieder am Gesang stand, stetige Bewegung und eine nicht abreißende Faszination strahlten dabei von der Bühne aus, die dieser Band so schnell keiner nachmachen kann. Nach einer äußerst kurzweiligen Stunde war hier Schluss. Schade eigentlich, denn den Disko-Beginn hätte man gerne auch noch einige Minuten verschieben können. Archive boten zumindest so etwas wie den heimlichen Headliner des Tages. Auch wenn es nur wenige bemerkten…
Setlist: Pills, Sane, Finding It So Hard, Lines, Blood In Numbers, You Make Me Feel, Bastardised Ink, Kings Of Speed, Bullets, Dangervisit

Wie schon im vorigen Absatz geschrieben: Billy Talent hatten die Macht. Mit einer extremst großen Fan-Gemeinde vor sich war ihr Auftritt eine sichere Angelegenheit für beide Seiten. Ihr stets frisch wirkender Alternative Rock konnte zu nächtlicher Stunde große Energien entfalten und brachte die versammelte Menge in beste Feierlaune. Mit einem Set quer durch den Billy Talent-Garten wurde hier nichts anbrennen gelassen, nebenher wusste man auch sonst, wie man das Publikum bei der Stange hält. Ein Auftritt, an dem man nichts aussetzen kann, das muss man sagen. Selbstredend, dass da ohne Zugaben nichts ging, bevor mit Red flag der Auftritt beendet wurde.
Setlist: Devil in a Midnight Mass, Turn Your Back, Try Honesty, Line & Sinker, Rusted from the Rain, Saint Veronika, Surrender, River Below, Diamond on a Landmine, The Navy Song, Tears Into Wine, The Dead Can’t Testify, This Suffering, The Ex, Fallen leaves, Devil on my shoulder, Prisoners of Today, Red flag
Inzwischen 01:30 Uhr hatte man nun die Wahl: Zur Disko ins Zelt? Oder Party auf dem Zeltplatz? Die Nacht zum Tag machen oder Kraftreserven für die nächsten zwei Tage sammeln? Egal, für welche Möglichkeit man sich entschied: Die Aussicht auf das, was noch folgen sollte, war groß!
Tag 2
Nach überstandener Nacht sprach sich dann bald die Entscheidung von Veranstalter-Seite herum, durch die Absage von Skindred bedingt, das Programm auf der Hauptbühne später beginnen zu lassen. So kam es, dass Dúné erst um 13:45 Uhr die Bühne betraten. Viel Zustrom an Besuchern bewirkte dies allerdings nicht – man fragte sich, wo am Vortag die vielen Menschen herkamen. Intensive Partynacht? Erste Neugier aufs neue Gelände gelegt? So oder so: Schade. Denn Dúné boten als Opener gleich gelungenen Indie-Rock mit Synthesizer-Unterstützung, der nebenher in der erneut knallenden Mittagssonne viel Atmosphäre verbreitete.
Setlist: Time To Leave, Heiress of Valentina, Heat, Let Go Of Your Love, John Wayne vs. Mary Chain, Bloodlines, 80 Years, Dry Lips
Es folgte eine Band, die nicht nur die Reihe der Bands eröffnete, die unter dem Motto „zwei Wochen zuvor auch beim M’era Luna“ aufspielte, sondern auch vielen bekannt gewesen hätte sein müssen, die ein Konzert der letzten Placebo-Tour besuchten: Expatriate. So richtig doll war der Zuspruch dann leider doch nicht – aber was Expatriate boten, war abermals großes Kino. Ihr druckvoller Indie-Rock mit dem leicht melancholischen Einschlag machte Spaß, sorgte für gut gelaunte Gesichter und ließ so einige der Besucher dazu hinreißen, von einer positiven Überraschung zu sprechen. Eine starke halbe Stunde, die die Australier hier boten. Zudem wurde Fan-Nähe groß geschrieben: Nach dem Set schrieb man am Intro-Stand noch fleißig Autogramme und stellte sich auch gern für einen kurzen Plausch zur Verfügung. Wenn eine Band es verdient hat, bald die ganz großen Bühnen zu entern (bzw. diese zu den richtigen Uhrzeiten zu betreten), dann Expatriate. Das wurde hier eindeutig bewiesen!
Setlist: Back To Skool, Blackbird, Aviation At Night, Gotta Get Home, Shooting Star, Get Out Give In, Are You Awake?
Es folgte ein Auftritt, der dezent deplatziert wirkte. Und das hatte an sich so gar nichts mit Qualität zu tun. Eine Band wie The 69 Eyes funktioniert nur schlichtweg auf einem bunt ausgerichteten Festival bei knallender Sonne und unglaublichen Temperaturen nicht um 15:40 Uhr auf der Open Air-Bühne. So waren die Reihen leider sehr gelichtet, obwohl die Band um Jyrki69 ein rundes Set ablieferte. Die 35 Minuten wurden gut mit Material aus der bisherigen Diskographie gefüllt, wo auch Hits wie Feel Berlin und Brandon Lee nicht fehlten. Andere hingegen wie Gothic Girl und Wasting The Dawn fehlten. Aber bei einer relativ kurzen Spielzeit muss man sich da entscheiden – und am Zuspruch hätte es vermutlich wenig geändert. Schade eigentlich. Zu gefallen wussten sie!
Setlist: Back in Blood, Dead n’ Gone, The Good The Bad & The Undead, Never Say Die, Perfect Skin, Feel Berlin, Brandon Lee, Lost Boys

Das Phänomen der gelichteten Reihen sollte auch an anderen Hochkarätern nicht vorüberziehen. Selbst die eigentlich wirklich großen Revolverheld spielten um 18:00 Uhr vor eher wenigen Leuten. Da hätte man mehr erwartet, zumal sich der Auftritt als eine der angenehmsten Überraschungen des Festivals herausstellen sollte. Locker, entspannt sowie durch und durch sympathisch spielten sie eine gut gemischte Dreiviertelstunde Musik aus ihrem Repertoire, das neben Songs wie Ich werd die Welt verändern auch unerwartetes Material wie die Fanta4-Coverversion Was geht? und jüngeres Material wie den Vincent will Meer-Song Spinner mit einbezog. Ein rundes Set wurde dann gelungen beendet mit der aktuellen Single Keine Liebeslieder und dem ebenfalls gut bekannten Freunde bleiben. Die sich eröffnende Frage ist nur, wer einem bei diesem Auftritt mehr Leid tun muss: Die Band aufgrund der lichten Reihen oder diejenigen, die aufgrund ihrer Abwesenheit für diese lichten Reihen gesorgt haben?
Setlist: Intro, Nie erwachsen, Mein Leben ist super, Was geht?, Welt verändern, Chillin, Darf ich bitten, Spinner, Keine Liebeslieder, Freunde bleiben
Nach einer Geländerunde und der Begutachten der reichlich vorhandenen Stände zur Nahrungsaufnahme, einer ausgeprägten Handelsmeile sowie Bungee-Jumping und anderen Möglichkeiten zum Zeitvertreib, die von Danko Jones untermalt wurde, die indes manierlich die Hauptbühne rockten, sollte auch schon bald eines der nächsten Highlights folgen: Madsen. Während die genre-nahen Revolverheld noch die bereits erwähnte Leere vor der Bühne erfuhren, ging es Madsen da schon besser. Ob es am stetig steigenden Bekanntheitsgrad oder der Tatsache, dass es langsam dunkel war, lag, ist schwer zu beantworten. Fest steht: Voll war es. Ebenso fest steht: Dass es so voll war, hatte seine absolute Berechtigung, denn Madsen verstanden es, die Menschenmenge in Bewegung zu bringen und dabei gelungenen Indie-Rock zu bieten. Da darf man auch schon mal völlig schamlos in der Zugabe die Pixies covern. Starker Auftritt!
Setlist: Das muss Liebe sein, Ja oder nein, Vielleicht, Lass die Liebe regieren, Die Perfektion, Panik, Mein Herz bleibt hier, Goodbye Logik, Mit dem Moped nach Madrid, Du schreibst Geschichte, Where is my mind? (Pixies-Cover), Nachtbaden
Es folgte nun einiges: Eine weitere Band aus der schon angesprochenen „M’era Luna“-Reihe, ein völliger musikalischer Kontrast und eine dieser Bands, bei denen man immer nicht so recht weiß, was man eigentlich schreiben soll. Graf Unheilig gab sich die Ehre und bot eine abermals höchst professionelle Show. Die gesammelten Hits der Band scharten sich um das Material des aktuellen Albums Große Freiheit und mündeten zum Schluss im obligatorischen Geboren, um zu leben. Man könnte nun die müßige Schlager-Diskussion führen, aber muss sich abermals eingestehen, dass hier ein guter Job getan wurde!
Zum Abschluss des Tages um Mitternacht gab es dann den Headliner des Tages, der auch jeden Buchstaben des Wortes „Headliner“ absolut verdient hat: Placebo. In großer Bandbesetzung angereist wurden sie ihrem Platz im Zeitplan absolut gerecht und boten ab Mitternacht knappe anderthalb Stunden eine gut gelaunte Werkschau, angefangen mit Nancy Boy bis hin zur aktuellen Single Bright Lights, mit einer ordentlichen Portion Hits zwischendurch. Nebenher noch ein Nirvana-Cover von All Apologies, das mal wieder beeindruckend bewies, dass Brian Molkos Stimme trotz ihrer ausgeprägten Markanz auch fremden Kompositionen gut steht. Trotz aller Professionalität und Routine, die eine Band dieser Größenordnung hat: Es war immer noch das darin zu sehen, was die Musik eigentlich ausmachen sollte, nämlich der Spaß daran. Dass hier Zugaben fällig waren, muss wohl kaum erwähnt werden. Dass ein sehr glückliches Publikum zurückgelassen wurde, das allerdings sei an dieser Stelle gesagt.
Setlist: Nancy Boy, Ashtray Heart, Battle for the Sun, Soulmates, Kitty Litter, Every You Every Me, Breathe Underwater, The Never-Ending Why, Bright Lights, Meds, Teenage Angst, All Apologies (Nirvana-Cover), The Bitter End, Song to Say Goodbye, The Bitter End, Trigger Happy Hands, Post Blue, Infra-Red, Taste in Men

Wie am Vorabend nun wieder die berühmte Frage: Wie lässt man einen so gelungenen Tag ausklingen? Egal, wofür man sich entschied: Auch der folgende Tag konnte einen gewiss sein lassen, dass es noch einmal einiges zu erleben geben wird.
Tag 3
Beim Aufstehen wunderte man sich dann schon ein bisschen: Ist das wirklich schon der dritte Tag? Wo ist die Zeit hin? Klares Zeichen: Langeweile kam hier nicht auf. Wenn man nun die selbst mitgebrachte Campingplatz-Musik nicht mehr hören oder sich einfach mal überraschen lassen wollte, gab es die schöne Möglichkeit, den Morgen mit dem eigens für das Festival installierten Radiosender auf 90,8 zu verbringen. Dort wurde dann zum Mittag die Meldung gebracht, dass sich der Auftritt von Jennifer Rostock um 30 Minuten verschieben würde.
Wer sich nun tatsächlich 30 Minuten später zu Jennifer Rostock bewegt hat, sollte allerdings die böse Überraschung erleben, dass sie im Endeffekt ihre halbe Stunde doch pünktlich gespielt hat. Wer da war, sah indes einen gelungenen Auftritt der Berliner Indie-Rocker. Da wurde zur Mittagsstunde munter gerockt, gute Laune verbreitet und mit einer angenehmen Verschrobenheit wenig Verschnaufpause geboten. Auch für den unbedarften Hörer wurde hier deutlich, dass da eine Gruppe auf der Bühne steht, die mit einer Menge Potenzial aufzuwarten weiß und gerade durch ihre Unkonventionalität besticht. Schade, dass da nach einer halben Stunde schon wieder alles vorbei war.
Ob es nun an der langen Pause auf deutschen Festival-Bühnen oder am zu Unrecht verblassten Namen lag, ist unklar, aber Melissa auf der Maur erfuhr leider abermals das „Gelichtete-Reihen“-Phänomen. Was los war zwar noch, aber sie hätte mehr verdient gehabt. Eine gute gelaunte Melissa auf der Maur spielte am Nachmittag ein Set aus ihren beiden Alben mit atmosphärischen Arrangements und rockiger betonten Stücken wie beispielsweise Isis Speaks aus ihrem aktuellen Album, schien dabei aber einige der Zuschauer leicht zu überfordern damit. Trotz ihrer guten Laune wollte es nicht immer zünden, obgleich auch Songs wie 22 Below wirklich mit viel Gefühl und Spielfreude begegneten. Auch wenn es sich im Publikum nicht immer so zeigte: Die Kanadierin sollte sich gewiss sein: Hier wurde ein wirklich starkes Konzert von ihr gezeigt!
Setlist: Lightening, Real a Lie, Isis Speaks, Lead Horse, I Need I Want I Will, Out of Our Minds, 22 Below, Paranoid, Followed the Waves
Auf der Hauptbühne passierte nun etwas, was sich sowieso durchs Wochenende zog: Ein starker musikalischer Kontrast. Die Mad Caddies aus Kalifornien waren an der Reihe und kontrastierten den Alternative Rock von Melissa auf der Maur mit sofortiger Wirkung durch ihren Ska-Punk. Das traf ganz offenbar den Nerv des Publikums, das dankbar mitging und zu den munteren Klängen mittanzte. Die Reggae-Einflüsse der Band taten dabei das Übrige, um den sommerlichen Nachmittag angemessen zu beschallen.
Setlist: Coyote, Villians, Silence, Lay Your Head Down, Reflections, Why Must I Wait, State Of Mind, Leavin, Mary Melody, Monkeys, Drinking 4 11, Tired Bones, S.O.S

Die gute Laune sollte auch danach beibehalten werden. Bela B. y Los Helmstedt standen schließlich auf dem Programm. Wer jemals auf einem Die Ärzte-Konzert war, wird drum wissen, dass ein solches Konzert längst nicht nur von seiner Musik lebt, sondern auch von den Sprüchen, die von der Bühne kommen und der Tatsache, dass das Reservoir des trashigen Humors hier nicht ausschöpfbar zu sein scheint. Was mit ganzer Band klappt, schaffte Bela B. auch locker mit seinem Solo-Projekt. Eine Dreiviertel-Stunde Spaßpunk mit ernstem Hintergrund, humorvoll und gekonnt dargeboten, aufgebaut vor allem um Songs des aktuellen Albums Code B., dessen Songs wie Altes Arschloch Liebe dem Publikum wohlbekannt schienen.
Setlist: Gitarre runter, Versuchs doch mal mit mir, Geburtstagsleid, Schwarz/Weiß, Ninjababypowpow, 1.2.3. …, Altes Arschloch Liebe, Money changes everything, Traumfrau, Tag mit Schutzumschlag
Es wurde munter weitergepunkt. NOFX, abermals Kalifonier, standen als nächstes auf der Bühne. Mal wieder ein Auftritt der Reihe „Selbstläufer“. Mit ihren kurzen und knackigen Punk-Songs traf die Band genau den Nerv des Publikums und zeigten sich dabei als Meister im Bereich des Spaß-Verbreitens. Die Einlagen der Band auf der Bühne hatten dabei oft schon etwas theater-mäßiges und es war erfreulich, hier einer Band zusehen zu können, die gekonnt ihre Musik macht, es mit ihr an sich auch ernst meint, sich aber dennoch selbst auf der Bühne nicht zu ernst nimmt. Das abschließende Kill All The White Man wurde somit zur minutenlangen Einlage, die sich bis fünf Minuten nach der eigentlich angedachten Spielzeit ausdehnte. Geht ja schließlich dann auch ohne Instrumente zum Schluss…
Setlist: Dinosaurs Will Die, Murder The Government, Linoleum, Mattersvill, Eat The Meek, We Called It America, The Quitter, Fuck The Kids, Seeing Double At The Triple, Leaving Jesusland, I’m Telling Tim, Franco Un-American, Creeping Out Sara, Reeko, Leave It Alone, Bottles To The Ground, Kill All The White Man
Langsam aber sicher zog der Wind auf. Die Monitore neben der Bühne zeigten eine Unwetterwarnung an, bis zum Beginn von Fettes Brot kamen dann auch die ersten Tropfen runter. Der Bereich vor der Bühne füllte sich dennoch zu einer Menge, wie sie an diesem Wochenende selten zu sehen war und die Brote spielten gewohnt in Fußballmannschaft-Größe auf und präsentierten die Songs in dem Gewand, wie man sie auch von den beiden Live-Alben Fettes und Brot kennt. Sternstunden des schlechten Humors und Hits wie Erdbeben brachten die Menge zum Kochen, bis das Unwetter ausbrach. Starker Wind und Dauerregen führten dazu, dass Fettes Brot ihren Auftritt nach The Grosser unterbrechen mussten und niemand genau wusste, ob das Festival weitergehen kann oder nicht. Das Faszinierende daran: Die Fettes Brot-Fans blieben vor der Bühne, trotzten dem Sturm und dem Regen, obgleich hier schon so einiges durch die Luft wirbelte. Selbst die Monitore auf der Bühne mussten abmontiert werden. Irgendwann die gute Nachricht: Das Festival kann weitergehen! Oder auch: „Aufgewacht, hier kommt Lauterbach“, wie es bei Fettes Brot heißt. Sie konnten ihren Auftritt wie geplant weiterspielen, verzichteten dabei lediglich auf das Von-der-Bühne-Gehen vor der Zugabe (Zeit einsparen) und zeigten einen Auftritt, den wohl weder das Publikum noch sie selbst so schnell vergessen werden.
Setlist: Emanuela, Erdbeben, Kontrolle, Bettina zieh dir bitte etwas an (Superpunk), Das allererste Mal, Silberfische, The Grosser, Lauterbach, Können diese Augen lügen, An Tagen wie diesen, Amsterdam, Was in der Zeitung steht, Jein, Schwule Mädchen, Nordisch by Nature

Auch auf der Zeltbühne war das Programm zwischenzeitlich unterbrochen worden. Aber auch hier sollte es weitergehen. Monster Magnet konnten wie geplant auftreten, wenn auch hier mit einer leichten Verspätung. Eine Band, die absolut unverwüstlich scheint. Zeitlos präsentierten sie hier ihre Musik, mag man sie nun Space Rock, Psychedelic Rock oder anders nennen. Wuchtige Arrangements, psychedelische Sphären, dazu bekannte Songs wie das schon als Opener gespielte Dopes to infinity, aber auch Ausblicke auf das bald erscheinende neue Album Mastermind rockten die Menge. Frenetisch gefeiert dabei natürlich Evergreens wie Space Lord. Ein gelungener und harmonischer Abschluss des Zeltbühnenprogramms an diesem Wochenende!
Setlist: Dopes to infinity, Crop circle, Bored with, Sorcery, Twin earth, Dig that hole, Zodiac lung, Radiation day, The right stuff, Negasonic teenage, Space Lord, Hallucination, Bomb, Tractor, Powertrip
Die Headliner draußen, Blink-182, begannen erst einmal mit einem Stunt ihr Programm: Tom kam auf die Bühne gestürmt und rutschte erst einmal aus. Nachdem er sich wieder aufrichtete, konnte es mit Dumpweed aber losgehen und die Band spielte auch ohne ein wirklich aktuelles Album ein Set, als sei gar nichts gewesen. Mit bekannten Songs wie The Rock Show oder auch All The Small Things trotzten sie gemeinsam mit dem Publikum dem nicht aufhörenden Regen, der sich inzwischen zum normalen Schauer gemäßigt hatte, und wurden dem Headliner-Platz damit mehr als erwartet gerecht. Die Frage, ob diesen Platz nicht eher Fettes Brot verdient gehabt hätten, wäre müßig, denn fest steht: Das Publikum wollte mit dem letzten Act noch einmal feiern und tat es auch. Bis zu Family Reunion, das somit den letzten Song des Festivals darstellte.
Setlist: Dumpweed, Feeling This, The Rock Show, What’s My Age Again?, Violence, I Miss You, Stay Together For The Kids, Down, Always, Stockholm Syndrome, First Date, Man Overboard, Don’t Leave Me, Not Now, All The Small Things, Reckless Abandon, Josie, Anthem Part Two, Carousel, Dammit, Family Reunion

Und dann war es vorbei, das erste Highfield-Festival auf dem neuen Gelände in Großpösna. Man kann es als einen gelungenen Einstand betrachten. Für das Wetter konnte schließlich niemand etwas. Ein Festival, das noch viel Potenzial nach oben bietet. Sollte die Flutung des Störmthaler Sees im nächsten Jahr fertig sein, so wäre ein See direkt am Gelände, die Lösung des Bade-Shuttles allerdings war in diesem Jahr auch gut. Auch die Shuttle-Busse zum Bahnhof Böhlen und nachts nach Leipzig Hauptbahnhof funktionierten reibungslos. Da kommt man doch gerne mit Sonnenbrand und Schlammkrusten an den Festival-Schuhen nach Hause. Hoffen wir auf ein mindestens genau so gelungenes 2011!
Weitere Artikel
Interview mit Axel von WIZO (Highfield, 20.08.2010)
Interview mit Melissa auf der Maur (Highfield, 22.08.2010)
Text: Marius Meyer
Bilder: FKP Scorpio
27 Aug 2010, 4:46 pm 1.Sindy…
Sehr schön geschrieben :)