Rezensionen & Tonträger Marius, 04.02.2006
Kirlian Camera – Coroner’s Sun
Seit nunmehr über 20 Jahren beehren Angelo Bergamini und seine Formation Kirlian Camera uns mit immer wieder neuem Material. Dass sie dabei keineswegs der Sache überdrüssig werden, zeigen sie im Jahre 2006 mit dem neuen Werk Coroner’s Sun. Obgleich das Vorgänger-Album Invisible Front.2005 eher als „durchwachsen mit einigen Highlights“ zu bezeichnen war, riss die Spannung wie auch die Vorfreude beim neuen Album nicht ab – schließlich ist eine Formation wie Kirlian Camera inzwischen eine relative Einzigartigkeit geworden. Als weibliche Stimme ist – wie es sich in den letzten Jahren bewährt hat – erneut Elena Fossi an Bergaminis Seite anzutreffen, die einen deutlichen Anteil an der Qualität des vorliegenden Albums hat.
Zwei Worte, die auch dieses Mal wieder bei Kirlian Camera zutreffen sind definitiv Authentizität und Individualität. Vergleiche mit anderen Gruppen lassen sich ganz und gar nicht ziehen: Das Album steht für sich, was sich schon alleine in der musikalischen Bandbreite bemerkbar macht. Man bewegt sich zwischen eingängigen, ja beinah poppigen Stücken und ausgefeilten elektronischen Arrangements, die sich erst nach mehrmaligem Hören erschließen. Als heimlichen Hit des Albums könnte man den Titelsong anführen, der am ehesten dem Sound entspricht, mit dem Kirlian Camera dank Stücken wie Eclipse und Blue Room seit Jahren nicht mehr aus der Club-Landschaft wegzudenken sind. Überraschend hingegen wirkt ein Stück wie Illegal Apology of Crime, das durch schwermütige Gitarren (die ansonsten auf dem Album eher außen vor bleiben) über einem elektronischen Grundrhythmus auffällt und die gewaltigere Seite von Elena Fossis Stimme zeigt. Achtet man einmal genauer auf ihre Stimme, fällt vor allem im Vergleich mit dem Vorgängeralbum auf, dass sich auch diese weiterentwickelt zu haben scheint. Nicht, dass sie vorher in der Qualität niedriger einzustufen gewesen wäre, sondern viel mehr in der Tatsache, dass Elena nun deutlich mehr aus dem Potential ihrer Stimme rausholt. Da wären die eingängige Seite beim Titelsong, die bereits angemerkte gewaltige Seite in Illegal Apology of Crime, beinah hypnotisierend wirkender Gesang bei Citizen Una und ein lyrisches Element im Stück Koma-Menschen, das eine Vertonung des Gedichtes „Die Tat“ des deutsch-jüdischen Expressionisten Alfred Mombert darstellt. Wie bei der Stimme, wird auch in der Musik die Vielseitigkeit auf jeden Fall groß geschrieben, was sich am Umgang Angelo Bergaminis mit seinen elektronischen Gerätschaften zeigt. Davon ab hat er es sich auch nicht nehmen lassen, selber einige Gesangsparts beizusteuern, wie viel zum Beispiel in dem schon fast industriell anmutenden Kaczynski Code.
Die Frage, die sich allerdings stellt ist, wie viel elektronisches Experiment man seinem Hörer zumuten sollte. Die Grenze dürfte auf diesem Album erreicht sein, für manch geneigten Hörer könnte diese auch bereits überschritten sein. Positiverweise ist die Verschmelzung der experimentellen Seite mit der eingängigen Seite dieses Mal deutlich besser ausgefallen als auf dem Vorgänger, wodurch das Album eine größere Geschlossenheit besitzt.
Abrundend zum Gesamteindruck gibt es eine hervorragende Ästhetik – nicht nur in musikalischer Hinsicht, sondern auch auf das Artwork bezogen hat man sich wieder viele Gedanken gemacht. Schöne Aufnahmen, hochwertige Gestaltung und der Abdruck der Texte runden den Gesamteindruck zum Positiven ab. Wer sich angesprochen fühlt, sollte sich bemühen, noch die limitierte Edition zu bekommen – diese ist im Buchformat und besitzt neben Poster, Aufkleber und Postkarte auch noch eine Bonus-CD mit zwei unveröffentlichten Stücken und verschiedenen Remixen, wie z.B. von Punto Omega und :Wumpscut:.
Ob mit oder ohne Bonus-CD: Für den Großteil der geneigten Hörerschaft dürfte sich das Album lohnen. Ansonsten darf man gespannt auf die Live-Umsetzung sein…
Homepage: www.kirliancamera.com
Tourdaten:
10.02.2006 Görlitz, Luisenkeller
11.02.2006 Meißen, Soziokulturelles Zentrum Hafenstrasse e.V.
22.04.2006 Lahr, Universal D.O.G. (Dark Dance Treffen)

Text: Marius Meyer