Rezensionen & Tonträger Marius, 20.04.2007
Fehlfarben – Handbuch für die Welt
Ein gutes Jahr ist es jetzt her, dass unter dem Titel 26 ½ das ungerade Jubiläum der Fehlfarben erschien. Auf der folgenden Geburtstag vergessen-Tour gab es mit den Titeln Handbuch für die Welt, Polit-Disko und dem Monks-Cover We Do bereits einen Vorgeschmack auf das soeben erschienene Handbuch für die Welt. Das Jahr Warten hat sich gelohnt, denn die Fehlfarben präsentieren sich auch nach 27 ½ Jahren erschreckend frisch. Es gibt so Alben, da lässt es sich nicht verhindern, Lobeshymnen zu schreiben. Dieses hier gehört dazu. Neben einem aktuellen Album ist es gleichermaßen ein Referenzwerk und ein lebendiges Stück Musikgeschichte.
Die Fehlfarben sind Teil jener Musikgeschichte, an deren Entstehen sie selber mitgewirkt haben, der nach ihnen erst durch Gruppen wie Blumfeld wieder aufgenommen wurde. Das Politische im Privaten, das Private im Politischen. Themen der frühen Wurzeln des Punk, die auch klanglich nach all den Jahren im Schaffen der Gruppe um Peter Hein zu finden sind, heute auch gerne als Diskurspop bezeichnet. All das, ohne wie eine peinlich-nostalgische Selbstkopie zu klingen. Nein, das haben sie nicht nötig. Ein Titel wie Sprachlos stellt weitergehend in diese Tradition und weckt in rockender Art und Weise kleinere Reminiszenzen an DAF, was nicht weiter verwundert, wenn man bedenkt, dass Michael Kemner dort eine Weile involviert war. We Do (hier als We Do Wie Du verzeichnet) ist nicht bloß eine Coverversion, sondern hat an sich schon eine Geschichte: Im vergangenen Jahr gab Peter Hein diesen Titel zusammen mit den reformierten Monks sowie Mark E. Smith (The Fall) und Schorsch Kamerun (Die Goldenen Zitronen) in der Berliner Volksbühne zum Besten. Tradition in der Tradition sozusagen. Aber keine, die sich überlebt hat, sondern eine erfrischende, fortzusetzende – kommend aus einer Zeit, in der die Genre-Grenzen noch eher verschwammen als jetzt. Traditionell auch dabei: Thomas Schwebel als Mann der ersten Stunde und als Gründer von S.Y.P.H. ein weiteres lebendiges Stück Musikgeschichte.
Wieder zur Musik: Diese ist wie bereits erwähnt Diskurspop mit einem Spirit des frühen Punk. Rau und direkt nach vorn. Eckig und kantig, dabei treibend und eingehend. Die Wut der frühen Tage klingt nach wie vor durch und wirkt nach wie vor authentisch. Auch hier: Keine Spur von Selbstkopie und verzweifelter Nostalgie. Das Anliegen der Fehlfarben ist das Selbe geblieben, wie zum Beispiel Polit-Disko (der „Hit“ des Albums und die erste Single). „Beherrscht vom Zwang zur Zukunft, nur fehlt die Gegenwart // Und die ist voller Menschen, die man schon vergessen hat“ – mal mehr geradeaus, mal kryptischer steht das Album auch textlich in bester Fehlfarben-Tradition.
Die Fehlfarben bleiben ein Faszinosum, ein Phänomen, das kaum erklärbar ist, sondern am besten mit Freude zur Kenntnis genommen werden sollte. Handbuch für die Welt zeigt, dass die Fehlfarben in einer von ihnen selbst mit geschaffenen Szene eine sehr gute Figur machen und allen Weiterentwicklungen standhalten konnten. Dabei klingen sie nach all den 27 ½ Jahren nach wie vor erfrischend und erfrischender als vieles, was man heutzutage unter dem Begriff „Hamburger Schule“ verkauft wird. Man darf auf die Tour gespannt sein und kann hoffen, dass die Fehlfarben diese gute Form noch lange halten werden können.
Homepage: www.fehlfarben.de
MySpace: www.myspace.com/fehlfarben

Tourdaten
20.05.2007 Dortmund, FZW
21.05.2007 Köln, Prime Club
22.05.2007 Wetzlar, Franzis
23.05.2007 Würzburg, AKW
24.05.2007 Rüsselsheim, Das Rind
25.05.2007 Tuttlingen, Rittergarten
26.05.2007 Freiburg, Cafe Atlantik
27.05.2007 München, Backstage
28.05.2007 Wien, Arena
06.06.2007 Leipzig, Schaubühne Lindenfels
07.06.2007 Hamburg, Übel & Gefährlich
08.06.2007 Berlin, Admiralspalast
09.06.2007 Magdeburg, Sackfabrik
10.06.2007 Dresden, Scheune
11.06.2007 Stuttgart, Club Central
12.06.2007 Düsseldorf, Zakk
14.06.2007 Hannover, Musikzentrum
15.06.2007 Soest, Sonic
Text: Marius Meyer