Rezensionen & Tonträger Tristan, 30.11.2008
Naevus – Relatively close to the Sea
Überraschend schnell nach Silent Life erscheint das neue Album der Progressive Folk-Rock-Band Naevus, was erstmal skeptisch macht. Etwa ein Jahr liegt zwischen dem letzten Album, dass es vergangenes Jahr auf Platz eins meiner persönlichen Top Ten auf dieser Seite geschafft hat. Kann ein in so kurzer Zeit entstandenes Album mit seinem genialen Vorgänger mithalten? Hört man sich das Album an, fällt auf, dass sich einiges geändert hat: Die Seventies Rock-Einflüsse sind weg, Rose McDowall, die einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zum originellen Vorgänger leistete, ist nicht mehr dabei. Stattdessen geht es sehr schnell und gefällig ins Ohr und wirkt fast konventionell und für Naevus-Verhältnisse sehr brav. Aber all das ist nur ein erster Eindruck, der sich schnell als falsch herausstellt.
Denn auch wenn einige Elemente weggefallen sind, gibt es genug Momente, die Relatively close to the Sea einfach genial machen: Denn zum einen gibt es wieder eine wunderbar vielseitige Instrumentierung mit Celli, Flöten, Akkordeon und vielen anderen. Statt der E-Gitarren auf dem Vorgänger stehen diesmal wieder die akustischen im Vordergrund. Hochkarätige Mitstreiter wie Matt Howden an der Geige und John Murphy an den Trommeln sind auch wieder dabei.
Die Texte selber sind wie gewohnt gefüllt mit Metaphern und zeugen nicht selten von typisch britischem Humor und laden zum Entdecken ein. Da diese aber stets unaufdringlich bleiben ist die CD sowohl nebenbei hörbar und eignet sich genau so zum genauen Zuhören mit Lesen des Booklets.
Ein Highlight der CD ist das Lied The German, welches Kneipen- und Schunkel-Atmosphäre verbreitet, aber mit einem bitterbösen Text aufwartet: The German, der als eine sehr kaputte Gestalt gezeigt wird, kommt in eine Bar und wünscht sich, dass er seine Vergangenheit hinter sich lassen kann. Die anderen in der Bar sehen das aber anders und das Lied endet damit, dass der Deutsche mit einer Schaufel erschlagen wird, mit welcher die Bargäste für ihn kurz vorher ein Grab geschaufelt haben. Der Kontrast von Text und harmonischer Melodie erinnert sogar entfernt an Lieder, die man von Nick Cave gewöhnt ist.
Relatively close to the Sea ist ein sehr abwechslungsreiches und farbenfrohes Album geworden, dem man gerne zuhört. Ob es deswegen das beste Album der Band, muss aber jeder für sich entscheiden. Klar, dass die Band nicht einfach ein zweites und damit uninspiriertes Silent Life hätte rausbringen sollen, aber jenen die eben dieses Album genial fanden, wird der häufig garstige Klang von verzerrten E-Gitarren fehlen. Lediglich das Lied Dented Mess geht noch einmal in die Richtung. Letzten Endes aber eine ohne Diskussion klasse CD.
Weitere Artikel
Rezension: Naevus – Silent Life
Das Jahr 2007 aus zwei Perspektiven
Homepage: www.naevus.co.uk
MySpace: www.myspace.com/naevus

Text: Tristan Osterfeld