Built to Spill - You in Reverse Die Bemerkung, dass viele Hypes vorüber gezogen sind, wurde von der gängigen Indie-Presse zwar bereits mächtig strapaziert, wird sich aber auch hier wohl nicht vermeiden lassen, obgleich der Versuch unternommen sein soll, dem ganzen eine weiteren Aspekt zu geben. Zu diesem Zweck könnte es kryptisch klingen, eine Band mit einem Kleidungsstück zu vergleichen, was aber im Falle von Built to Spill mehr einleuchten kann, als auf den ersten Blick verständlich erscheint. Jeans sind ein aus einem Stoff, der kaum vergeht. Sehr robust, feuerfest, unvergänglich. Auch aus dem Erscheinungsbild der alltäglichen Interaktion sind Jeans nicht mehr wegzudenken. Moden kamen und gingen, die Jeans war immer da – an dieser Stelle soll sich der Kreis nun zum Unvermeidlichen schließen… So wie die Jeans jeden modischen Hype überlebt hat und eigentlich immer da war, verhält es sich mit Built to Spill in der Musik: Was haben wir in den letzten fünf Jahren an Hypes gesehen, die plötzlich da waren und im Idealfall auch genau so plötzlich wieder verschwanden? Gut ist, was sich bewähren kann. Das beweisen auch Built to Spill auf ihrem neuesten Werk. Die Angabe der „letzten fünf Jahre“ war an dieser Stelle natürlich kein willkürlicher Akt, sondern beschreibt den Zeitraum, der seit dem letzten Album Ancient Melodies of the Future vergangen ist.
Was hat sich geändert? Nicht viel – zum Glück: Qualität und Niveau des Schaffens der Formation um den bärtigen Mann aus dem Provinznest Boise in Idaho sind auch auf diesem Album hoch. Klar erkennbare Songstrukturen lassen nicht die gewohnte Verspieltheit und den authentischen Klang der Formation vermissen. Weder musikalisch noch von den Titellängen her lässt die Gruppe sich in irgendetwas reinreden. So wird das Album durch Goin’ Against Your Mind bereits mit einem Achtminüter eröffnet und auch die anderen Stücke sind oft genug über der sechs-Minuten-Marke.
Die über alldem schwebende Kategorie ist der Indie-Rock. Darauf gestempelt das authentische Built to Spill-Markenzeichen. Dieser leicht altmodische und doch jedes Mal wieder erfrischende Sound, die verzerrten Gitarren, krachige Einlagen zwischendurch und der in diesem Genre viel zu selten gefundene Mut zum Gitarrensolo lassen dieses Werk erneut zu etwas Einmaligem werden. Doug Martsch singt eingängig, auch die Musik wirkt oft eingängig, während an anderer Stelle auch wieder genug Ecken und Kanten entdeckt werden können.
Vergleiche anzustellen fällt wie bei jedem Werk von Built to Spill auch hier schwer. Der einzige Name, der – wie auch bei jedem Werk – genannt werden muss, ist Neil Young, natürlich eindeutig und vordergründig wegen der Stimme Doug Martschs. Aber auch musikalisch lässt die Sperrigkeit der Gitarren immer wieder Erinnerungen an den frühen Neil Young hochkommen. Built to Spill als die Neil Young des Alternative bezeichnen, wäre wohl etwas weit hergeholt, um aber eine grobe Vorstellung des Klangbildes zu haben, eignet sich diese Parallele durchaus.

Wer große Überraschungen sucht, wird auf diesem Album nicht sonderlich fündig. Wer ein solides Gesamtwerk und qualitative Musik, wie man sie selten hört, sucht, der wird hier seine Freude haben. Ansonsten bleiben die üblichen zwei Feststellungen, dass die dieser Gruppe geschenkten Beachtung erneut zu niedrig ist und dass Doug Martsch ruhig mal häufiger die Bequemlichkeit seiner heimischen Terrasse gegen einige Konzerte in Europa eintauschen könnte…

Homepage: www.builttospill.com

Built to Spill - You in Reverse

Text: Marius Meyer