Rezensionen & Tonträger Marius, 10.10.2008
Heinz Strunk liest “Die Zunge Europas”
Heinz Strunk ist schon irgendwie ein Phänomen. Nach dem riesigen Erfolg von Fleisch ist mein Gemüse war er sowieso schon in aller Munde, um anschließend mit jeder Veröffentlichung wieder große – und dabei gleichermaßen verdiente – Aufmerksamkeit zu bekommen. Nach Kinofilmen und Kurzhörspielen ist nun mit Die Zunge Europas ein neues Buch erschienen, das zeitgleich auch auf sechs CDs als Autorenlesung erschien, die sich auf einer Länge von 06:52 Stunden ungekürzt präsentiert, ohne dabei auch nur ansatzweise langweilig zu werden.
Der Plot an sich lässt sich dabei gut umreißen: Die CD beschreibt sechs Tage im Leben des 43jährigen Markus Erdmann, die in der Woche eines extremen Hitzesommers stattfinden. Nach dem anfänglichen Besuch im Café Pustekuchen (vom Erzähler auch als „Zombie-Café“ oder „Café der Untoten“ bezeichnet) geht es zu den Großeltern, dem immer dementer werdenden Großvater und der was Schönes kochenden Oma, um fortzusetzen mit der detaillierten Beschreibung der Mehr-oder-weniger-Beziehung zu Sonja und dem auch sonst augenscheinlich nicht ganz so spannenden Leben von Markus Erdmann, der seine Brötchen als Gagschreiber verdient. Eine Wendung ergibt sich, als Markus im Zug auf Janne trifft, die er seit Schulzeiten nicht mehr gesehen hat und sich für Markus zu interessieren scheint, obgleich sie eigentlich in einer ganz anderen Liga spielt.
Es ist allerdings nicht unbedingt die Rahmenhandlung, die dieses Buch besonders macht, sondern die detaillierte Beschreibung des alltäglichen Wahnsinns, die bei Strunk immer wieder im Werk zu finden ist. So beispielsweise, wenn er im Café Pustekuchen den Mikado-Effekt beschreibt, nach dem das Prinzip der überfüllten Tische in einem Café an einem heißen Sonntagnachmittag funktioniert. Oder auch die Art und Weise, mit der Altersforscher anhand der „Subschwarten“ des Bauches das Alter eines Menschen erkennen zu können meinen, bei denen er eine Analogie von Fettringen hin zu Baumringen zieht. Strunk beschreibt den Alltag in all seinen Facetten und bezieht dabei all die Themen ein, die den Menschen im Laufe des Lebens beschäftigen. Wie auch das Älterwerden, das er am Bahnhof bemerkt: Früher freute er sich über die Sommerhitze, nun werden sechs Minuten auf den Zug Warten zum Albtraum.
Dabei spannt Heinz Strunk nicht nur thematisch große Bögen, sondern stellt auch intertextuelle Bezüge sowohl zu sich selbst wie auch zu anderen auf. Von Lemmy Kilmister über Heino bis hin zu Peter Sloterdijk werden viele in die Erzählungen und Exkurse (hier genannt: „Infoboxen“, jeweils von Strunk als Erzähler selbst als solche gekennzeichnet) mit eingebunden. Und auch das eigene bisherige Werk wird durchaus mit thematisiert – seien es Episoden, die einem gelegentlich ähnlich aus den Kurzhörspielen bekannt sind oder thematische Linien, die sich zurück zu Fleisch ist mein Gemüse verfolgen lassen. Das Stichwort „Desexualisierung“ im aktuellen Werk beispielsweise lässt sich gut in eine Analogie stellen mit dem in Fleisch ist mein Gemüse beschriebenen Typus des Starrers. Zudem werden auch werkimmanent in Die Zunge Europas thematische Linien immer wieder aufgenommen.
Neben allem Humor, der selten mal ins Salopp-Vulgäre abdriftet (was allerdings eben nur allzu gut in die Alltäglichkeit der erzählten Gegebenheiten passt), wird auch deutlich, dass hier nicht nur gelauscht und gelacht, sondern auch nachgedacht werden soll, da das Werk auch mit einer Prise Gesellschafskritik gewürzt ist – beispielsweise dann, wenn detailliert das Fernsehprogramm behandelt wird. All das kombiniert Heinz Strunk abermals zu einem sehr gelungenen Gesamtwerk, das sich nahtlos auch in eine Reihe mit den Kurzhörspielen stellt. Nur ist es eben deutlich länger. Das allerdings ohne den Hauch von langer Weile, sondern auf eine packende Art und Weise, so dass es absolut gerechtfertigt ist, dieses Werk als ungekürzte Autorenlesung auf sechs CDs auszuweiten.
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Websites
www.heinzstrunk.de
www.roofmusic.de

Text: Marius Meyer