Müssen Singer/Songwriter einen Code befolgen, der besagt, gute Lieder sind nur möglich, wenn das Innerste nach Außen gekehrt und herzzerreißend aufbereitet wird? Man sollte das ja guten Gewissens verneinen können, aber es gibt sie doch noch sehr zahlreich und aus den deutschen Landen ist ein Neuankömmling dazu gekommen: Jake Roeder. Ehemals mit der Band Milk! Unterwegs auf den Spuren von Jimmy Eat World oder den Goo Goo Dolls, gibt der Endzwanziger mit Finally nun sein Solodebüt. Und was titelgemäß wohl eine lange Zeit gedauert hat, zeugt von Liedern, die zum einen sehr gut sind und zum anderen gerne andere Texte haben dürfen.

Schon in dem Pressetext zu dem Elf-Lieder-Album trüben sich in gewissem Maße die Erwartungen, denn „Tabus kenne ich in meinen Texten nicht“ und das Album klingt so persönlich „wie Musik nur klingen kann … große Gefühle, Herzblut und Tränen“ und der junge Herr befolgt seine Philosophie die besagt „wenn sich jemand ernsthaft für mich interessiert, dann ist er es auch wert, dass ich ihm alles erzähle. Ich meine: Wirklich alles.“ Da kommt man nicht umhin zu denken, es handelt sich mal wieder um die Variante von „ich mach eher Musik als in Therapie zu gehen“. Und irgendwie ändern da auch die schönen Melodien des Jake Roeder nichts.

Das Album ist von Bernhard Frank und Christian Lohr perfekt von Anfang bis Ende produziert und weist weder Ecke noch Kanten auf und bei einem Lied findet sich sogar der Produzent der Backstreet Boys. Nicht, dass man bei Too Far Gone die älteren Männer der ehemals wohl erfolgreichsten Boyband vor sich sieht, aber es klingt fast zu poppig, um von einem Singer/Songwriter zu kommen. Dieses Merkmal findet sich des Öfteren auf der Platte, aber mit der Weile gewöhnt man sich daran. Dabei ist dieses ‚poppige‘ doch gar nicht nötig.

Denn es gibt sie, die Höhepunkte auf Finally. So ist Meant to Get You Back anders, bedächtig und doch intensiv setzt sich dieser Song von der Mehrheit der restlichen Lieder ab. Was It Ain’t You oder das schon genannte Too Far Gone vorhersagbar sind, wendet sich Meant to Get You Back von dem Durchschnitt ab und wird mit einprägsamer, ruhiger einfühlreicher Melodie und auch gut gelungenem Text ein wahres Juwel. Man merkt schon, welche Musiker es Roeder angetan habe, von Jack Johnson über John Mayer hin zu Gavin DeGraw. Vielleicht hätte er auch mal bei Howie Day oder Andrew Paul Woodworth anklopfen sollen. Denn die jungen Herren können etwas, dass Jake Roeder noch lernen muss: gute Texte schreiben.

Denn auch wenn die Stimme von Roeder sich positiv vom Durchschnitt der Musikwelt abhebt, was die Texte angeht, wünscht man sich nicht nur einmal, man hätte nie Englisch gelernt. So werden grundsätzlich gut gelungene Lieder in das Nirwana der Musikwelt gestürzt, wenn man hören muss: „You come and go inside my head, Why can’t you crawl into my bed“ Und bei Miss You harmonieren Musik und Stimme erneut fantastisch, aber der Text dreht sich stellenweise einfach ins überladene, denn der Hörer muss nicht notgedrungen hören: „I miss you so, I miss you so, Sometimes I cry the whole night through“. Das ist einfach zu viel und auch wenn es persönlich sein soll, manchmal ist weniger einfach mehr.

Im Großen und Ganzen haben sich Liederschreiber, Musiker und Produzenten aber erfolgreich zusammen getan. Bei Liedern wie Julia, Meant To Get You Back, Fly oder dem erstklassigen When Will I (auch textlich überzeugend) erkennt man die musikalische Stärke des Jake Roeder. Und dafür sind Debütalben ja auch da: einen hoffentlich positiven Eindruck hinterlassen, Schwächen erkennen und bei nächsten Album verbessern. Und schon Finally erreicht nach einigen Anlaufschwierigkeiten den Status, dass man es sich noch ein paar Mal anhören kann. Also CD einlegen und Englischwörterbücher verstecken. Ein mit Abstrichen gut gelungenes Debüt.

Homepage: www.jake-music.com
MySpace: www.myspace.com/jakeroeder

Text: Katrin Gruhl