Wurde im Vorfeld noch vieler Orten kontrovers das Line-Up des Festivals diskutiert, fanden sich im Endeffekt dann auch in diesem Jahr wieder über 23000 Besucher auf dem Flughafen Hildesheim-Drispenstedt ein, um gemeinsam die zehnte Ausgabe des M’era Luna-Festivals zu feiern. Bei bestem Sommerwetter konnten bereits am Freitagabend die Zelte aufgebaut werden, bevor es daran ging, alte Bekannte wieder zu treffen, gemeinsam zu feiern und vielleicht auch bereits den ersten Gang über den bereits Freitag geöffneten Mittelaltermarkt zu wagen, bevor es dann Samstag um 11 Uhr losgehen sollte mit dem Eröffnungsact des Festivals.

Tag 1
Gleich früh um 11 Uhr betrat für 20 Minuten eine Band die Bühne, die viele gar nicht auf der Rechnung hatten. 28 Jahre nach ihrem Dauerbrenner Suicide Commando standen No More auf dem Flughafen auf der großen Bühne und beglückten das zu diesem Zeitpunkt noch recht spärlich anwesende Publikum. Auch wenn sie ihre eigene Schublade selbst als „Post-Punk-Proto-Electronica-Kraut-Glam“ zu bezeichnen pflegen, atmete der Auftritt durch und durch vor allem den Geist des Elektro der ganz alten Schule, der sich dennoch auch in der heutigen Szene-Landschaft noch seinen Platz redlich verdient hat. Wie wäre schließlich auch sonst zu erklären, dass ein Song wie Suicide Commando auch heute noch ein Dauerbrenner in den Clubs ist?
Setlist: Do you dream of angels in this big city?, Waiting for the man, Suicide Commando, Sunday Mitternacht, Something grows up, Schwarzen Mann gesehn

Ein kurzer Umbau auf der Hauptbühne und es sollte auch gleich schon weitergehen: Ashley Dayour, die erste. Whispers in the Shadow spielten ihre – nach eigener Aussage – „Breakfast Show“, vor einer zwar immer noch nicht so zahlreichen, aber für die frühe Uhrzeit dennoch ansehnlichen Menge ihren druckvollen Gothic Rock, der mit einer gesunden Portion Härte, aber einem deutlichen Hang zur Melodie begeistern konnte. Die Faszination für Gothic Rock alter Schule ist hier stets im Unterton zu hören, dennoch vermögen die Musiker es, einen modernen Klang zu kreieren, mit teilweise hymnischen Charakter und auf jeden Fall Eingängigkeit. Teilweise war das Set zwar etwas midtempo-lastig, aber die schnelleren Rocknummern haben es schon alleine zu einem starken Auftritt werden lassen.
Setlist: Tune In (Intro), The Arrival (Version: Liber NULL), Damned Nation, Neither : Neither, Babylon Rising Part 1 + 2, A Taste of Decay

Es folgte ein Gang über das Gelände, während Krypteria manierlich die Hauptbühne rockten, bevor dann die Letzte Instanz die härtere Gangart zwar fortsetzte, jedoch in ganz anderer Weise: Hier stand wie gewohnt auch das Mittelalter-Flair mit im Vordergrund. Und vor allem der Spaß. So konnte die Letzte Instanz in ihren 40 Minuten auf ein sehr begeistertes und treues Publikum zählen. Auch die darauf spielenden Apokalyptischen Reiter konnten bereits auf eine ansehnliche Fanschar setzen, die ihre mit Melodie gepaarte Härte feierten.

Im Anschluss: Ein kurzer Vergleich zwischen Uhr und Ablaufplan. Man wundert sich: Es ist 15:50 Uhr und bereits jetzt sollen die Mannen von Oomph! die Bühne entern. Eine ungewöhnliche frühe Zeit für eine Band mit dieser Massenwirkung. Der Stimmung sollte es aber keinen Abbruch tun, denn bereits vom Opener Beim ersten Mal tuts immer weh ließen sich Dero, Crap und Flux frenetisch feiern mit ihrem Industrial Rock. Oomph! spielten wie immer ausdrucksstark und gingen gut in ihrem Element auf. Songtechnisch orientierten sie sich dabei vor allem an ihren neueren Werken, was auch dem Publikum offenbar sehr entgegen kam. Mit Songs wie Gekreuzigt wurden aber auch die Klassiker nicht vernachlässigt. Mit Sandmann war dann leider nach 40 Minuten auch schon wieder Schluss. Schluss eines Auftritts, der sicher für einige schon das erste Highlight des noch jungen Festivalwochenendes darstellte.
Setlist: Beim ersten Mal tuts immer weh, Sex, Mitten ins Herz, Revolution, Mein Schatz, Gekreuzigt, Gott ist ein Popstar, Augen auf!, Sandmann

Nach Oomph! war es dann einmal an der Zeit, den Backstage-Bereich aufzusuchen. Erfreulicher Grund: Apocalyptica fanden sich zum Interview und es ergab sich die schöne Gelegenheit, mit Eicca einmal ein kurzes Gespräch über den aktuellen Status Quo bei der Band zu sprechen, bevor sie dann zu späterer Stunde noch die Bühne enterten.

Nach dem Interview und einer kurzen Pause, die auf der Wiese The Birthday Massacre lauschend verbracht wurde, ging es dann für den nächsten Programmpunkt Richtung Bühne – und damit wohl zu einem der polarisierendsten Acts des Festivals: Blutengel auf der Main Stage. Was es gab, war eine Blutengel-Show, wie sie zu erwarten war. Wer Blutengel mag, wird auch die Show gemocht haben, wer Blutengel nicht mag, wird sich in seinen Vorbehalten gegenüber der Band wohl bestätigt gefühlt haben oder je nach Blickwinkel stattdessen mit Amüsement den Auftritt verfolgt haben. Viel Make-Up, Gothic-Pop und leichtbekleidete Frauen boten genau das, was der Blutengel-Freund sehen wollte. Ob man die Band nun mag oder nicht: Sie machten ihren Job gut und wussten, wie sie ihr Publikum zu unterhalten haben. Klar, dass man da auch nicht ohne Zugabe von der Bühne gelassen wird…
Setlist: Intro, Dreh dich nicht um, Soul of ice, The dream, The only one, Lucifer, Winter of my life, My nightmare, Schneekönigin, Lovekiller, Bloody Pleasures, Engelsblut

Um 19:30 Uhr sollte es dann soweit sein: Der vielerwartete Auftritt von Peter Heppner stand an. Und auch wenn sein Album solo und die Single daraus Alleinesein hieß: Er war ganz und gar nicht alleine. Das Banner auf der Bühne zeigte schließlich schon: Peter Heppner & Band. So stand er in Fünferbesetzung auf der Bühne mit der bewährten Live-Besetzung um Lothar Manteuffel (Rheingold, Electric Music), Dirk Riegner (Alice2, Milù), Carsten Klatte (u.a. Cassandra Complex, Project Pitchfork) und Achim Färber (u.a. Project Pitchfork, De/Vision). Dabei spielte er eine Stunde lang eine gelungene Mischung aus Heppner solo, seinen diversen Projekten mit anderen Künstlern und Wolfsheim – alles zusammengehalten durch die unverkennbare Stimme. Gerade bei Songs wie Die Flut, Leben… I feel you und Künstliche Welten war die Stimmung kaum zu bremsen und man sah allen Beteiligten ihren Spaß deutlich an. Auch Heppner selbst – nicht gerade als der große Animateur auf der Bühne bekannt – war dabei zu erwischen, wie er mit strahlendem Gesicht das Publikum zum Mitklatschen animierte. Ein Auftritt, der hängen blieb und größtenteils sehr positive Resonanz mit sich brachte. Zurecht: Peter Heppner mit Band funktioniert auf der großen Bühne weitaus besser als es die Zweierbesetzung von Wolfsheim tat. Da sagt man doch: Gerne wieder! Und: Highlight!
Setlist: Easy, Alleinesein, Die Flut, Künstliche Welten, Kein Zurück, Wir sind wir, Suddenly, Vorbei, Once in a lifetime, Dream of you, Leben… I feel you, The Sparrows and the Nightingales, Das geht vorbei…

Nun sollte der finnische Teil des Abends eingeleitet warden… Teil 1: Drei Celli und ein Schlagzeug. Oder kurz: Apocalyptica. Mit 75 Minuten Spielzeit gut bestückt spielten sie ein Set, das ziemlich metal-betont war und nicht wenige Metallica-Songs enthielt, wie beispielsweise gleich das eröffnende Wherever I May Roam. Gerade bei diesen Stücken zeigte sich das Publikum erstaunlich textsicher, was auch One und Enter Sandman bewiesen. Neben den Coverversionen gab es aber auch Eigenkompositionen zu hören. Setzte Bittersweet noch einen ruhigen Gegenpunkt zum Großteil des sonstigen Sets, wurde mit Songs wie I’m not Jesus dann wieder kräftig gerockt. Bei letzterem sowie auch zwei anderen Stücken als Gastsänger dabei: Tipe Johnson von den Leningrad Cowboys. Ob mit oder ohne Gesang: Überzeugen konnten Apocalyptica auf ganzer Linie. Nicht nur musikalisch, sondern auch mit ihrer gesamten Show. Gut gelaunt wurde viel erzählt und man stand auch mit den schweren Celli auf der Bühne kaum still. Kaum versah man sich, waren die 75 Minuten auch schon um… Der kurzweiligste Auftritt des Festivals. Und ein sehr starker obendrein!
Setlist: Wherever I may roam, Refuse/Resist, Grace, Fight fire with fire, One, I’m not Jesus (mit Tipe), Life Burns (mit Tipe), Bells, Betrayal, Bittersweet, Last Hope, Seek and Destroy, Inquisition Symphony
Zugaben: I don’t care (mit Tipe), Enter Sandman, Mountain Bike

Die kurzfristige krankheitsbedingte Absage von Die Form bescherte De/Vision die Headliner-Position im Hangar, die ihren Auftritt just begannen, als Apocalyptica gerade ihr Set auf der Hauptbühne beendeten. Nicht zu unrecht in der Headliner-Position, wie sich herausstellen sollte. Das Duo stellte mit seiner gut zwanzigjährigen Bühnenerfahrung ein einstündiges Set auf die Beine, das es in sich hatte. Sowohl Tanz- als auch Kuschelgelüste wurden exzellent befriedigt und die Stimme von Sänger Steffen konnte dabei mehr als einmal für wohlige Gänsehaut sorgen. Kaum ein Ohrwurm der letzten Veröffentlichungen fehlte. De/Vision konnten außerdem beeindrucken, weil sie bewiesen, dass auch die ruhigeren Töne ein Publikum begeistern können, das den Eindruck erweckt, als sei es nur zum Feiern gekommen. Der Auftritt von De/Vision war insgesamt ein würdiger, runder Abschluss für den Samstag im Hangar.
Setlist: Intro + Star-crossed lovers, Strange affection, Today’s life, I regret, Your hands on my skin, Addict, What you deserve, Love will find a way, The End, Flavour of the week
Zugaben: Try to forget, Still unknown

Während im Hangar noch De/Vision spielten, folgte auf der Hauptbühne als Abschluss des Tages dann Teil 2 des finnischen Abends: Nightwish. Auch wenn einige Tarja-Rufe es deutlich signalisierten, dass man sie immer noch vermisst, bewiesen sie, dass nach inzwischen zwei Jahren mit Annette Olzon wieder ein eingespieltes Team entstanden ist und Nightwish eben nicht mit Tarja Turunen gleichzusetzen ist. Eine Show mit viel Dynamik, opulenter Lichtshow und ansprechender Songauswahl ließen dann auch darüber hinwegsehen, dass teilweise doch hier und da mal ein Ton noch nicht ganz getroffen wird (Nemo kann hier als Beispiel gut herhalten)… Insgesamt zeigte die Band sich von ihrer besten Seite und erntete viel positive Resonanz. Allerdings wurden Nightwish nicht von einer technischen Panne verschont: Zehn Minuten lang fiel das Boxensystem aus, sodass nur noch der Sound der Bühne aus den Monitorboxen zu hören war. Eine Panne, die dann doch erstaunlich schnell behoben werden konnte, um bald mit Wish I Had An Angel das Set zu beenden. Sahara fiel der Panne leider zum Opfer, dennoch muss man konstatieren, dass es erstaunlich friedlich und ruhig auf dem Gelände blieb. In den ersten Reihen wurde sogar weiterhin gefeiert, während hinten kaum noch etwas zu hören war… Verwunderlich war dabei nur, wie lange die Band trotz des Ausfalls weiterspielte, bevor man sich der Technik annahm. Dennoch: Ein angenehmer Abschluss des ersten Tages.
Setlist: Intro (Crimson Tide), 7 Days To The Wolves, Ever Dream, The Siren, Wishmaster, Romanticide, Amaranth, Poet And The Pendulum, Nemo, Sahara (was skipped due the PA blackout!), Dark Chest Of Wonders, Wish I Had An Angel

Tag 2
Nach einer wahlweise langen (direkt zur Schlafstätte) oder kurzen (Party im Hangar, im Rockclub oder am Zelt) Nacht, pellten sich die ersten dann am Sonntag auch bereits um 11 Uhr wieder aus ihrem Schlafsack, um zur überschaubaren Zuschauermenge zu gehören, die beim Leichtmatrosen vor der Bühne stand. Diese durfte sich freuen über ein kompaktes, aber sehr gelungenes Konzert. Auf musikalischer Ebene manchmal sogar süßlich wirkende Klänge, ein Hauch NDW, dazu Texte, die von gesellschaftskritisch bis zynisch hin eine große Palette abdecken. Eigentlich keine leichte Kost, aber hier am frühen Morgen in Bandbesetzung äußerst charismatisch dargeboten. Gerade die Single Sexi ist tot konnte hier begeistern. Der Leichtmatrose dürfte sich an diesem Morgen wohl so einige neue Fans erspielt haben. Man darf wünschen, dass die Spielzeit und Spieldauer sich bei zukünftigen Festivals auf Positionen verschiebt, die ihm würdiger sind.
Setlist: Der Mond trägt ein trauriges Gesicht, Sexi ist tot, Studentenfutter, Junge von nebenan, Herztransplantation

Die nächste Band, die beim M’era Luna auf der Bühne stand, kann locker unter der Rubrik „alte Bekannte“ laufen. Und das auch um diese Uhrzeit. Immer mal wieder sieht man Scream Silence um diese frühen Uhrzeiten auf der Hauptbühne, immer wieder kann sie auf eine treue Hörerschar verweisen und auch dieses Mal spielten sie ein entspanntes halbstündiges Set mit ansprechendem Gothic Rock. Auch mit dem Release des siebten Albums Apathology sind sie kein bisschen müde oder eintönig geworden, sondern gehen weiterhin konsequent ihren Weg. Dabei hatten sie auch um diese frühe Uhrzeit ihren Spaß auf der Bühne, der auf das anwesende Publikum abfärbte. Ein entspannter Auftritt zum Morgen!
Setlist: The Vitriol, Harvest, Apathy, Kerosene, Creed, Above and Within, My Eyes

Während draußen die Gitarren dominierten, ging es im Hangar elektronischer zu: Kurz nach zwölf enterten Vasi Vallis und Felix Marc aka Frozen Plasma erstmals die Hangar-Bühne in Hildesheim und lieferten ein grandioses halbstündiges Set ab. So bot die Band insgesamt sechs Hits ihres aktuellen und erfolgreichen zweiten Albums “Monumentum” live dar. Dabei durften im Set natürlich die Singleauskoppelungen “Tanz die Revolution” und “Earthling” nicht fehlen. Der Hangar war zu dieser frühen Mittagsstunde schon bestens gefüllt und Vasi und Felix wurden vom Publikum bis zur letzten Minute frenetisch gefeiert. Die halbe Stunde Spielzeit war leider nur viel zu schnell um. Anhand der lautstarken Zugabe-Rufe merkte man, dass das Publikum gern noch weiter gefeiert und getanzt hätte.
Setlist: The End-Deliverance (Live Version), Phoenix, Earthling, Speed Of Life, Murderous Trap, Tanz die Revolution

Für viele ein weiteres Highlight waren dann Zeromancer, die mit 12:20 Uhr ebenfalls einen erstaunlichen frühen Slot im Ablauf hatten. Dennoch füllte sich der Platz hier bereits beachtlich und zeigte, dass die Band über all die Jahre nicht in Vergessenheit geriet und mit Sinners International an alte Erfolge anknüpfen konnte. So spielten Zeromancer 35 Minuten ihren Synth-Rock der härteren Gangart, suchten erfolgreich den Kontakt mit dem Publikum und besonnen sich in ihrer Songauswahl vor allem auf die rockenden Stücke. Dabei auch einige der Stücke, die bereits vor neun Jahren bei ihrem ersten Auftritt in Hildesheim mit dabei waren: Clone your lover beispielsweise entfaltet auch nach all der Zeit immer noch seine Wirkung. Ein starker Auftritt mit dem Prädikat: „Viel zu kurz!“
Setlist: Sinners International, Doppelgänger I love you, Need you like drug, Clone your lover, It sounds like love (but it looks like sex), Ammonite, Photographic, Dr Online

Nach Zeromancer führte der Weg dann ein weiteres Mal in den Backstage-Bereich. Denn: Zwei Stunden nach seinem Auftritt gab es ein interessantes Gespräch mit dem Leichtmatrosen zu führen, zu dem sich auch eine Weile sein „Mentor“ Joachim Witt mit hinzugesellte. Dabei wurde ausführlich über die Figur des Leichtmatrosen, das Festival, das Album Gestrandet und einiges weitere geredet.

Währenddessen wurde die Hauptbühne durch die Spielleute von Schelmish bevölkert, die bei inzwischen wieder bestem Wetter ein leichtes Spiel hatten, mit ihren mittelalterlichen Klängen das Publikum zu begeistern. Auch wenn es Mittelalterbands inzwischen sehr zahlreich gibt: Nicht alle schaffen es, eine Festival-Meute so zu begeistern, wie es Schelmish taten. Auch sie selbst waren begeistert und äußerten hinterher ehrlichen Dank am Publikum, da es ihrer Aussage nach ihr bisher größter Auftritt war. Das Sprichwort „man wächst mit seinen Aufgaben“ haben sie sich somit bravourvoll selbst bewiesen.
Setlist: Narr, Moor, Mente Capti, Andersland, Marionette, Kreuzzug gegen die Verlogenheit, Der letzte Kuss, Mehr Schein als Sein, Tanz mit mir

Nachdem Thomas Rainer am Vortag mit Nachtmahr auflief und Ashley Dayour zuvor schon mit Whispers in the Shadow begeistern konnte, holten beide sich nun noch Sonja Kraushofer mit ins Boot. L’âme Immortelle waren an der Reihe und spielten erstaunlich befreit auf. Nicht immer hörte man in den letzten zwei Jahren Positives von dieser Band und nicht alles, was sie so machten, wurde von der Fan-Gemeinde mit Wohlwollen aufgenommen. Mit der Rückkehr zu Trisol und dem neuen Album Namenlos aber gelang ihnen mit großen Teilen wieder die Versöhnung – und offenbar auch mit sich selbst, denn sie zeigten sich spielfreudig wie eh und je und boten dem Publikum ein Set gemischt aus Stücken des aktuellen Albums und so einigen Klassikern wie Voiceless und Bitterkeit. Eine gute Mischung aus hartem Elektro (1000 Voices) und melodischen Songperlen (Requiem) und ein begeisternder Auftritt. Wer L’âme Immortelle aus den Augen verloren hat, dürfte hier gemerkt haben: Sie können es immer noch!
Setlist: 1000 Voices, Suffocating Endlessly, Voiceless, Stumme Schreie, Fallen Angel, Requiem, Aus den Ruinen, 5 Jahre, Bitterkeit

Direkt nach L’âme Immortelle auf der Main Stage gaben [:SITD:] am Sonntag im Hangar eine bemerkenswerte Kostprobe ihres Könnens. Der Hangar füllte sich schnell und ließ fast vergessen, dass die Band erst am frühen Nachmittag spielte – was den Publikumsfaktor betraf, zogen [:SITD:] nicht weniger Fans in den Hangar als andere Bands, die für Headliner-Positionen gebucht waren. Musikalisch sorgten [:SITD:] außerdem für bombige Stimmung. Neben laut jubelnden Fans, die unter Anderem einen Song vom kommenden Album Rot empfangen durften, entstand im hinteren Bereich des Hangars innerhalb der ersten Songs eine riesige Tanzfläche. Wer hinter dem Bierstand und dem Mischpult stand und nichts sehen konnte, tanzte sich einfach im besten Cyber-Stil der Heimdisko die Seele aus dem Leib. [:SITD:] sorgten mit einem ordentlichen Auftritt, der das Publikum mit einigen Hits ins schwitzen brachte, für eine mehr als ausreichende Grundlage für diese groß angelegte Tanzperformance. Mitreißende Beats, auch im hinteren Hallenbereich noch eine gute Tonabmischung, das gut aufgelegte Publikum und nicht zuletzt der sehr gute Auftritt der Band selbst ließen dieses Konzert zu einem unvergesslichen Erlebnis werden.
Setlist: Stammheim, Lebensborn, Rose Coloured Skies, Frontal (vom neuen Album Rot), Suffering In Solitude, Kreuzgang v.2, Laughingstock, Richtfest

Draußen in der brütenden Hitze begannen dabei auch schon The Crüxshadows ihren Auftritt. An sich ein Auftritt in Perfektion. Die Show funktionierte auch nach diversen Umbesetzungen wunderbar, fürs Auge sorgten die Tänzerinnen und die Songauswahl beinhaltete so einige Hits. Aber genau hier ist der Haken der Perfektion: Es fehlte heute auf seine Weise an der Besonderheit, die diese Formation immer ausmachte. Man wunderte sich, dass Rogue nicht mehr kletterte, die Stimme war spürbar durch das jahrelange Touren mitgenommen und auch, wenn der Auftritt eigentlich gut war, konnte der Funke nicht wirklich überspringen. Die Fans waren begeistert, aber der Eindruck, eine ganz besondere Band für sich entdeckt zu haben, konnte man bei diesem Auftritt leider weitaus schwieriger gewinnen als das schon bei manch anderem Auftritt der Fall war.
Setlist: Introduction (And I Believe), Quicksilver, Immortal, Deception, Sophia, Dragonfly, Winterborn, Birthday

Immer noch spürte man die Hitze gewaltig, weshalb das Publikum zu Veljanov nun zwar zahlreich kam, gar nicht soweit von der Bühne aber der Eindruck eines Sitzkonzerts entstand. Alexander Veljanov ließ sich davon natürlich nicht abschrecken und spielte neun Stücke aus seinen verschiedenen Solo-Alben. Gerade allerdings die Kombination aus dem aktuellen Album Porta Macedonia und einem knallheißen M’era Luna-Nachmittag wollte dabei nicht wirklich zünden. Zuviel episches Theater für eine Menge, die hier den Eindruck macht, vor allem Party machen zu wollen. Künstlerisch hochwertig und zweifelsohne anspruchsvoll, aber hier nicht ganz kompatibel mit dem Rahmen. Ein Eindruck, den auch sein Solo-Klassiker The Man with the Silver Gun nicht ganz ausmerzen konnte. Richtig gut funktioniert hingegen hat Fly Away, ein Song, der immer noch für Begeisterung sorgen kann. Mehr davon und es hätte an diesem Nachmittag wohl besser funktioniert. Im Endeffekt schade: Alexander Veljanov ist und bleibt ein Ausnahmekünstler, da muss man nicht drüber reden – nur konnte es in diesem Rahmen schlichtweg nicht angemessen deutlich werden.
Setlist: His Vita, We can’t turn back, Black Girl, The Man with the Silver Gun, Mein Weg, The Sweet Life, Fly Away, Nie mehr, Dirt

Nun einmal der Sonne entflohen und rüber in den Hangar, wo Tyske Ludder sich gerade in den ersten Tönen ihres Sets befanden. Der Hangar war zwar nicht gerade leer, dennoch hätte man es bei einem solchen Urgestein deutlich voller erwarten können. Die Band aber war begeistert und spielte den Zuschauern 55 Minuten lang ihren harten und dabei doch eingängigen EBM und konnte das Publikum zahlreich zum Tanzen animieren. Unterstützt durch eine Video-Projektion kamen auch die Botschaften, die die Band mit ihrer Musik verbreiten will, nicht zu kurz und man merkte: Hier will nicht nur jemand zum Tanzen animieren, sondern auch das Nachdenken soll nicht zu kurz kommen. Ein wirklich schöner Auftritt für Freunde der härteren Elektro-Gangart!
Setlist: Frya fresena, An vordester Front, Gebet, Wie der Stahl gehärtet wurde, Khaled aker, Shokkz, Manipulation, Psychoaktiv, Canossa, Bastard, Monotonie

Nun aber sollte es wieder voll werden im Hangar. IAMX standen auf dem Plan. Was Chris Corner nach den Sneaker Pimps hier erwachsen ließ, war auch auf der Bühne sehr beeindruckend. Dieser Auftritt hatte – trotz seiner spärlichen Beleuchtung – etwas Fesselndes. Mit seiner ganz eigenen Mischung aus Elektronik, Synthies und Indie entstand hier eine ungeheure Wucht, gepaart mit einer beeindruckenden Bühnenpräsenz, die es in sich hatte. Salopp würde man zu diesem Auftritt einfach nur sagen: Abgefahren! Wer diese Band vorher nur vom Hörensagen kannte und sich hier in den Hangar begab, dürfte sich nach diesem Auftritt geärgert haben, was er bisher versäumt hat. Abgerundet durch die Video-Projektionen sprachen nach diesem Auftritt viele von einem Highlight.
Setlist: Bring Me Back a Dog, Nature of Inviting, The Alternative, Sailor, An I For An I, Tear Garden, I Am Terrified, My Secret Friend, Spit It Out, Nightlife, Kiss + Swallow, Skin Vision, President

Während im Hangar IAMX die Menge zum Schwitzen brachten, begann auch draußen eine bereits sehnlichst erwartete Band ihren Auftritt: Subway to Sally. Im Grunde ein Auftritt, zu dem gar nicht viel gesagt werden muss, sind Subway to Sally doch schließlich nicht zum ersten Mal in dieser Position zu sehen und können immer wieder begeistern. Als eine der dienstältesten Formationen ihres Genres schaffen sie es stets wieder, die Stimmung auf den Siedepunkt zu bringen und dort auch zu halten. So auch in ihren 60 Minuten beim M’era Luna. Klar, dass da auch nach diesem Auftritt nicht gegangen werden darf, bevor Julia und die Räuber losgelassen werden.
Setlist: Intro, Meine Seele brennt, Aufstieg, Besser du rennst, Knochenschiff, Judaskuss, Veitstanz, Eisblumen, Einsam, Falscher Heiland, Sieben, Tanz auf dem Vulkan, Auf Kiel
Zugabe: Julia und die Räuber

Auch wenn es nach Subway to Sally zunächst den Eindruck machte, als würde nun die große Abreise beginnen, stellte sich dieser Eindruck dann spätestens 20:45 Uhr als Trugschluss heraus: Selten war das Gelände so voll wie zu diesem Zeitpunkt, als The Prodigy die Bühne betraten. Wurde vorher noch viel drüber diskutiert, ob diese Band denn überhaupt zu diesem Festival passte, lösten sich spätestens mit Firestarter diese Bedenken. Schließlich laufen The Prodigy auch regelmäßig in den düsteren Clubs, warum soll es also nicht auf einem Gothic-Festival funktionieren? Eben – und das tat es auch. Mit einer bombastischen Lichtshow, die hinterfragen ließ, ob bis Hannover überhaupt noch irgendjemand anders gerade Strom hat, guter Laune und massiver Spielfreude spielten sie ein Best Of aus ihrer langen, bisherigen Karriere, ergänzt um Songs ihres aktuellen Albums Invaders Must Die und hinterließen damit ein mehr als glückliches Publikum. Auf jeden Fall eine würdige Headliner-Besetzung und ein Ausklang des Festivals, der in Erinnerung bleibt.
Setlist: Firestarter, Breathe, Diesel Power, Smack My Bitch Up, Out Of Space, Invaders Must Die, Omen, Voodoo People, Poison, Their Law, Warrior’s Dance, Stand Up, Run With the Wolves, Take Me to the Hospital

Und somit war es auch schon wieder vorbei: Ein sehr kurzweiliges Wochenende im Zeichen des M’era Luna-Festivals. Eine ausgewogene Bandauswahl, so einige Highlights und dazu einige erfreuliche Neuerungen im Drumrum: Neben einer dies Jahr erstmal ausgerichteten Modenshow hat man auch die Getränke-Versorgung auf dem Zeltplatz verbessert: So gibt es seit diesem Jahr einen Getränkemarkt, der den halben Liter Beck’s zum Schlachtpreis von einem Euro rausgibt – und das sogar gekühlt. Auch nicht-alkoholische Getränke waren selbstverständlich mit im Programm. Und auch der Mittelaltermarkt wurde dieses Jahr wieder gut frequentiert. Alles in allem: Sehr gelungen!

Man kann also erneut mit dem Fazit schließen, nächstes Jahr gerne wieder dabei zu sein!

Weitere Artikel
Interview mit Eicca von Apocalyptica (08.08.2009)
Interview mit Leichtmatrose (09.08.2009)

Homepage: www.meraluna.de
MySpace: www.myspace.com/meraluna

Text: Marius Meyer (außer De/Vision und [:SITD:]: Lisa Kleinberger, Frozen Plasma: Tino Pasold)
Bilder: FKP Scorpio