Rezensionen & Tonträger Karo, 17.06.2010
Holmes – Have I Told You Lately That I Loathe You
Der Titel klingt verdächtig nach schwedischem Schrammel-Rock á la The Hives, doch an diesem Statement stimmt nur die Hälfte. Schweden sind Holmes zwar, aber ihre Musik ist bedächtiger und eindringlicher, als es der Titel ihres zweiten Albums vermuten lässt. Wirft man einen Blick auf das Artwork ihrer bisherigen EPs und Alben, kommt man der Sache schon näher, denn genauso filigran und atmosphärisch wie die Zeichnungen der finnischen Künstlerin Anna Emilia Laitinen sind auch die 11 Songs auf Have I Told You Lately… Kurzum: Mit Holmes stellt sich eine weitere vielversprechende Indie-Band aus der schwedischen Provinz in unseren Landen vor.
Beginnt True Lies noch mit einem Zusammenspiel von Klavier- und Akkordeon, das fast balladenhaft klingt, löst sich der Song schnell in schleppende und eindringliche Gitarrenklänge auf, die zusammen mit dem schnörkellosen und doch verletzlich wirkenden Gesang die Richtung des Albums angeben: Wer seine Musik gerne ergreifend und melancholisch hat, der wird Holmes mögen. Voices and Vices und True Lies sind dabei die überzeugendsten Titel. Die Mischung aus feinsichtigen, düsteren Texten, die nie übertrieben wirken, sparsam eingesetzten Klavierakkorden sowie immer wieder auftauchenden Slide-Gitarren vermittelt genau die Art nordischer Melancholie, die man von schwedischen Bands gewöhnt ist und erwartet. Holmes reihen sich damit in eine lange Liste von Indie-Favoriten ein, doch trotz solch unkomplizierter Zuordnung wird einen das Gefühl nicht los, dass sie ihren eigenen Weg gehen. Für eine junge Band klingen sie erstaunlich reif, und die geschickten Americana-Elemente, die besonders auf Malysz und Blod auffallen, geben Have I Told You Lately… einen weltoffeneren, moderneren Charakter. Für ein zweites Album einer relativ unbekannten Band ist dieses eine überraschend internationales Projekt: So wurde die Produktion beispielsweise in Chicago übernommen. Für die Qualität des Albums spricht außerdem, dass trotz seines ausgewogenen, stimmigen Charakters eine Handvoll Songs klar zu Singles auserkoren sind – das bereits erwähnte Voices and Vices beispielsweise, genauso wie The Strangest Calm. Die restlichen Songs sind deshalb keinesfalls schlechter, lediglich ruhiger. Die Mischung stimmt, und so hält Have I Told You Lately That I Loathe You auch beim zweiten und dritten Durchlauf, was es verspricht.
Der Frage, wieso gerade in Schweden soviel Talent auf eine verhältnismäßig geringe Bevölkerungsanzahl kommt, wird wohl erst einmal unbeantwortet bleiben, aber was wäre die Welt ohne Rätsel dieser Art. Fest steht, dass Holmes sich hinter anderen, etablierteren Bands ihres Genres nicht verstecken müssen. Have I Told You Lately That I Loathe You ist ein Muss für Indie-Freunde, und eventuelle Deutschland-Konzerte der Schweden dürften ein Geheimtipp sein. You heard it here first.
Homepage: www.haleri.se/holmes
MySpace: www.myspace.com/holmezzz

Text: Karoline Fritzsch