Propergol - Un déchaînement de violence/Cleanshaven Bei dieser Doppel-CD des französischen Projektes Propergol handelt es sich um eine Wiederveröffentlichung der ersten beiden Alben. Beide erschienen damals nur als CD-R mit strenger Limitierung: Un déchaînement de violence erschien 1997 in einer Auflage von 99 Exemplaren, Cleanshaven war im Folgejahr auf 200 Exemplare limitiert. Um diese Veröffentlichungen einem breiteren Hörerkreis zu eröffnen, gibt es nun einen Re-Release als Doppel-CD im schicken DigiPak. Auf einer Gesamtlänge von 143 Minuten wird hier feinster Noise mit hohem Abwechslungsreichtum geboten.
Wer nach Songstrukturen oder gar Melodien sucht, wird sich bei dieser Veröffentlichung vermutlich genauso enttäuscht abwenden wie derjenige, der nach seichter Unterhaltung sucht. Bei Propergol steht das Geräusch und alles, was man mit ihm machen kann, im Vordergrund – und das laut, hämmernd und möglichst intensiv. Elektronische Atmosphären werden gebaut, wobei auch der Begriff der Klangcollage durchaus angeführt werden kann. Dabei stehen ruhige, eher nach Ambient anmutende Stücke neben solchen, die die Boxen bis aufs Äußerste penetrieren (letztere in der Überzahl). Allen gemeinsam ist die ungesund anmutende Grundatmosphäre, die den Hörer gerade durch diese ungesunde Wirkung in seinen Bann zieht.
Ein gutes Beispiel für das propergolsche Schaffen ist das schlicht nach der Formation benannte Stück: Es rauscht, ist laut, im Hintergrund begegnen verstörende Geräusche, aber es packt. Die Kompositionen von Propergol wirken auf ihre Weise sehr spannend, da sie oftmals unberechenbar sind. Eruptionsgleiche Klänge ziehen sich durch das Stück, die zum Ende des Stückes hin in höherwerdende Frequenzen umschwingen. Gelegentlich begegnen einem vermeintlich bekannte Klänge: Sei es die Baustelle an der Straße oder der Bohrer beim Zahnarzt. Was sonst allerdings nicht gerade angenehm wirkt, ergibt bei Propergol hochwertige Kompositionen.
Auch wenn man es eventuell nicht vermutet, lässt sich so etwas wie Rhythmus auf den CDs durchaus finden: Das Titelstück der zweiten CD (Cleanshaven) ist ein gutes Beispiel dafür. Es finden sich neben der lauten Noise-Collage im Hintergrund Taktschläge, die wie auf Stahl geschlagen wirken. Obwohl dies über 12 Minuten so geht, weiß die Spannung auf voller Länge anzuhalten. Dies ist auch in den anderen Stücken der Fall, bei denen die Länge oft genug an die zehn Minuten oder darüber hinausgeht.
Trotz der oft nicht vorhandenen Strukturen wirken beide Werke für sich sehr in sich geschlossen und ergänzen sich dabei auch gegenseitig sehr gut. Es sind sehr lohnenswerte Frühwerke von Propergol. Es dröhnt, rauscht, flirrt, bohrt, pocht und flimmert mal laut, mal leise und wirkt verstörend und doch packend dabei. Durchaus empfehlenswert! (Zumindest, wenn das entsprechende Nervenkostüm vorhanden ist…)

Internet: www.hermetique.net/udvcleanshaven.htm

Propergol - Un déchaînement de violence/Cleanshaven

Text: Marius Meyer