Rezensionen & Tonträger David, 25.04.2008
Gisbert zu Knyphausen - Gisbert zu Knyphausen
Die Frage, ob einem ein deutschsprachiger Singer/Songwriter – je nach Gusto des Künstlers inzwischen auch wieder „Liedermacher“ genannt – gefällt oder eben nicht, lässt sich im Grunde ziemlich einfach beantworten. Schließlich dürfte neben Rappern der ganz alten Schule kaum eine musikalische Spezies so viel Gewicht auf den vorgetragenen Text legen wie das Fach der mal politisch-aggressiven, mal introvertiert-sensibel agierenden Akustik-Barden. Nun, bei dem 28jährigen Plattendebütanten Gisbert zu Knyphausen aus Hamburg ist diese Frage ziemlich einfach zu beantworten, strotzt seine Platte doch vor verbalen Einfällen, die das Gefühl etwas nihilistisch-melancholisch durch den Tag wabernder, in der Mehrzahl gleichwohl studierter junger Erwachsener perfekt widerspiegelt.
Im – nennen wir es durchaus – „Königssong“ der Platte Wer kann sich schon entscheiden beschreibt Knyphausen zum Beispiel die Innenwelt eines bindungsunfähigen Mannes, dessen steter Drang zu Fernweh und Einsamkeit zu seinem größten Credo geworden ist. Die Idee, sich im Refrain als Cowboy zu titulieren mag dabei nun nicht unbedingt neu sein, doch ist es gerade die verletzte und zunächst nur zwischen den Zeilen transportierte unerreichbare Sehnsucht nach Zweisamkeit, die dieses Stück zu einem absoluten Juwel werden lässt. Ein Juwel, das in der Aussage endet, wie gut es sich trotz allem aufgeklärten Cowboytums doch anfühlt, irgendwo zu Hause zu sein.
Von der Grundausrichtung ganz ähnlich, jedoch mit einem völlig anderen Ansatz kommt das Lied Flugangst daher, beginnend mit dem Geständnis, das ein jeder moderne Kopf-Mensch in sich tragen dürfte: „Ich und die Leidenschaft – was für eine ungewohnte Kombination/ ich weiß auch nicht so genau wie das passieren konnte/ aber hier steht auf einmal ein Sprungbrett, was für eine merkwürdige Situation/ Soll ich jetzt springen - oder was?“. Es ist genau diese immer wiederkehrende, tief sitzende Verunsicherung des Protagonisten, die den ganz großen Reiz der Texte von Gisbert zu Knyphausen ausmacht, kollidiert sie doch beständig mit einer alles blockierenden, nüchternen Abgeklärtheit. Ein Widerspruch, der dazu zwingt, ein Leben im Schlingerkurs zu führen.
Dass das Debüt-Album des gebürtigen Hessen dabei weit davon entfernt ist, in irgendeiner Form depressiv zu wirken, ist dem durchgängig poetisch-warmen Grundtonfall der Stücke zu verdanken. Denn seien es Formulierungen wie „Wir tragen die Welt in unseren Herzen und wir prügeln unter Schmerzen auf sie ein“ (in Kleine Ballade) oder auch „Ich bau’ ein wunderschönes Grab für jeden neuen Tag“ (Erwischt) – selten stehen Schwermut und Niedergeschlagenheit bei Knyphausen isoliert, fast immer ist ihnen eine tiefenanalytische Erklärung beigefügt. Eine Erklärung, die wie von selbst Hoffnung gibt, führt doch die Behebung größerer Probleme bekanntermaßen stets über die Fähigkeit, dieselbigen erst mal erkennen, benennen und schließlich korrekt ausformulieren zu können. Eine Einschätzung, für die es auch ein klares Indiz gibt auf dem Album, gelingt es Gisbert zu Knyphausen doch äußerst feinsinnig den größten Stolperstein melancholisch agierender Musiker zu umtänzeln. Denn wo andere dem Drang erliegen, in ihrem eigenen Selbstmitleid zu zerfließen, webt Knyphausen – oberflächlich fast unbemerkt – seine Grundattitüde ein: nämlich, dass diese ständige Schwermut und Abgeklärtheit im Grunde doch ganz heftig zum Kotzen sind und es etwas viel schöneres geben muss als dieses ständige Orientierungslosigkeit. Eine Attitüde im Übrigen, die nur im Song Spieglein, Spieglein ganz offen aus ihm heraus bricht. Thematisch von Heinz-Rudolf Kunze vor vielen Jahren bereits elegant als „Du wirst immer nur noch kleiner wenn Du weinst“ bearbeitet, haut Gisbert zu Knyphausen eine wesentlich deftigere, durch und durch angenervte Form der Anklage heraus, die es verdient hier etwas breiter zitiert zu werden: „Oh Deine Zukunft ist so ungewiss, dein Leben voller Angst und Schiss, du fängst erst gar nichts anderes an/ denn ist so gemütlich und sicher auf deiner Insel voller Leid – Jaja / Und jetzt schau’ dich an und sag mir dann, denkst du wirklich du wärst so interessant? / wenn du dich suhlst in deinem Schmerz? bla bla bla! / ist es wirklich so toll, hilflos zu sein? Du bist so groß und machst dich selbst so seltsam klein/ du bist immer so fixiert auf das was noch fehlt und jetzt schau’ nicht so gequält – das sieht scheiße aus!“
So bringet Preise und lasst sie hageln auf diesen Mann. Mehr nicht.
Homepage: www.gisbertzuknyphausen.de
MySpace: www.myspace.com/gisbertzuknphausen

Text: David Wonschewski