Eine gute Idee.* Die finnischen Newcomer Sunrise Avenue luden in Dresden zu dem zweiten Konzert ihrer 5 Tage – 5 Städte Deutschlandtour. Die Vorband wurde von Ian O’Brien-Docker gestellt, einem eher schmächtigen Musiker aus Hamburg mit Wurzeln in London und Montreal. Der junge Herr gab erstaunlich eingängigen Poprock zum Besten und dabei auch alles andere als eine schlechte Figur ab. Man hätte sich kaum einen besseren Supportact vorstellen können, denn die ohnehin schon gespannte Menge erlebte gitarrenlastige Lieder und einen außerordentlich fähigen Sänger und konnte somit optimal auf die fünf Nordmänner eingestimmt werden.
Nach knappen 30 Minuten war die Aufgabe des Herrn Docker erfüllt und das Warten ging weiter. Noch vor wenigen Monaten wurden die Herrschaften aus Finnland belächelt und ihrem fröhlichen Rockpop nur minimale Erfolgschancen eingeräumt. Und allen Zweiflern zum Trotz erspielten sich Sunrise Avenue nicht nur Platz drei in den deutschen Singlecharts, sondern auch eine große Anhängerschaft (manch ein Fan wird auf allen fünf Konzerten zu sehen gewesen sein: glücklich lächelnd).
Die Band betritt im Dunkel die Bühne und rockt voller Energie los. Mit Choose to be me wird die Richtung vorgegeben: immer nach vorne und der Sonne entgegen.
Was dem Erst-Konzertgänger wohl zuerst auffällt ist die Tatsache, dass die eher glatten Lieder des Albums das versprochene Rockpotential live zu voller Genügsamkeit ausspielen. Auf einmal sind eher durchschnittliche Lieder ein Hörgenuss der besonderen Art und mitsingen, springen und jubeln wird völlig normal, selbst wenn man vorher eher bedacht an die Sache gehen wollte.
Die Jungs aus dem kalten Norden rocken ohne Angst vor Verlusten und bringen das erstaunlich gemischte Publikum, in dem sich 13jährige Teenager neben 50jährigen Rockfans wieder finden, zum Feiern. Man muss auch freudestrahlend berichten, dass der Männeranteil im Publikum seit letztem Herbst stetig gestiegen ist und die Gefahr der „Mädchenband“ gebannt scheint.
Ab und zu wird es etwas ruhiger. Samu Haber redet zwischen deutsch und englisch hin und her gerissen was das Zeug hält und gibt Kostproben seiner Deutschkenntnisse wie „unser Keyboarder ist spitz wie Nachbars Lumpi“. Aber eigentlich ist alles „really cool“.
Gelegentlich werden Lieder erklärt, so das einzig wirklich ernste Lied Make it go away. Neben den eher langsamen, aber leichtfüßigen Songs wie Into the blue wird vornehmlich dem Rock Tribut gezollt und den Stimmbändern, Armen und Beinen eine extra Sporteinheit verordnet. Romeo, Because of you und das großartige Forever yours stehen für die mehrheitlich geschrammelten und hingebungsvoll dargebrachten Lieder. Da störte es auch nicht, dass es bei dem ein oder anderen Lied anscheinend Probleme mit den Backing Vocals gab und diese eher schief als recht die Ohren trafen.
Bei Fairytale gone bad beweist das Publikum neben Stimme auch Textsicherheit, was die Band genauso erstaunte wie die Tatsache, dass wohl die Mehrheit der Konzertbesucher das Album sein Eigen nannte. Letzteres wurde mit einem Lächeln und einer Verneigung für die knapp 700 Leute bedacht. Zu Recht.
Zu Recht durfte auch Drummer Sami seine Künste im Alleingang präsentieren. Wenn jedes richtige und gute Rockkonzert ein Drumsolo benötigt, dann hat Dresden eben solches Konzert erlebt. Während die Drums das ehemalige Theater erfüllten, hockte der Rest der Band auf dem Boden und genoss mit dem Publikum zusammen das Gehörte.
Überhaupt fällt auf, dass die Band ausgesprochen harmonisch miteinander umging und sehr häufig miteinander kommunizierte und lachte. Man sah allen (ob auf der Bühne oder davor) an: das hier macht Spaß und das darf ruhig länger gehen! Irgendwann ist aber alles einmal vorbei und die Finnen verabschieden sich, nach dem sie fast alle Lieder des Albums präsentiert haben.
Doch jedes mitgehende Publikum darf auf eine Zugabe hoffen, und so wurde auch Dresden nicht enttäuscht. Doch was da zu hören war, verschlug einem die Sprache: David Hasselhoff’s I’ve been looking for freedom wurde hier angestimmt. Und für 30 Sekunden konnte sich niemand entscheiden, ob man lachen oder mitsingen sollte. Als wirklich letztes Lied des Abends wurde Nasty gespielt. Bis dato eher den Fans bekannt und textlich äußerst Sunrise Ave untypisch, gab es dennoch auch hier kein Halten und die Stimme wurde ein letztes Mal malträtiert.
Zu sagen bleibt, dass Janne (Gitarre), Jukka (Keyboards), Raul (Bass), Sami und Samu dem Publikum mehr gegeben haben, als man erwartet hätte. Der Rock kommt derzeit aus den nordischen Gefilden und aus Finnland kommt definitiv nichts Kaltes mehr. Das hier hat gerockt und den Schweiß fließen lassen. Da fehlt nur noch die Zigarette danach.
Und die Gewissheit, dass sie im März noch drei Zusatzkonzerte geben.

* Drummer Sami begann ein Lied um das Publikum schon mal im vorab zum Klatschen zu bringen, wurde kurz von Samu unterbrochen, der dann aber meinte: “That’s a good idea!“
Und das war es in der Tat.

Homepage: www.sunriseavenue.de

Text und Bilder: Katrin Gruhl