Fiona Apple, Tori Amos, Joanna Newsom, Ani Di Franco, Norah Jones. Dies sind nur einige Namen derer, die von sich behaupten, maßgeblich von Rickie Lee Jones beeinflusst worden zu sein. Und eben diese einflussreiche Künstlerin hat mit The Sermon On Exposition Boulevard 28 Jahre nach ihrem selbstbetitelten Debüt nun ihr dreizehntes Album veröffentlicht. Seit 2003 – dem Jahr des vorherigen Albums von Rickie Lee Jones – ist viel Zeit vergangen. Zeit für neue Inspirationen und Ideen. Als Hauptinspiration und Anfangspunkt des neuesten Werks ist der Maler, Musiker, Fotograf und Autor Lee Cantelon zu nennen, der sein Buch The Words zu vertonen vorhatte.
The Words ist eine viel beachtete Sammlung von Lehren und Thesen Jesu Christi. Cantelon wollte verschiedene Menschen einladen, von denen die Texte über einen von ihm erschaffenen Klangteppich gesprochen werden. Dabei waren zum Beispiel Peter Atanasoff (Tito & Tarantula), Punk-Rock-Ikone Mike Watt, ein Obdachloser aus L.A. sowie eben auch Rickie Lee Jones, durch die das Projekt beinah aus dem Ruder zu geraten drohte, da sie bereits mit eigenen Textideen und Melodien anreiste und mit ihren Improvisationen den vorgesehenen Rahmen sprengte. Aus diesem Geschehen entwickelte sich der Titel Nobody Knows My Name, der als Anfangspunkt für The Sermon On Exposition Boulevard anzusehen ist und folglich auch dessen ersten Titel darstellt. Aus dieser Intention heraus entstanden 13 Titel, die sich inhaltlich mit sehr transzendenten Themen beschäftigen, die sich aus weltlicher Sicht mit den Aussagen Jesu zu beschäftigen, ohne sich dabei niveaumäßig auf eine Stufe mit irgendwelchen TV-Predigern zu stellen.
Trotz aller Hintergründe ist der musikalische Gestus am ehesten als Rock zu bezeichnen. Der Gestus zieht sich durch die Stücke, ohne dass diese zwingend die Bezeichnung „rockt“ haben müssen. Es ist eben der Gestus, oder um es mit einem Anglizismus auszudrücken: Der Spirit. Ein Spirit von Rock’n’Roll. Eine rauchige Stimme, ein Anklang von Saloon-Atmosphäre, intendierte Brüche mit Konventionen als Anti-Statement zum Mainstream und trotzige Einschläge prägen das Werk. Geschmeidig treibende Nummern wie Falling Up sind nur eine Seite der Medaille auf dem Exposition Boulevard. Titel wie Tried To Be A Man offenbaren eine andere Seite von Rickie Lee Jones. Rauchig gehaucht, trotzig verzerrte Gitarren versetzen einen direkt in den Saloon und geben ein Feeling von Desert Rock.
Ein weiterer Aspekt sind balladeskere Stücke. So zum Beispiel Lamp Of The Body. Dezente Perkussion, gezupfte Gitarren und eine diesmal sehr eingängige Rickie Lee Jones, die nachdenklich stimmt. Nachdenklichkeit, die im richtigen Moment auch für eine Gänsehaut gut sein kann.

The Sermon Exposition Boulevard kombiniert Schönheit mit Trotz und die Botschaft Jesu Christi mit einem Spirit von Rock. Das Album braucht Zeit. Die sperrige Produktion erschließt sich dem Hörer nicht im ersten Hördurchgang und nicht beim schnellen Nebenbeihören. Zeit und Konzentration für die Beschäftigung mit dem Album sind erforderlich. Zeit, die sich lohnt: Hat sich einem das Werk erschlossen, packt es. Eine tiefgründige Produktion, die eine gelungene Abwechslung zu dem darstellt, was einem ansonsten derzeit geboten wird. Tipp!

Homepage: www.rickieleejones.com

Text: Marius Meyer