Copilot erfüllen ein Klischee: In diesem Alter zählt jedes einzelne Jahr. Gut eineinhalb Jahre nach Kleinstadtgeschichten kommt mit Kindererholungsheim der Nachfolger des Debüts, der eben eine Portion erwachsener klingt. Aufgenommen wurde wieder zu Hause in Enger bei Bielefeld im Studio von Gunnar Ennen, der Gitarrist in Gisbert zu Knyphausens Band ist. Vielleicht klingt Kindererholungsheim auch deswegen wie die logische Fortsetzung von Kleinstadtgeschichten. Der eigenwillige Gesang, Trotz und eine gewisse Unbekümmertheit – die drei Grundstützen Copilots bleiben erhalten. Der Stuhl kann also gar nicht kippeln. Das Quartett nimmt sein Debüt als Fundament und baut darauf auf.

Kindererholungsheim beginnt mit in Melancholie getränkten Gitarren. Wie man hinkend laufen kann, schon der Titel ist grandios, schleicht so dahin. Sänger Kevin streut die Worte zunächst wie gewohnt immer häppchenweise mit einer Art Sprechgesang ein. Mit dem nahtlosen Übergang in den Refrain gibt es auch mehr eigentlichen Gesang. Eine Weiterentwicklung kündigt sich an. Auch die Instrumente haben sich gesteigert. Die feinen Emo-Gitarren kreisen wie Aasgeier über der Stadt, immer auf der Suche nach trostlosen, resignierten Menschen, die sie mitreißen können in ihren melancholischen Tanz.

50 Mark Schnäuzer wartet in der fast schon poppigen Strophe mit noch mehr Gesang auf. So hat man Copilot noch nicht gehört. Im Sound der Band spiegelt sich gegenseitige Vertrautheit wieder. Alles wirkt auffallend gut aufeinander abgestimmt. Klingt, als würde das Quartett das romantische Bandideal von vier Freunden, dich sich auch außerhalb des Proberaums bestens vertragen, vollkommen erfüllen. Die Worte sind gehaltvoll gewählt. „Veränderung ja gerne, aber wenn dann nicht hier.“ Die kritisch beobachtenden Texte scheinen sich des Öfteren, um das Thema Unzufriedenheit zu drehen.

„Atme ein, atme aus. Und ich weiß, wir müssen hier raus“. Die Zeilen von Guter Haarschnitt / schlechtes Karma geht einfach über die Lippen. Ein Punkrockrefrain zum Mitgrölen. Die nachdenklich klingende Frühromantische Konkurrenz hat im Anschluss wieder mehr Melodie zu bieten. Kindererholungsheim ist mit Sicherheit abwechslungsreicher als das Debüt Kleinstadtgeschichten. Irgendwo zwischen den Größen der neuen Deutschpunkgeneration pegeln sich Copilot ein. Vielleicht sind Matula gepaart mit der stimmlichen Eigenart Turbostaats die treffendste Referenz.

Was heutzutage nicht fehlen darf, ist, dass ein Lied mit Chorgesang endet. So geschehen bei Deine Welt verkriecht sich. Feuerwerk, Laserschwert und Sparflamme schließen Kindererholungsheim gelungen ab und sagen „Wiederholung bitte!“. Es war wieder ein kurzes Vergnügen. Für ihre acht Songs brauchen Copilot nur etwas über 20 Minuten. Das sorgt für ordentlich Tempo und lässt nicht mal im Ansatz an Langeweile denken. Kindererholungsheim macht Spaß und ist ein Schritt in die richtige Richtung. Blutjunger Indie-Deutschpunk mit Gefühl, Rotzigkeit und Zukunft. Angesichts des Alters wird da hoffentlich noch viel kommen!

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Text: Martin Zenge