Rezensionen & Tonträger Marius, 05.11.2005
Robbie Williams – Intensive Care
Es mag verwundern, dass auf einer Seite namens Alternativmusik.de in illustrer Runde zwischen Namen wie Phillip Boa, Spillsbury, Alec Empire und anderen plötzlich der Name Robbie Williams auftaucht, den man wohl nicht gerade mit dem Begriff “alternativ” assoziiert. Jedoch: Wer entscheidet schon darüber, welche Musik wie zu kategorisieren ist? Vielmehr steht doch Qualität im Vordergrund. Und diese besitzt Robbie Williams. Er ist einer der Fälle, in denen der Erfolg Recht gibt. Im Grunde kann man es schon fast Narrenfreiheit nennen, was Robbie Williams sich inzwischen erarbeitet hat. Es ist nicht wirklich verwerflich, was er tut, um Erfolg zu haben: Er macht handgemachte Musik, die ihm gefällt und er weiß, wie man ein großes Publikum bei Laune hält. Wer so viele Jahre später nun noch damit kommt, dass Robbie Williams ja einst bei Take That war, hat sowieso schon verloren. Wer sich hinter einer selbst aufgebauten Fassade aus aufgesetzter alternativer Attitüde versteckt, weiß nicht, was er verpasst. Und Vorwürfe, dass die Musik zu seicht sei oder das Herumschleudern mit pejorativ behafteten Adjektiven wie „poppig“ kann man in einer Zeit, in der Gruppen wie Coldplay allerorten gefeiert werden, schlichtweg nicht mehr gelten lassen.
Der Herr Williams eröffnet mit einem poppigen Stück Musik namens Ghosts, das die Richtung vorgibt. Poppig, eingängig, aber auch etwas eigenwillig. Gefolgt wird mit der Single Tripping, deren Radio-Touch unverkennbar ist – aber welche Gruppe würde nicht das eingängigste Album-Stück als Single wählen? Was danach folgt, ist eine Melange aus balladesken Stücken, seichtem Pop, Anklängen von Rock und gelegentlich funkigem Touch in den Intros der Stücke.
Make Me Pure beispielsweise bietet eine gefühlvolle Ballade. Sie zeigt den Künstler von der nachdenklichen Seite und offenbart abseits vom Stück selbst auch, dass sich die gesanglichen Leistungen von Album zu Album stets steigern. Äußerte er vor einigen Jahren noch, dass er ja eigentlich gar nicht singen könne, beweist er nun, dass sich dies geändert hat.
Ein Stück wie Sin Sin Sin weist dann indes gar mit Streichern auf und gibt dem Begriff „Pop“ einen Rahmen, der zeigt, dass man dieses Rahmen durchaus auch so füllen kann, dass sämtliche Negativkonnotation außen vor bleibt. Schön, keinem wehtuend, irgendwie gefällig, aber doch nicht so, dass es nach Einheitsbrei klingen würde.
Rockigere Anklänge finden sich unter anderem im Stück Your Gay Friend. Unverkennbar Robbie Williams, aber dennoch eine Weiterentwicklung des gewohnten Stils. Lockere Rockmusik mit dominierenden Gitarren. Ebenfalls schön.
Alle diese bisher genannten Aspekte finden sich auch auf dem Rest des Albums. Mal überwiegt der eine mehr, mal der andere. Insgesamt ist ein schönes Album entstanden, das sich sowohl zum Nebenbeihören eignet als auch, um einfach mal gar nichts zu machen. Wer mit den Indie-Veröffentlichungen aus England aus der letzten Zeit nicht warm wurde, sollte ruhig einmal einen Versuch wagen, über seinen eigenen Schatten zu springen und Intensive Care eine Chance geben. Jeder andere ist natürlich auch dazu eingeladen! Es könnte lohnen…
Homepage: www.robbiewilliams.com

Text: Marius Meyer