Rezensionen & Tonträger Marius, 29.10.2006
Institution D.O.L. – Diskotheka Dekadenza/Eleven Anticlerical Supersongs
Diskotheka Dekadenza und Eleven Anticlerical Supersongs sind die zweite und dritte CD des österreichischen Projekts Institution D.O.L., erschienen 2004 und 2005. Während das Debütalbum ausverkauft ist, sind diese beiden Veröffentlichungen nach wie vor zu haben und erweisen sich für den geneigten Hörer von Noise und Industrial als sehr gelungene Veröffentlichungen. Allerdings sollte man sich vorher über den Begriff Industrial klar werden: Wer unter diesem Terminus Bands wie die Nine Inch Nails versteht, sollte erst einmal Vorsicht walten lassen, denn wer Melodie, Struktur und klar erkennbare Soundschemata sucht, ist hier vermutlich an der falschen Adresse. Wer gepflegte krachige Klänge mit sehr eigenem Sinn für Humor sucht, hat an diesen Veröffentlichungen vermutlich seine Freude.
Die im DigiPak erschienene Diskotheka Dekadenza bietet auf sechs Titeln in knapp 40 Minuten ein astreines Klanggewitter. Elektronische Klangwände, abrupte Abbrüche, und flirrende Sequenzen treffen aufeinander, die den Hörer angenehm zu verstören wissen. Teilweise lange Sequenzen – teils durch einen Takt zusammengehalten, teils auch nahezu komplett willkürlich – begegnen, werden dann nach kurz oder lang durch unerwartete Geräusche abgelöst und ersticken so den eventuell aufkommenden Verdacht der Monotonie sofort im Keim. An anderer Stelle begegnen die noisigen Sequenzen in unterschiedlicher Intensität, dazu kommt der unberechenbare Einsatz der Stimme von M. sowie unterschiedlich eingesetzte Sprachsamples, teilweise gar rückwärts abgespielt. Hier tut man alles, um das klassische Songformat zu dekonstruieren. Es dröhnt, kracht und flirrt – sehr zur Freude des potenziellen Hörers. Humorvoll sind teilweise die Titelgebungen: So klingt ein Titel wie Lied für den Weltfrieden sicher nach vielem, aber ganz bestimmt nicht nach Frieden. Mit A viennese place ist zudem ein überraschend tanzbarer Titel auf dem Album gelandet: Ein groovender Beat eröffnet das Stück, man mag zunächst gar an French House denken, der nach und nach immer weiter mit dekonstruierenden und verstörenden Elementen zu einer über acht Minuten langen Industrial-Collage erweitert wird, bis zum Schluss ein angenehmer „schön wenn der Schmerz nachlässt“-Moment eintritt.
Eine gelungene Fortsetzung findet das Werk im Folgealbum Eleven Anticlerical Supersongs, diesmal mit fünf Stücken mehr auf einer Länge von einer Stunde. Eine Stunde gekonnten Power Industrials, der neben der Fortsetzung des bisherigen Schaffens auch neue Aspekte aufzeigen kann. Neben den gewohnten dröhnenden Soundteppichen gibt es auch Einflüsse aus ambienten Bereichen, vermischt mit dem obligatorischen verstörenden Zwischenton, wie man es in Das Gebet für den Lebensmut findet. Der Songtitel verweist erneut auf den ganz eigenen Humor des Projekts, der sich bereits nach dem Opener Vicious im Titel mit dem klangvollen Namen Blutiger Rosettenwalzer zum ersten Mal auf der Veröffentlichung zeigt. Neben dem gewohnten Noise-Sound lebt das Stück von obskuren Frauensamples mit verschiedensten Geräuschen, die eine Art pervertierte Schockattitüde evozieren. Höhepunkt dieses Humors ist aber wohl der Titel Grille fickt Killerfliege, wenn man so will beinah schon Programm-Musik. Eine weitere runde, sympathische CD des Linzer Projekts.
Wer gerne diese Art von Musik hört, mit Institution D.O.L. aber bisweilen noch nicht viel anfangen kann, kann kaum etwas verkehrt machen, wenn er sich einmal mit dessen Veröffentlichungen beschäftigt.
Homepage: www.herzschmerz.tk
MySpace: www.myspace.com/institutiondol


Text: Marius Meyer