Gerade noch rechtzeitig im Internet geschaut, um nicht den Anfang zu verpassen. Da die Resonanz wohl nicht so groß wie erwartet war, wurde das Konzert von Jochen Distelmeyer aus dem Modernes kurzerhand in den Tower verlegt. Seien es nun Krise der Musikindustrie, Wirtschaftskrise oder nach dem Blumfeld-Aus abgesprungene Fans: Der Stimmung tat es keinen Abbruch. Eigentlich war es ihr eher dienlich. Die 320 Fans, die im Tower anwesend waren, sahen einen gelungenen Tourabschluss Jochen Distelmeyers, der sich gut gelaunt präsentierte und an die zwei Stunden lang begeistern konnte.

Durch die Verlegung des Konzertortes konnte dafür auch so etwas wie die vielbeschworene „intime Club-Atmosphäre“ aufkommen. Dicht an dicht gedrängt und direkt am Bühnenrand wusste man: Wer heute hier war, hat sich nicht verlaufen, sondern wollte Jochen Distelmeyer auch wirklich sehen – dementsprechend gut war auch die Stimmung. Das Publikum war dabei gut gemischt zwischen Blumfeld- und Distelmeyer-Hörern der verschiedenen Generationen – wird doch oft ein Bruch zwischen L’Etat Et Moi und vor allem ab Old Nobody gesehen. Ob dieser Bruch nun existiert, sei an dieser Stelle dahingestellt.

Man muss an dieser Stelle gar nicht die ganzen Schlagzeilen bringen, die seit besagter CD im Jahre 1999 immer und immer wieder auftauchten – zum einen wurden sie oft genug wiederholt, zum anderen fiel dieser vermeintliche Bruch an diesem Abend gar nicht ins Gewicht. Vielmehr war es so, dass Jochen Distelmeyer einfach zeigte, dass er ein vielseitiger Musiker ist, der sich gleichermaßen in rockigeren wie auch in poppigeren Gefilden wohl fühlt. Und dass gerade erstere nicht zu kurz kommen sollten, wurde von vornherein klar gestellt: Mit Wohin mit dem Hass? als Opener gab es gleich ein Stück mit dominierender verzerrter Gitarre, einer Menge Wut und einem druckvollen Bass (gespielt übrigens von Lars Precht, der auch seit 2005 zum Blumfeld-LineUp gehörte).

Das Eis war damit bereits gebrochen und Distelmeyer füllte den Abend mit einer guten Mischung aus seinem Solo-Album und Blumfeld-Songs der verschiedenen Phasen. Songs wie Bleiben oder gehen aus dem Solo-Album fügten sich dabei gut in eine Reihe mit Blumfeld-Songs wie dem jüngeren Wir sind frei (dem Zuspruch nach inzwischen zum Hit avanciert) aber auch älterer Blumfeld-Stücke wie Viel zu früh und immer wieder – Liebeslieder, die an diesem Abend Selbstläufer waren. Und auch wenn bei Jochen Distelmeyer die Politik längst nicht mehr so im Mittelpunkt steht, zeigte er, dass auch hier gerne noch Aussagen gemacht werden. So wurde beispielsweise der Song Eintragung ins Nichts mit einer Aussage über Guido Westerwelles Position im neuen Bundeskabinett eingeleitet.

Bei allem Zuspruch und Begeisterung muss kaum erwähnt werden, dass hier ohne Zugabe nichts lief. Zwei Mal kam Distelmeyer noch wieder. Neben Blumfeld-Songs wie Tics und Status: Quo Vadis hatte er dabei mit Dancing Barefoot auch eine gelungene Patti Smith-Coverversion mit im Gepäck, bevor nach zwei Stunden ein glückliches Publikum wieder in die Kälte entlassen wurde… Im Endeffekt hatte man hier ein Konzert, bei dem es nun egal war, ob das nun unter „Blumfeld“ oder „Jochen Distelmeyer“ lief – man sah einen Musiker, der sich konsequent in seinem Schaffen weiterentwickelt, ohne sich zu kopieren und viel Spaß auf der Bühne hatte. Nur endete das Konzert in diesem Falle nicht mit Verstärker. Die Laufbahn Jochen Distelmeyers auf jeden Fall scheint mit der Solo-Karriere neue Auftriebe zu erhalten!

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Homepage: www.jochendistelmeyer.de
MySpace: www.myspace.com/jochendistelmeyer

Text: Marius Meyer
Bilder: Carsten Wolfram (carstenwolfram.de)