Orplid - Sterbender Satyr Es scheint so zu sein, dass immer dann, wenn man denkt, dass in einem Genre die Stagnation zu beginnen droht, die Veröffentlichung, die einen vom Gegenteil überzeugen möchte, nicht sehr lange auf sich warten lässt. So versucht dies die aktuelle Veröffentlichung von Orplid derzeit für den Neofolk-Bereich – mit Erfolg. Auch wenn die umtriebigen beiden Musiker sich selber gar nicht so sehr als ein reines Neofolk-Projekt sehen, sondern lieber den Begriff „Neue Deutsche Dichtung“ für ihre Kunst wählen, kann man sie weitestgehend – nicht zuletzt auch wenn man den Rezipientenkreis betrachtet – nach wie vor eindeutig dem Neofolk zuordnen. Allerdings mit dem Zusatz, dass Orplid mehr machen, als einfach eine simple Genre-Bezeichnung zu bedienen.
Allein in der Heransgehensweise an das Gesamtwerk zeigt sich, dass Orplid sich von der Masse abheben und ganz klare Vorstellungen dessen haben, was das Ergebnis ihrer Arbeit am Ende kennzeichnen soll. Für Texter Uwe Nolte soll ein Text immer auch für sich allein stehen können und für sich einen Klang haben. Dass dies nicht nur eine Floskel ist, sondern wirklich ernst gemeint ist, merkt man dem Endergebnis an – so deutlich, dass es zunächst kaum auffällt, dass zwischen den eigenen Texten auch Texte bekannter Dichter auftauchen: Nahtlos fügt sich da die Vertonung von Gottfried Benns Auf deine Augen senk ich Schlummer in das lyrische Bild des Albums ein. Unter dem musikalischen Gesichtspunkt betrachtet bietet das genannte Stück puristischen Neofolk – eine Akustikgitarre begleitet mit Akkordspiel, während die andere schöne Harmonieläufe darbietet.
Ein wenig anders gestaltet sich hingegen das folgende Stück Die Seherin, das erneut eine Literaturvertonung darstellt: Im Original von Oda Schaefer geschrieben, interpretieren Orplid das Stück hier mit der Leipziger Künstlerin Sandra Fink, die das Stück angenehm kantig auf theatralische Weise intoniert. Die Akustikgitarre allerdings sucht der Hörer in diesem Stück vergebens: Es setzt auf minimalistische Elektronik, die dem dennoch ruhigen Stück einen leicht wavigen Charakter geben. Ähnlich verhalt es sich auch mit dem Gesang der Quellnymphe, dem zweiten Stück des Albums, bei dem eine Frauenstimme zu hören ist. Hier ist es Maren Z. Kalt anmutende elektronische Sequenzen mit Wassergeräuschen unterlegt werden durch die weibliche Stimme kontrastiert.
Auch in den weiteren Stücken stehen minimalistische Elektronik und neofolkige Arrangements nebeneinander. Dies nicht in einer isolierten Art und Weise, sondern in sich gut ergänzender Kombination, wie beispielsweise der Titel Sang am Abend zeigt, in der sphärische Elektronikklänge durch gezupfte Harmonien ergänzt werden, zu denen Frank Machau die gewohnt lyrischen Texte singt.
Betrachtet man das Album Sterbender Satyr abschließend noch einmal als Ganzes, so fällt auf, dass der Pathos der letzten Werke nicht mehr ganz so stark zu finden ist (man denke an Stücke wie Im Sturm). Dieser Pathos ist auf dem neuesten Werk einem weiter erhöhten Maß an musikalischer Schönheit gewichen. Sterbender Satyr bietet dem Rezipienten ein Neofolk-Album, das dieser Bezeichnung eigentlich gar nicht gerecht wird, da es sie in vielerlei Hinsicht sprengt. Sehr gelungen und in dieser Form einzigartig.

Orplid - Sterbender Satyr

Homepage von Orplid: www.orplid.de

Homepage von NolteX: www.noltex.de – NolteX ist Uwe Noltes Kunstverlag. Hier finden sich Informationen zu seinen anderen Projekten – unter anderem zum offenen, neoklassischen Projekt Barditus und Sonnentau, dem musikalischen Projekt von Uwe Nolte und Andreas Arndt. Auch zu außermusikalischen künstlerischen Projekten gibt es hier Informationen, sei es Fotografie, Kunstdruck oder auch das unter Uwe Noltes maßgeblicher Mitwirkung entstandene Kinderbuch.

www.eislicht.de – Eis & Licht, das Label, auf dem Orplid vor ihrem Wechsel zu Prophecy veröffentlicht haben. Hier veröffentlicht Orplid-Mitglied Frank Machau mit seinem Projekt Primus Inter Pares – ebenfalls sehr empfehlenswert.

Text: Marius Meyer