Rezensionen & Tonträger Lisa, 26.04.2009
Leichtmatrose – Gestrandet
Es ist ein paar Wochen her, dass ich sexi ist tot, die Debütsingle eines deutschen Newcomers, im Briefkasten hatte. Die Single konnte mich überzeugen, und so wartete ich gespannt auf das erste Album. Gestrandet ist dieser Tage endlich erschienen – Grund genug, auch dieses Album einer eingehenden Untersuchung zu unterziehen. Um es vorweg zu nehmen: Die hohen Erwartungen, die ich nach der Debütsingle an den Leichtmatrosen hatte, sind nicht enttäuscht worden. Mit Gestrandet liegt eine komplett deutschsprachige Veröffentlichung vor, die die Dinge endlich einmal beim Namen nennt und nicht ewig drumherum redet. Provokant, direkt, ironisch; dabei aber irgendwie poppig und damit massentauglich – man hat lange auf diese Mischung warten müssen.
Leichtmatrosen haben’s schwer, titelt derselbe in einem seiner Songs. Man glaubt ihm das: Andreas Stitz, wie der Leichtmatrose mit bürgerlichem Namen heißt, kennt die Höhen und Tiefen des Lebens: Er arbeitet als Bewährungshelfer. Entsprechend beklemmend gerät so mancher Text – bei Songs wie In Wahrheit gelogen oder Sexi ist tot wünscht man sich eigentlich, dass sie frei erfunden sind. Allein die Magersuchtsthematik, die in Sexi ist tot deutlich angesprochen wird, belehrt uns eines besseren. Die Inspiration für diese Texte ist real. Warum aber geraten die Texte durchweg so pessimistisch? „Happy People have no stories – zumindest keine, die mich interessieren.“, so Andreas Stitz. Es ist gerade das Zweifelhafte, das Zwiespältige und Dramatische, das interessiert.
Diese durchweg geübte Kritik muss aber nicht immer klar formuliert sein. Eine große Stärke von Gestrandet ist die Vieldeutigkeit, mit der die Texte verfasst sind. Dass er die Dinge gern direkt beim Namen nennt, macht der Leichtmatrose zwar schon mit In Wahrheit gelogen klar, wie oben bereits angemerkt, aber er kann seine Gesellschaftskritik sehr gut verpacken. Ironische Textzeilen wie im sehr provokanten Studentenfutter treffen auf eine sehr ausgefeilte Bildsprache voller Metaphern, wie sie bereits für Sexi ist tot gelobt wurde. Auch Der einsame Astronaut ist ein Beispiel für die durchdachte, einfach schön klingende Bildsprache der Songtexte, die letztendlich aber immer einen pessimistischen, hoffnungslosen Beiklang behalten. Durch Junge von nebenan schließlich gewinnt das Album eine traurige Aktualität. In diesem Lied geht es um einen jungen Amokläufer – dass kurz nach der Fertigstellung des Albums etwas Ähnliches in Winnenden passierte, war purer Zufall. Trotzdem werden auch hier die Dinge auf eine Art beim Namen genannt, die für den Ein oder Anderen sicher schmerzhaft oder provokant erscheinen, aber, so unbequem sie klingen, im Aussagekern wahrscheinlich gerechtfertigt sind.
Textlich greift der Leichtmatrose also unbequeme, aktuelle Themen auf. Musikalisch ist das Album einfach ein Genuss. Die Stimme des Leichtmatrosen erinnert immer wieder an Peter Heppner, die Melodien sind mal verschachtelt, mal klar – passend zum jeweiligen Song. Stilistisch wird mit einigen Strömungen gespielt: ironisch-rotzfrech lassen Stimme und Melodie oft NDW-Anleihen erkennen, aber auch poppige und elektronische Elemente werden geschickt in dieses außergewöhnliche Gefüge eingearbeitet.
Es ist keine leichte Kost, die dieser Leichtmatrose mit seinem Debüt serviert. Die Texte liegen schwer im Magen, wollen überdacht werden und können den Hörer manchmal noch tagelang begleiten. Gerade deswegen aber sticht Gestrandet aus dem Einheitsbrei gerade der deutschen Pop-Veröffentlichungen heraus. Hier wird Musik mit einer Message gemacht, von der sich sicher einige Teile der Bevölkerung auf die Füße getreten fühlen werden, die aber nötig erscheint. Ein gutes Album, auf allen Ebenen durchdacht: musikalisch vielseitig und textlich etwas für Menschen, die zuhören und mitdenken können und wollen.
Weitere Artikel
Rezension: Leichtmatrose – Sexi ist tot
Homepage: www.leichtmatrose.com
MySpace: www.myspace.com/derleichtmatrose

Text: Lisa Kleinberger