Wie erklärt man einem Außenstehenden am besten etwas über die Gothic-Szene? Was ist sie? Wie funktioniert sie? Warum tragen alle schwarz, das sieht doch so böse aus? All diese Fragen, die sich spontan nicht so leicht beantworten lassen. Zum Glück gibt es daher über die schwarze Szene auch genug Bücher und Schriften, mal aus der Szene, mal aus soziologischer Sicht, von denen die meisten bislang irgendwo zwischen Selbstbeweihräucherung und Wunschvorstellungen hin- und herschwanken und eigentlich kaum das Bild wiedergeben, das man selbst kennen gelernt hat. Und nun ein weiteres Werk, das versucht die Gothic-Szene zu beleuchten – und ist das nun wirklich nötig? Ganz klar: Ja! Denn bereits das Vorwort trägt einen Titel, der direkt eine klare Richtung vorgibt: Die Gothic-Szene gibt es nicht.

Natürlich gibt es zwar die Gothic-Szene, aber nicht im Sinne einer homogenen Gruppe, die sich klar definieren lässt. Und genau hier liegt eine Stärke des Buches. Das Buch versucht gar nicht erst, ein schlüssiges und alles umfassendes Bild der Szene zu erzeugen. Stattdessen besteht es aus vielen einzelnen Artikeln, die Erfahrungsberichten, wissenschaftliche Abhandlungen, Interviews oder einfach aufgeschriebene Gesprächsmitschnitte sein können. Und nicht alle haben direkt mit dem Thema Gothic zu tun: So wird die Farbe schwarz im Kontext jugendlicher Subkulturen erläutert, ein grober Überblick über die diversen Subgenres des Gothic gegeben oder die Faszinazion für Live-Rollenspiel diskutiert. Das alles wirkt wie ein Mosaik, in dem zwar viele Steine fehlen mögen, aber das Gesamtbild erkennbar wird.

Gerade das erste Kapitel „Entstehung und Grundlagen” lässt einen fast selber am eigenen Leib erfahren, was genau vor und während der Entstehung der Gothic-Szene aus der Punkszene heraus in den Menschen vorgegangen sein muss, die in dieser Zeit Teil der Szene waren: Eine Mischung aus Sich-abgrenzen-Wollen vom Rest der Gesellschaft, einem Interesse am Okkulten und dem Gefühl einer ständigen atomaren Bedrohung durch den noch anhaltenden Kalten Krieg während der 80er Jahre. Auch die Verbindung zur Industrial-Szene, die damals noch etwas völlig anderes war, als was man sich heute unter dem Begriff vorstellt, wird anschaulich dargestellt, besonders John Murphys Aufsatz über seine „Erinnerungen an das Equinox Festival“ lässt diese Zeit fast wieder zum Leben erwecken.

Später werden die 90er thematisiert, wobei die Verschmelzung aus Gothic und Metal von Stefan Gnad in seinem Artikel sowohl argwöhnisch als auch sehr amüsant beschrieben wird. Außerdem kommen später im Buch Wahrheiten zutage, die zwar erstmal lustig klingen, aber leider auch eine bittere Realität beschreiben, wenn man Sätze wie „Ian Curtis wäre heute an keinem Türsteher einer Gothic Disco vorbeigekommen“ liest.

Möchte man dem Buch in den späteren Kapiteln eines vorwerfen, dann, dass eine gewisse „Früher war alles besser“-Mentalität in vielen Beiträgen zu lesen ist. Dies liegt allerdings daran, dass viele Autoren schon seit den frühen Zeiten der Szene mit dabei waren und gewisse Tendenzen nicht gerade begrüßen, was besonders den Trend zum Cybergothic und Stampf-Industrial angeht. Einfach macht man es sich aber nie: So werden solche Trends vor allem deswegen kritisiert, weil es mehr aufs Partymachen hinausläuft und zum anderen damit andere Musikstile der Gothic-Szene verdrängt werden und zudem viel zu viel Musik dieser Art gleich klingt. Andere kritisieren die Kommerzialisierung der Szene. Aber auch hier gibt es in Form von Artikeln wie „Gothic Konsum“, der besagt, dass auch dazugehört, was aus dem Mainstream in die Szene hineingetragen wird. Und es wird klar: Einfache Wahrheiten gibt es also auch hier nicht.

Sehr positiv anzumerken ist auch, dass das Buch auch keine Berührungsängste mit umstrittenen Themen und Personen hat: So wird Neofolk, allen voran Death in June mehrmals thematisiert und sachlich und ohne Beschönigungen oder Verteufelungen erläutert, woher das Interesse an Uniformen und Thematiken des Dritten Reiches herkommt, sowie die daraus resultierenden Anfeindungen von linken Gruppen.

„Schillerndes Dunkel“ ist ein Buch, bei dem man froh sein kann, dass es erschienen ist. Nicht nur, weil es sich mit den Klischee-Vorstellungen in den Augen derer, die nicht Teil der Szene sind, auseinandersetzt und erklärt, wo diese herkommen, ein breit gefächertes Bild aufzeigt und die historische Entwicklung gut nachzeichnet, sondern besonders, weil es auch Grufties der jüngeren Generation ihre Szene zeigt, wie sie sie selber wahrscheinlich noch nie gesehen haben werden. Und gäbe es noch eines zu bemängeln, wäre es vielleicht das leseunfreundliche Format des Buches, ist dieses als Bildband erschienen. Aber in jedem anderen würden die abgedruckten Portrait-Aufnahmen und Kunstwerke, die das Buch letztendlich perfekt machen, nicht angemessen zur Geltung kommen. Mag auch der Preis von 68 Euro abschreckend wirken – dieses Buch ist es allemal wert!

Homepage: www.schillerndesdunkel.de
MySpace: www.myspace.com/schwarzeszenen

Text: Tristan Osterfeld