Rezensionen & Tonträger Marius, 26.10.2008
Oasis - Dig Out Your Soul
Ja, doch. Musik machen können sie auch. Auch wenn die Gallaghers von vielen leider allzu häufig – auffälligerweise vor allem von größeren Medien mit Hang zum Boulevardesken – nur als die Skandalrocker, Skandalbrüder oder Skandalirgendwas angesehen werden, können sie alle es nicht verhindern, dass mit Dig Out Your Soul nun ein neues Album das Licht der Welt erblickt hat. Damit haben sie sich allerdings auch gut Zeit gelassen: Über drei Jahre sind seit dem letzten regulären Album Don’t believe the truth vergangen. Das einst geäußerte Wunschdenken, so etwas wie die größte britische Band seit den Beatles zu werden, scheitert so natürlich von vornherein am Veröffentlichungsturnus. Daran aber wohl auch am ehesten, denn für das Spielen guter Musik ist das kein Hindernis.
Und doch landet man mit Oasis immer wieder bei den Beatles. Das lässt sich schon allein durch die musikalischen Präferenzen des Noel Gallagher nicht vermeiden. Dieses Mal landet man nicht nur grob bei den Beatles, sondern ganz exakt bei deren elftem Album in der Abbey Road, denn die dortigen Studios wurden für die Aufnahmen zum neuen Oasis-Album ausgiebig besucht. Das, was dort entstand, präsentiert Oasis in einer unerwarteten Stärke und zeigt eine konsequente Fortentwicklung seit dem Vorgänger-Album Don’t believe the truth. Die Stärken wurden gebündelt, der eigene Stil weiterentwickelt und neue Facetten mit an Bord geholt. Oder um das (scheinbare) Paradoxon sprechen zu lassen: Oasis haben sich vom BritPop verabschiedet und klingen britisch wie immer.
Schon die Vorab-Single The Shock of the Lightning konnte überzeugend den neu gewonnen Rock-Sound der Briten aufzeigen. Sägende Gitarren, schleifende Orgeln im Hintergrund, freudige Riffs, der nötige Drive vom Schlagzeug und der Blick nach vorne. Dazu eine angenehme Rauheit und wir haben sie: Oasis im Jahre 2008. Es ist allerdings nicht nur der Rock, der Oasis auf diesem Album ausmacht, sondern auch ausgefeiltes Songwriting, das zeigt, dass sie eben nicht nur die rotzige Rockband von nebenan sind. Ein gewisser „rotziger“ Anstrich ist immer wieder vorhanden – und der ist durchaus intendiert, denn durch diesen heben Oasis sich vom glattgeschliffenen Chart-Klang ab (und entern selbige dennoch stets beachtlich hoch).
In Waiting for the Rapture beispielsweise zeigen Oasis, wie man sich ihre Arrangements vorzustellen hat. Ein stampfender 4/4-Takt, ein leichtes Garagen-Feeling und melodiöser Gesang verschmelzen zu einem Stück, das gar nicht die hohe Geschwindigkeit braucht, um zu wirken. Oder aber auch (Get Off Your) High Horse Lady, das mit einem spürbaren 60er-Anstrich daherkommt und nebenher auch einen leichten psychedelischen Touch hat. Und auch die Balladen haben Oasis nicht verlernt, wie sie mit I’m Outta Time beweisen. Streicher, harmonische Gitarren, eingängiger Gesang von Liam und eine packende Grundatmosphäre vereinen sich hier auf angenehme Art und Weise.
Insgesamt ist es ein überraschendes neues Album von Oasis geworden. Aber auch ein folgerichtiger Schritt. Bei den ersten Hördurchgängen stellt sich erst einmal Überraschung ein ob des Gesamteindrucks. Man wundert sich zunächst und denkt, dass ein bis zwei richtige Rocknummern im Stile der Vorab-Single eventuell auch gut getan hätten. Hört man das Album dann aber häufiger, so korrigiert sich der Gesamteindruck sukzessive ganz von allein. Oasis liefern ein erwachsenes Rock-Album ab, klingen trotz aller Reminiszenzen an alte musikalische Zeiten sehr modern und präsentieren ausgefeilte Arrangements. Im Endeffekt also doch mal wieder alles richtig gemacht. Respekt!
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Konzertbericht: Oasis – 20.10.2005, Hamburg Alsterdorfer Sporthalle
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Text: Marius Meyer