Was soll man über Jochen Distelmeyer noch schreiben? Einer, der mit Blumfeld jahrelang zwischen Liebling und Zielscheibe der Feuilletons pendelte, regelmäßig sowohl unter „Album des Jahres“ als auch unter „peinlichstes Lieblingsalbum“ geführt und vor zehn Jahren zur Old Nobody mit Schlagzeilen wie „Neubeginn oder Systemabsturz“ belegt wurde, ohne dass sich an der polarisierenden Eigenschaft der Musik bis zum letzten Blumfeld-Output was ändern konnte… Da kann man eigentlich nur die immer selben Stories bringen oder auf die Wirkung des Namens an sich setzen. Die Wirkung, die von der Band seit Old Nobody ausging, dürfte auch von Heavy als Solowerk ausgehen. Denn eigentlich sind es die Blumfeld der letzten zehn Jahre, nur ohne Blumfeld.

Was das ganze nun natürlich nicht implizieren soll: Es würde sich um ein Wiederaufleben von Blumfeld mit anderen Mitteln handeln. Vielmehr ist es so, dass man eben merkt, wer bei Blumfeld das Sagen hatte und die Songs schrieb, sodass sich als logische Folge der Geist davon hier weiterentwickelt und weiter entfaltet. Wohin mit dem Hass? beispielsweise atmet den Geist von Die Diktatur der Angepassten anno 2001. Melodiöse Aggressivität mit Pop-Charme. Er als Folgetitel spannt diesen Spirit dann weiter, bevor Lass uns Liebe sein einen typischen Love-Song der distelmeyerschen Prägung aufzeigt. Songs wie Weil es Liebe ist und Wellen der Liebe zeigten genau das, was Distelmeyer auch heute noch gekonnt auftischt.

Das nachdenkliche Moment – ebenfalls immer ein Kennzeichen der späten Blumfeld – kommt auch auf Heavy nicht zu kurz. Wenn man bei Bleiben oder gehen vom Grundtonus her an Neuer Morgen erinnert wird, sollte das sicherlich nicht weitergehend verwundern. Den Albumtitel Heavy muss man bei all dem wohl doppelbödig lesen: Songs wie Hinter der Musik sind zwar recht heavy, aber die Momente der Schönheit überwiegen im Endeffekt doch. Daher kann man hier wohl ähnliche Begründungen vermuten wie hinter der Deklaration des Saxophon-Solos in Graue Wolken als Punk.

Im Endeffekt ist Heavy ein Album geworden, das sich in den Output des Jochen Distelmeyer hervorragend einfügt. Wer Blumfeld nicht mochte, wird auch dieses Album schwer mögen können. Wer mit dem Schaffen des Jochen Distelmeyer etwas anfangen konnte, wird diesem Album sicherlich etwas abgewinnen können. Und – um auch die gänzlich Blumfeld-Unerfahrenen einzubinden – für alle anderen ist dieses Album ein gelungenes, intelligentes deutschsprachiges Pop-Album, bei dem sich hinter der teilweise seichten Oberfläche weitaus mehr verbirgt. Hut ab, Herr Distelmeyer!

Homepage: www.jochendistelmeyer.de
MySpace: www.myspace.com/jochendistelmeyer

Text: Marius Meyer