Rezensionen & Tonträger Marius, 25.03.2007
Modest Mouse – We Were Dead Before The Ship Even Sank
Sie waren tot, bevor das Schiff überhaupt erst sank. Ihre Musik hingegen klingt allerdings ziemlich lebendig und auch das neue Album der Gruppe klingt nach vielem, sicherlich aber nicht nach einer Totgeburt. 1993 datiert man als Gründungsjahr der Gruppe, trotz der vielen Jahre klingt der musikalische Output dabei nach wie vor sehr erfrischend. Melodisch-verschrobener Indie Rock aus Amerika, der so gar nicht amerikanisch klingen mag, eröffnet sich dem Hörer auf dem neuen Album. Unterstützt wird die Gruppe von Smiths-Veteran Johnny Marr, der auf diesem Album zum vollwertigen Bandmitglied avanciert ist.
Mit 14 Stücken auf über einer Stunde Länge ist We Were Dead Before The Ship Even Sank im Vergleich zu anderen Veröffentlichungen dieser Tage überdurchschnittlich gut bestückt, so dass der Hörer mehr fürs Geld bekommt, ohne für Langeweile bezahlen zu müssen, denn Modest Mouse bieten auf ihrem neuesten Werk ein kontinuierliches Werk ohne bedeutende Schwachstellen, das durch Facettenreichtum und eine große emotionale Spannbreite besticht. Auch wenn das Album viele harmonische Stellen bietet, kann der Plan keineswegs gewesen sein, ein seichtes, schmerzloses, harmonisches Gesamtwerk zu erstellen. Viel zu oft präsentieren sich Modest Mouse auf dem Album verschroben und kantig, teilweise intendiert disharmonisch. Dies zeigen sie bereits im Opener March Into The Sea: Ein trotzig gestampftes Stück Indie Rock, bei dem Isaac Brock sich irgendwo zwischen Singen und Schreien befindet, um dann im Chorus zu zeigen, dass eine innere Harmonie doch vorhanden zu sein scheint. Eigenwillig ist wohl am ehesten das geeignete Wort, um den Gesang zu bezeichnen. Dennoch gibt dieser sich auch oft der inneren Harmonie und der Erkenntnis, dass es ebendiese gibt, hin. Titel wie Parting Of The Sensory und Missed The Boat zeigen Modest Mouse von einer sehr melodiösen und gefühlvollen Seite, die sich hier im mittleren bis balladesken Tempo-Bereich abspielt.
Auch der Folgetitel We’ve Got Everything zeigt durchaus eingängigen Indie-Rock, diesmal auch wieder im entsprechenden Tempo, der zwar harmonischer wirkt als die Verschrobenheit von Stücken wie dem bereits erwähnten Opener, dennoch aber von der Eigenartigkeit und Authentizität der Stimme Isaac Brocks lebt, die zwar oft eingängig, zugleich aber auch in diesem Titel zu anderen Momenten viel zu sperrig klingt, um von einer intendierten Glätte in der Musik sprechen zu können.
Rein auf der musikalischen Ebene gesehen lebt die Verschrobenheit eindeutig weiter: Tempo- und Rhythmus-Wechsel, verdichtete Geräuschwände mit noisigem Touch und teilweise programmatisch erzeugte Soundscapes wie bei Fly Trapped In A Jar zeigen erneut, dass Modest Mouse sich nirgends mit ihrer Musik so recht anpassen wollen.
Trotz aller Vielschichtigkeit und Differenziertheit lassen Modest Mouse auf We Were Dead Before The Ship Even Sank an keiner Stelle den roten Faden vermissen. Der Hörer weiß stets, wo der Weg hinführen soll. Alle Teilaspekte werden gekonnt unter einen Hut gebracht. Ohne sich irgendwelchen Zeitgemäßheiten zu unterwerfen, zeigen Modest Mouse auf ihrem neuesten Output, dass sie eine einzigartige Erscheinung in der Musiklandschaft sind: Trotz aller Verschrobenheit wissen sie es, eine breite Hörerschaft von ihrem Können zu überzeugen, ohne dabei irgendwelche Patentrezepte zu suchen, wie sie ihre Hörerschaft denn erneut ködern könnten. Modest Mouse machen einfach, was sie wollen – und das mit Erfolg. Sehr gelungen und sicherlich eines der beachtenswertesten Werke der letzten Wochen und Monate!
Homepage: www.modestmouse.de
MySpace: www.myspace.com/modestmouse
Gelegenheit zum Reinhören: Player öffnet sich im PopUp

Text: Marius Meyer