Ein paar Monate ist das Jahr 2007 alt und die Musikmaschinerie hat sich keine Ferien geleistet. Neue Alben kommen, aber bei einigen Bands hätten kreative Pausen nicht geschadet. Ganz anders bei Arcade Fire und ihrem Album Neon Bible. Was es da zu hören gibt, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit am Ende des Jahres in den Höhen der Jahrescharts zu finden sein. Denn wie oft findet man schon mal ein Album, bei dem es selbst nach dem fünften Hören nur Gutes zu sagen gibt?
Black Mirror lädt einen mit eher düsteren Anfangsklängen zum Musikgenießen ein. Teilweise blechern, aber immer melodisch, gespickt mit einer unwahrscheinlich wohlklingenden Stimme, kommt einem da ein perfekter Einstiegssong in die Ohren, der Vorfreude auf die noch kommenden 10 Lieder macht.
Folgend Keep The Car Running. Und holla, da kommt die Britpop-Koryphäe zum Vorschein. Mitreißende Drums und schon wieder eine großartige Melodie. Da macht Musik einfach nur Spaß. Lied Nummer drei ist Titelgeber für das Album: Neon Bible. Ruhige Klänge mit fast hypnotisierender Wirkung. Es wird nicht viel gesagt und auch nicht viel mit Instrumenten aufgewartet, aber vielleicht ist es genau das, was dieses Lied als irgendwie außergewöhnlich dastehen lässt.
Dann kommt die Liebe zur Oper zum Vorschein. Mit Intervention wird großes Kino aufgefahren und alle Register gezogen. Man nimmt die Einflüsse von Oper und Kirchenmusik dankend an und macht einfach einen großartigen Song. Dazu mit wieder einmal herrlichen backing vocals – dieses Lied könnte man schnell in die Endlosschlaufe schicken.
Dann Stimmwechsel bei Black Wave/Bad Vibrations. Anstelle von Win Butler gibt es diesmal Régine Chassagne und Sarah Neufeld zu hören. Aber auch nicht durchgängig. Die zweite Hälfte wird wieder von Butler bestritten und die Damen werden wieder zum Background-Duo. Und diese Mischung macht ein weiteres Lied zum Geniestreich.
Ocean of Noise (mit einem hervorragenden Streicharrangement) und The Well And The Lighthouse sind weitere Lieder der Extraklasse und zeugen von leidenschaftlicher Hingabe zur Musik und einem beachtlichem Fingerspitzengefühl, was Melodie und Arrangement betrifft.
Dann kommt mit (Antichrist Television Blues) eine kurze Hinwendung zur britpop-lastigen Musik, herrlich rhythmisch und es führt auf ein Ziel hinaus: größer, gewaltiger, Musik darf nie aufhören!
Aber so langsam aber sicher nähert man sich dem Ende. Windowsill geht die Sache eher bedächtig an, während No Cars Go noch einmal der schnelleren und rockigeren Seite des Britpops frönt. Beide Lieder sind sehr willkommen und sehr gelungen.
Dann ist das Ende da. Mit My Body Is A Cage beendet man dieses hervorragende Album. Irgendwie kommt jetzt eine Traurigkeit hoch und man denkt sich: Ist das jetzt wirklich vorbei? Das haben sich wohl auch Arcade Fire gedacht, denn Lied Nummer elf ist düster und schwermütig, aber zum Ausgleich dafür mit einem großen melodiösen Ende versehen.
Ein weiterer Geniestreich ist das Booklet. Und damit sind nicht nur die leserlichen Texte gemeint. Schwarz-Weiß Fotografien von einen Synchron-Schwimmteam und von einer Theateraufführung und das sehr gelungen arrangiert. Verantwortlich für Artwork und Design war Tracy Maurice und Hut ab, die Dame hat ganze Arbeit geleistet. Glücklicherweise sind auch alle Beteiligten im Booklet aufgezählt. Hier macht es wieder richtig Freude, durch ein Booklet zu blättern und sich alles etwas genauer anzusehen.
Schlussendlich kann man den zwei Damen und den fünf Herren nur den größten Respekt zollen, denn hier wurde der Liebe zur Musik ein Ventil gegeben. Große Melodien spielen sich einem in die Ohren, die Stimmen sind wunderbar harmonisch und man kann nicht genug davon bekommen. Das alles gepaart mit größtenteils sehr guten Texten und die teils opernhafte Präsentierung der Lieder. Man kann es kaum oft genug sagen: Leute, wenn ihr in diesem ein Album haben müsstet, dann dieses!

Homepage: www.arcadefire.com

Text: Katrin Gruhl