Der Blutharsch – When did wonderland end? Als eine der letzten mit Spannung erwarteten Veröffentlichungen des Jahres 2005 veröffentlichte nun Der Blutharsch sein neues Werk When did wonderland end?. Wer die Liste der Beteiligten liest, wird gleich sehen, dass aus Albin Julius Projekt inzwischen eine richtige Band geworden ist: So finden sich in der Auflistung der Musiker dieses mal gleich vier Namen – von der Gastmusikerliste mal abgesehen. Dies schlägt sich auch im musikalischen Gesamtbild nieder. Insgesamt geht die Tendenz auf dem neuen Werk stärker zum Folk hin, als man es mitunter vom Blutharsch gewohnt ist. Dennoch: Der industrielle Charakter und der Aspekt, den Albin Julius selbst gerne mal als “Kinky March Music” bezeichnet, sind auch auf diesem Album unzertrennbar mit dem Blutharsch verbunden. Wie man es vom Blutharsch nicht anders kennt, wurde auch auf dieser Veröffentlichung darauf verzichtet, den Titeln Namen zu geben. Dies macht es auf der einen Seite zwar dem Rezensenten schwer, Highlights direkt beim Namen zu nennen, hat aber den Vorteil, dass das Werk auch die Bezeichnung “Werk” verdient, da es sich eben nicht um eine bloße Aneinanderreihung von Songs handelt.
Als Intro begegnen einem erst einmal kurz wohl bekannte Töne: Aus der Spieluhr tönt Lili Marleen, bevor es im zweiten Stück bereits nahezu faszinierend wird. Schwermütige Trommeln, atmosphärische Klänge und eingehend choraler Gesang bieten ein Stück, das von einer beeindruckend gespielten Violine zusammengehalten wird. Ein für den Blutharsch beinah ungewohnter Gänsehautcharakter entsteht – wozu Matt Howden mit seinem Violinenspiel stark beigetragen hat. Es wirkt manchmal nahezu beängstigend, dass dieser Mensch es wirklich in jeder Konstellation schafft, zu überzeugen.
Nach diesem Gastspiel geht es in den nächsten Stücken weiter mit leicht beschwörerischen Klängen, die stärker den industriellen Charakter der Band in den Vordergrund stellen. Auf der einen Seite wird getrommelt, es klingt schwermütig und es ist ein manchmal etwas krachiger Unterton festzustellen, während auf der anderen Seite eine akustisch gezupfte Gitarre für Harmonie sorgt und Basslinien die Songstrukturen – die auf diesem Album teils ungewohnt ausgefeilt klingen – zusammenhalten.
An sechster Stelle erklingen Töne, die dem geneigten Hörer bekannt vorkommen könnten. Ein Blick auf die “aided by”-Liste der CD zeigt: “Lyrics of track 6 by Douglas P.” Es handelt sich hierbei um Frost Flowers, das einst auf der von Douglas Pearce und Albin Julius als Death in June veröffentlichten Take Care and Control erschien. Musikalisch ist es der Erstveröffentlichung gleich, nur hat es hier weiblichen Gesang. Sehr schön und gut ins Gesamtkonzept eingebettet.
Der weitere Verlauf des Albums gestaltet sich ähnlich facettenreich. Der Bogen wird gespannt vom Industrial bis hin zum Neofolk mit Rückgriff auf Marschmusik, wobei der Neofolk in einigen Stücken eine starke Dominanz aufweist. Titel Nummer 9 könnte man beinah als ein puristisches Neofolk-Stück bezeichnen: Treibende Wandergitarre, Harmonien, marschartige Trommeln und Eingängigkeit geben sich die Klinke in die Hand. Im vorangehenden Titel vereinigen sich indes beinah alle Facetten des Albums. Es handelt sich hierbei um das bereits zuvor auf 7″ veröffentlichte So bring your iron rain down upon me (inzwischen ausverkauft), was so etwas wie der heimliche Hit des Albums sein dürfte. Es ist auf seine Art und Weise eingängig und doch verstörend, gefällig und doch nicht glattgebügelt, auf jeden Fall aber eine starke musikalische Leistung.

Insgesamt ist es ein sehr vielseitiges Album, was der Blutharsch uns hier vorgelegt hat. Wie eventuell bereits herauszulesen war: Wer nach Schubladen sucht, hat es hier sicherlich schwer, die richtige zu finden. Viel wichtiger als die passende Schublade ist allerdings auch die Feststellung, dass das Warten auf When did wonderland end? sich gelohnt hat.

Homepage: www.derblutharsch.com

Der Blutharsch – When did wonderland end?

Text: Marius Meyer