Der Blutharsch - Live in Copenhagen Erinnern wir uns einmal zurück und fangen dabei Ende 2005 an: Der Blutharsch veröffentlichen ihr Album When did wonderland end?, was weitestgehend überrascht und gleichermaßen positiv aufgenommen wird. Umso erfreulicher die Ankündigung einer Europa-Tournee für April, weniger erfreulich allerdings die kurz darauf folgende Mitteilung, dass es sich um die Abschiedstournee handeln wird. Glücklicherweise wurde das Konzert in Kopenhagen vom 16.04.2006 mitgeschnitten und liegt nun kein halbes Jahr später als durchaus gelungenes Live-Album vor.
Wie sich schon bei der letzten regulären Albumveröffentlichung angedeutet hat, kann man Schlagworte wie Neofolk und Industrial getrost über Bord werfen, um dem jüngeren Schaffen der Gruppe gerecht zu werden. Während der Stil auf When did wonderland end? im Gesamten schwerer festzumachen war, gibt es auf Live in Copenhagen schon eher eine festzustellende Richtung, die logisch erscheint, wenn man bedenkt, dass es ein und dieselbe Bandzusammensetzung war, die diese Stücke in einer zusammenhängenden Konzertdarbietung zum Besten gab. Am ehesten wäre diese Richtung mit „Gothic Rock“ zu bezeichnen, allerdings mit einer ureigenen Komponente „Blutharsch“.
Nach einem langen, leicht psychedelisch anmutenden Intro wird schnell ersichtlich, dass man sich eine rockige Marschroute ausgewählt hat für diese Abschiedstournee: Die ersten drei Stücke aus When all else fails erscheinen bereits in einem ungewohnten Gewand, vor allem beim zweiten Titel Many Enemies Bring Much Honour ist der Hörer überrascht ob des Klanggewands. So klingt das Stück nach einer rockigen Hymne und ist somit neu interpretiert, was sich ansonsten auch über die ganze Scheibe hinweg feststellen lässt: Zwar wird zum einen hier eine Art „Best Of“ geboten, während aber auf der anderen Seite die Veröffentlichung zu weiten Strecken aus Neuinterpretationen besteht. Dies wird vor allem bei älteren Stücken deutlich – wo einst experimentellere Klänge im Vordergrund standen, steht nun die rockige Seite im Mittelpunkt. Ein treibendes Schlagzeug, eindeutige Rockgitarren und ein mal schwebender, mal flirrender Synhesizer geben dem Tonträger den musikalischen Einschlag, nicht zu vergessen dabei natürlich die Stimme Albins wie auch die eingehende, aber dabei betont (und gelegentlich mystisch) wirkende Stimme Marthynnas.
Die Stücke der letzten Alben, vor allem die When did wonderland end?-Stücke hatten zwar schon bei den Albumvarianten – auch durch das Entstehen im Bandgefüge bedingt – eine Tendenz in Richtung Rock vermuten lassen, aber auch ihre Präsentation fällt auf Live in Copenhagen druckvoller aus. Exemplarisch kann man hier den siebten und achten Titel nennen: Im siebten Titel fällt vor allem das ausgeprägte Gitarrensolo auf, während im achten Titel der Basslauf eine finsterere Grundtendenz gibt, als es auf dem Albumversion der Fall ist. Der bedrohliche Charakter wird auch bei So bring your iron rain down upon me noch einmal deutlicher als auf der ohnehin schon finsteren Albumversion unterstrichen.
Wenn man Marthynna dann im zwölften und letzten Titel das Wort Farewell singen bzw. sprechen hört, stellt sich das gleiche Unbehagen ein, wie es auch auf der Abschiedstournee der Fall war: War es das wirklich mit dem Blutharsch? Sollte dies wirklich der Fall sein: Diese Veröffentlichung stellt ein schönes Dokument dar – einerseits als Dokument der Abschiedstournee an sich, andererseits als Überblick über das Schaffen von Der Blutharsch im Laufe der letzten Jahre. Sehr empfehlenswert!

Homepage: www.derblutharsch.com

Der Blutharsch - Live in Copenhagen

Text: Marius Meyer