Rezensionen & Tonträger Anne-Sophie, 07.12.2008
acid.milch&honig - Sweet Club Prostytutka
Dresden hat eine, die sehr beschaulich und nett anzuhören ist. Berlin hat eine, die wahrscheinlich viel zu sehr polarisiert und den deutschen Charts viel Schande gebracht hat. Sogar Delmenhorst besitzt eine, wenn auch nur aus einer einzigen Person bestehend. Die Rede ist hier von einer Musikszene, die vielen Städten schon seit jeher bestätigt wird. Nur meine Heimatstadt Leipzig hat bis dato da so ihre Probleme. Vor allem durch die Prinzen geprägt und somit im Sendungsbewusstsein stark eingeschränkt, haben viele Musikinteressierte total verkannt, was sich da hinter den Vorhängen in einigen Häusern abspielt. Daher erscheint es verständlich, dass die richtige Musik irgendwann auch irgendwann aus den Boxen explodieren und zum Vorschein treten musste.
Besonders explosiv wird es beim Ein-Mann-Elektropunker-Projekt acid.milch&honig. Der Mann, der dahinter steckt, nennt sich Andi und ist der mitunter quirligste, netteste und verrückteste Mensch, der einem nur begegnen kann. Das merkt man nicht nur im persönlichen Gespräch, sondern vor allem, wenn man seiner Musik lauscht.
Seit diesem Jahr muss man dies übrigens nicht mehr täglich über MySpace tun, um seine tägliche Dröhnung guter Musik zu bekommen, denn wieder ist eine EP des guten Mannes fertig. Sweet Club Prostytutka stellt eine Mischung der bekannten und munteren Hits von acid.milch&honig dar, die es in sich hat. Allerdings sollte man sie nicht mit dem ebenfalls wahnsinnig schicken Vorgänger aus dem Jahr 2007 verwechseln, denn diese EP wurde mit einigen anderen Songs versehen.
Die Musik, die acid.milch&honig produziert, macht einfach nur Spaß und stachelt an. Elektrofrikeleien vom Feinsten, die Synthesizer scheinen förmlich zu glühen. Eine ausgefallene Kombination, die der Künstler selbst gerne mit den Worten „Technopunk, Elektrodisco, Politrave, entarteter Popsong“ umschreibt, springt einem auf Sweet Club Prostytutka entgegen und fesselt wirklich. Ein Mix von deutschem sowie englischen Gesang lässt sich die Sache nicht langweilig werden und der teilweise zu erahnende sächsische Charme lässt Freude hochkommen, weil das einfach nach herzlichem Mensch klingt.
Richtig chillig und dennoch streckenweise mehr als Beat-lastig ist der Song Lied von der weißen Stadt. Hübsch gesungen vom kreativen Kopf, ein paar kleine Lebensweisheiten, mehr braucht ein Hit anscheinend nicht. Vor allem die poppige Komponente macht das Lied so zugänglich, schlicht und ergreifend ein lockeres Ding.
Politischer wird es wiederum beim Neokapitalistensong (We don‘t need no Mindestlohn). Hinter diesem Track steht ein Konzept, das wohl jeden, der sich mit dem Thema ein wenig beschäftigt hat, überzeugen kann. Reichlich intelligent und mit einer Portion Witzigkeit versehen, entpuppt sich dieses Stück als ein richtiges Schmankerl der EP, der sogar der älteren Generation zumindest inhaltlich ein Nicken entlockt.
Geheimtipp der Scheibe ist allerdings der Panzersong. Wunderbar melodisch, trotzdem krawallig, ziemlich bewegend. Zu diesem Lied muss man abgehen, man kann gar nicht anders. Die Repeat-Taste läuft heiß, vom Panzersong kann man nicht genug bekommen und wird dessen auch nicht müde, weil er so in den Kopf fährt.
Trotz begrenzter Songanzahl ist die EP mehr als vielseitig. Pure elektronische Klänge geben wunderhübsch wohltönenden Melodien in die Klinke in die Hand. Seichtere Texte werden von politischen Statements abgelöst, die wirklich allgegenwärtig und gleichermaßen aktuell sind. Sehr geradlinig nimmt Sweet Club Prostytutka den Hörer ein und verführt geradezu zu einem Konzertbesuch von acid.milch&honig. Facettenreich, konzertwütig sowieso und kreativ bis ins Letzte. Die Prinzen, das war einmal, jetzt kommt Andi mit acid.milch&honig. Und wer weiß, vielleicht werden wir so auch mal bekannter als Delmenhorst…
Homepage: www.acid-milch-und-honig.de
MySpace: www.myspace.com/acidmilchundhonig

Text: Anne-Sophie Kretschmer