Tapsig und leise sucht Karl Blau sich seinen Weg an diesem Abend auf die Bühne. Er schleicht über sie, so als wolle er noch gar nicht gesehen werden, während er die letzten Vorbereitungen für seinen bevorstehenden Auftritt trifft. Blöd nur, dass die Beleuchtung genau ihn einzufangen und jeden seiner Schritte zu verfolgen scheint. Da ist er also, dieser große Mann aus Anacortes, Washington, der aufgrund seiner Frisurenwahl wie ein Wegbegleiter von Asterix und Obelix erscheint und von dem nur die wenigstens da bereits wissen, dass er überhaupt Karl Blau ist. Verlegen schaut er immer mal wieder über seine Schulter, versucht, die Leute, die schon gespannt im UT Connewitz Platz genommen haben, zu erkennen. Das klappt offenbar nicht, wenn man ganz hinten auf der Bühne steht und so ist es unausweichlich: Karl Blau muss vor das Mikrophon treten.

Schüchtern begrüßt er das Publikum, lobt obligatorisch wie alle vor ihm schon auch den Veranstaltungsort und macht sofort das, was er wohl am besten kann: singen und die Menschen damit beglücken. Mit butterweicher Stimme singt er die ersten Töne seines Liedes That‘s How I Got to Memphis, verliert sich in seiner eigenen Musik und hinterlässt somit schon nach den ersten fünf Minuten dieses Abends Glückshormone der besonderen Art. Wie ein schmusiger Teddybär schmalzt er, ohne dabei irrsinnig kitschig zu wirken. Niedlich trifft es eher. Denn so vertraut er auch mit seiner Musik sein mag, die Menschen vor der Bühne hat er noch nicht geknackt und das merkt man vor allem dann, wenn er probiert, sich versichernde Blicke seiner Zuhörer zu erhaschen. Oder sich mit dem Lachen eines mit Schokolade beschenkten Kindes über den Applaus freut.
Was folgt, ist ein ausschweifender Besuch in der Welt des Karl Blau. Seine Musik ist stets experimentierfreudig, ist beispielsweise mal folkig oder mal mit Elementen des Hip Hop versehen und dadurch immer einzigartig, eben typisch Karl Blau. Der Teddybär kann nicht nur ruhige Lieder singen, sondern gleichermaßen für eine coole, lässige Stimmung sorgen, ohne dabei seinen eigenwilligen Pfad zu verlassen. Das Kopfkino, das die ersten Lieder noch bewirken, weicht später einer drollig anzuschauenden Ein-Mann-Bühnenshow. Drollig, weil es einfach schön ist, wie er verliebt seine Gitarre ansieht, wie er über jeden genial getroffenen Ton so schmunzelt, als würde er in gemeinsamen Erinnerungen an eine großartige Beziehung schwelgen. Drollig auch, weil er sich wie ein ganz großer Musiker da oben verhält. Wenn er seine Gitarre virtuos bespielt, wird das Schmunzeln schon mal durch eine dieser typischen Musikerschnuten ersetzt, die lediglich zum vollständigen Gesamtbild die übliche Zigarette vermissen lässt.
Zum Ende hin wird er mutig. Ein großes Finale seines Auftritts möchte er gestalten und fordert daher die Gäste auf, mit ihm das badadada-thing zu machen. Einfach mitsingen, immer badadada, denn das sei universell einsetzbar und würde zu beinahe jedem Song passen. Und da zeigt sich: Karl Blau ist nicht die einzige schüchterne Person an diesem Abend, seine Zuhörer sind es gleichfalls. Die Beteiligung fällt demnach rege aus, doch an den Augen des Sängers kann man sehen, dass ihm diese kleine Ehre weniger mitsingender Menschen bereits ausreicht.

Das, was Karl Blau seinen Zuhörern während über einer Stunde Spielzeit bietet, ist Authentizität pur. Dieser Mann ist in seiner Musik unfassbar wandelbar, wirkt dennoch beständig ehrlich und überzeugt von seinen Liedern. Verwegen kann er sein, sanft, aber auch mal die Krallen ausfahren und ein typischer Mann. Viele seiner Songs tragen den Lullaby-Faktor mit sich, andere hingegen sind Spaßlieder, mit mehr Effekt, aufheiternde Lieder für den Alltag und kleine Geschichten für das Herz. Die Mischung ist verschroben, genauso wie er, aber das ist im Grunde der besondere Reiz an seiner Person. Seine Schüchternheit ist wie ein i-Tüpfelchen der ganzen Sache, macht das Konzert herzallerliebst und zu guter Letzt wissen doch alle, die den Saal nach seinem Auftritt verlassen: Karl Blau ist an diesem Abend der coolste Mensch, den man unter den Sternen Leipzigs finden kann.

Homepage: www.kelplunacy.com
MySpace: www.myspace.com/karlblau

Text: Anne-Sophie Kretschmer
Bilder: Samira Schmäh