Rezensionen & Tonträger David, 09.10.2011
Paul McCartney – Ocean’s Kingdom
Dass Paul McCartney nun in klassischer Musik macht und mit seinem neuen Album Ocean’s Kingdom lieber Ballett-Tänzer und Theatergänger entzückt als denn noch immer in den sechziger Jahren hockende Evergreens, das mag nur auf den ersten Blick sehr verwundern. Doch schon ein zweiter Blick offenbart, dass Paul McCartney – beginnend beim unauslöschbaren Yesterday und endend bei Jenny Wren oder English Tea vom überragenden 2005er Album Chaos And Creation In The Backyard – seine Kompositionen schon immer über einen eher klassischen Zugang in die Gehirne seiner Hörer gezwirbelt hat.
Viele seiner berühmten Songs sind, das hat McCartney zu Beginn dieses Jahrtausends selbst einmal erläutert, auf diese Weise entstanden, mit jener großen Lust es klassischen Komponisten gleichzutun und deren Handwerkskunst auch für modernes Liedgut zu verwenden. Dieser Hintergrund ist es, der Ocean’s Kingdom daher mehr zu einer logischen Folge als denn zu einer kleinen Überraschung werden lässt. Und es ist wohl seinem Standing als einem, der im Pop längst alles erreicht und gesagt und gesungen hat, zuzuschreiben, dass er diesem Ansatz nun ganz offensichtlich mit mehr Inbrunst nachgeht als seine jüngsten, immer einfallsloser wirkenden Pop-Alben.
Bei Ocean’s Kingdom handelt es sich nun um eine lupenreine Auftragsarbeit, niemand Geringeres als der Leiter des ehrwürdigen New York City Ballets, Peter Martins, bat den ehemaligen Beatle seiner Company doch einen netten „Score“ für die Spielzeit 2011/2012 auf den Leib zu schneidern, was dieser mit orchestraler Unterstützung des London Classical Orchestra denn auch getan hat. Das Werk, auf dem basierend Peter Martins dann zusammen mit seinen Tänzern eine ganz neue Choreographie erschuf, besteht aus vier Sätzen, die auf – natürlich – instrumentalem Wege die Geschichte einer Liebesbeziehung in einer Unterwasserwelt erzählen. Einer Unterwasserwelt, deren Bewohner von den Menschen auf der Erde bedroht werden. In der Klassik eher ungeübte Hörer dürfen sich hier denn auch tatsächlich auf Kompositionen einstellen, die nicht etwa in Richtung „The Beatles go Musical“ tendieren, sondern so konsequent und eindeutig im schwelgerisch-dramatischen Zusammenspiel von Streichern und Bläsern (mit gelegentlichem, hocheffektvollem Einsatz von Trommel und Becken) liegen. Peter und der Wolf und Nussknacker-Suite ja, Cats und Phantom der Oper nein.
Dieses Werk nun im gesamtklassischen Kontext einzuordnen würde, so ehrlich muss auch jemand erst einmal sein, den Verfasser dieser Zeilen latent überfordern. Wahr ist jedoch, dass der rein amateurhafte – und von daher vielleicht sogar ehrlichste – Ansatz nicht zu erkennen vermag, warum zwischen Tschaikowsky und Prokofjew von nun an nicht auch ab und an einmal eine Runde McCartney eingelegt werden sollte. Allein schon die exzellente Reputation des New York City Ballets bürgt schließlich dafür, dass hier nicht lediglich das überambitionierte, vielleicht gar eitle Pseudo-Werk eines verblassenden Heroen abgenudelt wird.
Weitere Artikel
Rezension: Paul McCartney – McCartney I & McCartney II
Rezension: Paul McCartney – Good Evening New York City
Homepage: www.paulmccartney.com
Facebook: www.facebook.com/PaulMcCartney
MySpace: www.myspace.com/paulmccartney

Text: David Wonschewski