Einmal im Jahr halten im idyllischen Elend bei Sorge Musik und Tanz Einzug. Die lauten Gitarren verdrängen die gewohnte Stille am Fuße des Brockens im Harz. Das diesjährige Rocken am Brocken war bereits die vierte Auflage des charmanten Festivals. Wie gewohnt schafften es die Organisatoren ein ansehnliches Line-Up mitten in die Natur zaubern, wo sonst das ganze Jahr nichts ist. Mit gut 3000 Besuchern konnten der Zuschauerrekord aus dem Vorjahr nochmals deutlich überboten werden. Dieser stetig wachsende Zuspruch zeigt, dass Rocken am Brocken auf dem besten Weg ist, sich im Festivalkalender als eine feste Größe zu etablieren, falls es nicht schon lange eine solche ist.

Das Wetter spielte den Festivalbesuchern, ähnlich wie letztes Jahr, in die Karten. Zwar war es nicht so heiß wie im Vorjahr, jedoch blieb zumindest der Regen aus und machte Rocken am Brocken somit angenehm bezüglich des Wetters. Nicht zu ändern war angesichts der Höhenlage, dass es nachts kalt in den Zelten wurde. So galt es sich gut zu überlegen, ob eine Anreise bereits am Donnerstag und damit verbunden eine zusätzliche kalte Nacht, in Betracht kam. Der Campingplatz war das ganze Wochenende über nicht überfüllt sondern angenehm leer. Positiv für die Festivalgänger war zudem der sehr kurze Weg vom Parkplatz bis zum Zeltplatz. Beide wurden nur von einer Straße getrennt.

Tag 1
Die Bändchenübergabe ging erfreulich schnell vonstatten. Beim darauf folgenden ersten Gang über das Festivalgelände wirkte dieses etwas kleiner als im Vorjahr. Das störte allerdings nicht weiter. Das Zirkuszelt, in dem die zweite Bühne aufgebaut war, verbreitete auf Anhieb viel Charme. Auch die Liegestühle, welche man mit vor die Bühne nehmen konnte, waren eine schöne Idee.

Als erstes Highlight betrat Gisbert zu Knyphausen mit seiner Band am Freitagabend die Bühne. Mit Gespenster wurde ein Lied des im Frühjahr erschienenen Albums Hurra! Hurra! So nicht als Opener gewählt. Überhaupt stammte die Mehrzahl der gespielten Lieder vom neueren Albums, was im Musikgeschäft ja so üblich ist. Gestört wurde Gisbert zu Knyphausen anfangs hin und wieder durch ein Tröten aus dem Publikum, was er jedoch mit Humor hinnahm. Typisch für Knyphausen und seine Band sind energetische Ausbrüche, wie man sie auf CD nicht hören und spüren kann. Ein gutes Beispiel hierfür ist Gute Nachrichten, welches am Ende immer lauter wurde und nur so vor Energie strotzte. An solchen lauten und schnellen Stellen wirkte das Schlagzeugspiel häufig improvisiert und etwas außer der Reihe. Gisbert zu Knyphausen kommentierte seinen Auftritt mit „Wir haben noch etwas Melancholie für euch, bevor der große Tanz weitergeht.“ Ein dezenter Hinweis auf die vorhergehenden und nachfolgenden Künstler. Gisbert zu Knyphausen und seine Band spielten einen hervorragenden und mitreißenden Auftritt.

Zum „großen Tanz“ spielten nach Knyphausen The Busters auf. Wie immer waren die Ska-Bands ein wichtiger Bestandteil des Line-Ups von Rocken am Brocken. Entsprechend groß war der Andrang der Tanzwilligen. Off-Beat und Bläser lockten die Meute an. Der Auftritt wirkte wie ein großer Akt des Spaßes. Trip Fontaine, die im Anschluss auf der Zeltbühne spielten, stellten ihrem Vorgänger deutlich in den Schatten. Im ordentlich gefüllten Zirkuszelt lieferten die Hessen einen außergewöhnlichen Auftritt ab, der zu den absoluten Höhepunkten des diesjährigen Rocken am Brocken gehörte. Bezüglich der musikalischen beziehungsweise instrumentalen Qualität war das deutlich besser als der Ska der vorhergehenden Busters, auch wenn diese deutlich mehr Publikumszuspruch hatten. Trip Fontaines Musik riss vom ersten Moment mit in einen Wirbel von Emotionen, Energie und brillanten Gitarren. Die vielschichtigen Lieder überzeugten live noch mehr als auf CD. Nach den ersten drei Liedern wurde der Platz am Schlagzeug getauscht. Allein das unterstreicht die Sound-Bandbreite Trip Fontaines. Schade, aber auch verständlich, dass mehr und mehr Zuschauer vor Ende des Auftritts abwanderten, um den Anfang von Friska Viljor nicht zu verpassen.

Die Schweden von Friska Viljor waren als Ersatz für Miss Li eingesprungen, die kurzfristig absagen musste. Im letzten Jahr spielen Friska Viljor in Elend bei Sorge den nach eigenen Angaben besten Auftritt der Bandgeschichte. Auch dieses Mal konnten sie überzeugen und wünschten sich, die Hausband des Festivals zu werden. Mit „Friska, Friska!“-Rufen wurden sie auf die Bühne gelockt. Zwischen Friska Viljor und Rocken am Brocken scheint, eine Liebe entstanden zu sein. Während des Auftritts herrscht ausgelassene Stimmung. Charmant riefen die Schweden immer wieder „Rrrrocken am Brrrrocken“ von der Bühne und die Menge johlte. Es ist immer wieder ein Genuss Daniel, Joakim und co. live zu sehen. Die fünf gaben einen Ohrwurm nach dem nächsten zum besten. Bei Tell me sprangen sowohl das Publikum als auch die Band. Mit Old man wurde das fantastische Konzert würdig beendet.

Wieder erfolgte der Wechsel von der Hauptbühne in das angenehm warme Zelt. Dort warteten Supershirt schon sehnlichst darauf, auf die Bühne zu dürfen. Friska Viljor hatten einige Minuten überzogen. Bis auf ein paar wenige freie Stellen war das Zirkuszelt voll besetzt. Supershirt versetzten die Menge schnell in Ekstase. So sieht es aus, wenn eine Band sein Publikum im Griff hat. Nicht nur beim Hit 8000 Mark wurde mitgegrölt, so gut es ging. Bei Nachtjacke schmissen die Norddeutschen unzählige Knicklichter ins Publikum. Gepaart mit den Sternen an Decke des Zeltes, bot sich ein toller Anblick.

Direkt im Anschluss ging der Tanz draußen vor der Hauptbühne weiter. Supershirts Labelkollegen Bratze, bestehend aus Kevin Hamann (ClickClickDecker) und Norman Kolodziej (Der Tante Renate) betraten die Bühne. Inzwischen war es sehr kalt geworden. Daher haben die Veranstalter gut daran getan, die beiden Tanz-Bands an das Ende des Freitagprogramms zu setzen. Tanzen half gegen die Kälte. Vom basslastigen Sound wackelte der Zaun vor der Bühne; die Füße vibrierten. Hamann kletterte an der Bühne hoch, um einen perfekten Blick auf das nächtliche Festivalgelände und Zeltplatz zu haben. Nach den 10 Liedern, die Bratze spielten, begaben sich die meisten Zuschauer ins Zelt. Manche in ihr eigenes, viele aber auch in das Zirkuszelt auf dem Gelände, um noch ein wenig zu feiern. Gleichzeitig hatte dies den Effekt, dass man noch etwas Abstand von der draußen wartenden Kälte nehmen konnte.

Tag 2
Die meisten der gut 3000 Zuschauer waren wohl froh, als die kalte Nacht vorbei war und sie sich aus den Schlafsäcken schälen konnten. Mittlerweile war die Temperatur wieder angenehm gestiegen. Nach einer Erkundung der Gegend begann der Samstag in musikalischer Hinsicht am frühen Abend mit Captain Planet. Die vier Hamburger sind mittlerweile mehr als ein Geheimtipp in der Punkszene. Allerdings ist Captain Planets Emopunk wohl eher für die dunklen Clubs gemacht. Die Band machte keinen Hehl daraus, dass die letzte Nacht etwas lang geworden war. Das zeigten auch die instrumentalen und gesanglichen Aussetzer. Bei Der Rückbau wusste Sänger Arne anfangs nicht so recht, was er singen sollte. Die Ahnungslosigkeit war ihm ins Gesicht geschrieben. Band und Publikum konnte über solche Szenen jedoch lachen und so wurde der Auftritt nicht zu einem peinlichen Ereignis. Gitarrist Benni las nach einer Bitte aus dem Publikum einen Flyer vor. Die zahlreichen Anhänger Captain Planets sangen die 14 Lieder mit, auch wenn sie wussten, dass das wohl nicht der beste Auftritt der Hamburger war.

Im Anschluss mussten lästige Dinge wie Packen und Essen erledigt werden, so dass es musikalisch erst mit den Co-Headlinern Dúné weiterging. Nicht nur der Raum vor der Bühne war so gut wie selten an diesem Wochenende gefüllt. Auch auf der Bühne war kaum noch Platz. Sieben Künstler musizierten gemeinsam. Sänger Matthias Kolstrup war abwechselnd mit Gesang und Publikumsanimation beschäftigt. Die Menge gehorchte ihm. Mit seinem Gehüpfe steckte er die Zuschauer an. Auch die La-Ola-Wellen ließen die Besucher ohne Wenn und Aber über sich ergehen. Die Mädchen in der ersten Reihe sangen voller Inbrunst die Zeilen ihrer Helden mit. Dúnés Mischung aus Indie und Electro-Pop sorgte für eine gute Stimmung und viel Tanz. Dies hatte den Nebeneffekt, dass der Dreck vom Boden aufgewirbelt wurde.

Das konnte im Anschluss bei Schluck den Druck auf der Zeltbühne nicht passieren. Das Zelt wirkte besser gefüllt als bei den eigentlich bekannteren Supershirt am Vorabend. Schluck den Druck wurden vom Publikum sehnlichst erwartet und dementsprechend gefordert. Bevor das Trio auf die Bühne stieg, wurde auf selbiger ein Nebel entfacht, der eine klare Sicht unmöglich machte. Der Stimmung tat dies kein Abbruch. Die Menschen tanzen sogar draußen vor dem Zelt.

Andere Klänge gab es im Anschluss auf der Hauptbühne. Itchy Poopzkid waren ähnlich wie ein Großteil der Zuschauer über ihren hohen Posten als Co-Headliner überrascht. Ansagen wie „Habt ihr Bock?“ oder „Könnt ihr noch?“ häuften sich mit der Zeit und nervten zusehends. Der Wettstreit „Meine Seite ist hübscher als deine“ verstärkte dieses Gefühl. Die meisten Festivalgänger schien dies nicht zu stören, denn sie hüpften brav im Takt. Als zur Wall of Dead aufgerufen wurde spaltete sich das Publikum prompt, um wenige Augenblicke später wieder aufeinander zu zu rennen Die Band sprach von einem der drei besten Konzerte des Jahres. Am Ende forderten Itchy Poopzkid das Publikum auf, nach Zugabe zu rufen, damit man nicht erst die Bühne verlassen musste. Zudem wurde auf die im Zelt folgenden, befreundete Band TOS hingewiesen.

Die letzte Zelt-Band wurde nur spärlich besucht. Die meisten Festivalbesucher warteten wohl auf den krönenden Abschluss des Rocken am Brocken 2010, der mit Bonaparte nicht lange auf sich warten ließ. Angekündigt wurde der Zirkus Bonaparte vom Veranstalter des Festivals höchstpersönlich. Als Frontmann und Direktor Tobias Jundt das Konzert mit Do you want to party with the Bonaparte? eröffnete geriet die Menge außer Rand und Band. Das Konzert wurde, so wie man es von Bonaparte gewöhnt ist, zu einem bunten Spektakel. Neben den Musikern betraten auch zahlreiche verkleidete Tänzer die Bühne. So werden die Bonaparte-Shows zu einzigartigen Erlebnissen. Manche meinen, mit dem bunten Treiben soll die fehlende musikalische Qualität verdeckt werden, andere finden, dass Musiker und Tänzer einfach perfekt zusammen passen. Auf der Bühne konnte jeder machen, was er wollte. Allein schon deswegen konnte die Gruppe nicht früher auftreten. Denn nicht jugendfreie Posen waren keine Seltenheit. Das Publikum zeigte sich begeistert angesichts dieses würdigen Abschlusses vom Rocken am Brocken 2010.

Erneut konnte man die Veranstalter nur dafür bewundern, wie sie ein Festival mitten im Nirgendwo reibungslos über die Bühne brachten. Insofern hatten es sich die Mitarbeiter und Helfer redlich verdient, nach dem Headliner Bonaparte, die Bühne für sich zu beanspruchen. Nochmals wurde dem Publikum gedankt und dieses dankte den Veranstaltern mit einem standesgemäßen Applaus ebenfalls. Bereits in den letzten Momenten des diesjährigen Rocken am Brocken war die Vorfreude auf das nächste Jahr spürbar.

Text: Martin Zenge
Bilder: Anne Göllner