Rezensionen & Tonträger Tristan, 03.09.2010
Phase II – Afterglow
Das Folk-Duo Changes war jahrzehntelang in der Versenkung verschwunden, bis dann fast schon zufällig alte Aufnahmen neu bearbeitet wurden und es die Band schließlich in den vergangenen Jahren zu einer nicht zu unterschätzenden Bekanntheit gebracht hat. Dass die Musiker sich, während sich bei Changes nichts tat, anderen musikalischen Projekten gewidmet haben, wird wohl niemanden verwundern. Eines davon war Phase II von Nicholas Tesluk, welches er mit dem Keyboarder Mark Andrews in den 70er Jahren betrieb und niemals wirklich stillgelegt wurde, aber außer einer EP auf blauem Vinyl nichts veröffentlichte. Das ändert sich nun aber mit Afterglow, wobei es sich um kein neues Album im eigentlichen Sinne handelt.
Stattdessen ist Afterglow eine Zusammenstellung unveröffentlichter Stücke, der besagten EP und einiger Sampler-Beiträge, wobei die meisten Lieder auch aus den 70ern stammen. Lediglich Just for you ist aus diesem Jahrtausend, was aber kaum auffällt. Auf der Zusammenstellung hat man es dabei aber mit einer Musik zu tun, die so psychedelisch und experimentell ist, dass Bands, die sich heute mit dem Titel schmücken, so wirken, als würden sie gerade beim ersten Ziehen an den Zigaretten ihrer Eltern erwischt worden.
Phase II klingt stellenweise nicht nur richtig fertig, sondern zeigt gleichzeitig unglaublich viele Facetten: Piano, Flöten, Keyboard und noch mehr Instrumente kommen zum Einsatz, die nicht immer passen mögen, aber eine Lust am Ausprobieren an Möglichkeiten aufzeigen. Besonders, wenn das Keyboard auftaucht, merkt man den experimentellen Gestus des Albums deutlich: Elektronische Klang-Erzeugung war was völlig neues und selbst wenn der Klang heute ziemlich billig klingen mag, merkt man, dass man das Gerät möglichst austesten wollte: Von quietschigen Geräuschen, die an alte C64-Spiele erinnern mögen hin zu Klangteppichen wird das Keyboard richtig weit ausgereizt. Und das Ergebnis hat einen nicht zu unterschätzenden Reiz. Abgerundet wird die CD noch durch eine fast dreißigminütige Radioshow, in der nicht nur einige Lieder in anderen Versionen zu hören sind, sondern die Band auch teils sehr verklatschte Fragen des Moderators beantwortet, was sehr amüsant anzuhören ist.
Somit ist Afterglow letztendlich mehr als ein Dokument, dass nur für Changes-Fans interessant ist, auch wenn durch das verspielte Gitarrenspiel und Nicholas‘ Gesang deutlich die Parallelen erkennbar sind. Wer sich für progressiven und psychedelischen Folk interessiert, der ganz anders klingt als das, was man unter dem Begriff sonst kennt, sollte der CD Gehör leihen – und wird es sicher nicht bereuen.
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Text: Tristan Osterfeld